Wenn „Time for Three“ die Bühne betritt, erlebt das Publikum eine ungewöhnliche Kombination aus zwei Violinen, Kontrabass und Gesang. Charles Yang, Nick Kendall und Ranaan Meyer lernten sich am Curtis Institute of Music in Philadelphia kennen.
Mit ihrem aktuellen Programm „Jukebox“ verknüpfen sie klassische Tradition mit Folk, Jazz und Pop. Im Interview sprechen Charles Yang und Nick Kendall über spontane Momente auf der Bühne, ihren Grammy-Gewinn und die Bedeutung echter Livemusik.
Andreas Guballa (AG): Vor vier Jahren habt ihr erzählt, dass jedes Konzert anders verläuft und das Publikum die Auftritte mitgestaltet. Euer Programm „Jukebox“ wirkt wie eine musikalische Wundertüte, in der Bach auf die Beatles, Bluegrass und Bernstein trifft. Wie entwickelt ihr die Dramaturgie für so eine Vielfalt und worauf darf sich das Publikum beim Schleswig-Holstein Musik Festival freuen?
Nick Kendall: Wir bringen viele Stilrichtungen und Klangfarben auf die Bühne. Unser Ziel ist, dass das Publikum den Konzertsaal mit dem Gefühl verlässt, ein einziges, zusammenhängendes Werk erlebt zu haben. Es gibt zwar einen roten Faden, aber wir spielen nichts starr nach Notenblatt ab, sondern reagieren spontan auf die Energie im Saal.
Charles Yang: Unsere gemeinsame Wurzel ist die klassische Tradition. Wir sind aber alle auch mit Pop, Jazz und Folk aufgewachsen und schreiben eigene Stücke. Die Besetzung aus zwei Violinen, Kontrabass und drei Gesangsstimmen gibt den Rahmen vor. Diese Begrenzung erzeugt unsere musikalische DNA und eine besondere Chemie. Der Name „Jukebox“ beschreibt spielerisch all das, was wir lieben.
AG: Kritiker vergleichen eure Auftritte oft eher mit denen einer Rockband als mit denen eines klassischen Kammermusikensembles. Ist das euer Erfolgsgeheimnis?
Charles Yang: Wir nehmen das Musizieren sehr ernst. Durch die Zusammenarbeit mit Jazz- und Bluesmusikern sowie durch unser Studium am Curtis Institute und an der Juilliard School haben wir uns viele Werkzeuge angeeignet. Die Rockband-Mentalität gibt uns Freiheit. Wir verstellen uns auf der Bühne nicht und freuen uns, wenn das Publikum aktiv mitgeht.
Nick Kendall: Es hat auch viel mit Offenheit und Verletzlichkeit zu tun. Unsere Instrumente sind Möglichkeiten, um unsere Seele mit dem Publikum zu teilen. Wir nehmen unsere Gefühle und den tiefen Respekt füreinander extrem ernst. Diese emotionale Haltung wirkt auf manche wie Rock ’n’ Roll. Das zeigt sich nicht nur in lauten Momenten, sondern gerade in leisen Passagen, wenn wir eine intime Stimmung mit dem Publikum teilen.
AG: Seit unserem letzten Gespräch habt ihr einen Grammy gewonnen. Hat diese Auszeichnung eure Arbeitsweise oder die Erwartungen des Publikums verändert?
Charles Yang: Unsere Arbeitsweise ist dieselbe geblieben, nur dass wir jetzt mehr zu tun haben. Es ist eine große Ehre, von Kolleginnen und Kollegen anerkannt zu werden. Als wir das Album während der Pandemie mit dem Philadelphia Orchestra aufnahmen, ging es uns nicht um Preise, sondern um das reine Musizieren nach der Pause.
Nick Kendall: Früher mussten wir Veranstaltern und dem Publikum oft erst erklären, wer wir sind. Durch den Grammy fällt das leichter. Die Anerkennung gibt uns die Freiheit, künstlerisch noch weiterzugehen und mutiger zu sein. Auch renommierte Orchester und Häuser begegnen uns heute mit viel Vertrauen.
