Film

Eine Frau auf der Flucht vor ihren traumatischen Erinnerungen: Der britische Regisseur und Autor Alex Garland katapultiert ästhetisch virtuos das Horror-Genre aus den gewohnten Bahnen: In seinem ironisch surrealen Psycho-Drama „Men- Was dich sucht, wird dich finden“ spürt er mit philosophisch detektivischem Elan die Wurzeln und Reproduktionsmechanismen des Patriarchats auf.

Die Monster jenes teuflischen wie symbolträchtigen Kreislaufs von Unterdrückung und Repression entlarven sich letztendlich als traurige pathetische Gestalten. Seine Horror-Farce soll Projektionsfläche und Spiegel zugleich sein, Garland hofft auf den Zuschauer als ebenbürtigen Partner beim Interpretieren und Analysieren in ländlicher Idylle.

 

Harper (Jessie Buckley) sucht vier Autostunden von London entfernt in dörflicher Abgeschieden Ruhe und Vergessen. Sie wirkt selbstbewusst, bodenständig, nicht wie jemand, der sich schnell verunsichern lässt. Wir werden nie viel über sie erfahren, aber entscheidend für den Film und ihr Leben ist jener alles überschattender Moment, die letzte Szene ihrer Ehe: Ein Mann stürzt in die Tiefe. Slow Motion. Harper steht vor der regennassen Scheibe, sieht ihn und zugleich das eigene Spiegelbild, Blicke des Entsetzens treffen sich. Ehemann James (Paapa Essiedu) hatte unter zornigen Tränen mit Selbstmord gedroht, wenn sie sich von ihm trennen würde. Hatte er versucht vom höher gelegenen Balkon in ihre Wohnung an der Themse einzudringen, oder sich wirklich aus Verzweiflung in die Tiefe gestürzt? 

 

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Die Autofahrt führte vorbei an Weiden, sanfte Hügelnketten, Wiesen voller Pusteblumen. Eine Natur, die trügerisch Frieden signalisiert, doch Lesley Duncans „Love Song“ in der Originalversion von 1969 stimmt ein auf das, was uns erwartet: „You say it is very hard to leave behind the life we knew.“ Ist es wirklich so hart, das vertraute Leben hinter sich zu lassen? Warum es nicht als Befreiung empfinden oder ersehnte Herausforderung? Nicht so James. Entscheidend die Zeile, die folgt: „Have your eyes really seen?“ Albtraum, Realität, oder nur Bilder, suggeriert von quälenden Ängsten. Was die Augen der Protagonistin zu sehen glauben, manche werden es in Frage stellen genau wie die eigene Wahrnehmung, -auch außerhalb des Kinos. Im angemieteten komfortablen Cottage, selbst ein Piano fehlt nicht, wird Harper erwartet von einem wissbegierigen etwas aufdringlichem Vermieter (grandios Rory Kinnear) mit beunruhigend fröhlichem Grinsen, Geoffrey tadelt die junge Frau für den Apfel, den sie im Garten vom Baum gepflückt und genüsslich verspeist hat. „Verbotene Frucht“, erklärt er todernst. „Nur ein Scherz,“ fügt er hinzu und genießt ihre Verwirrung. Die Protagonistin möchte ihn möglichst schnell loswerden, aber Rory Kinnear wird in den nächsten 80 Minuten immer wiederkehren in den verschiedensten Männergestalten und und dank moderner CGI Technik auch als Junge. 

 

Beunruhigend sind nicht nur das seltsame Grinsen des hilfsbereiten Cottage-Besitzers und seine insistierenden Fragen nach dem Familienstand. Beunruhigend ist selbst das satte dunkle paradiesische Grün von Garten und Wald. Auch wenn Alex Garland („Ex Machina", 2015, „Auslöschung“, 2018) Genre-Elemente zitiert, der eigentlich Horror liegt auf anderen Ebenen und in unserer eigenen Vergangenheit, die hier mehr als in anderen Filmen die Sichtweise diktiert, oder bewusst macht. Dunkle schmale Tunnel tun sich im Wald auf, das Echo verselbstständigt sich, am Ende eine Silhouette, winzig kaum erkennbar. Eilig kehrt Harper zurück in das alte Landhaus. Sicher fühlt sie sich nirgendwo, während des Telefongesprächs mit ihrer besten Freundin Riley (Gayle Rankin), taucht ein nackter Mann mit kahl geschorenem Kopf (wieder Kinnear) hinten im Garten auf, wir entdecken die unheimliche Erscheinung lange vor Harper. Sie ruft die Polizei, der mysteriöse stumme Fremde wird abgeführt. Doch bald ist er zurück, kommt näher und näher, seine blutenden Schrammen und Wunden nehmen zu, er verletzt sich selbst mit einer Klinge. Will er unser Mitleid erzwingen so wie es James versuchte, ostentativ drängt sich das Leiden auf. Im Pub beklagt sich Harper beim Cop (Kinnear in Uniform), dass man den Stalker wieder frei gelassen habe. Stalker, wie oft wäre er denn aufgetaucht? „Zwei Mal.“ Das klingt nach weiblicher Hysterie und Paranoia. Wir, die ZuschauerInnen, fühlen den Druck, das Ausmaß der Gefahr, die Entschlossenheit des Verfolgers, wenn sich die Haustür nur mit letzter Kraft zudrücken lässt, im Briefschlitz eine blutige Hand sichtbar wird. Aber können wir unseren Augen trauen?

