Film

Wie mit Verlust oder dem eigenen Versagen umgehen? Was, wenn der Schmerz übermächtig wird, alles auszulöschen droht? In seinem Melodram „Die Zeit, die wir teilen“ schildert der französische Regisseur Laurent Larivière den Umgang mit Erinnerung als eine Art kreativen Prozess des Überlebens.

Realität verliert an Bedeutung, lässt sich kaum noch als solche identifizieren. Das innere Szenario entscheidet über die Wahrheit. Ein frappierender manchmal fast komödiantischer Stream of Consciousness, ästhetisch virtuos, mit Reverenz an jene verspielte Leichtigkeit der Nouvelle Vague.


„Mein Name ist Joan, Joan Verra.“ Auf ihrer nächtlichen regnerischen Autofahrt durchbricht Joan Verra (grandios Isabelle Huppert) gleich zu Anfang des Films die vierte Wand, spricht uns direkt an. Regisseur Laurent Larivière und sein Co-Autor François Decodts haben ihre Zuschauer also gewarnt vor der scheinbar rein subjektiven Perspektive, und doch lassen wir uns in die Irre führen, auch wenn wir gegen Ende behaupten werden, natürlich hätten wir es von vornherein geahnt. Doch was? Die Protagonistin, eine erfolgreiche Verlegerin nun im Ruhestand, begegnet in Paris überraschend ihrer ersten großen Liebe. Fluchtartig verlässt sie die Stadt, sucht die Abgeschieden ihres Landhauses. Die letzten vierzig Jahre passieren Revue. Joan erinnert sich an die Zeit als Au-pair-Mädchen in Dublin, der Heimat ihres Vaters. Dort verliebte sie sich (wundervoll gespielt von Frey Mavor) in den charmanten Taschendieb Doug (Éanna Hardwicke), ein Bad Boy mit dem Charisma eines Engels (so Larivière). Gemeinsam genießen sie ihre Raubzüge wie amouröse Abenteuer. Sie sind übermütig, wild, unendlich glücklich mit der Selbstüberheblichkeit der Jugend im Stil von Jean-Luc Godards „Außer Atem" (1960), entscheidender Unterschied, sie umgibt eine Fülle von flirrenden Farben.

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Der Traum von ein bisschen Anarchie endet im Gefängnis. Die Polizei ertappt die beiden auf frischer Tat, Unsere Protagonistin kommt bald wieder frei, Doug bleibt hinter Gittern und verschwindet aus ihrem Leben. Von seinem Sohn Nathan wird er nie erfahren. „Das Schönste, was mir je passiert ist", sagt Joan über ihn, doch sie ist jung, etwas überfordert, auch wenn die Eltern bereitwillig helfen, bis ihre Mutter von einem Tag zum anderen die Familie verlässt, um mit ihrem Karate-Lehrer nach Tokyo durchzubrennen. Das hinterlässt Spuren. Doch Joan setzt ihren Weg unbeirrt fort, entwickelt sich zu einer selbstbewußten, wenn auch unnahbaren Frau. Ihre emotionale Reise führt sie zurück an jenen Sommertag, an dem ein schwerer Schicksalsschlag ihr Leben für immer verändert. Nun, Jahrzehnte später, überrascht sie ihr längst erwachsener Sohn (Swann Arlaud) mit seinem Besuch. Die beiden haben sich lange nicht mehr gesehen, da ihre Beziehung nie einfach war.

