Film

Mit seinem Remake des Noir-Klassikers „Nightmare Alley” verwirklicht Guillermo del Toro einen alten Traum, möglich geworden durch den Erfolg von „Shape of Water” (2017) und zwei Academy Awards. In dem schwermütigen bildgewaltige Thriller-Epos über den Aufstieg und Fall des Trickbetrügers Stanton Carlisle (Bradley Cooper) ersetzt der mexikanische Regisseur die Femme fatale durch einen Homme fatale.    
Die düstre moralische Fabel aus dem amerikanischen Wahrsager-Milieu der Vierziger-Jahre schildert nicht ohne Zynismus die Mechanismen menschlichen Handelns, getrieben von widersprüchlichen Emotionen, Sehnsucht und Machtgier, Selbstüberschätzung, Schuldgefühlen und vor allem Angst: Leben als Flucht vor der Einsamkeit. 


1946 publizierte Rinehart & Company, New York den Roman „Nightmare Alley” von William Lindsay Gresham (1909-1962). Wenig später schon verfilmte ihn Regisseur Edmund Goulding unter dem gleichnamigen Titel mit Tyrone Power in der Hauptrolle. 1947 kam der ungewöhnliche Noir in Deutschland auf die Leinwand, Verleihtitel „Der Scharlatan“ Del Toro beginnt anders als Gresham die Story nicht im Zirkuszelt beim kalten Licht der nackten Glühbirne sondern mit einer der albtraumhaften Erinnerungen des Protagonisten. Unter morschen Holzdielen entsteht ein Grab, der in Tücher gewickelt Leichnam geht in Flammen auf. Stanton „Stan“ Carlisle lässt die goldbraunen Felder seiner Heimat hinter sich. Wer er ist, welche Verbrechen er begangen haben mag, wir können es anfangs nur erahnen. So etwas wie einen Detektiv gibt es in diesem Thriller nicht, nur kurz taucht ein herrischer Provinz-Sheriff auf, der fällt wie alle anderen auf den Schwindel von Stans hellseherischen Fähigkeiten rein, ihm gönnen wir es ob seiner verlogenen Prüderie und der Verachtung fürs fahrende Volk. Falls der Zuschauer es sich zutraut, kann er selbst die Rolle des Ermittlers übernehmen und sich auf Spurensuche begeben. Das Drehbuch schrieb Guillermo del Toro zusammen mit Kim Morgan.   

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Ende der dreißiger Jahre ist Stan ein Arbeitsloser von vielen, ohne festen Wohnsitz oder Perspektive. Auf dem Jahrmarkt des zwielichtigen Schaustellers Clement „Clem“ Hoately (Willem Dafoe) findet der Drifter Unterschlupf, stellt unter Beweis, dass er zupacken kann ohne Skrupel. Dies ist seine große Chance, das spürt der Außenseiter. Wie nah er am Abgrund steht, wird ihm mit Schaudern bewusst beim Anblick des Geeks, jenem Mann gehalten wie ein Tier. Wie sinkt man nur so tief, fragt sich der Protagonist. Mehr Biest als Mensch, so wird das zottelige Wesen dem Publikum als furchteinflößende Attraktion vorgeführt. Mit bloßen Zähnen durchbeißt es einem gackernden Huhn den Hals, Toro erspart uns nichts von der drastischen blutigen Demütigung, ist sie doch symptomatisch für das System der Ausbeutung ob Jahrmarkt oder High Society. Trügerisch verlockend signalisieren die Lichter des Riesenrads Zuversicht, Aufbruch und Romantik. Die Jahrmarktsbühnen in ihren ausgeblichenen Farben wirken eher kärglich und verlieren doch nachts nicht an magischer Ausstrahlung dort mitten in jenem matschigen hoffnungslosen Niemandsland zwischen kleinbürgerlichem Alltagstrott und dem vermeintlichen Abenteuer des fahrenden Volkes,  

Clems Schausteller bilden eine verschworene Gemeinschaft, hermetisch abgeschlossen, mit ihren eigenen rigiden Regeln, wehe dem, der dagegen verstößt. Die mit Paragraphen versehenen Strafgesetze gelten hier wenig, ohne Gaunereien und Schwindel funktioniert das Geschäft mit den Illusionen nicht, Wahrheit wird verhökert wie Zuckerwatte. Aber auch Betrug erfordert höchste Kunstfertigkeit und Disziplin, warum sie also nicht bewundern. Den zarten Körper von Molly (Rooney Mara) durchzucken weiße elektrische Blitze. Del Toro führt uns ein in die mysteriöse Welt der Magier, Gauner und Scharlatane. Dem Charme von Stan kann kaum jemand widerstehen, Zeena (Toni Collette), die erfahrene Hellseherin, schließt ihn in ihr Herz, lehrt den Heimatlosen arglos ihr Gewerbe. Mit Ehemann Pete (David Strathairn) trat sie einst in weltberühmten Varietés auf. Pete hatte ein ausgeklügeltes Vokabular von Sprachcodes entwickelt, mit dem sie, die Assistentin ihn, dem Magier, vermittelte, um welchen verborgenen Gegenstand es sich handelte. Doch die Zeiten des Ruhmes sind vorbei, Luxusherbergen wie das Ritz nur noch verschwommene Erinnerung. Dem Druck des Berufs hatte ihr Gatte nicht standhalten können, begann zu trinken. Kritisch der Punkt, an dem ein Varietékünstler vergisst, dass er nicht wirklich übersinnliche Fähigkeiten besitzt, sondern nur ein begabter Schwindler und Schauspieler ist. Petes Know-How, die Codes, stecken in einem schwarzen Notizbuch, um daran zu gelangen, schreckt Stan auch vor einer teuflischen Tat nicht zurück. Der Weg zum Erfolg ist frei. 

