Film

Eine Pariser Notaufnahme als Spiegelbild der tiefen Kluft in der Gesellschaft: Catherine Corsini inszeniert die satirische Tragikomödie „In den besten Händen” zwischen Fiktion und knallharter Realität, voll nervös vibrierender Energie und Spannung. 

 

Auf dem Champs-Elysées demonstrieren die Gelbwesten gegen Präsident Macron, die französische Regisseurin konfrontiert uns mit Wut, Schmerz, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Armut, elitärer Überheblichkeit und Liebe nahe der Obsession. Momente von Ohnmacht und Bedrohung wechseln mit schwarzem Humor, absurd wie erschütternd. 

 

„Verdammt wach endlich auf”, „Herzlose Schlampe”, „Miststück”. Comiczeichnerin Raphaela, genannt Raf (großartig Valeria Bruni-Tedeschi) liegt neben ihrer friedlich schlummernden Lebensgefährtin und knallt im Minutentakt eine SMS nach der anderen raus. Raf und die Verlegerin Julie (Marina Foïs) sind seit zehn Jahren ein Paar, doch nun scheint ihre immer schon etwas turbulente Beziehung am Ende zu sein. Eisiges Schweigen am Morgen, Raf hat den Bogen überspannt, die Verlegerin will ausziehen. Für wortreiche Entschuldigungen oder tränenreiches Flehen und Betteln ist es zu spät. Julies Sohn Eliott platzt in das Gespräch, er ist Auseinandersetzungen von den beiden gewohnt, an diesem Tag lässt er die Schule sausen, will zur Demo der Gelbwesten. Als Rat bekommt er noch auf den Weg, sich vom Schwarzen Block fernzuhalten.

 

Das Drehbuch schrieb Catherine Corsini („Partir”, „Trois mondes”, „La belle saison”) zusammen mit Agnes Feuvre und Laurette Polmanss. Von den ersten Szenen an spüren wir die selbstkritische Haltung der 65jährigen Filmemacherin, sie verzichtet auf die kreative Komfortzone des bloßen Beobachtens und Urteilens, -was geschah, was geschehen wird, die Verantwortung dafür liegt auch bei ihr, bei uns allen. Nur Protagonistin Raf ist von jedweder Einsicht noch weit entfernt, privat wie politisch, sie klammert, greint wie ein verwöhntes Kind, rennt auf der Straße kreischend hinter Julie her, stolpert, stürzt. Eine Ambulanz bringt die Verletzte in die Notaufnahme. Zur gleichen Zeit erreichen LKW-Fahrer Yann (Pio Marmaï) und seine Kumpel Paris, schmettern voller Inbrunst: „Aux Champs-Elysées“, sie schließen sich der demonstrierenden Menge an, die skandiert „Wir sind hier“ und fordert den Rücktritt von Präsident Macron. Doch bald schon greift die Polizei ein, eine grausame Hetzjagd beginnt, Tränengas und Gummigeschosse, Rauch, Flammen, Schreie, etwas explodiert. Yann wird getroffen, die Uniformierten prügeln auf den am Boden liegenden ein. Mit schweren Beinverletzungen kommt er in die Notaufnahme. Dort begegnen sie sich: Die arrivierte linke Bourgoise mit gebrochenem Ellenbogen und der Arbeiter aus prekären Verhältnissen, der jeden Cent umdrehen muss und noch bei seiner Mutter wohnt. Konflikte sind vorprogrammiert.

 

