Kultur, Geschichte & Management

Die in Hamburg lebende Künstlerin Dagmar Nettelmann Schuldt stellt zeitgenössische Kunst im Museum für Hamburgische Geschichte aus. Erwähnenswert, ungewöhnlich und daher herauszustellen, weil es die seltenste Ausstellung dieser Art im Hause ist.

Das Konzept der Künstlerin ist konsequent fokussiert, durchdacht, vielschichtig angelegt und umgesetzt.

 

„Erinnerungsmosaik – zur Wahrnehmung und Erzählung von Geschichte“ lautet der vollständige Ausstellungstitel und impliziert in seiner Begriffszusammensetzung, dass sich kollektive Erinnerung und, damit verbunden, auch individuelle Erinnerungen[1] aus einzelnen, voneinander unabhängigen Bruchstücken zu einem neuen Bild oder gar Bildern zusammensetzen lassen könnten und Historie erzählen.

 

In einer Zeit, die durch Pandemie und Lockdown deutlich für uns erinnerungsreduziert zu sein scheint, ist es sinnvoll danach zu fragen, wie wir individuelle und gemeinsame Erinnerungen generieren, damit umgehen und in den Vierklang aus Lernen, Wissen, Erfahren und Erinnern einbetten. Merken wir denn überhaupt bereits inmitten eines globalen Ereignisses, dass wir gerade weniger Erinnerungen produzieren – durch Kontaktsperren, reduzierte analoge Kommunikation und Mobilität, durch Reisebeschränkungen etc., aber sich dafür eine große neue kollektive Erinnerung anbahnt? Oder wird uns die Erinnerung an die Pandemie, die freiheitlichen Einschränkungen und die Lockdowns in unserer Zukunft möglicherweise teilgesellschaftlich noch weiter aufsplittern oder gar nebulös, abstrakt sein? Ganz zu schweigen von den Menschen, die zu nationalen und internationalen Ziffern zusammengefasst werden und uns irgendwann die Anzahl der Covid-19-Toten liefern? Was wir bestimmt als zusammenfassende Erinnerung erhalten werden sind die Kosten, die die Pandemie weltweit verursacht haben wird.

Dagmar Nettelmann Schuldt 01 Erinnerungsmosaik F Sina Schuldt

Portrait Dagmar Nettelmann Schuldt. Foto: Sina Schuldt

 

Auch diese Fragen hängen indirekt mit den Thematiken und Werken der Künstlerin zusammen und werden von ihr provoziert und nebenbei produziert.

Den Spagat über historische Zeiten hinweg, den die Objekte, die sich in die Sammlung und geschichtliche Dauerausstellung integrieren oder diese auch relativieren, konterkarieren, kommentieren und ergänzen, führt eben auch in unsere Zukunft und thematisiert unsere möglichen Handlungs- und Denkmuster. Insofern sind die einzelnen Objekte, Bilder und damit der gesamte Werkzusammenhang in gewisser Weise zeitlos oder zumindest zeitüberbrückend und außerdem auf Offenheit ausgerichtet, da sie keinen definierten Endpunkt betrachten.

 

Erinnerungen überlagern Erinnerungen

Die ausgestellten Objekte sind Fundstücke: von Dagmar Nettelmann Schuldt[2] mit unabhängigen Formen und mit Gips ergänzte Fassadenfragmente und Trümmerteile, bemalte, beschriebene und erneut gebrannte Keramikstücke sowie Palimpsest-artige Scherben, gelegte Bruchmosaike, die gelesen, sinnhaft zusammengesetzt werden wollen oder in kleinen geschlossenen Gruppen auf unterschiedlichen Ebenen und mit diversen, eindeutigen oder abstrakten Mitteln von etwas Vergangenem erzählen.

Dagmar Nettelmann Schuldt 02 Erinnerungsmosaik Erinnerungsmosaik F Reiner Peeck

Bemalte und neu-gebrannte Fund- und Bruchstücke von Scherben und Fliesen. Foto: Reiner Peeck

 

Die mittel- bis großformatigen Bilder sind Malerei, mit dicken, gebrochenen Oberflächen. Diese teilweise sehr intensive Bearbeitung der Fundstücke und Bilder bildet selbstredend auch eine Art Schichtung, die symbolisch auf die Tatsache hinweist, dass Erinnerungen durch neue Erinnerungen überlagert werden können. Nichts ist konstanter und kontinuierlicher als die Veränderung[3] in unserem Gedächtnis.

 

Schließlich kommen noch Hinterglasmalereien hinzu, bei denen sich die Schichtungen zum Bildeindruck umkehrend in ihrer Sichtbarkeit ergänzen.