Berührend mit welch subtiler Akribie Guillermo del Toro die einzelnen Charaktere und Beziehungen unter den Schaustellern zeichnet wie die Rücksichtnahme Zeenas auf Pete, sie versucht, ihn nie seine Unfähigkeit, sein Versagen spüren zu lassen. Umgekehrt überlässt Pete mit melancholisch nachsichtigem Lächeln dem Jüngeren das Feld, weiß er doch, dass er alt, verbraucht ist, eine lächerliche Figur, die nur noch den Grandseigneur mimt und nach dem nächsten Schluck giert. Molly tanzt mit dem kleinwüchsigen Akteur, er auf einem Tisch, Wange an Wange, man gleicht Schwächen aus, beschützt einander auf liebevolle Art. Manchmal etwas besitzergreifend, rau, Loyalität wird hier unter den Außenseitern überlebenswichtig. „Nightmare Alley” ist ein Hommage an Tod Brownings Rache-Drama „Freaks“ aus dem Jahr 1932. Stanton bleibt Außenseiter selbst unter den Außenseitern, zählen für ihn doch nur sozialer Aufstieg und Geld. Mit Molly zusammen verlässt er Clems Schausteller-Truppe. Schnitt. Jahre später treten die beiden in exklusiven Clubs auf wie dem Copacabana. Noch immer hat der ehrgeizige Stan nicht die gesellschaftliche Anerkennung erlangt, nach der er giert, wenn auch sein Ruf als Medium ihm Einlass in noble Häuser verschafft. Dort findet er gutgläubige Opfer genau wie damals unter den ärmlichen Besuchern des Jahrmarkts, gaukelt ihnen vor mit dem Jenseits kommunizieren zu können. Ob Glaube oder Aberglaube unser Protagonist zeigt sich wenig zimperlich bei der Wahl seiner Mittel, er versteht sich aufs Manipulieren, nur bei Molly funktioniert es nicht mehr. Sie ist entsetzt von den skrupellosen Geschäftsmethoden, sehnt sich zurück nach den alten Freunden.

Del Toros künstlerischer Kurswechsel von Fantasy zum Noir Thriller löste offensichtlich bei einigen Kritikern Befremden aus, man war enttäuscht von „Nightmare Alley”, und auch an der Kinokasse blieb der erwartete Erfolg aus. Unverständlich, vielleicht hat zu viel Marvel-Konsum unseren Blick getrübt, beliebt in der Pandemie seichte lehrreiche Komödien. Manchen Regisseuren mag es gehen wie Stendhal, der 1832 schrieb: „Meine Werke betrachtete und betrachte ich immer noch als Lose in einer Lotterie. Ich glaube, man wird mich erst 1900 lesen“. Recht behielt er, und seine Widmung „To the happy few” steht noch heute als Synonym für verkannte Leistung. Glücklich, wer sich auf die Spurensuche begibt zwischen düsteren Geisterbahnen und seelischen Abgründen. Stile, Farben, Texturen verschiedener Maler greift del Toro auf, verinnerlicht sie wie die Felder von Andrew Wyeth (1917-2009), das visuelle Vokabular von George Bellows (1882-1925) Kampfsportreportagen, jene unheimliche Kopplung von Drastik und Klassizität seiner Kriegsschauplätze genau wie die Leere und Einsamkeit des modernen Menschen in den Bildern Edward Hoppers (1882-1967). Stan ist auf der Flucht vor sich selbst, Schuldgefühle quälen ihn, aber er will und kann sich der Vergangenheit nicht stellen, also gibt es auch keine Vergebung für ihn. Die mörderischen Geheimnisse zerstören jede Nähe zu Menschen, als Betrüger muss er immer Verrat fürchten, am meisten aber ängstigen ihn die eigenen Schwächen. 

Del Toro kehrt zu dem wahren Ursprung der Monster zurück, dem Menschen. Was kann beklemmender sein als die Realität, die politischen Anspielungen sind unmissverständlich, doch nicht auf Tagespolitik und USA beschränkt. Das Zeitalter der Showmen ist angebrochen. Eines Abends während seiner Performance trifft Stanton auf Dr. Lilith Ritter (Cate Blanchett), die Psychoanalytikern zeigt offen ihr Misstrauen, die Verachtung für derlei Humbug, sie weiß um die Tricks der Gedankenleser, unterschätzt aber seine Beobachtungsgabe. Auch ohne Mollys Hilfe, errät er, was sich in ihrer kostbaren Abendtasche verbirgt und glaubt in der geheimnisvollen Schönen eine Seelenverwandte und perfekte Komplizin mit Kontakten zum Geldadel gefunden zu haben. Es wird ihm zum Verhängnis, Lilith ist ein einsamer Wolf wie er, als Gegner aber um einiges abgebrühter und intelligenter. Pete hatte den Freund gewarnt, Tricks mit Gespenstern heißt das Schicksal versuchen. Ein Teufelskreis schließt sich, der Kapitalismus lässt Stan nicht mehr aus den Klauen.

 

 


Originaltitel: Nightmare Alley

Regisseur: Guillermo del Toro
Drehbuchautor: Guillermo del Toro und Kim Morgan
Darsteller: Bradley Cooper, Cate Blanchett, Rooney Mara, Toni Collette, David Strathairn, Richard Jenkins
Produktionsland: USA
Länge:139 Minuten
Kinostart: 20. Januar 2022
Verleih: Walt Disney Studio Motion Pictures GmbH

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