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In den überfüllten Warteräumen und Korridoren ist kaum noch Platz, das Krankenhauspersonal völlig überfordert, Strukturen und Gebäude marode, die Stimmung unter den Patienten aggressiv, unendlich viele Stunden des Wartens noch vor sich, Hilfe nicht in Sicht. Unaufhörlich treffen neue Verletzte ein. Krankenschwester Kim (grandios Aïssatolu Dialo Sagna) schiebt die sechste Nachtschicht infolge, noch ist sie der Fels in der Brandung, geduldig, kompetent, sie lächelt, tröstet, wo jeder andere schon längst aufgegeben hätte. Aber auch sie wird bald den Dienst für immer quittieren, die Belastung ist zu stark, es fehlt an Respekt für Pfleger und deren Arbeit. Ihr Baby daheim hat hohes Fieber, der Vater ratlos. Raf fühlt sich allein und verlassen, jammert nach Schmerzmitteln, während sie sie sich unruhig auf der Liege hin und her wälzt, und aus ihrem privaten Handtaschen-Vorrat heimlich eine Tramadol nach der anderen einwirft. Es mangelt an geeigneten Gesprächspartnern, um den aufgestauten Frust loszuwerden, notgedrungen muss der LKW-Fahrer herhalten. Die Zeichnerin kritisiert die Gewalt auf beiden Seiten, Yann entgegnet, ob sie es vielleicht normal finde, dass die Polizei auf Demonstranten schießt und wirft ihr vor, blind für die Wirklichkeit zu sein. Als er Raf unterstellt, Marcron gewählt zu haben, packt sie der Zorn. Sie bezichtigt ihn, wohl ein Wähler von Marine Le Pen zu sein und verkündet stolz, genau gegen diese ultrarechte Politikerin demonstriert zu haben. Das Auftauchen eines Arztes unterbricht die Auseinandersetzung. Yann muss zum Röntgen.

 

„La fracture” ist der Originaltitel von Corsinis Tragikomödie, sie ist von erschreckender Aktualität. Die Spaltung der Gesellschaft vertieft sich durch Krieg und Energiekrise, überall werden nun Risse sichtbar, wer gestern noch ein leidlich zuverlässiger Partner schien, ist heute vielleicht schon unser Gegner. Während ich schreibe, ist die Entscheidung für die Stichwahl Macron-Le Penn noch nicht gefallen. Ja, Raf ist unsympathisch in ihrem egoistischen lächerlichen Selbstmitleid, und doch, Verlust hinnehmen mit eleganter Souveränität, wer kann das schon. Und wenn, dann versuchen wir meist lediglich die Fassade zu wahren, uns selber Mut zu machen. Wer sich nicht als Teil der Jugend mehr bezeichnen kann, den beschleicht während des Films nicht nur eine unendliche Traurigkeit, sondern auch die Gewissheit, irgendwo versagt zu haben. Der beißende Humor der Dialoge verhindert, dass wir nicht in Larmoyanz verfallen wie Raf. Eigentlich hätte „In den besten Händen” ein Sozialdrama in der Tradition von Ken Loach werden können, auch wenn es sich eher wie ein Politthriller anfühlt, doch die Satire gibt mehr Freiraum, verhindert jede Form des Pathos, selbst wenn in der Notaufnahme Teile der Decke sich lösen, herab rieseln, und jemand ruft: „Das Gesundheitssystem kollabiert”. Auch wenn sich der politische Aktivist aus der Provinz und die arrogante Künstlerin andauernd lauthals streiten, immerhin sie sprechen miteinander,und  irgendwann beginnen sie einander zu verstehen. Die andern Wartendenl schweigen nur.

 

Yann fährt im Rollstuhl durch die Gänge des kafkaesken Krankenhauslabyrinths, er sucht seine Kollegen, auf dem Fernsehbildschirm flimmern die Bilder von den Zusammenstößen zwischen Gelbwesten und der Sondereinheit CSR, die für ihr skrupelloses Durchgreifen berüchtigt ist. Der LKW-Fahrer verlangt, dass der Ton laut gestellt wird. Eine Frau keift ihn an: „Sie werden uns doch wohl nicht zwingen, Macron zuzuhören.” Vorurteile und Klassenressentiments prallen aufeinander. Erschöpfte Ärzte und Schwestern mit müden Gesichtern sind immer am Limit, dann kommt auch noch die Aufforderung, die Namen von verletzten Demonstranten an die Polizei zu geben, viele weigern sich dem Aufruf der Denunziation zu folgen. Julie trifft ein, versucht die verängstigte hysterische Raf zu beruhigen, die glaubt, ob des komplizierten Bruchs, vielleicht nie mehr zeichnen zu können. Nein, keine Versöhnung. Julie kann das Selbstmitleid und die Egozentrik nicht mehr ertragen, empfiehlt der Ex-Partnerin, es mal mit Nettigkeit zu versuchen und flüchtet nach draußen.