 

Schicht um Schicht

Wie im deutschen Begriff Geschichte bereits quasi dreidimensional und bildhaft angelegt ist, so birgt die Künstlerin Objekte aus Schichtungen, hebt diese individuell heraus aus einer Welt der vergessenen (Schutt-)Ablagerungen und auch heraus aus ihrem zeitlichen und örtlichen Kontext und schichtet diese erneut in einem anderen, neuen Kontext. Wobei die örtlichen Begleitumstände bereits mehrmals gewechselt haben können. So sind die Fundstellen der Künstlerin keine originären Ursprungsorte, sondern liegen oft entlang von Fließgewässern, insbesondere der Elbe. In den Nachkriegsjahren haben viele Städte ihren Schutt der zerbombten Gebäude und Straßen entweder als Berge[4] aufgetürmt oder – wie in Hamburg – zur Befestigung des Elbufers, beispielsweise in Jork abgeladen – tonnenweise.[5]

Dagmar Nettelmann Schuldt 03 Jork

Elbufer bei Jork

 

So findet sich im Elbschlick, was einstmals ein Zuhause mitdefinierte: Küchenfliesen, Stuck- und Bauornamentsreste, verputzte Wandfragmente, Spolien und Schilder von und aus Häusern, die voraussichtlich vom 16. bis Anfang des 20. Jahrhundert gebaut worden waren und nach 1945 als Schutt entsorgt werden musste. Durch diese komplexen räumlichen und zeitlichen Schichtungen, verändern und potenzieren sich die Rezeptionsebenen für die Besucher der Ausstellung entsprechend: künstlerisch, geschichtlich, archäologisch.

 

An fünf Orten in verschiedenen Räumen des 1. Obergeschosses des Museums finden sich die Ergänzungen von Dagmar Nettelmann Schuldt: Das größte Kontingent ist in der Treppenhalle zu sehen sowie weitere Einzelpositionen in den Abteilungen Mittelalter, Hamburg im 17. Jahrhundert, Hamburger Brand und Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert. Die Objekte und Bilder sind in Vitrinen, an der Wand, auf Sockeln und Podesten zu finden. Manchmal sind sie sogar so gut in den musealen Kontext integriert, dass nur die andersfarbige und -formatige Erläuterung und Bildlegende den Betrachter auf die Differenz klar und sofort ersichtlich hinweist.

Dagmar Nettelmann Schuldt 04 Trophaee HH Brand

Trophäe, Objekt von Dagmar Nettelmann Schuld in einer Vitrine in der Abteilung zum zum Großen Brand in Hamburg

 

Fünf (Selbst-)Portraits, hinter Acrylglas gemalt und leicht schräg schwebend auf einem Sockel aneinandergereiht gehen einen Dialog mit einem Gemälde von Jacob Jacobs aus dem Jahr 1606 ein, das eine 42 Jahre alte Frau zeigt: Dorothea Walrave. Sie ist umgeben von Münzen und wird dadurch und aufgrund ihrer Kleidung ­– plissierte Jacke, Spitzenmanschetten, weißer Kragen und eine Haube – als wohlhabende Hamburgerin dargestellt. Dieses Bild verwischt und relativiert sich mit den Selbstportraits der Künstlerin und fällt als Einzelarbeit etwas aus dem sonstigen kommunikativen Beziehungsgeflecht raus.

Dagmar Nettelmann Schuldt 05 selbst F Sina Schuldt

Selbstportrait-Reihe vor dem Gemälde von Jacob Jacobs in der Abteilung Hamburg im 17. Jahrhundert

 

Die Bilder verlassen das Finden, Sammeln und Ergänzen des skulpturalen Ausgangsmaterials der Objekte und kreieren suggerierte und eigenständige Zusammenhänge. „Meine Gemälde bilden in bis zu einhundertzwanzig immer übermalten Farb- und Materialschichten ab, was man nicht mehr sieht. Wie in der Archäologie geht es um verborgene Schichten und Spuren, die sie hinterlassen“, sagt die Künstlerin. Die mit Krakelee überzogenen Oberflächen erinnern visuell an japanische Keramiken oder ausgetrocknete, porös-klaffende Böden. Pigmente, Acrylfarbe und Gips bilden die Grundlage für die gebrochenen Oberflächen, die sich netzförmig in den Bildausschnitten etabliert haben. Wie verschneite Straßenmuster aus der Vogelperspektive oder vertikale Mauerputzreste fristen die Bilder, teilweise glaubwürdig unauffällig, in der Museumsarchitektur ihr Sein.

Dagmar Nettelmann Schuldt 06 Gezeiten 1und2

Gezeiten I und II. Foto: Reiner Peeck

 

Die Bilder spielen in ihrer Erscheinungsform symbolisch auf die Brüche in den Erinnerungen an und ganz allgemein auch auf Geschichtswahrnehmung. In einem Museum, das sich mit der Historie einer Stadt auseinandersetzt, kann man durchaus legitim die jeweilige Frage stellen, was ausgestellt wird und was nicht, was nachgebaut wurde und was gefiltert ist, nachempfunden, konserviert, kommentiert, diskutiert oder noch nicht entdeckt worden ist, und welche Antworten darauf gegeben werden können, beziehungsweise zu welcher Zeit sich diese Antworten jeweils änderten, denn nicht nur die Freie und Hansestadt Hamburg hat eine Erinnerungsgeschichte, sondern auch das Museum selbst. Insofern gilt der Dank für eine derartige Ausstellung allen Verantwortlichen, auch des Museums, denn eine Ausstellung, die sich in dieser Weise künstlerisch und historisch einmischt, kann diverse Erinnerungsbüchsen[6] evozieren – sie müssen jedoch nicht unbedingt von der Pandora zu öffnen sein.

