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Hamburger Architektur Sommer 2019

Meinung
mail aus riga - Nebels Welt XVIII

Von Filmfesten und ihren Gästen, von sozialer Verantwortung und Make-Up als Beantwortung, von Honorieren und Sanktionieren.
Es ist mal wieder soweit. Filmfest in Cannes. Neben Berlin und Venedig eines der drei A-Festivals der Welt. Mit dabei Sponsoren aller Art. Wie mir berichtet wurde die Firma L’Oréal – wie immer bei solchen Gelegenheiten – vorneweg. Den Veranstaltern könnte es egal sein, Hauptsache die Kohle stimmt. Nur macht man sich als Betrachter dieses Geschehens schon so seine Gedanken. Alles wirkt wie eine Promotion Veranstaltung der großen Firma, auf der auch Filme gezeigt werden.

Die paar Tausend Besucher und Protagonisten können als eventuelle Zielgruppe dem Aufwand nicht gerecht werden; denn die Medien verschweigen die Bemühungen des Sponsors. Es ist einfach zu dicke. In Berlin ist das Geschehen ähnlich; wer nicht dabei ist, bekommt von L’Oréal nichts mit. Es zeigt aber auch, dass Unternehmen und Organisationen ab einer bestimmten Größenordnung sich ihre Welt selbst schaffen. Da so etwas nicht singulär zu betrachten ist, kann man annehmen, dass das Bewusstsein für Märkte sich auch zügig entfernt. Es ist ja nicht nur diese Firma, die solche Auftritte vergeigt, andere vermurksen Jubiläen aller Art, indem sie beispielsweise so genannte Prominente mit Produkten oder dem Unternehmen selbst in Verbindung bringen, die nun wirklich nicht dazu passen. Man sollte zum Beispiel Großmütter nicht als Sexy-Girls schminken.
Apropos schminken. Die soziale Verantwortung von Unternehmen und was sie dafür tun, findet sich in allen Geschäftsberichten und Verlautbarungen. Nun mal Hand aufs Herz: Wer kann ohne größere Recherche sagen, was Daimler Benz, BMW oder die Deutsche Bank so machen?
Verehrter Leser bzw. Leserin – Sie können beruhigt sein; dies geht allen so. Wenn solche Maßnahmen nicht kommunikativ durchdringen, dann sind sie eigentlich für die Katz. Man merke: Gutes Verhalten wird nicht honoriert, schlechtes Verhalten wird sanktioniert.

Gegenwärtig tobt die Berichterstattung in den Medien über den Einsturz einer Textilfirma in Bangladesch, bei der auch deutsche Händler eingekauft haben. Wohl dem, der sich früher um die Arbeitsbedingungen dort konkret gekümmert und dies den sich damit beschäftigten Kreisen vermittelt hat. Nur sollte man sich davor hüten, hier allzu viel Entgegenkommen von NGO’s oder ähnlichen Gralshütern der Moral zu erwarten. Nachricht ist Nachricht und die wird nicht kaputt differenziert. Das alles läuft in den Betrieben unter Nachhaltigkeit.
Tchibo ist dafür ein gutes Beispiel. Das Unternehmen unterhält einen eigen Direktionsbereich, der in aller Welt nach dem Rechten sieht. Das umfasst die Textilproduktion ebenso wie den Kaffeeanbau.
Was zuweilen aber auch nicht hilft, mit allen anderen in einen Topf geworfen zu werden. Mit gefangen ist halt mit gehangen – so kommen alte deutsche Sprichworte wieder zu Ehren. Die deutschen Textil einkaufenden Unternehmen wollen jetzt verbindliche Standards durchdrücken, damit sich so etwas nicht wiederholt. Das Sanktionsmittel ist, dass man bei den entsprechenden Herstellern nicht mehr einkauft. Selbst ein Tabu ist dabei gefallen, nämlich den Aufbau von Gewerkschaften zu unterstützen.
Zurück zur Kultur. Von den 6 Mrd. €, die in Deutschland jedes Jahr an Sponsoring ausgegeben werden, entfallen nur 5 % auf die Kultur. Das wird von allen bejammert, aber die Nichtberichterstattung über Maßnahmen in diesem Bereich ist ein wesentlicher Grund. Auch dass die Kulturschaffenden selbst sich nicht dem schnöden Kapital ausliefern wollen, lässt die Geldbörsen eher verschlossen. Als Beispiel für die Aufdringlichkeit von Sponsoren werden oft die Filmfestivals genannt und so schließt sich der Kreis. Wie die so eklatante Nichtbeachtung von denen für die Kultur Schreibenden, überwunden werden kann, das wäre dann wieder eine ganz andere Geschichte. Ebenso wie die Phobie der Kulturschaffenden sich dem „Mammon“ auszuliefern.

Ihr Klaus Peter Nebel


Prof. Dipl.-Bibl. Prof. h.c. Klaus Peter Nebel ist Leiter des Studiengangs Kultur- und Medienmanagement an der Lettischen Kulturakademie in Riga/Lettland. Von 2007 - 2010 arbeite er als Professor für Marketing- und Unternehmenskommunikation an der UMC (University of Management and Communication), Berlin, Potsdam; In den Jahren 2007 und 2008 war er als Direktor der Konzernkommunikation der maxingvest AG, Hamburg tätig (Holding für Beiersdorf AG, Tchibo GmbH, tesa AG) und Leiter der Unternehmenskommunikation der Tchibo GmbH, Hamburg. Über 20 Jahre, von 1983 bis 2007 war er Leiter Presse & Public Relations der Beiersdorf AG in Hamburg.

Hinweis: Die Inhalte dieser "Kolumne" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

Fotonachweis: Header: Claus Friede

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