 

Vor dem Krankenhaus spitzt sich die Lage zu. Die aufgestaute Wut bricht sich Bahn, Autos und Barrikaden brennen. Immer mehr Verletzte drängen Richtung Notaufnahme. Das Krankenhaus schließt für einige Stunden. Den Eingang bewachen Sicherheitskräfte. Unter den Ausgesperrten befindet sich auch Julie. Die Stimmung ist aufgeheizt, die Menschen fürchten von der Polizei angegriffen zu werden.  Ein Arzt übernimmt die Verantwortung und sorgt dafür, dass sie einzeln in den sicheren Bereich hineingelassen werden. Er schert sich nicht darum, dass die Behandlung von Demonstranten illegal ist. Julie packt mit an, hilft bei der Versorgung der Tränengas-Opfer. Raf begreift, wie unwichtig eigentlich ihre eigenen Probleme sind, tritt ihr Bett an eine Schwangere ab. Derweil stibitzt Yann einen Ärztekittel, haut ab, wenn er seine Ladung nicht pünktlich abliefert, ist er seinen Job los. Dass diese Unternehmung schief geht, war vorauszusehen. Ein Happy End gibt es nur für solche wie Raf und Julie. Als Schauspielerin am beeindruckendsten: Aïssatolu Dialo Sagna, sie ist von Beruf Krankenschwester. 

 

Catherine Corsini über die politischen Hintergründe

Nach zwei historischen Filmen über Feminismus und Inzest, wollte die Regisseurin unbedingt einen thematisch aktuellen Film drehen, der von der Spaltung innerhalb der Gesellschaft erzählt. Anfangs wusste sie nicht recht, wo anfangen: „Ich habe viel über Nanni Moretti (Anm.Red. „Caro Diario",1993, „Mia Madre", 2015) nachgedacht, wie er sich selbst absurd und gleichzeitig tiefgründig inszeniert und dabei ein politisches Statement liefert, ich suchte nach einer Geschichte zu Beginn der Gelbwesten-Bewegung. Nach einem Sturz fand ich mich am 1. Dezember 2018 in der Notaufnahme des Krankenhauses Lariboisière wieder, das war meine Inspiration für den Film und die Verknüpfung zwischen Notaufnahme und dem allgemeinen sozialen Klima." Dort beobachte Corsini eine Nacht lang das ständig am Limit arbeitende und trotzdem mitfühlende Pflegepersonal, das aber nicht die Zeit hatte, zu allen freundlich zu sein und auf der anderen Seite die Patienten, oft verzweifelt und nach jemandem suchend, dem sie sich anvertrauen konnten. „Das ist alles besonders krass im in der Nähe des Bahnhofs liegenden Lariboisière mit seiner extrem armen Bevölkerung, eine Durchgangsstation für Viele, Drogensüchtige, psychiatrische Fälle, unbegleitete Minderjährige...

 

Mir wurde klar, dass der Film sich immer zwischen Dokumentation und Fiktion bewegen sollte. Ich bringe meine persönliche Situation nicht aus Narzissmus mit ein. Es erlaubt mir vielmehr von Politik zu reden, sowie darüber, dass mein Schwiegersohn eine zweite rechtlose Mutter hat. Diese Kluft bringt eine Wirklichkeit in den Film, die den Blick auf die Krise rechtfertigt. Ich konnte mich weder mit einem der Demonstranten identifizieren noch mit einer der Krankenschwestern, aber ich konnte aus meiner Perspektive von ihnen erzählen. Ich wollte mich ins Zeug legen und raus aus meiner Komfortzone und auf Gefälligkeit verzichten.

 

Ebenfalls wollte ich eine bestimmte Selbsttäuschung nutzen, die gut als Motor für eine Komödie funktioniert. Und über das Paar hinaus wollte ich auch über eine einst engagierte Generation witzeln, die mal an die Revolution glaubte, aber heute „das alles schon ein bisschen zu gewalttätig" findet." Dokumentationen wie „Classe Moyenne, des vies sur le fil " (ARTE, 2015) schilderten die Folgen der Arbeitslosigkeit. Die Betroffenen konnten sich vorher finanziell grade noch über Wasser halten und plötzlich geriet ihre Existenz aus den Fugen.

