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Hamburger Architektur Sommer 2019

Musik

Die wenigen Vorteile für Kulturbühnenbesucher in Corona-Zeiten sind bekannt: Das immer gleiche Angebot wird häufiger durchbrochen von Unbekanntem, von Stücken also – sei es im Sprechtheater, in der Oper oder im Konzertsaal – die uns in „gesunden“ Zeiten kaum begegnen. Weiterer Vorteil: Das schwere Theaterschiff wird flexibler, die mitunter träge erscheinende Tradition wird zum Wagemut angestiftet. So geschehen im Theater Lübeck, das die Händel-Oper „Tolomeo“ als Lübecker Erstaufführung in italienischer Sprache präsentierte.

 

Damit das Premierenpublikum trotz derzeitiger Einschränkungen möglichst zahlreich im Großen Haus Platz nehmen konnte, gab es gleich zwei Premieren. Beide Aufführungen in der Inszenierung von Anthony Pilavachi unter der musikalischen Leitung von GMD Stefan Vladar wurden vom Publikum mit kräftigem Applaus bedacht. Insgesamt acht Vorstellungen sind am Theater Lübeck geplant.

 

Getrennt von seiner Verlobten, verbannt aus der Heimat, lebt König Tolomeo inkognito auf einer fremden Insel. Bruder und Geliebte versuchen, ihn den Händen des tyrannischen Herrschers dieser Insel zu entreißen und zurück nach Ägypten zu bringen. Die Angst, sich selbst zu begegnen, herrscht auf der Insel, auf der fünf Menschen gestrandet sind. Sehnsucht wird zur Qual, die Helden sind verwirrt und verloren in ihren imaginären Welten. Prinz Tolomeo gibt sich als Schäfer aus und hat Spielzeugschafe im Gepäck. Sein Bruder Allessandro holt Spielzeugsoldaten aus dem Koffer. Seleuce kümmert sich liebevoll um ihre mitgebrachten Plastik-Pflanzen. Elisa entsorgt beinahe zärtlich die zartesten Dessous im Meer, die sie nach und nach aus dem Koffer zieht. Mehrere Verwicklungen in den Liebesbeziehungen entwickeln sich, doch nicht jede Liebe findet ein glückliches Ende.

 

Wer gewohntes Fahrwasser verlässt, ist im neuen Gewässer nicht immer in gewohnter Weise versiert. Bei manchen Passagen der Händel-Oper hätte man sich in der Lübecker Inszenierung einen Lotsen mit ausgefülltem musikalischem Barock-Logbuch gewünscht. Dennoch: Das Publikum war von Anfang bis Ende begeistert. Und dies zu Recht. Da ist zum einen der Komponist Georg Friedrich Händel, der auch in dieser kaum bekannten Oper seine Könnerschaft beweist. In bester Tradition des Barock erlebt man in dieser Oper einen Sturm der Gefühle. Liebe erwächst aus Hass. Hass verwandelt sich in Mitleid. „Tolomeo“ ist Händels 14. Oper. Das Libretto schrieb Nicola Francesco Haym. Die Uraufführung fand am 30. April 1728 im „Kings Theatre“ in London statt.

 

In der Lübecker Inszenierung wird „Tolomeo“ zu einer Parabel des Menschen, der sich immer wieder neu erfindet, neu erfinden muss in Krisensituationen. Der hochmusikalische Dirigent Stefan Vladar bringt die von Händel meisterhaft geschriebenen Seelenzustände in pastellfarbenen Pastoralszenen zum Klingen. Er stellt Zorn mit barockem Donner dar und lässt Eifersucht scharf aufblitzen. Im Graben sitzen Musiker des Lübecker Philharmonischen Orchesters, die hörbar ihr Bestes geben. Eine kleine Gruppe nur, die aber klanglich bestens mit der Bühne ausbalanciert ist: immer wieder gibt es virtuos-voluminöse, aber auch durch Zartheit berührende Klangerlebnisse. Dennoch muss der Dirigent viel rudern, um das Schiff auf dem richtigen Kurs zu halten, es durch alle Tiefen und Untiefen des Stücks zu steuern. Gut, dass es hier einen Maschinisten gibt, der im Orchestergraben am Cembalo (Hans-Jürgen Schnoor) mit seinen Klangvorstellungen stil- und zielsicher den Kapitän oben an Deck des Schiffes unterstützt.

