Film

Verborgen in den Wolken lauert eine außerirdische Macht. US Regisseur Jordan Peele durchbricht in seinem bildgewaltigen politischen Horror-Epos „Nope“ die Grenzen des Genres: Neonwestern, Showbusiness-Groteske und Science Fiction treffen aufeinander, sollen vom Zuschauer entschlüsselt werden.

Peele schildert unsere bizarre Sucht nach Spektakel, Ruhm und Selbstdarstellung, der Besessenheit von Social Media. „Nope" ist vor allem eine Hommage an jene, die kaum beachtet hinter den Kulissen der Filmindustrie arbeiten.

 

„Nope" beginnt mit einer düsteren Prophezeiung aus dem alten Testament über den Untergang der mesopotamischen Stadt Ninive. "Ich werfe Unrat auf dich, schände dich, und mache ein Schauspiel aus Dir.“ Was geschieht, ist für Zuschauer wie Protagonisten oft gleichermaßen rätselhaft. Nur widerwillig gibt das vielschichtige Horror-Epos seine Geheimnisse preis und auch nicht alle. OJ, Kürzel für Otis Junior (grandios Daniel Kaluuya, „Get Out") und seine Schwester Esmeralda, genannt Em (Keke Palmer, Hustlers") haben nach dem mysteriösen Ableben ihres Vaters (Keith David) die Haywood Ranch übernommen. Hier im abgelegenen Canyon der Gemeinde Aqua Dulce werden Pferde für Film- und Fernsehproduktionen dressiert. Mit Tieren kommt der wortkarge eigenbrötlerische OJ besser klar als mit Menschen, sie sind seine wirklichen Freunde. Doch der letzte Studiodreh läuft schief, jemand blendet das Pferd mit einem Spiegel, das Desaster lässt sich nicht aufhalten.

 

Verantwortlich für den Tod des alten Haywood war das tödliche Projektil in Form einer 5 Cent Münze aus jener bedrohlichen Wolke. Es spaltet das Auge des Vaters und erinnert an den surrealistischen Schwarz-Weiß-Film „Ein andalusischer Hund“ (1929) von Luis Buñuel und Salvador Dalí. Die Szene, realisiert mit einem stark überbelichteten Kuhauge, erlangte Kultstatus und rief Urängste wach völlig unabhängig vom Kontext. Em ist das Gegenteil OJ, ein aufgedrehtes Plappermaul, furchtlos, nicht ohne Charisma, wenn auch noch etwas ungeübt in Sachen Selbstvermarktung und Kundenakquise, sie träumt von einer Karriere als Influencerin. Die Familienranch bedeutet ihr eigentlich nichts, aber eignet sich perfekt als digitale Platform, sind die beiden doch die einzigen afroamerikanischen horse-wrangler, und dem Kino seit Generationen verbunden, soll doch ihr Ur-Ur-Urgroßvater der Mann auf dem ersten Bewegtbild aller Zeiten gewesen sein. Die 1878 von dem britischen Fotographen Edward Muybridge geschaffene Serienaufnahme ist eines der frühesten Beispiele der Chronofotografie: Ein schwarzer Jockey auf einem galoppierenden Pferd, ausgestellt in der National Art Gallery in Washington DC. Der Name des Pferdes und seines Besitzers sind verzeichnet, nicht jedoch der Name des schwarzen Jockey, der für die Nachwelt unwiederbringlich verloren ist.

 

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Für Jordan Peele der ideale Einstieg, sich mit den mit Ausbeutungsmechanismen der Hollywood-Branche auseinanderzusetzen, jener unbekannte Schwarze verkörpert den Urtyp des Filmstars- ob Schauspieler, Stuntman oder Tierpfleger. Im Film treten Otis junior und Emerald dieses Erbe sowohl auf wörtlicher Ebene als auch auf metaphorischer Ebene an. "Im Kern“, so der Regisseur und Autor, "geht es um einen Bruder und seine Schwester und um ihre Fähigkeit, sich aus einem Zustand, in dem sie nicht miteinander auskommen, zu befreien. Sie müssen versuchen, sich gegenseitig zu verstehen, und erkennen, dass sie sich schon immer irgendwie ähnlich waren. Es geht in „Nope“ um unsere Sucht nach Spektakel und der Tatsache, dass wir davon angezogen werden. Aber es geht auch um unser inneres Bedürfnis, gesehen und dafür anerkannt zu werden, wer und was wir sind.“ In den Persönlichkeiten der Geschwister spiegelt sich sowohl die Dualität der Branche also auch Peeles eigener innerer Konflikt wider. OJ schätzt die Ruhe und Einsamkeit der Anonymität und schöpft Freude aus seiner Arbeit. Em wiederum ist auf der Jagd nach Aufmerksamkeit und Rampenlicht. „In vielerlei Hinsicht repräsentieren OJ und Emerald zwei verschiedene Seiten meiner Persönlichkeit“, sagt Peele. „Auf der einen Seite mag ich meine Privatsphäre. Die Vorstellung, dass sich die Leute auf einmal nach mir umdrehen, ist für mich genauso erschreckend wie für die meisten anderen Menschen. Andererseits habe ich eine Karriere eingeschlagen, bei der ich direkt im Licht der Öffentlichkeit stehe. Dieses verrückte Wechselspiel in meinem Leben habe ich auf die Figuren übertragen.“

