Musik
Stefan Vladar. Foto: Olaf Malzahn

Die Musikstadt Lübeck mit ihrer langen Tradition von Tunder, Buxtehude, Furtwängler bis hin zu Dohnanyi hat eine neue Ikone: Stefan Vladar, Generalmusik- und Operndirektor am Theater Lübeck.

Er begeisterte als Pianist in der ausverkauften Musik- und Kongresshalle (MuK).

 

Pianissimo-Kultur

Bei Johannes Brahms Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll op. 15 wird dem Solisten kein roter Teppich ausgerollt, wie Lübecks Chefdramaturg Jens Ponath in der Einführung zum 3. Sinfoniekonzert des Lübecker Theaters in der Musik- und Kongresshalle (MuK) betonte. Ganze vier Minuten muss der Solist - in diesem Fall der Pianist Stefan Vladar - auf seinen Einsatz warten. Dabei ist der Anfang des 1. Klavierkonzerts durchaus kraftvoll. Es geht los wie in einer dramatischen Sinfonie: Ein Paukenwirbel im Fortissimo, doppelt besetzte Hörner, Klarinetten, Fagotte und das starke, zerrissene Eröffnungsthema stürzen mit Brachialgewalt herein. Die Intervalle wie gehämmert. Die Triller-Kaskaden sind keine Verzierung, sondern Spannungslöser für das sich sofort variierend entwickelnde Thema, das aber letztlich in atemlosem Zeitfluss in das lyrische Seitenthema des Soloklaviers mündet. Und hier zeigt Vladar seinem Lübecker Publikum, wie er Brahms versteht. Als melancholischen Melodiker.

Auch wenn Roberto Paternostro und Stefan Vladar fortan den dramatischen Ablauf unterstützen, die Kontraste, die Ecken und Kanten und das Gegeneinander der Tonarten und Themenbewegungen wie ein Bündnis zweier Partner behandeln und überraschende Wendungen herausarbeiten, zeigen sie dennoch auch die andere Seite der Partitur auf: die kunstvolle Verwebung der Themenstränge, wie Schönberg Brahms als Prophet der Moderne gehört hätte.

 

Legatissimo-Kultur

Im 2. Satz, dem erhabenen Adagio, mit dem Brahms ein sanftes Porträt von Clara Schumann entwerfen wollte, verstärkt sich dieser Interpretationsansatz durch intensives Legato-Spiel in Orchester und Klavier, lyrische Bogendynamik und wiederholt inniges Zurücknehmen ins Pianissimo. Nicht nur Clara, auch das Publikum scheint an diesem Totensonntagmorgen in diesem Satz etwas kirchlich-andächtiges zu hören.

Im nahtlos anschließenden, übermütigen Schlussrondo mit seinen versetzten Schwerpunkten konzertieren Orchester und Solist schwungvoll. Roberto Paternostro dirigiert zurückhaltend und in einfühlsamer Übereinstimmung mit dem Pianisten.

 

Klaviervirtuosität der Extraklasse

Nach der Pause scheint sich die organische Zusammenarbeit zwischen Orchester und Solist noch zu intensivieren. Das zart vorgetragene, warm intonierte Horn-Solo (Anton Schultze) zu Beginn des B-Dur-Konzerts leitet den zweiten Teil ein. In diesem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83 mit seinen berühmten Oktavtriller-Ketten, den vollgriffigen Akkordsprüngen und den gegenläufigen Arpeggien beider Hände über weite Intervalle und der Gleichzeitigkeit von Zweier- und Dreierbewegungen, unregelmäßigen Akzenten sowie der Überlagerung mehrerer metrischer Modelle zeigt Vladar seine ganze Könnerschaft. Die großartige Steigerung wirkt dennoch nie verschaufenstert.

Das innige Andante mit seinem warm gestalteten Violoncello-Solo (Hans-Christian Schwarz) geriet bei völliger Publikumsstille zu einem ausgedehnten Moment der Andacht, bevor in tänzerischer Gelöstheit die instrumentale Brillanz in Solo und Orchester ausbrach. Hier gelangen dem Dirigenten süffige Übergänge glanzvoller Tempoverschiebungen, die in einen dynamisch zurückgenommenen Schluss mündeten.

 

Brahms 1 Blumen für den Pianisten Stephan Vladar rechts und den Dirigenten Roberto PaternostroBlumen für den Pianisten. Foto: Marion Hinz

 

Das Publikum zeigte sich tief bewegt und applaudierte stürmisch. Wir gratulieren Stefan Vladar zu seinem 60. Geburtstag und Lübeck zu seinem großartigem Pianisten, GMD und Operndirektor. Dieses Konzert hatte sich Vladar zu seinem Geburtstag gewünscht und sich selbst und uns Zuhörer damit reich beschenkt.


3. Sinfoniekonzert des Theater Lübeck

Das Konzert fand am 23. und 24. November 2025 um 19.30 Uhr in der Musik- und Kongresshalle, Willy-Brandt-Allee 10, 23554 Lübeck statt.

Programm:

Johannes Brahms (1833‑1897)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll op. 15

Johannes Brahms
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83

Besetzung:

Dirigent: Roberto Paternostro | Klavier: Stefan Vladar | Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Weitere Informationen (Theater Lübeck)

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