 

In der Kirche trifft Harper auf einen Vikar mit fettigem langen grauen Haar, der seine Hand auf ihr Bein legt, seelsorgerische Pflichten heuchelt und ihr vorwirft, für den Tod von James verantwortlich zu sein. Warum hatte sie ihrem Gatten nicht verzeihen können, dann würde er noch leben. Die bedrohlichen männlichen Wesen mit ihrem teigig weißem Teint verlangen nach Erlösung, Vergebung von jeglicher Schuld. Ob Mikroaggression oder pure Gewalt, der Anspruch auf Gnade scheint ihnen historisch verbrieft. Ekel und Angst vermischen sich. Auf der Treppe sitzt ein maskierter pubertärer Junge mit obszönem Angebot. In der Bar-Szene agieren fünf von Kinnears Charakteren gleichzeitig. Auch wenn die Protagonistin nach jedem Encounter flieht, das Gesicht vor Entsetzen verzerrt, sie hält stand. So wie sich die selbstbewusste Mittdreißigerin nicht von ihrer einstigen großen Liebe unter Druck setzen ließ, kann kein Monster sie aus dem Garten Eden vertreiben. Soll der Apfel an den Sündenfall erinnern und verkörpert er den Baum der Erkenntnis? Garland überlässt uns die Suche nach der Antwort. Horrorfilme bieten ein Maximum an kreativem Freiraum, das bewies schon die blutige Familien-Saga „Hereditary“ (2018) von US-Regisseur Ari Aster oder „Titane“ (2021), jenes Erlöser-Epos getarnt als feministischer Body Horror der französischen Regisseuren Julia Ducournau. Eine Eruption von Emotion: Fesselnd, brutal, verstörend, zärtlich, die mit betörender Radikalität Normen, Strukturen, Logik und Erwartungen zerstört. 

 

Garland versucht uns nicht gefühlsmäßig zu überwältigen eher intellektuell. Auf der Suche nach dem Ursprung allen männlichen Übels verbinden sich Mythen, Symbole, Riten, biblische wie heidnische, zum suggestiven Horrortrip. Die von Frauen zugefügten Wunden verbindet die Männer, das starke Geschlecht am Boden zerstört? Nein, es gebärt sich selbst im unentrinnbaren Kreislauf der Natur. Unter Schmerzen und Schleim durch eine Vulva an gewohnter Stelle. Ein Mann nach dem anderen erblickt das Licht der Welt, jeder verkörpert eine Facette von James und allen gemeinsam ist die gleiche Verletzung. Seltsam, selbst Liebhaber von Splatter und drastischem Gemetzel, diese Geburt verstört sie zutiefst und doch ist diese Sequenz in ihrer wahnwitzigen Logik als Metapher genial. Die Umkehr des Sündenfalls, was einst als Strafe für Eva gedacht, ist längst Schicksal der Männer.  Die Auflösung des Psycho-Dramas hinreißend, unerwartet versöhnlich. Meisterhaft versteht sich der Autorenfilmer darauf, Furcht und Ekel ästhetisch neu zu definieren. Die Herzen seiner Fans hat Alex Garland mit „Men“ vielleicht nicht erobert, aber ihre Neugier geweckt. Das Unverständliche provoziert, fordert die ZuschauerInnen heraus mehr als die destruktiven Impulse von James. Lebhaft wird diskutiert, was die Pusteblumen bedeuten, der Grüne Mann oder der sheela-na-gig, was hat es mit Harpers Lächeln auf sich am Ende des Films, wofür steht der Junge auf der Treppe? Nun, sollte sich toxische Männlichkeit nicht per DNA übertragen, werden Söhne früh konditioniert. Der schrullige Geoffrey erzählt von seinem Vater, der voll Verachtung den Buben als gescheiterten Soldaten bezeichnete. Das prägt. Und da Harper wie zu erwarten nicht auf die Avancen des pubertären Knaben mit der Maske eingeht, bezeichnet er sie als Schlampe, früh hat man ihn gelehrt, Frauen müssen spuren. Notgedrungen. 

 

Was plakativ klingen mag, funktioniert aber als Parabel auf der Leinwand. Auch ohne fundiertes kunsthistorisches Wissen erklären sich die Bilder gegenseitig, Worte sind kaum nötig. Wir akzeptieren dank schwarzem Humors, toxische Männlichkeit ist allgegenwärtig, doch Frauen werden stärker, Wunden können heilen. Garland überlässt die Deutungshoheit dem Publikum. Für manche ist „Men“ pures Männer-Bashing, anderen mangelt es an Tiefe. Dabei lässt sich an jedem Punkt der Story ansetzen und weiterforschen bis hin zur Banalität des Bösen, geboren von Männern, geduldet, durchlitten von Frauen. So wie das luxuriöse Cottage mit seinen blutroten Wänden ein Eigenleben entwickelt, ist der Wald voller skurriler Geheimnisse und nimmt sich seine Freiheiten. Der Film endet mit Duncans Love Song in der Cover Version von Elton John. Schmerz und Horror können die bittersüße Traurigkeit des Songs nichts zerstören. Was Garland so schätzt an dieser Version, dass Elton John nicht versuchte, etwas zu ändern. „Die Worte des Songs sind extrem einfach“ sagt der Regisseur, „aber sie sind ebenso wahr. Und ich mochte immer Dinge, die überintellektuellen Leuten Unwohlsein bereiten. Ich finde eine Art witzigen Optimismus in dem Ende, und für das ist der Song perfekt."

 

 


Originaltitel: Men

Regie: Alex Garland

Drehbuch: Alex Garland

Darsteller: Jessie Buckley, Rory Kinnear, Paapa Essiedu, 

Produktionsland: Großbritannien, 2021

Länge: 86 Minuten 

Kinostart: 20. Juli 2022

Verleih: Studiocanal GmbH / Koch Films

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Studiocanal

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