 

Als die Haywood Ranch ohne Vorwarnung von der Wolke bombardiert wird mit alltäglichen Konsumgütern, ein Haustürschlüssel schlitzt die Flanke eines Pferdes auf, rücken OT und Emerald näher zusammen, gemeinsame Feinde verbinden, auch wenn jeder anders auf die außerirdische Bedrohung reagiert. Entwickeln Gegenstände plötzlich ein Eigenleben oder gehören sie in das Waffenarsenal jenes Ufo-ähnlichen Wesens? Lichter geistern durch die Nacht, irgendetwas dort oben entführt Menschen, jagt die Pferde, senkt die Stromzufuhr, die Schallplatte eiert nur noch langsam ihr „Sunglasses at Night“ gesungen von Corey Hart (1983). „Nope“ will kein Überwältigungs-Spektakel sein, es ist subtiler und intensiver, der niederländische Kameramann Hoyte van Hoytema („Dunkirk", „Tenet“) kreiert suggestive unvergessliche Bilder, während der Wind, der über das Gelände fegt, die Atmosphäre prägt. Immer wieder schweift die Handlung unerwartet ab, neue Ebenen und Seitenstränge öffnen sich, endlich begreift der Zuschauer die Bedeutung des unheilvoll wirkenden blutverschmierten Affen am Anfang des Horror-Epos. Es ist die Geschichte des ehemaligen Kinderdarstellers Ricky „Jupe“ Park (Steven Jeune) Rückblende auf die Dreharbeiten einer familienfreundlichen Sitcom der Neunziger, der Star der Serie, Schimpanse Gordy, rastet aus, wütet wie ein Berserker. Verborgen in der Kulisse beobachtet der kleine Ricky das blutige Gemetzel, glücklicherweise vollzieht es sich außerhalb unseres Blickwinkels. Als einziger überlebt der niedliche blonde Junge, glaubt nun als Erwachsener, jeder Gefahr gewachsen zu sein, er betreibt den Western-Themenpark Jupiter's Claim.

 

Regisseur Jordan Peele („Get Out“, 2017, „Wir" ,2019) und Produzent Ian Cooper („Get Out“, 2017, „Wir“, 2019) sind schon seit ihrer Jugend befreundet und verstehen „Nope“ als persönliche Hommage an ihr jüngeres Ich. „Als ich 15 Jahre alt war, haben Ian und ich einfach nur Filme geschaut“, erklärt Peele. „Während unsere Freunde und andere Teenager irgendwelchen Mist bauten, zum Beispiel Drogen nehmen oder miteinander rummachen oder so, saßen wir in einem Zimmer und versuchten uns zu entscheiden, ob wir „Alien“ oder „Gefährliche Brandung“ anschauen zu wollten.“ „Nope“ ist eine kritische Betrachtung des Filmemachens und der Filmindustrie an sich. „Ich wollte etwas schaffen, das das, was wir tun, zugleich kritisiert und würdigt, sagt Peele. Der Film beschäftigt sich mit den Künstlern hinter den Kulissen (im Branchenjargon „Below-the-line-Crew“ genannt). Er zeigt den Alltag der Tierpfleger, Kameraleute und Technikexperten, die die uns unvergesslichen Bilder schaffen, selbst aber niemals in Erscheinung treten. „Nope“ rückt die Lebensrealität ausrangierter Stars in den Mittelpunkt, die von der Industrie in Stich gelassen werden, sobald sie nicht mehr als lukrative Invention gelten.“ „Es ist ein Film über das Streben danach gesehen zu werden. Oder um es in der Sprache der Millennials zu sagen: Pics or it never happened, ergänzt Cooper. „Außerdem beschäftigt er sich mit der Gegensätzlichkeit, mit der Below-the-Liners konfrontiert sind- nämlich in einer auf Schauwerte fixierten Welt unsichtbar zu sein.“

 

