Film

Regisseur Leos Carax, gefeierter Anarchist des französischen Kinos, lässt das Phänomen Musical vor unseren Augen explodieren, re-kreiert es als verstörenden bildgewaltigen Rausch aus Farben, Tönen und extremen Leidenschaften, fern formaler Zwänge. Musik und Texte stammen von Ron und Russel Mael, dem Art-Rock-Duo Sparks.


Ob als romantische Horrorfarce oder unversöhnliches Schuld- und Sühne-Drama, „Annette” wechselt ständig zwischen artifizieller Hingabe und realer Bösartigkeit, Komik und Tragik, ist grotesk, poetisch, ekelerregend und ergreifend. Was fehlt, ist jegliche Form von Ironie, Carax meint es ernst, todernst mit seiner Reflektion über Showbusiness, #MeToo, machtgierige Künstler, egoistische Eltern und vor allem sich selbst. 


„Wir bitten Sie, sich ruhig zu verhalten. Nehmen Sie einen letzten Atemzug.” Vom ersten Moment an durchbricht Carax die vierte Wand, jene imaginäre Grenze zwischen Filmgeschehen und Publikum, der Regisseur sitzt anfangs noch selbst am Mischpult im Tonstudio, unweit von den Brüdern Mael, neben ihm seine 16jährigen Tochter Nastya: „So may we start?” Das Sparks Duo, Backup Singer und Band nehmen die Frage auf, ein Auftakt von der betörend mitreißender Energie alter Gene Kelly Filme, alle stehen auf, drängen singend hinaus auf den nächtlichen Boulevard von Santa Monica. Unbändiges Glücksgefühl packt den Zuschauer, nichts lässt den drohenden Abgrund erahnen. Adam Driver und Marion Cotillard schlüpfen in ihre Rollen, er braust auf einer schweren Maschine davon, sie wird vom Chauffeur in einer cremefarbenen Limousine abgeholt. Carax und Nastya verschwinden, überlassen die Protagonisten ihrem Schicksal. Das Musical „Annette” hat der Regisseur seiner Tochter gewidmet. 

Die Zuschauer toben vor Begeisterung, wenn Stand-Up-Comedian Henry McHenry (phantastisch Adam Driver) einem Boxer ähnlich im grünlichen Bademantel und schwarzen Shorts die Bühne betritt. Er keucht, hustet, schlurft, imitiert eine hinkende Greisin, spielt ostentativ seine Unlust am Lustigsein aus. „Glaubt Ihr, es interessiert mich, was Ihr über mich denkt?" singt er. Gesprochen wird kaum im Film, die Liedtexte transportieren Dialoge und Gefühle. The Ape of God, wie Henry sich nennt, ist ein Magier der Massen und zelebriert Menschenverachtung mit obszön aggressivem Genuss. Noch mehr als das leicht manipulierbare Publikum hasst er sich selbst, aber nun hat der perfide Zyniker sich verliebt. Sein Herz gehört der zierlichen Starsopranistin Ann (Marion Cotillard). Was mag sie nur an mir finden, fragt sich der Comedian. Neben dem Hünen wirkt das zarte Geschöpf noch zerbrechlicher. Die beiden könnten nicht gegensätzlicher sein. „Wie war die Show?” fragt Ann ihn. „Ich habe sie fertig gemacht. Und wie lief’s bei Dir?” „Ich habe sie gerettet.” 

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„We Love Each Other So Much” singen die zwei voller Inbrunst, ob beim Spaziergang oder bei der Motorradfahrt unterm Sternenhimmel. In nächtlicher Umarmung verschmelzen sie miteinander. Für die Medien ist das ungleiche Liebespaar und ihre Heirat ein gefundenes Fressen. Baby Annette kommt zur Welt, und uns stockt der Atem bei ihrem Anblick, die hölzerne Gliederpuppe erinnert an eine Marionette, - nur eben ohne Fäden. Ann und Henry vergöttern die Kleine. Vom Publikum umjubelt, stirbt die Sängerin weiterhin allabendlich auf der Bühne ihren tragischen Operntod, ob Traviata oder La Boheme. Neid erwacht in Henry, er muss im Mittelpunkt stehen, lieber gehasst als vergessen. Nur er ist überflüssig auf der Opernbühne mit jenen immensen puristischen Kulissen von atemberaubendem Ausmaß. Davor Ann, die schutzlose Ann, der Tod ist schon Teil ihres Lebens. Henry wird immer ungnädiger, aggressiver, betrinkt sich. 

Bei dem französischen Autorenfilmer wird oft die Kunst selbst zum Protagonisten, und auch das Publikum. Wir erinnern uns: „Holy Motors” (2012) Carax schickt den Zuschauer auf eine ästhetisch virtuose surreale Irrfahrt durch Paris. Sein Held Monsieur Oscar (grandios Denis Lavant) wird in einer weißen Stretch-Limousine von Termin zu Termin chauffiert. Hier im Wagen verwandelt er sich für seinen nächsten Auftritt als skrupelloser Killer, bettelnde Greisin oder kühlen Geschäftsmann. Er wechselt Milieus wie Masken, lauert als monströser Kobold hinter einem Grabstein, verschlingt Blumen, verschleppt ein Model (Eva Mendes), um wenig später in einem Palais den sterbenden sanften Onkel zu mimen. Manches erinnert an Kafka, E.T.A. Hoffmann, aber auch Godzilla. Während Kylie Minogue „Who we were” singt, kreiert Carax ein kaum entwirrbares mysteriöses Geflecht aus Beziehungen und Botschaften. Die Kameras wurden unsichtbar. Menschen und Maschinen enden als Sklaven einer virtuellen Welt. Inszenierung statt gelebter Erfahrung. Realität getarnt als Film im Film. Grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend und ergreifend. Es geht um das Schicksal des Kinos, die Krise sind hier die Betrachter. Wenn sie verschwinden, wird das Schauspiel zur Wirklichkeit.

