Film

Das melancholische Mystery Drama „Lamb” spielt im Norden Islands auf einer abgelegenen Schafzüchterfarm, es erzählt von Liebe und schmerzlichem Verlust, Natur und Übernatürlichem, – der Sehnsucht nach einem Kind. Doch diese Sehnsucht birgt Gefahren in sich, Rache droht.

 

„Ein visuelles Gedicht” nennt Regisseur Valdimar Jóhannsson den Film und kreiert in der magisch anmutenden Landschaft seiner Heimat einen atemberaubenden geheimnisvollen Kosmos, dessen Horror im Verborgenen lauert, von uns Menschen unterschätzt und verkannt. 


Vorweg: Frappierend ist zu entdecken, wie sich unsere eigene Wahrnehmung verändert während der ersten vierzig Minuten von „Lamb”. Wo wir sonst vielleicht mit Ekel oder Abwehr reagieren würden, einem verunsicherten Lachen, besorgt um die Distanz zum Unbegreiflichen, empfinden wir nun Rührung, Betroffenheit, Verständnis. Jóhannsson schrieb das Drehbuch zusammen mit dem isländischen Autor und Künstler Sjón („Dancer in the Dark”, 2000), Ziel war, die Dialoge auf ein Minimum zu beschränken, das Geschehen in erster Linie durch Bilder und Töne zu vermitteln. 

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Zwischen den in ihrer rauen Schönheit überwältigenden Bergketten liegt die Farm von María (Noomi Rapace) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason). Eines Nachts zerstört etwas jene scheinbar friedvolle Abgeschiedenheit, einem Unwetter gleich schreckt es die Herde wilder Pferde auf, dringt dann ein in den Schafstall, ein Tier wird beiseitegeschoben. Man hört nur den Sturm, das Keuchen der Tiere, ihr Blöken. Was immer es war, die geisterhafte Erscheinung bleibt unsichtbar. Die Kamera folgt von nun an den beiden Protagonisten in der Routine ihrer täglichen Arbeit. Wenn das Paar während der Mahlzeiten zusammen am Tisch sitzt, spricht es kaum miteinander. Es ist kein feindseliges Schweigen, eher ein Schweigen der Hoffnungslosigkeit, das sie wie eine gemeinsame Bürde tragen. Trauma und Schuldgefühle lasten auf ihnen. Jede Phase des Folk Dramas ist von beunruhigender Intensität, selbst beim Aufhängen der Wäsche schwindet nicht das Gefühl der Bedrohung, des Beobachtet Werdens. Hier zeigt sich das Können des Kameramanns Eli Arensson, Horror basiert in „Lamb” nicht nach üblicher Genremanier auf krassen Schockeffekten wie Jump Cuts, sondern ist subtil, mit minimalen Veränderungen inszeniert oder gar als völlig unbewegliche Konfrontation. Ein Blick der Hauskatze genügt, uns für einen Moment erstarren zu lassen. So majestätisch die Landschaft auf den ersten Blick wirkt, so klaustrophobisch ist sie wenig später im Nebel, Flucht scheint unmöglich. Unverkennbar der Einfluss des ungarischen Filmregisseurs und Produzenten Béla Tarr („Satanstango”,1994, „Das Turiner Pferd”, 2011).

Ereignisse und Veränderungen, vieles von dem, was außerhalb unseres Blickwinkels geschieht, spiegelt sich in den Gesichtern von María und Ingvar. Wir sind an die beiden wortkargen Akteure emotional gekoppelt. Und wenn sonst die blökenden winzigen Lämmer Wärme, Unbeschwertheit signalisieren, an diesem Tag tritt die entscheidende Wende ein im Leben des Paares: Ein rätselhaftes Wesen wird geboren, Hybrid aus Mensch und Tier. Wir sehen es nicht, nur das Staunen in Marías Gesicht. Unsicherheit verwandelt sich in liebevolles Lächeln, als sie der Kleinen die Flasche gibt. Aus den Decken lugt der Kopf eines Lamms, der Körper bleibt verborgen. María und Ingvar nennen sie Ada nach ihrer toten Tochter. Die schmerzhafte Lücke in ihrem Dasein scheint wie durch ein Wunder geschlossen, dem Neugeborenen gilt ihre ganze Fürsorge. Noch liegt es auf Stroh in einem Waschzuber, im Radio spielt ein Weihnachtslied. Aus dem Schuppen wird das alte Kinderbettchen geholt, Spielsachen und Bücher zum Vorlesen. Nur sind die drei halt keine heilige Familie, denn draußen blökt zornig und bedrohlich das Mutterschaf. María ist bereit zum Äußersten für ihr Familienglück, sie erschießt das Muttertier und verscharrt es. 

Als Kind verbrachte Valdimar Jóhannsson viel Zeit auf der Farm seiner Großeltern: „Also kenne ich Lämmer, Schafe und Böcke sehr gut”, sagt er in einem Interview. „Ich wollte schon immer einen Film machen, der auf folkloristischen Märchen meiner Heimat beruht, eine Geschichte, die sich mit der Natur der Menschen und dem Menschen in der Natur beschäftigt.” „Lamb” bezieht seine Impulse nicht aus einem bestimmten Volksmärchen sondern aus verschiedenen. Der Regisseur und sein Co Autor sind beide fasziniert von Geschichten, die „im Kern realistisch sind dann aber ein absurdes oder surreales Element besitzen, das nie direkt angesprochen wird und dadurch genauso real wird wie der Rest. ...Aber während María versucht ihre Familie von äußeren Einflüssen abzuschirmen, die ihre sorgsam aufgebaute Wirklichkeit bedrohen, wird ihr bewusst, dass es für sie keinen Weg zurückgibt.”