„In diesem Film geht es nicht um Rasse an sich, obwohl Theatralisieren und Ausbeutung eine Rolle spielen“, so Peele. Aber der Film an sich soll ein Film sein, den es so vor fünf Jahren nicht gegeben hätte- weil darin People of Colour die Hauptrollen spielen, ein Schwarzer Regie geführt hat, es um verrücktes Zeug geht und das Ganze mit einem großen Budget umgesetzt wurde. Solch einen Film hätte man nicht drehen können. Wir haben also eine gewisse Verpflichtung all jenen Menschen gegenüber, denen es bislang nicht erlaubt war, auf sich aufmerksam zu machen, erfolgreich zu sein oder auch zu scheitern.“ „Nope“ wurde 2020 während der Pandemie geschrieben,“ so Peele. „Es war eine verrückte Zeit. In vielerlei Hinsicht spiegelt der Film all den Schrecken wider, die dieses Jahr mit sich gebracht hat und die noch immer geschehen. In gewisser Weise war das meine Flucht vor dem Alltag. Und was ich dem Publikum bieten möchte, ist genau das- eine Flucht vor ihrer täglichen Routine. …Ich versetze mich gern in die Köpfe meiner Zuschauer. Und ich habe das Gefühl, dass es eine Menge Leute gibt, die eigentlich keine Horrorfilme mögen, und nichts so Düsteres oder Abgefahrenes sehen wollen. „Nope“ ist eine Einladung an sie, mir der ich ihnen sage: 'Hey, ich verstehe Dich! Dieser Film wird zwar gruselig sein, aber er wird dir trotzdem gefallen. Ich sorge dafür, dass du einen Platz in diesem Genre findest.' Und natürlich gibt es bei uns Schwarzen einige ziemlich einfache Regeln und ein paar Dinge, bei denen wir sagen: Nope! Auf keinen Fall! Ich bin dann mal weg!“

 

Slang, der differenzierte Rhythmus der Umgangssprache spielt bei Peele entscheidende Rolle. Wenn der Regisseur auch wie das Idol seiner Kindheit Steven Spielberg Handlung, Gefühle, Atmosphäre und vor allem Spannung über Bilder vermittelt. Die Komik realisiert sich dagegen mehr auf der verbalen Ebene. Slang als Code und Waffe gegenüber der weißen Hierarchie Hollywoods. Ems Wortkaskaden stehen im krassen Gegensatz zum entschiedenen wie lakonischen „Nope“ von OT, unserem proletarischen Helden der Verweigerung. Sein Vater hatte die Ranch mit digitalen Kameras ausgerüstet, doch sie schaffen es nicht die unheimlichen Begegnungen der Dritten Art aufzuzeichnen. Em träumt von einem Money Shot, dem sogenannten Oprah Shot, jenes einzigartiges nie dagewesene Foto, es soll das große Geld bringen, sie aus der finanziellen Misere befreien und ins Rampenlicht der Öffentlichkeit katapultieren. Derweil hofft der ehemalige Kinderstar Ricky für seinen Western-Vergnügungspark auf eine neue lukrative Attraktion außerirdischer Natur. Bis ins kleinste Detail ist das sozialkritische Horror-Movie furios inszeniert. Augenkontakt mit dem Wolkenschlund über der Wüste ist tödlich, aber den Augenkontakt zu vermeiden, kann ebenso gefährlich enden. 70 scheußlich farbenfrohe Skydancer dienen Jean Jacket, so hat es OT das Wolkenwesen getauft, als Erkennungssystem, Köder, aber auch als Möglichkeit, Verwirrung zu stiften. Ästhetisch symbolisieren sie die Ausbeutung des Schönen und Natürlichen und den Einfluss auf unsere Umwelt. „In vielerlei Hinsicht stehen sie auch für die verlorenen Seelen der Ausgebeuteten", so Peele.

 

Die Geschwister haben noch aus der Vergangenheit alte Verletzungen und Familiengeheimnisse aufzuarbeiten. Ein Dokumentarfilmer mit analoger IMAX Kamera hat sich ihnen angeschlossen. So fern und unnahbar der Horror des Himmels sich gibt, wenn er sich entlädt, übertrifft er alle Hochglanz-Produktionen Hollywoods. Peele inspirierte Steven Spielbergs Fähigkeit, uns das Gefühl zu geben, dass wir uns in der Gegenwart von etwas befinden, das einer anderen Welt stammt. „Dieses Gefühl wollte ich unbedingt auch erreichen. In diesem Genre tauchen oft hochentwickelte außerirdische Zivilisationen mit wunderbaren Eigenschaften auf. Aber was wäre, wenn die Wahrheit viel einfacher und düsterer ist, als wir es uns jemals vorstellen konnten.“

 

 


Originaltitel: Nope

Regie: Jordan Peele

Drehbuch: Jordan Peele

Darsteller: Daniel Kaluuya, Keke Palmer, Steven Yeun, Brandon Perea

Produktionsland: USA,

Länge: 130 Minuten

Kinostart: 11. August 2022

Verleih: Universal Pictures Germany

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright  Universal Pictures Germany

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