Kultur, Geschichte & Management

In Frühling und Sommer 2022 präsentiert die Lübecker Völkerkundesammlung eine zweite Ausstellung zum Thema Afrika – und wieder profitiert sie von dem erstaunlich reichhaltigen Nachlass des 2020 verstorbenen Kieler Holzhändlers Bernd Muhlack.

 

Ging es zunächst um „Tiere in den afrikanischen Kulturen“ (eigentlich geht es immer noch darum, denn die Ausstellung im Naturkundemuseum am Mühlenteich wurde verlängert), so werden jetzt ungefähr einhundertzwanzig Objekte gezeigt, in denen sich die Vielfalt afrikanischer Religionen spiegelt, aber auch ihre Verwobenheit mit den Religionen Europas und des Nahen Ostens demonstriert wird.

Denn Naturreligionen oder Schamanismus spielen keineswegs die erste Geige in dieser Ausstellung. Vielmehr werden zunächst in dem ersten von drei Räumen die großen Buchreligionen in ihren afrikanischen Varianten präsentiert – der Islam, das Christentum und das Judentum. Im zweiten Raum spielt dann die Folklore eine größere Rolle – vor allem mit einigen schönen Masken –, und der dritte Raum ist dem Verhältnis der Stadt Lübeck zu Afrika gewidmet.

 

Es sind zunächst Christentum und Judentum, die ausführlich dargestellt werden, nicht so sehr der Islam – vielleicht, weil der Holzhändler Muhlack verständlicherweise weniger im waldarmen, aber islamischen Norden tätig war, vielleicht auch, weil der Islam womöglich noch bilderfeindlicher ist als das Judentum. Immerhin kann die Ausstellung einen Amulettanhänger bieten – gearbeitet von einem jüdischen Silberschmied! – oder eine Tafel mit einem Koranvers. So wird diese Ausstellung von den Ländern Ostafrikas geprägt, besonders von Äthiopien mit seinen leuchtend bunten Bildern, in denen Christentum und Judentum ihre ganz eigene Ausprägung gewonnen haben.

 

Unter anderem kann man einen phantastischen und sehr naiven Bildteppich anschauen, der von dem Kampf des Helden Agabós gegen ein Untier erzählt. Später reist die berühmte Königin von Saba nach Israel, um dort einen gewissen Salomon zu besuchen, der sie mit einem miesen Trick zum Beischlaf bringt. Schließlich erzählt uns dieser (nicht sehr alte…) Comicstrip, wie es die Bundeslade (also das wichtigste jüdische Heiligtum) ins äthiopische Axum geschafft hat. Angesichts vieler Fernsehdokumentationen, in denen die spektakulären Felsenkirchen Äthiopiens vorgestellt werden oder verzweifelt nach eben dieser Bundeslade gesucht wird, kann das nichts Neues sein. Aber ein schöner Bilderbogen ist es doch, und es kommt hier nicht auf Religionsgeschichte an, sondern auf ihre Gegenwart in der Volkskultur.

 

Und über den westlich gelegenen Kongo kann man lernen, dass dieser nicht immer oder nicht nur „Das Herz der Finsternis“ (Joseph Conrad) barg, sondern dass dieses Land einmal – und zwar, bevor die Europäer kamen – ein christliches Reich gewesen ist. Auch dazu kann man Zeugnisse bestaunen. Lars Frühsorge, dem wir das beträchtliche Verdienst zusprechen müssen, die Lübecker Völkerkundesammlung aus ihrem langjährigen Tiefschlaf geweckt zu haben, kommt es besonders darauf, die afrikanischen Abwandlungen der großen Religionen zu zeigen: Christentum wie Islam und Judentum sind eben keine europäischen, sondern Weltreligionen, und ihre afrikanischen Seiten sind nicht minder wichtig.

 

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Etliche Kunstwerke zeigen, wie europäische Missionare afrikanische Gottheiten oder Dämonen umdeuteten, also entweder für sich reklamierten, verteufelten oder einfach nur falsch verstanden. Ein Beispiel dafür ist die nigerianische Gottheit Eshu, der in der Kosmologie der Yoruba als Schöpfergott eine wesentliche Rolle spielte. Für mich einer der Höhepunkte ist ein geschnitzter Radfahrer auf einem massiven Orakelgefäß aus Nigeria – schon Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man sehen, wie unsere Gegenwart Einzug in die Ikonographie hält…

Dem Kurator ist die Maske einer Art Insektengottheit am wichtigsten, weshalb sie hoch oben an der Wand des zweiten Raumes angebracht ist. Bernd Muhlack scheint Jahre gebraucht zu haben, bis ihm endlich diese Maske überlassen wurde.

 

Der dritte und letzte Raum thematisiert die Verbindung Lübecks mit Afrika. Es werden unter anderem aktuelle Aktivitäten von Kirchengemeinden dokumentiert, aber die Beziehungen von Lübeck zu Afrika gehen noch viel weiter zurück, und es sind überraschenderweise nicht die Beziehungen einer Hafenstadt. Sondern schon 1634 erreichte der Lübecker Jurist Peter Heyling, der die Reformation nach Äthiopien bringen wollte – darauf muss man auch erst einmal kommen! –, nach langer und mühsamer Reise das Horn von Afrika. Zurück gelangte er nie. Wahrscheinlich wurde er auf der Rückreise im Sudan enthauptet; ein kleines Büchlein von Johannes Heinrich Michaelis von 1724, Leihgabe der sehr gut bestückten Lübecker Stadtbibliothek, liegt jetzt in einer Vitrine und kündet von dem aufregenden Leben eines Menschen, von dem viele (der Rezensent eingeschlossen) noch nie gehört haben.

 

Das Lübecker St. Annen-Museum bietet eine spektakuläre Sammlung, und sie besteht nicht nur aus Altären und anderen sakralen Zeugnissen. Jetzt ist der Afrika-Ausstellung ein Flyer beigelegt, der dem Besucher hilft, Zeugnisse und Spuren Afrikas in der regulären Sammlung aufzusuchen; dazu zählt auf dem Weg in die Sonderausstellung – man kommt also auf jeden Fall daran vorbei – die „Jesus von Lübeck“, ein beeindruckendes Schiffsmodell einer Karacke. Das war ausgangs des Mittelalters ein imposantes Schiff, das, in Lübeck gebaut, später an den König von England verkauft wurde und so wohl auch noch Afrika besuchen durfte. Dazu kommen dann noch Objekte aus Ägypten, und auf diversen Altarretabeln finden sich afrikanische Gesichter.


„Heilige Zeichen – Brisante Objekte.“ Religiöse Vielfalt in Afrika.

Zu sehen bis zum 17. Juli 2022 in den Räumen des St. Annen-Museum, St. Annen-Straße, 23552 Lübeck.

Besuchszeiten:

Di-So: 01.04.-31.12. – 10-17 Uhr

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