 

„Erschütternde Berichte von Leuten, die völlig arglos demonstrierten und dann von den Tränengasgranaten und Gummigeschossen übel zugerichtet wurden. Ich empfinde sehr viel Empathie für sie. Man spürte, das waren weder Randalierer noch Verrückte, die den Kopf von Macron forderten. Sie demonstrierten aus Überzeugung, um ihren Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit Ausdruck zu verleihen. Yann liebt seine Arbeit, mit der er aber kaum über die Runde kommt. Er will endlich sagen, was Sache ist, endlich gehört werden. Das Einzige, was ihn nach seiner Verletzung interessiert, ist, wieder zurück zur Arbeit zu kommen. Das ist doppeltes Leid für ihn: verletzt zu sein und obendrein noch den Job zu verlieren... Schon lange fühlten sich diese Menschen ausgegrenzt, litten unter der Bevorzugung von Paris gegenüber dem ländlichen Raum. Seit 1998 waren die Risse im sozialen Gefüge Frankreichs bekannt. Die Gelbwesten stehen in der Tradition anderer historischer unterdrückter Bewegungen wie der Commune.

 

Diese Bewegungen stehen für ein Gefühl breiter Bevölkerungsschichten, das manchmal populistisch erscheinen mag, aber eigentlich das Aufbäumen gegen Ungerechtigkeit und Gewalt ausdrückt. Diese Menschen fühlen sich nicht respektiert und übergangen, auch weil ihnen niemand zuhört. Mich fasziniert, wie es ihnen gelang, symbolische Treffpunkte zu schaffen, nutzlose und seelenlose Ecken umzuwandeln, wo die Leute miteinander reden. Zeichen einer poetischen, fast surrealen Kraft." Das Krankenhaus wird auch zu so einem Treffpunkt. „...eine Utopie der Demokratie, wo jeder mit seinen individuellen Beschwerden bei dem überarbeiteten und schlecht bezahlten Team ein offenes Ohr findet. „In den besten Händen” beginnt mit dem Lastwagenfahrer Yann auf der einen Seite und auf der anderen mit Raf und Julie in ihrer bourgeoisen Blase und ihrem Künstlermilieu. Sie alle landen im Krankenhaus und begegnen Kim. Durch ihre Person entwickelt sich das Krankenhaus heimlich und fast unbemerkt zum Hauptakteur. Kim bildete die Basis, es war wichtig, dass der Film sich ihr immer mehr zuwendet und ihr die letzte Einstellung widmet. Julie und Raf kehren heim in ihre Komfortzonen. Wir sehen sie zusammen weggehen, während uns der Rettungswagen noch einmal in den Krankenhausablauf zurückholt mit Yann, der romantischen Opferfigur. Und Kim, immer noch an der Seite derjenigen, die unter den gesellschaftlichen Bedingungen leiden. Einer Gesellschaft, die ein Bruch durchzieht, aber die sich gleichzeitig auch nach Versöhnung sehnt. Das mag utopisch und naiv klingen, aber ich hoffe, dass mein Film das spiegelt, was ich in der Gesellschaft spüre und wie ich sie mir gern vorstelle: Eine offene Gesellschaft ohne Ausgrenzung und ohne Macht für wenige. Ich wollte die Idee einer menschenwürdigeren und demokratischen Gesellschaft der Zukunft sichtbar machen, die auf gegenseitigem Respekt beruht.”

 

 


In den besten Händen

Originaltitel: La Fracture

Regie: Catherine Corsini 

Drehbuch: Catherine Corsini, Agnes Feuvre, Laurette Polmanss

Darsteller: Valeria Bruni-Tedeschi, Marina Foïs, Pio Marmaï, Aïssatou Diallo Sagna

Produktionsland: Frankreich, 2021

Länge: 99 Minuten 

Kinostart: 21. April 2022 

Verleih: Alamode Filmdistribution

 

Fotos,Pressematerial & Trailer: Copyright Alamonde Filmdistribution

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