Film

In seinen packenden intensiven Bildern erinnert „Hive“ manchmal an einen rauen Western, Feindseligkeit wird physisch spürbar. Es geht um Freiheit, das Überschreiten von Grenzen. Die Heldin führt als alleinerziehende Mutter zwischen den Ruinen der Vergangenheit einen trotzigen, anfangs einsamen Kampf um Überleben und Selbstbestimmung. 

Der vielfach ausgezeichnet Debütfilm der kosowarischen Regisseurin und Drehbuchautorin Blerta Basholli ist inspiriert von dem Schicksal Fahrije Hotis, einer heute erfolgreichen Unternehmerin.

 

Heimlich klettert Fahrije (fantastisch Yllka Gashi) auf die Ladefläche eines Lastwagens der UN, sie öffnet die Reißverschlüsse der Leichensäcke, sucht unter den Toten des Massengrabes nach irgendeiner Spur ihres Ehemanns. Er gilt als vermisst. Seit dem serbischen Überfall des Paramilitärs 1999 auf den Kosowo wird Krusha das „Dorf der Witwen“ genannt, fast 250 Jungen und Männer wurden erschossen, 63 werden bis heute noch vermisst. Hier auf dem Land in den streng patriarchalischen Familien dürfen Frauen eigentlich nichts anderes sein als trauernde Hinterbliebene. Arbeiten außerhalb des Hauses ist ein gesellschaftliches Tabu. Doch die Erträge der Bienenstöcke reichen nicht fürs Notwendigste, Fahrije muss allein für ihre beiden Kinder sorgen und den pflegebedürftigen Schwiegervater (grandios Çun Lajçi), einen verbitterten Tyrannen im Rollstuhl. 

 

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Erinnerungen und Trauer prägen seit Kriegsende den Alltag, die Menschen verharren in einer Art Schockstarre. Veränderung, ein hoffnungsvoller Neuanfang klingt für sie wie Verrat. Fahrije hat sich entschlossen, hausgemachten Ajvar, jene berühmte würzige Paprikapaste, an einen Supermarkt in der Stadt zu liefern. Schon die Tatsache, dass sie Fahrunterricht nimmt, ist eine ungeheure Provokation für die Dorfbewohner. Wir begreifen, wie viel der Mittdreißigerin die bestandene Führerscheinprüfung bedeutet. Ihre Gefühle, ihre Verletzbarkeit verbirgt sie meist hinter einer scheinbar kühlen, stoischen Fassade, nur manchmal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Und doch spüren wir ihre unterdrückte Verzweiflung ebenso wie die Entschlossenheit, sich gegen die rigiden frauenfeindlichen Strukturen zur Wehr zu setzen. Fast überall schlagen ihr nun Hass und Verachtung entgegen. Schämen würde sich ihr Mann für sie, wenn er sie so sehe, murren die Nachbarn und selbst ihre Tochter im Teenageralter (Kanon Sylejmani) reagiert mit Verachtung. Aber die Außenseiterin weiß, ihr Ehemann Agim wäre stolz auf sie. Ein Stein trifft die Windschutzscheibe ihres alten zerbeulten Wagen, das Glas zersplittert, Fahrije lässt sich nicht einschüchtern, im Gegenteil, die Arbeit gibt ihr die Kraft, Schmerz und Verlust zu ertragen.

 

Am stärksten sträubt sich der Schwiegervater gegen Fahrijes Geschäftsmodell. Ihr Verhalten falle auf die ganze Familie zurück. Seine kaltherzige Rückständigkeit vergiftet er die Stimmung innerhalb der Familie. Mit Geduld und Überredungskunst überzeugt die Protagonistin immer mehr Frauen auch aus dem Nachbardorf, sich der kleinen Genossenschaft anzuschließen, gegen Engstirnigkeit und Unterdrückung aufzubegehren. Jeder Tag ist ein zähes Ringen mit Rückschlägen, Gewalt und Demütigungen. Der Lieferant für Paprika vergewaltigt Fahrije, für Selbstmitleid ist nach dem Krieg, den Exekutionen und Verschleppungen kein Platz. Überleben erfordert Mut, die Genossenschaft braucht die Säcke voller Paprika. Blerta Basholli hatte „Hive“ nicht als feministischen Drama geplant, es geschah quasi von selbst. Die heute 39jährige Autorenfilmerin, die im April 1999 als Kriegsflüchtling nach Deutschland kam, im August 1999 wieder nach Pristina zurückkehrte, lebte und studierte in New York, arbeitet heute im Kosovo. Bewusst verzichtet die Regisseurin auf Rückblenden, konzentriert sich mit dokumentarischer Präzision auf die Zeit nach dem Krieg, es ist ein Neuanfang zwischen Trümmern, Tradition und Feindseligkeit, aber ausgerichtet auf Veränderung. 