Konstante Bezugsperson in Joans Leben ist Tim Ardenne (Lars Eidinger), Enfant terrible der Literaturszene und wenn er will, wahrlich nervtötend. Der exzentrische deutsche Schriftsteller, scheint offensichtlich verliebt in seine deutlich ältere Verlegerin. Sie gibt sich distanziert und doch kümmert sich Joan um ihren Schützling weit mehr, als es der Job es von ihr verlangt. Sie fühlt sich dem unberechenbaren, extrovertierten Künstler verbunden. Irgendetwas spricht er in ihr an, das sie lange verdrängt hatte. Aber es sind nicht die Beziehungen selbst, die das Melodram so unwiderstehlich machen, es ist dessen Leichtigkeit, Unberechenbarkeit, wie Gedanken, Erinnerungen auftauchen und verschwinden, Orte und Ereignisse sich überkreuzen, ablösen, an uns vorbei gleiten. Sehnsucht, die Angst vor Trauer, jene überschäumende Unbedarftheit der Jugend, Zorn, Unverständnis. „Die Zeit, die wir teilen“ hat ihren ganz eigenen Rhythmus, eine seltsame Melancholie durchdrungen von Humor und Tragik. Die eigenwilligen Dialoge etwas manieriert, aber grade deshalb lassen sie uns aufhorchen, stellen das übliche Repertoire von Gefühlsabhandlungen in Frage und durch die Rückblenden gelingt es, ein bestimmtes Ereignis in Joans Leben im Dunkeln zu lassen. Larivière drängt uns die Frage auf, woraus besteht eigentlich eine Lebensgeschichte.

Die Zeitabschnitte besitzen ihre eigene individuelle Farbschattierungen, auch die Lichtführung variiert und doch gleitet die Erzählung fließend von einer Epoche zur nächsten. Orte und Gefühle sind durch Farben miteinander verbunden. Irland, braun, orange, grau, das Ambiente in Deutschland kälter, die Atmosphäre ist von einem bläulichen Farbton durch durchdrungen. Und im Haus der Familie wird es sonniger mit Gelb- und Grüntönen. Die Bilder der Vergangenheit sind in ihrer Textur körniger. „Erinnerung ist Wiederherstellung“, so Larivière. „Das Bild soll nicht realistisch sein. Ich wollte, dass diese Unvollkommenheit in unsere ästhetischen Entscheidungen einfließt. Jenseits des anekdotischen Charakters einer Situation, die lustig oder dramatisch sein kann, interessiert mich das, was zwischen den Wesen passiert, was zwischen den Zeilen geschieht. Ich mache Filme, um das Unsichtbare hervorzuholen."

Auch bei einem erneuten Treffen mit Doug ((Stanley Townsend), erwähnt Joan den gemeinsamen Sohn mit keinem Wort. Doug, behäbig, etwas heruntergekommen, verarmt, hat viel von seinem Charme eingebüßt. Durch ein Telefonat erfährt Joan vom Tod ihrer Mutter, die bereits vor 15 Jahre unbemerkt zurück nach Frankreich kam. Lebte zurückgezogen in einfachsten Verhältnissen, ohne ihre Familie zu informieren. Joan ist gekränkt. Begleitet von Tim und ihrem Sohn besucht sie das Grab der Mutter im „Garten der Erinnerung“, mit einem Glas Wein in der Hand nimmt sie Abschied.

Laurent Larivière wollte vor allem ein Porträt von Joans Beziehung "nicht nur zu ihrem Sohn, sondern zur Welt zeichnen, mit ihrem Sinn für Freiheit, Fantasie, Humor und Autorität. Ein Porträt, das von dem Wunsch getragen wird, die Geschichten zu glauben, die uns Filme erzählen. Wenn Joan sich zu Beginn des Film durch die vierte Wand an das Publikum wendet, verspricht sie uns auf eine Reise durch ihre Erinnerungen mitzunehmen, die zum Teil erfunden sind. Ich schätze diesen Pakt zwischen dem Publikum und einem Film. Wir wissen, dass es eine Illusion ist, dass es Kino ist, aber wir wollen daran glauben. Und zwar Leidenschaft. Es ist eine Form des Teilens und des Miteinanders, die mich tief bewegt."