 

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Die Erinnerung verlässt uns nicht

Erinnern ist schön, Erinnern ist grausam – Erinnern tut weh, Erinnern lehrt uns – Erinnern prägt, Erinnern fragt nach Schuld und Verantwortung, Erinnern leitet, Erinnern wirft uns auf uns selbst zurück. In dieser komplementären Art könnte man die Aufzählung eine Weile fortführen und die immense Bandbreite ausloten, die in dem Begriff der „Erinnerung“ und in dessen Umgang steckt.[7]

 

Einhergehend mit Erinnern bewegt sich parallel das Vergessen und Verdrängen und die Frage, was wir nicht erinnern wollen oder können. Das Hier und Heute steht fundamental in den historischen Zusammenhängen, die wir erzählt bekommen und die verschwiegen werden, die wir erinnern oder erinnern sollten. Die heutigen Fragen und Reflexionen finden manchmal präzise Antworten im Gestern zumindest aber Verknüpfungen, die uns mit den vergangenen Generationen verbinden – im Guten wie im Schlechten, im Menschlichen wie im Unmenschlichen, im freien Geist oder zwischen dogmatischer, religiöser und/oder gesellschaftlicher Vorgabe.

 

Erinnerung hat also etwas mit Historie, mit Geschichte und Geschichten zu tun, mit kanonischen Vorgaben und persönlichen Verwicklungen, weil man einer bestimmten Gruppe, einer Nation, einem Volk angehört oder in einer bestimmten Stadt lebt und weil man Individuum ist und auf sein Gedächtnis zurückgreifen kann. Wir gedenken Geschehnissen, die zumeist vor unserer eigenen Lebenszeit lagen, und versuchen diese in unser heutiges Handeln, Denken und persönliches Erinnern intellektuell und empathisch miteinzubeziehen. Kollektive Erinnerung muss und darf ebenfalls hinterfragt werden. All das schafft die Künstlerin mit ihrem Werk im Museum für Hamburgische Geschichte im Auge des Betrachters auszulösen.


Dagmar Nettelmann Schuldt: Erinnerungsmosaik

Zu sehen bis 15. November 2021

Im Museum für Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, 20355 Hamburg

Weitere Informationen

 

 

Fußnoten

[1] Hinweis: Der Weg vom individuellen zum kollektiven Gedächtnis und umgekehrt ist hier nicht als einfacher Analogieschluss gemeint, sondern unterscheidet die Parameter der Gedächtniskonstruktionen voneinander. Vgl. Aleida Assmanns Gedächtnisforschung.

[2] Weitere Informationen unter https://dagmarnettelmannschuldt.de/

[3] Vgl.: FRIEDE, Claus: Wir sind was wir sind und das deswegen, weil wir lernen und erinnern. Mit Eric Kandel „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“, in: REICHARDT, Dagmar; THIESSEN-SCHNEIDER, Gudrun (Hrsg.): Follow Arts – Texte zu digitalen Welten und analogen Formaten von Claus Friede, Berlin 2020, S. 205 ff.

[4] Schuttberge finden sich u.a. in Berlin: z.B. der Teufelsberg. Er ist der größte und bekannteste der 13 Trümmerberge Berlins. 26 Millionen Kubikmeter Kriegsschutt liegen auf dem Gelände im Grunewald. Quelle: https://www.rbb24.de/politik/thema/2015/70-jahre-kriegsende/beitraege/truemmerberge/truemmerberg-berlin-teufelsberg.html oder Münchens Luipoldhügel, der Birkenkopf in Stuttgart, die Hügel des Öjendorfer Parks in Hamburg oder der Wallberg (Monte Scherbelino genannt) in Pforzheim u.v.m.

[5] „Vom 25. Juli bis 3. August 1943 versanken bei der Operation ‚Gomorrha‘ 277.330 Wohnungen, 580 Industriebetriebe, 2632 gewerbliche Betriebe, 80 Anlagen der Wehrmacht, 24 Krankenhäuser, 277 Schulen und 58 Kirchen in Schutt und Asche.“ Quelle: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ausgegraben-bombenschutt-an-der-elbe-a-942897.html

[6] Der Begriff „Büchse“ ist einem Übersetzungsfehler von Erasmus von Rotterdam (1466-1536) entsprungen. Eigentlich hätte es „Der Krug“ oder „Das Gefäß“ der Pandora lauten müssen.

[7] Vgl.: FRIEDE, Claus: Der sensible Umgang mit Erinnerungskultur, in: Blog von Stadtmarketing Austria, 17. September 2019 (https://www.stadtmarketing.eu/erinnerungskultur/).

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