„Marías Stärke und Zielstrebigkeit,” so der Regisseur, „sind inspiriert von meiner Großmutter, die vor kurzem verstorben ist. Sie und mein Großvater hatten eine Schaffarm und fünf gemeinsame Kinder, alle innerhalb von acht Jahren geboren. Auf der Farm gab es keine Unterscheidung zwischen Männer und Frauenarbeit. Alles wurde gemeinsam erledigt, egal ob technische Reparaturen oder die Zubereitung des Abendessens. Das Leben auf der Farm war nie einfach, aber trotzdem hat sich meine Großmutter nie unterkriegen lassen. María hat dieselbe Widerstandskraft. Sie ist unzerstörbar und weigert sich aufzugeben. Und obwohl ihr und ihrem Mann durch den Verlust jegliche Lebensfreude und Leidenschaft geraubt wurde, sind sie noch enger zusammengewachsen.”
    
„Wir haben „Lamb” auf einem Bauernhof im Norden Islands gedreht. Die Tiere, die Farm und auch die Umgebung sind essenzieller Bestandteil des Films. Ebenso die Jahreszeiten mit ihren wechselnden Licht und Nebelverhältnissen sowie auch die beiden unterschiedlichen Welten: die üppige und verletzliche Welt der Menschen auf der einen und die mythische Natur mit den rauen Bergen auf der anderen Seite. Mit dieser ursprünglichen und wilden Natur spielt man nicht und man kann sie nicht kontrollieren”, so Jóhannsson. „Ohne Natur kann die Menschheit nicht existieren. Für mich ist Natur nicht bloß das, was wir sehen, sondern auch das, was wir fühlen. Deshalb ist sie für mich auch sehr stark mit dem Übernatürlichen verbunden. Natur lässt sich nicht abschätzen oder kontrollieren, und wie wir in den letzten beiden Jahren feststellen mussten, ist die Menschheit ziemlich fragil, schwach und abhängig. Wir sind ja ständig Kräften ausgesetzt, die sich außerhalb unserer Kontrolle befinden, sowohl auf der alltäglichen Ebene als auch auf der immateriellen. Verlust und Tragödie sind nie weit weg. In einer Welt, in der wir fast alles erreichen können, sollten wir nie vergessen, dass wir uns der Natur nicht entgegenstellen und unserem Schicksal nicht entkommen können.” 

Unerwartet taucht der Bruder von Ingvar auf, Pétur (Björn Hlynur Haraldsson), verkrachter Rockstar mit miesen Freunden, chronisch verschuldet, ist scharf auf die Schwägerin. Ungefragt quartiert er sich bei den Verwandten ein, perfekt um die Anwesenden aus ihren Illusionen zu reißen. Der eh unsensible Pétur verfügte nicht wie wir über genügend Zeit, ein Gefühl der Selbstverständlichkeit für das Surreale zu entwickeln. Natürlich hat die Situation ihre makabre Komik. Voller Abscheu betrachtet der missratene Bruder Ada und fragt er: „Was ist das?” María und Ingvar verdrängen, dass die Kleine nicht ihr Kind ist, dass sie mit ihrer Anmaßung, den Zorn der Natur hervorrufen werden. Das Gefühl der Bedrohung wächst und dann irgendwann ist Ada verschwunden, ein wenig fühlt man sich erinnert an Nicolas Roegs Horrorthriller „Don’t Look Now” (1973). Als grandiose Akteure erweisen sich die Tiere, nicht nur Hauskatze und Hütehund, nein, vor allem die großen schweren Schafe mit ihren gedrehten Hörnern sind unglaublich ausdrucksstark, wir glauben ihre Missbilligung und Feindseligkeit zu spüren. 

Noomi Rapace („Prometheus – Dunkle Zeichen“, 2012), Tochter einer schwedischen Schauspielerin und eines spanischen Flamenco-Sängers besitzt besonderes Gespür für extreme Rollen. Mit der Hackerin Lisbeth Salander schuf sie jene Einzelkämpferin voller Widersprüche, Stärke und Zerbrechlichkeit. In „The Secrets We Keep“ (2020), spielt sie eine Frau, die sich weigert, Opfer zu sein, aus dem erlittenem Leid als Sinti und KZ-Häftling wird unbändiger Zorn, der ihr die Kraft gibt, ihre Widersacher auszuschalten. In der Rolle der María zeigt Rapace neben der kämpferischen harten Seite eine Empfindsamkeit, die ungeheuer berührend ist. Wie sie mit Ada auf einer riesigen Wiese sitzt und ihr einen Kranz aus Blumen flicht, mit ihr zusammen badet, diese Liebe von ihr und Ingvar ist entwaffnend, beide tun etwas Unmoralisches, fordern die Rache der Natur heraus, auf manche mögen sie nur lächerlich wirken, aber María verliert nie ihre Würde und unsere Achtung. In ihrer Kindheit lebte Noomi Rapace viele Jahre auf Island, der Alltag auf einer Farm mit Tieren ist ihr vertraut, vielleicht ist sie auch deshalb so überzeugend in diesem Part. Auf den Filmfestspielen in Cannes wurde das Folk Drama ausgezeichnet mit dem Prix du Regard Original.

 


Lamb

Originaltitel: Dýrið
Regie: Valdimar Jóhannsson    
Drehbuch: Sjón und Valdimar Jóhannsson 
Darsteller: Noomi Rapace, Hilmir Snær Guðnason, Björn Hlynur Haraldsson
Produktionsland: Island, Schweden, Polen, 2021
Länge: 106 Minuten
Kinostart: 6. Januar 2022
Verleih: Koch Films GmbH

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