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Kultur, Geschichte & Management
Krisenküche am Krähenteich

Die Nordischen Filmtage Lübeck (NFL), die noch bis zum 8. November andauern und 180 Filme im Programm haben, beschreiten mit der „Crisis Cuisine" im 57. Jahr ihres Bestehens neue Wege. An drei Tagen wird im Altstadtbad Krähenteich zur Mittagszeit zum gemeinsamen Essen aus Krisengebieten eingeladen. Die "Krisenküche" bietet auf täglich wechselnder Speisekarte Suppen aus Rumänien, Afghanistan und Eritrea.

Crisis CuisineDie Lübecker Gewerbeschule Nahrung und Gastronomie stellt die Gerichte her, die örtliche Hotelfachschule ist am Service beteiligt – gemeinsam mit Migranten. Kochen durften diese die Suppen nicht, „dafür bräuchten sie ein Gesundheitszeugnis", erklärt Regine Norden (68), Mitglied im Förderverein Altstadtbad Krähenteich und seit Jahren in der Lübecker Flüchtlingshilfe aktiv. Die Aktion „Crisis Cuisine – Flüchtlinge in Transit" will eine Brücke schlagen zwischen den Nationen, zwischen den Menschen. „Dieser gesellschaftspolitische Aspekt ist uns wichtig." Die Beteiligten möchten „Vorbehalte in den Köpfen der Deutschen abbauen, weniger bei den Asylbewerbern. Das erreichen wir mit dieser Aktion", ist Regine Norden überzeugt.

Der ehemalige Umkleideraum des Freibades am Krähenteich präsentiert sich für das kulinarische Event in stimmiger Dekoration. Handgemalte Mosaike aus aller Herren Länder schmücken die Wände. Auch hier wird eine Brücke geschlagen: von den skandinavischen Ländern über den Iran bis hin zu Afrika reichen die Motive. Das Erstaunliche ist, die Einzelteile bilden ein Ganzes, eine Einheit, sind nicht so verschieden, wie mancher meinen möchte. Das gilt auch für das Thema des kulinarischen Miteinanders. „Jede Kultur isst Suppe", so Anja Evers, die für die NFL vor Ort ist und auf alles ein Auge hat.

Regine Norden gönnt sich eine kleine Auszeit, genießt die afghanische Suppe. Gestern wurden 600 Liter rumänische Suppe gekocht und ausgegeben. Die waren nach zweieinhalb Stunden weg. Heute gehen 800 Liter über den Tresen. Bezahlen muss niemand für die Suppe, auch nicht für den Kaffee, den Kuchen danach. Spendendosen weisen diskret darauf hin, dass Geld dennoch willkommen und nötig ist. „Der Überschuss geht an das Flüchtlingsforum."
Die pensionierte Lehrerin hat vor ihrer Pensionierung in vielen außereuropäischen Ländern projektbezogen gearbeitet. Sie war in Thailand, Indonesien, Äthiopien und vielen anderen "fremden" Ländern unterwegs. Fremde sind ihr daher nicht fremd. Sie war und ist unter Fremden zu Hause. So verwundert es nicht, dass die engagierte Lübeckerin sich hier in Lübeck, dort, wo sie ihre Heimat hat, für Flüchtlinge einsetzt. Nicht nur, aber auch beim Projekt Krisenküche.
Aus einer urspünglich privaten Initiative von Regine Norden in Sachen Flüchtlingshilfe ist ein inzwischen in der Gesellschaft angekommenes Projekt mit sehr viel Eigendynamik erwachsen. Einmal im Monat treffen sich in Lübeck rund 100 Menschen aus über 15 Nationen zu „Sonntags Dialogen". Diese sind Treffpunkt, Infobörse und Vernetzungsplattform für Lübecker und Zugezogene mit und ohne ausländische Wurzeln, für Studenten, Arbeitsmigranten, Flüchtlinge. „Lübeck gemeinsam gestalten – die Gesellschaft zusammenhalten" lautet das Motto dieser Initiative.
Die „Sonntags Dialoge" verstehen sich als Energiezentrum und Kreativzentrum zugleich und bilden den Impuls für vielfältige Projekte und Angebote. Jeder kann hier aktiv werden, kann eigene Kompetenzen vermitteln, mitgestalten, interessierte und motivierte Partner finden. Die Teilnehmer kommen aus allen Berufsgruppen und Lebensbereichen, helfen einander, reagieren auf die derzeitigen gesellschaftlichen Herausforderungen.
„Die ‚Sonntags Dialoge’ wollen Motor sein, sich gemeinsam, aktiv und zukunftsweisend für eine offene, sich gegenseitig befruchtende Gesellschaft einzusetzen", erklärt Regine Norden. Jeden zweiten Sonntag im Monat treffen sich die Teilnehmer zum Dialog im Cloudsters in der Braunstraße 1-3 in Lübeck. Neue sind jederzeit willkommen. Am Buffet wird mitgebrachtes Essen aus unterschiedlichen Kulturkreisen angeboten.

Das nächste Frühstück der Cirisis Cuisine" im Rahmen der „Nordischen Filmtage Lübeck“ findet am 7. November statt von 12 bis 17 Uhr, der nächste Dialog findet am Sonntag, 8. November, von 11 bis 13.00 Uhr statt. Wer sich zunächst genauer informieren möchte, kann Kontakt aufnehmen unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder unter: www.luebeck.de/filmtage oder bei Facebook.

Ob es bei den 58. Nordischen Filmtagen Lübeck (2. bis 6. November 2016) wieder eine „Crisis Cuisine" geben wird, diese Frage ist derzeit noch offen.
Es wird sich einbürgern, nach dem Zuspruch, den wir erfahren", ist Regine Norden überzeugt, schränkt aber zugleich ein, wir müssen es auch leisten können". Denn alles was hier geschieht ist ehrenamtlich, ist freiwillig.


Abbildunngsnachweis:
Header: Krisenküche am Krähenteich - hier werden Flüchtlinge zu Gastgebern und Lübecker zu Gästen. Foto: Marion Hinz

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