Warum ein Debütalbum mit einem Jazz-Standard beginnen, wenn es doch eine Reihe eigener Stücke zu entdecken gibt? Wer Thomas Quendlers Version des Duke Ellington-Gassenhauers „It Don’t Mean a Thing“ hört, versteht schnell, was den Pianisten, Komponisten und Arrangeur aus Graz auf diese Idee gebracht hat.
In seiner unkonventionellen, dabei zutiefst respektvollen Fassung kommt viel von dem zusammen, was den Österreicher ausmacht: eine Freude an Jazz-Traditionen, ein origineller, ganz eigener Zugriff, spieltechnische Klasse, ein packendes Energielevel und die perfekte Verzahnung einer exzellenten, gerade auch rhythmisch findigen Gruppe.
Das Ellington-Stück eröffnet „Awaking“ mit einem ersten Ausrufezeichen. Dem folgen weitere – zumeist eigene Stücke, von rockig-energetisch über emotional-romantisch bis zur funkensprühenden Straightahead-Nummer. Als zweiten Klassiker legt das Trio später noch eine Fassung von „Yatra-Ta“ nach, dem furiosen Brasiljazz-Stück von Tania Maria: auch das eigenwillig gedreht, zeitweise sogar versetzt mit einem R&B-Groove.
„Ich musste einfach ein, zwei Jazzstandards einbauen“, schreibt Thomas Quendler in den Liner Notes – vor Allem als kleine Hommage an all die inspirierenden Vorbilder der Jazzhistorie. Allerdings kam nicht infrage, eine brave, dem Original nahe Interpretation aufzunehmen. Für ihn gehört es dazu, im Umgang mit Titeln wie Ellingtons Swing-Hymne „einen eigenen approach zu finden – dem Lied so einen besonderen spin zu geben“. Dieser Haltung, dieser Lust am Anderen begegnet man auf „Awaking“ immer wieder. Quendlers Gruppe ist keines der üblichen Piano-Trios klassischer Schule. So sehr sich der gebürtige Kärntner auch mit der Tradition auseinandergesetzt hat: die Einflüsse, die in seinem Spiel und seiner Attitüde zusammenkommen, reichen bis weit in andere Stilbereiche.
Zum Zeitpunkt der Aufnahmen war Thomas Quendler 23. Dies ist das erste Album seines akustischen Trios. Newcomer sind die drei allerdings nicht. Im Gegenteil. Sie bilden zum Beispiel seit Längerem zusammen den Kern von gleich zwei etablierten Fusion-Bands. Bei Origina1nerd stößt man auf ausgefuchst komplexe Fusion-Formen – Kernfusion ist rockiger orientiert. In beiden spielt Thomas Quendler überwiegend Keyboards, Jacob Gönitzer in der Regel E-Bass. Drummer Jonas Kočnik zeigt durchweg eine enorme Flexibilität und Power, groovestark und präzise.