AG: Ihr seid schon mehrfach beim Schleswig-Holstein Musik Festival aufgetreten. Was macht dieses Festival für euch besonders?
Charles Yang: Das Festival bringt großartige Künstler an erstaunliche Orte. Wir haben schon in einem Gewächshaus zwischen Tomaten gespielt, auf einer Werft oder in einem Flugzeughangar. Das Publikum vertraut dem Festival blind und reist von weit her an.
Nick Kendall: Die Veranstalter verwandeln ungewöhnliche Orte in erstklassige Konzertstätten. Dabei stimmt die Qualität nicht nur für das Publikum, sondern auch hinter den Kulissen für die Künstler. Wenn alle an einem unerwarteten Ort etwas Schönes teilen, entsteht etwas Besonderes.
AG: Viele Rezensionen loben eure Energie auf der Bühne. Wie haltet ihr diese Intensität aufrecht und bleibt dabei spontan?
Nick Kendall: Kaffee hilft. Aber im Ernst: Wir lieben die Bühne. Kein Konzert fühlt sich wie Routine an, weil das Publikum jedes Mal anders reagiert. Diese Wechselwirkung gibt uns Kraft.
Charles Yang: Der Schlüssel liegt in der Vorbereitung. Wir beherrschen unser Material so gut, dass wir uns auf der Bühne nicht um technische Details kümmern müssen. Das schenkt uns die Freiheit, einander zuzuhören und im Moment zu reagieren. Leonard Bernstein hat das vorgelebt: Grenzen überwinden, spontan bleiben und Menschen verbinden.
AG: Ihr erreicht auch Menschen außerhalb der klassischen Musikszene. Wie wichtig ist euch diese Brückenfunktion?
Charles Yang: Es ist schön, wenn klassische Musikliebhaber durch uns moderne Songs entdecken oder Pop-Fans über unsere Stücke den Weg in den Konzertsaal finden. Wir haben uns während des Studiums oft wie Außenseiter gefühlt, weil wir viele verschiedene Stile aufgesogen haben. Diese Vielfalt wollen wir teilen.
Nick Kendall: Heute geht es mir vor allem darum, Menschen ein echtes Gemeinschaftserlebnis zu bieten. Wir wollen das Publikum weg von kurzen Smartphone-Videos hin zu einer tiefen, intensiven Erfahrung führen. Wenn wir jüngere Generationen mit echter Leidenschaft erreichen, schaffen wir bleibende Werte.
AG: Welchen Stellenwert haben digitale Kanäle für euch?
Charles Yang: Für unsere Besetzung gibt es kaum traditionelle Notenliteratur, weshalb wir Stücke selbst schreiben oder beauftragen. Über soziale Medien können wir unsere Musik dokumentieren und für die Zukunft festhalten.
Nick Kendall: Soziale Medien sind ein Werkzeug für das Leben, nicht das Leben selbst. Musiker wie Ray Chen nutzen dieses Werkzeug beispielsweise vorbildlich, um junge Menschen zu inspirieren. Für uns sind digitale Kanäle schlichtweg eine Notwendigkeit im modernen Musikgeschäft, um mit unserem Publikum in Kontakt zu bleiben.
Time for Three: „Jukebox”
Am Dienstag, 25. August, 19.30 Uhr (ausverkauft, evtl. Restkarten an der Abendkasse) in der Elbphilharmonie Hamburg (Großer Saal), Platz der Deutschen Einheit 4, 20457 Hamburg
Besetzung:
Nick Kendall Violine | Charles Yang Violine | Ranaan Meyer Kontrabass
Veranstalter: Schleswig-Holstein Musik Festival
Klassik, Jazz, Folk & Hip-Hop
- Weitere Informationen (Elbphilharmonie)
- Weitere Informationen (Time for Three)
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