 

Basholli hatte zum ersten Mal in den USA durch einen Fernsehbericht von Farije Hoti gehört: „Nachdem ich sie persönlich kennenlernte, ging es mir nur noch um ihre Person, ihre Persönlichkeit, ihre Vision und ihre Anmut. Ihre Geschichte gab mir Hoffnung und ich war überzeugt, sie würde auch anderen Hoffnung geben und sie inspirieren.“ Es sollte ein Film über die Resilienz und Stärkung von Frauen sein, alles in ihrem Leben wurde vom Krieg beeinflusst, er sollte präsent sein, aber aus der Erfahrung der Figuren heraus erzählt werden. „Ich wollte deutlich machen, welchen Schmerz und Verlust der Krieg diesen Menschen zufügte,“ so die Regisseurin, „dass Krieg niemandem nutzen kann und hoffe, damit nicht noch mehr Hass erzeugt zu haben.“ Außenstehenden erscheint das Kochen von Ajvar, Einfüllen in Gläser und Beschriften der Etiketten vielleicht als solches unspektakulär und doch ist jeder Moment im Film voller Suspense und künstlerisch brillant inszeniert. Die Atmosphäre im Dorf bedrohlich, hochexplosiv, von Kameramann Alex Bloom mit schroffer Poesie in Szene gesetzt, die Farben gebrochen, dunkel, nur das Rot des Ajvar leuchtet, ist wie ein Signal. Die alten Männer sitzen vor ihrer Kneipe, beäugen misstrauisch das geschäftige Treiben. Fahrije scheut sich nicht, offen dem Hass entgegenzutreten. Wieder fliegt ein Stein, zerbricht eine Scheibe. Die Heldin wehrt sich. 

 

Wenn unsere Protagonistin an ihren Mann denkt, dann an jene Bienenstöcke, die er gebaut hat,- ihn, den Sanften, Ruhigen stachen die Bienen nie. Nun muss sie die Werkbank und sein Handwerkszeug verkaufen. Sie braucht das Geld als Basis für ihre neue Existenz. Die Kinder und der Schwiegervater sind entsetzt. Wie umgehen mit Kummer, Ungewissheit und den Erinnerungen, die langsam verblassen und trotzdem noch genauso schmerzen. Von Agim besitzen sie nur ein einziges Foto. Und doch will die Protagonistin Gewissheit über das Schicksal ihres Mannes, helfen könnte nur ein DNA Test. Der Schwiegervater sträubt sich, er und die Kinder verweigern in selbstzerstörerische Trauer die Realität, als wäre die Hoffnung auf ein anderes, erfülltes Leben, Verrat an dem geliebten Menschen. Irgendwann gibt nicht nur der alte mürrische Mann im Rollstuhl nach, die Zukunft besitzt etwas Unwiderstehliches, die Sehnsucht nach Glück, Geborgenheit, und der Erfolg überzeugt ihn letztendlich, er will Teil davon sein, verlangt auch nicht mehr blinden Gehorsam als Form des Respekts. „Hive“ ist hochemotional, berührend, von spröder Schönheit, verbietet sich aber jede Form der Sentimentalität genau wie seine Protagonistin. 

 

In Sundance wurde „Hive“ ausgezeichnet mit dem Grand Jury Prize, dem Publikumspreis und dem Award für beste Regie. Als erster Film aus dem Kosovo kam er in die engere Auswahl für einen Academy Award. Beim Filmfest Hamburg erhielt Blerta Basholli 2021 den NDR Nachwuchspreis. 

 


Hive. Originaltitel: Zgjoi

Regie: Blerta Basholli  

Drehbuch: Blerta Basholli 

Darsteller: Yllka Gashi, Çun Lajçi, Aurita Agushi 

Produktionsland:

Länge: 84 Minuten 

Kinostart: 8. September 2022

Filmverleih: jip film & verleih

 

Fotos, Pressematerail & Trailer: jip film & verleih

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