Auch in „Annette” dreht sich alles um Kunst und Selbstdarstellung. Wo aber bleibt da ein Kind? Die Gegensätze könnten einander ergänzen, bewusst beginnt so der Film, Henry bereitet sich wie ein Boxer für den Kampf vor, arbeitet an seiner Kondition, er stopft eine Banane in sich hinein, perfekte Energiereserve für Sport und Boshaftigkeit. Ann dagegen beißt vor dem Auftritt in einen Apfel, ideal für die Stimme. Wenn der Ape of God Seil springt, macht sie Dehn und Entspannungsübungen auf dem Boden, die wirken wie das Vorspiel zum Liebesakt, aber die Opernbühne ist ja ihre Liebe, eine verlässlichere als der einst von seinen Fans gefeierte Bad Boy. Dunkle Dämonen quälen den Komiker, der Abgrund lockt. Jene hinreißende Amour Fou hat sich verwandelt in Selbsthass und Missgunst, die Show gerät zum sadistischen Seelenstrip: Mit ausführlicher Grausamkeit schildert der Antiheld auf dem Podium, wie er seine Frau zu Tode kitzelt. Das Publikum revoltiert, Missbrauchsvorwürfe werden laut.  Während eines nächtlichen Segeltörns zwingt der betrunkene Henry draußen in eisiger Kälte Ann zum Tanz, „Let’s Waltz in the Storm”, sie fürchtet um ihre Stimme, bettelt, fleht, will zurück unter Deck. „Ist Dir nichts heilig?” Er stößt sie in die stürmischen Meeresfluten, mimt später den selbstlosen Retter seiner Tochter. Doch die Gattin lässt nicht los, erscheint ihm von nun an Nacht für Nacht als Geist, ihre unvergleichliche Sopranstimme ertönt aus dem Mund der Tochter. Gnadenlos wird die Kleine als singendes Wunderkind vermarktet. Henry mordet wieder, aber Annette rächt sich. 

Der heute 61jährige Carax („Die Liebenden von Pont-Neuf", 1991) konzentrierte sich schon immer auf die düstre destruktive Seite der Liebe. Ob Musical Märchen oder Glam Rock Oper, „Annette” sprengt jedes Genre, ist überbordend an Einfällen, Ideen, Bilderrätseln und Referenzen und Farbschattierungen. Die Intensität, die Konsequenz, mit der sich Musik und Story vereinen und auch wieder in Frage stellen, ist genial. 40 Songs in einem Musical, Ron und Russel Mael sind zu Recht stolz darauf. „Annette” ist Carax erster Film in englischer Sprache und auch irgendwo ein Thriller. Am spannendsten vielleicht jene Gestalten, die im Schatten der großen Stars stehen wie der namenlose Künstler (Simon Helberg), der Ann auf dem Klavier begleitete. Wir aber lauern darauf, ob es noch lange braucht, bis Henry entlarvt wird und vor allem wie. Nein, wie darf man nicht verraten. Wer, nun das kann sich jeder denken, bleibt doch nur ein Zeuge der Tat, das Kind. Deshalb also die Widmung des Films an die Tochter als Schlüsselfigur. Carax Frau, die russische Schauspielerin Jekaterina Golubewa starb im August 2011 mit 44 Jahren, sie hatte in „Pola X” (1999) die Hauptrolle gespielt. Über die Todesursache, wohl Selbstmord, schwieg man. Die gemeinsame Tochter Nastya war damals kaum sechs. Einfach ist es nie, das Kind berühmter Künstler zu sein, wenn dann die Eltern sich noch über den Tod hinaus bekriegen wie in „Annette”, wird es zur unerträglichen Qual. Doch die ängstliche ungelenke, hölzerne Marionette verwandelt sich, nachdem Henry als Täter entlarvt ist, in ein hübsches kleines, sehr selbstständiges Mädchen, voller Wut und nicht bereit zu verzeihen, weder dem Vater noch der toten Mutter. Hatte die sie doch genauso zu ihren Zwecken missbraucht und mit jener geisterhaften Stimme das Leben vergiftet. Nur, weil sie nicht loslassen kann, Annette kann es. Zum letzten Song des Film marschieren Nastya, ihr Vater und das Team noch einmal durchs Bild.

Adam Driver („House of Gucci”, „The Last Duel”, „BlacKkKlansman”) ist als Alter Ego von Carax unübertrefflich, mit bravouröser Bösartigkeit bringt er das Publikum zum Lachen und Ann zum Weinen. Aber warum sind wir, die Zuschauer, eigentlich so versessen auf den tragischen Tod auf der Opernbühne und jubeln ohne Gewissensbisse dem geschmacklosesten Comedian zu?

 


Annette

Regie & Drehbuch: Leos Carax
Musik & Texte: Ron und Russel Mael
Darsteller: Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg, Rebecca Dyson-Smith,
Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Belgien, Mexiko, Japan, Schweiz 2021
Länge: 139 Minuten
Verleih: Alamode Filmdistribution
Kinostart: 16. Dezember 2021

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