„Die Zeit, die wir teilen“ ist ein Film über die Macht der Fiktion: "Jeder erzählt sich selbst Geschichten. Die ganze Zeit. Wir", so der Regisseur, „erfinden und definieren unser Leben immer wieder neu, um ihm einen Sinn zu geben und um es in einen Kontext zu stellen, damit es weniger absurd und schmerzhaft ist. Die Fiktion hilft uns zu leben, sie ist eine Illusion, die notwendigerweise zu unserer condtio humana gehört. Wenn nach mehreren Jahren Nathan an einer Straße erscheint und so Joans Schmerz lindert, verstehen wir, warum sie diesen Betrug akzeptiert hat, der es ihr ermöglichte, trotz dieser unüberwindlichen Tortur weiterzuleben. Diese Illusion- oder bewusste Verleugnung- macht ihr Leben wieder lebenswert. Das erinnert mich an einen Ausspruch von Paul Valery: Jeder Moment berührt zu jeder Zeit die Fantasie. Wir wissen es genau- die Wirklichkeit ist völlig subjektiv. Es ist von großer Bedeutung, dass sich das Publikum auf Joans Geschichte einlässt, damit der Betrug mit ihren Gefühlen übereinstimmt. Das Wichtigste ist nicht, dass sie sich selbst belogen hat, sondern daß wir in der Lage sind zu verstehen, was ihr Schmerz war und warum sie sich selbst belügen musste. Diese Enthüllung wirkt nicht wie eine Überraschung, sondern wie ein intimes Verständnis für das, was sie durchmacht. Schließlich gibt jeder sein Bestes.

Spoiler-Warnung
Larivière gibt dem Zuschauer ganz bewusst die Möglichkeit im Nachhinein zu denken: „Natürlich habe ich es gewusst, es war von Anfang an da. Aber in dem Moment, in dem die Geschichte erzählt wird,“ so der Regisseur, „wer könnte sich Joan vorstellen, wie sie einen Sohn erfindet, der soweit von ihrem Ideal entfernt ist und mit dem sie so heftig streitet, obwohl er grade erst aus Montreal angekommen ist. Sich einzureden, dass er er auf der anderen Seite jenseits des Ozeans lebt, erlaubt es Joan auch, die schmerzhafte Trennung, die sich durchlebt hat, auf ihre eigene Weise zu durchleben.“

 

Nie ist die Protagonistin (und auch Isabelle Huppert) überzeugender als in ihrer Aggressivität dem fiktiven Sohn gegenüber. Als giere sie nach Missverständnissen, als könnte ein missratender Sohn, einer der sie enttäuscht, das Unerträgliche leichter ertragen lassen. Vielleicht sind diese wahrlich unsinnigen fast schon provozierten Auseinandersetzungen ähnlich jenen zwanghaften körperlichen Selbstverletzungen, sie verschaffen für einen Augenblick Erleichterung. Doch ist es wirklich ein Heilungsprozess, den wir hier verfolgen. Wie mögen wohl unsere fiktiven Erinnerungen ausschauen?

 

Unsere Umwelt zweifelt meist nur an der Wahrheit. Tim ahnt Joans Beziehung mit Nathan. So narzisstisch sich der Künstler gibt in seiner Maßlosigkeit, seiner Gier nach Provokation, auf seltsam liebevolle Art ist er geduldig. Die Figur des alkoholkranken Schriftstellers ist inspiriert von Charles Bukowski und Richard Brautigan. „Du hast mein Leben gerettet, Tim Ardenne“, sagt Joan. Ihre emotionale Reise geht dem Ende entgegen. Für ihr Landhaus sucht sie einen Käufer. Im Garten auf den Rasenmäher gelehnt, wartet Tim auf sie. Joan offenbart zum ersten Mal ihre Liebe.

 

 


Originaltitel: À propos de Joan

Regie: Laurent Larivière

Drehbuch: Laurent Larivière und François Decodts
Darsteller: Isabelle Huppert, Lars Eidinger, Swann Arlaud, Freya Mavor
Produktionsland: Deutschland, Irland, Frankreich, 2022
Länge: 97 Minuten
31. August 2022
Filmverleih: Camino Filmverleih

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Camino Filmverleih

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