Meinung

Die Welt konfrontiert uns zu jeder Zeit mit einer Fülle von Rätseln, sodass wir uns zuweilen selbst zum Rätsel werden: Woher kommt unsere Erde? Wie entstehen und entwickeln sich Natur, Zivilisation und Kultur? Wie hängen die einzelnen Ereignisse der Welt miteinander zusammen? Wo ist unser Platz als Menschen in dieser Welt?

Ist unser begrenzter Verstand überhaupt in der Lage, die Welt in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit zu erfassen? Woher wissen wir, ob unsere Urteile und Entscheidungen richtig sind?

 

Wir sind umgeben von Fragen

Auf diese gibt es keineswegs nur eine, sondern eine Vielzahl von Antworten. Nur allzu verständlich ist der Wunsch nach einem einheitlichen Prinzip, das alle Rätsel der Welt zweifellos zu lösen weiß und alle Widersprüche aufzulösen vermag, sodass wir uns nie wieder fragen müssen, was wir denken sollen. Eine solche Position wird als „Monismus“ bezeichnet. Der Begriff „Monismus“ leitet sich von dem altgriechischen Wort mónos (eins / einzig / allein) ab und bezeichnet die Auffassung, dass alle Phänomene der Welt durch ein einziges Prinzip erklärbar sind. Nicht selten wird die moderne Naturwissenschaft als ein derart allgemeingültiger und widerspruchsfreier Zugang zur Wirklichkeit verstanden. Bedeutet das etwa, dass letztendlich das gesamte Weltgeschehen einzig und allein auf biochemische und physikalische Prozesse zurückgeführt werden kann?

 

Der Germanist und Philosoph Stefan Diebitz schlägt eine alternative Perspektive vor. Diebitz würdigt die Naturwissenschaften für die tiefgehenden und methodisch fundierten Erkenntnisse, die wir ihnen verdanken; sie bieten aus seiner Sicht einen wichtigen, jedoch keineswegs den einzigen Modus der Weltbegegnung. Seiner Auffassung nach vermag es kein naturwissenschaftliches, religiöses oder philosophisches System der Weltdeutung, die Welt in ihrer Gesamtheit zu erklären, sondern allenfalls Teilaspekte, einzelne Elemente des Weltganzen zu erfassen. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und unterschiedliche theoretische Weltzugänge stellen damit lediglich einzelne Puzzleteile zum Gesamtbild der Wirklichkeit dar. Die Idee einer Einheitswissenschaft, die mit zuverlässigen Methoden eine Weltformel entwickeln kann, entlarvt der Autor damit als Illusion.

 

„Die Vielfalt des Seins. Warum jeder Monismus scheitern muß“

Dieser These widmet Diebitz seine Monografie Die Vielfalt des Seins. Warum jeder Monismus scheitern muß. In zwölf Kapiteln entfaltet er anhand verschiedener Fragen und in Auseinandersetzung mit einer Fülle von philosophischen Theorien und Denkrichtungen sein Postulat einer pluralistischen Weltdeutung. Der Autor präsentiert eine eindrucksvolle Hommage an den Facettenreichtum und die Buntheit unserer Welt, die nicht auf vereinheitlichende Prinzipien herunterzubrechen ist.

 

In seinen Ausführungen stützt sich Diebitz vielfach auf einflussreiche Philosophen wie Leibniz, Kant, Husserl und Heidegger; in besonderer Weise basieren seine Überlegungen jedoch auf den Denkansätzen des deutschen Philosophen Nicolai Hartmann und des britischen Mathematikers und Philosophen Alfred North Whitehead. Beiden gelingt es, nach Meinung des Autors, eine in sich differenzierte Weltdeutung zu etablieren und damit einen überzeugenden Gegenentwurf zu monistischen Vorstellungen zu bieten. Hartmann entwickelt in seiner vierbändigen Ontologie (1935-1950) eine Unterteilung des Seins in vier aufeinander aufbauende Schichten (Unorganisches, Leben, Seele, Geist) und betont, dass diese nicht aus einem einheitlichen Prinzip, etwa einem biologischen oder physikalischen, heraus ableitbar sind. Whitehead deutet die Welt in seinem Hauptwerk Process and Reality (1929) als ein prozesshaftes Geschehen, das sich in stetigem Wandel befindet und in dem zu jeder Zeit alles mit allem verbunden ist. Auf Basis dieser ontologischen und kosmologischen Voraussetzungen entwirft Diebitz sein Plädoyer für eine Philosophie, die unserer vielseitigen, sich stetig verändernden Welt gerecht wird.

 

Leitfragen

Jedes der zwölf Kapitel seines Buches ist einer Leitfrage gewidmet, die aus verschiedenen Perspektiven und unter Berücksichtigung zahlreicher philosophischer Entwürfe diskutiert wird. Im ersten Kapitel Was heißt die Welt verstehen? legt Diebitz den Grundstein seiner Überlegungen. Er stellt die Frage, inwiefern das menschliche Bewusstsein, obgleich es immer defizitär und begrenzt bleiben wird, dennoch Erkenntnisse über die Welt in ihrer Komplexität und Heterogenität gewinnen kann. Im zweiten Kapitel mit dem Titel Monismus: Der Traum von der Einheitswissenschaft spricht der Autor jedem vereinheitlichenden Versuch der Welterklärung ein klares „Nein“ zu und entfaltet damit die Kernthese seines Werks.