Ganz am Anfang stand die Band Kernfusion. 2017 war sie hervorgegangen aus einem Ensemble der Musikschule Wolfsberg. Die Kleinstadt in Kärnten, auf halbem Weg zwischen Klagenfurt und Graz gelegen, ist die Heimat von Quendler und Gönitzer. Kočnik kommt aus dem weiter südlich gelegenen Örtchen St. Michael ob Bleiberg. Als Kernfusion bereits weitere Kreise zog, wurden Gönitzer, Quendler und Kočnik nach und nach Mitglieder von Origina1nerd, der Gruppe von Saxofonist Max Glanz (die auch Alben produziert hat). Zurzeit studieren Gönitzer und Kočnik in Linz im Norden Österreichs, Quendler wiederum in Graz. Kein Problem. Thomas Quendler: „Wir kennen uns schon so lange – wir sind ständig im Austausch. Und wir sehen uns oft, schon durch die Aktivitäten der verschiedenen Bands.“ Diese gewachsene Verbundenheit, die Tatsache, dass sie sich über Jahre Seite an Seite entwickelt haben, kommt nun auch Quendlers Trio zugute. Das entstand anlässlich seines Bachelor-Abschlusses an der angesehenen Kunsthochschule Graz. „Da wollte ich vom Sound und vom Vibe her etwas Anderes machen als mit den anderen Bands. Aber man hört sicherlich gewisse Parallelen. So ist vieles deutlich stärker arrangiert als es bei Jazz-Piano-Trios sonst oft der Fall ist.“
Zum Klavier war Thomas Quendler erstaunlich spät gekommen. Sein erstes Instrument war die Steirische Harmonika, ein diatonisches Akkordeon mit Knopf-Tastatur. Das spielt eine zentrale Rolle in der Volksmusik der Region. Quendlers Eltern betrieben ein populäres Gasthaus im Bereich der Saualpe oberhalb von Wolfsberg. Als Achtjähriger begann er, Ziehharmonika zu lernen und zusammen mit seiner Mutter – die hatte früher in Unterhaltungsbands gesungen – zu musizieren. „Ich wollte unbedingt ein Instrument lernen. Ich hab‘ das genossen. Das hat mir von Klein auf sehr viel Energie gegeben.“ Harmonika spielte er auch noch, als er längst das Klavier für sich entdeckt hatte. Über die musikalischen Vorlieben seiner Mutter entdeckte er übrigens Musiker wie Stevie Wonder, bis heute einer seiner großen Helden.
Die natürlichen Beschränkungen des diatonischen Instrumentes führten ihn schließlich zum Klavier. Zunächst spielte er auf dem seines Cousins. Er lernte nach Gehör und anhand von Online-Videos. Mit 13 bekam Thomas Quendler klassischen Unterricht an der Musikschule, mit 15 lernte er Jazz-Piano – ein Durchbruch für die weitere Entwicklung. Binnen kürzester Zeit offenbarte sich sein herausragendes musikalisches Talent. Parallel zur regulären Schule absolvierte er ein Vorstudium in Klagenfurt. Besagtes Wolfsberger Musikschulensemble spielte zunächst Jazz-Standards. Dann entdeckten Quendler & Co. die große Jazzrock-Fusion-Tradition: Joe Zawinul, Herbie Hancock’s Headhunters, Chick Coreas Elektric Band. Andererseits lernte Quendler in jenen Jahren auch Oscar Peterson, Bill Evans Wynton Kelly oder auch Brad Mehldau und Shai Maestro schätzen.
Mit dem „Awaking“-Trio hat der famose Pianist nun ein weiteres Ensemble am Start. Dabei wird er nicht müde zu betonen, wie wichtig die Allianz mit den Weggefährten ist. Und: dass Musik für ihn kein Spielplatz für Egos ist, sondern Herzenssache. Seinen Master wird er in Wien machen, ohne die Basis in Graz aufzugeben. Im Frühjahr 2025 gewann Thomas Quendler das Ö1-Jazzstipendium des Österreichischen Rundfunks, das eine weitere Albumproduktion ermöglichen wird. „Awaking“ ist ein gewaltiger Schritt auf einem verheißungsvollen Weg.
Thomas Quendler: Awaking
Thomas Quendler: Piano | Jonas Kocnik: Drums | Jakob Gonitzer: Bass
Jazz Thing Next Generation Vol. 109
Label: Double Moon Records
EAN: 0608917146523
VÖ: 29.8.2025
Tracklist:
01. It Don’t Mean a Thing 16:39 (Duke Ellington)
02. Madness 16:39 (Thomas Quendler)
03. Flow 16:39 (Thomas Quendler)
04. Racso 16:39 (Thomas Quendler)
05. Horizon 16:39 (Thomas Quendler)
06. Yatra-Ta 16:39 (Tania Maria)
07. Awaking 16:39 (Thomas Quendler)
08. Myosotis 16:39 (Thomas Quendler)
YouTube-Video:
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Yatra-Ta - Tania Maria (6:05 Min.)

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