 

Die darauffolgenden Kapitel sind dem menschlichen Bewusstsein und der Struktur unseres Erkenntnisvermögens gewidmet. In dem Kapitel Der Satz des Bewusstseins stellt Diebitz die Frage nach der Subjektivität des menschlichen Bewusstseins. Erscheinen uns die Gegenstände der Welt so wie sie tatsächlich sind oder wie unser Bewusstsein sie konstruiert? In den beiden folgenden Kapiteln Ein Gegenentwurf. Die Bedeutung des Sehens und Gefangenschaft wird diese Fragestellung vertiefend untersucht und die eigentümliche Paradoxie des menschlichen Bewusstseins beleuchtet, das einerseits „innen“ bei sich selbst und andererseits zugleich „draußen“ bei den Dingen ist, die es erkennt.

 

Im Anschluss daran wendet sich Diebitz der Frage zu, wie es unserem Bewusstsein gelingen kann, die Welt und die Natur, die uns umgeben, denkend zu erfassen. So diskutiert er im Kapitel Birgt Wasser Information?, inwiefern auch in der unbelebten Natur ein Gedächtnis oder Bewusstsein vorhanden ist. Unter dem Titel Wir werden es niemals erfahren stellt der Autor die Frage, ob es für uns Menschen grundsätzlich möglich ist, die komplexen Kausalzusammenhänge der Natur zu begreifen. In den Kapiteln Was ist die Realität?, Witz und Tiefsinn und Sinnlichkeit erörtert er die geistigen, sprachlichen und körperlichen Voraussetzungen, die es uns erlauben, die Realität als solche wahrzunehmen. Schließlich untersucht Diebitz im Kapitel Supervenienz und das Paradox des Zenon die Rolle von Zufällen und Diskontinuitäten im Weltgeschehen.

 

Bildung und Philosophie

Im zwölften und letzten Kapitel Bildung und Philosophie führt Diebitz die zahlreichen in seinem Werk gesponnenen Fäden zusammen und erläutert die Konsequenzen, die eine Ablehnung des Monismus für die Philosophie zeitigt. Diese Überlegungen beschränkt der Autor jedoch nicht nur auf den methodisch kontrollierten Bereich philosophischen Denkens, sondern weitet sie auch auf die kontinuierliche Reflexion und Selbstreflexion aus, wie sie in Bildung und Erziehung stattfinden.

 

Vielfalt des Seins COVERDie Vielfalt des Seins ist ein Werk, das ein äußerst weites thematisches Spektrum und eine beachtliche philosophische Tiefe in sich vereinigt. Die Monografie bietet ein kurzweiliges Wechselspiel von philosophiegeschichtlichen Erläuterungen, persönlichen Statements, originellen Exkursen und Gedankenexperimenten. Dem belesenen Autor gelingt es, eine Vielzahl philosophischer Denkrichtungen verständlich zu präsentieren und sie gekonnt in seine eigenen Argumentationslinien einzuflechten. In Verbindung mit dem außerordentlichen inhaltlichen Tiefgang überrascht die klare und zugängliche Sprache positiv, sodass das Buch Experten und Nicht-Berufsphilosophen gleichermaßen empfohlen werden kann. Einzig eine Untergliederung der zwölf Kapitel in kürzere Unterkapitel wäre zu wünschen gewesen, um die Gedankenführung noch klarer und einsichtiger zu gestalten. Dies tut jedoch der intellektuellen Brillanz und argumentativen Schärfe des Werkes keinen Abbruch.

 

Somit kann Die Vielfalt des Seins als eine Einladung gelesen werden, die Comfort-Zone unserer konventionellen Muster der Selbst- und Weltdeutung zu verlassen und uns auf ein Wagnis der Multiperspektivität einzulassen. Diebitz präsentiert ein beeindruckendes Konvolut von verständlich aufbereitetem philosophiegeschichtlichem Wissen und klugen Argumentationsgängen, das vor der Vielfalt des Seins nicht kapituliert, sondern sich ihr mutig stellt.

 

Fazit

Mein persönliches Interesse hat das Werk „Die Vielfalt des Seins“ aufgrund seines erfrischenden Ansatzes geweckt, die Welt nicht aus einer einheitlichen Perspektive heraus erklären zu wollen, sondern stattdessen die Vielfalt der möglichen Weltdeutungen zu zelebrieren. Ich habe das Buch nur wenige Wochen nach Abschluss meines Theologiestudiums gelesen und es hat mich aus zwei Gründen enorm bereichert: Einerseits haben mir Diebitz‘ eindrückliche Darstellungen von verschiedenen philosophischen Systemen der Weltdeutung eine wertvolle Ergänzung zu den in meinem Studium erlernten, religiösen Weltanschauungen geboten. Andererseits hat mich die Lektüre des Werkes in eindringlicher Weise daran erinnert, dass unser Wissen über die Welt und über uns selbst – und das uns nicht selten als unanfechtbar und objektiv erscheint – letztendlich relativ und keinesfalls allgemeingültig ist.

 

Diese Erkenntnis, die mir gerade am Ende eines Studiums von äußerster Wichtigkeit zu sein scheint, habe ich jedoch keineswegs als ernüchternd wahrgenommen. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass wir die Welt niemals eindeutig und endgültig erklären können, kann uns dazu ermutigen, die Welt aus immer neuen Perspektiven zu entdecken, und so zu einem lebenslangen Lernen einladen.


Stefan Diebitz: Die Vielfalt des Seins. Warum jeder Monismus scheitern muß

Der blaue Reiter, Verlag für Philosophie

411 Seiten, gebunden

ISBN: 3933722748

 

 

KulturPort.De dankt der Autorin des Beitrags, Rebecca Wolfs. Sie ist Doktorandin an der Philipps-Universität Marburg am Fachbereich Evangelische Theologie, Fachgebiet Altes Testament.

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