 

Das Vokalensemble beeindruckt durch perfekte Balance zwischen Countertenören und Sopranistinnen. Die beiden Counter (Tolomeo: Meili Li, Allessandro, Tolomeos Bruder: Aleksandar Timotic) sind klangstark und vielfarbig. Der Bariton (Araspe, König von Zypern: Johan Hyunbong Choi) wirkt trotz gesunder Stimmhaftigkeit mitunter ein wenig gleichtönig. Stolz sein kann das Lübecker Theater auf seine beiden Damen. Evorfia Metaxaki (Seleuce, Tolomeos Verlobte) ist stimmlich klug, klar, königlich und darstellerisch ebenso präsent wie Andrea Stadel (Elisa, Schwester von Araspe) mit ihrer warmen, virtuosen, wandlungsfähigen Gesangskultur.

 

Doch was soll das viele Wasser auf der Bühne? Hoffentlich soll es uns nicht an den steigenden Meeresspiegel erinnern. Oder an die Verschmutzung der Meere. Oder an die Flüchtlingssituation im Mittelmeer. Das wäre allerdings etwas zu plakativ. Die einfachste und stimmigste Lösung ist die: die Oper spielt auf einer Insel. Und Inseln sind nun mal von Wasser umgeben. Fünf Tische sind es, die diese Inseln bilden. Fünf Tische. Fünf Koffer. Fünf Menschen. Das ist die gesamte Bühnenausstattung (Ausstattung: Tatjana Ivschina). Mehr nicht. Darunter liegt das knöcheltiefe dunkle Meer, durch das die Sänger ihre Bahnen auf begrenzten Wegen ziehen. Sie lassen das Meer toben und tosen, erzeugen mit Schritten mal heftige, mal sanfte Wellen. Das ergibt Geräusche, die sich in das Geschehen, in die Musik kongenial integrieren. Einmal singt Seleuce: „Jede Welle, die sich bricht, weint und murmelt zugleich für meine Liebe“.

 

Quadratmetergroße dunkle Kacheln zieren die Wände. Ein finsteres Ambiente, in dem die fünf Protagonisten ihre Gefühle ausleben. Und das auf großer Distanz: Sechs Meter Abstand zwischen den Sängern, sechs Meter Abstand zum Orchestergraben. Alles der Pandemie geschuldet. Immerhin hat Jede und Jeder eine Insel für sich – und nutzt dies spielerisch aus. Zum Glück gibt es im Stück keine Toten, obwohl mal ein Messer, mal ein kleines Schwert aufblitzen, mal eine (Wasser)Pistole und kurz vor Schluss ein Becher Gift zum Einsatz kommen. „Du quälendes Meer, bist der grausame Vollstrecker meines Schicksals“, singt Tolomeo am Anfang. Fast schon am Ende bittet Seleuce: „Komm Friede, in die Seele zurück, die so gelitten hat“ und gemeinsam preisen alle zu guter Letzt „aller Schmerz wandelt sich zur Freude“. Ob das wirklich so ist und bleibt, sei dahingestellt. Schließlich sind den Helden am Ende alle Illusionen genommen. Elisa und Araspe erfahren, sie waren in Menschen verliebt, die nie existierten. Die Figuren auf der Bühne sind in einer Welt ohne Illusionen gelandet. Das Spiel ist aus.


Tolomeo

Oper von Georg Friedrich Händel
Libretto von Nicola Francesco Haym
Uraufführung 1728 in London
Lübecker Erstaufführung in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Theater Lübeck, Großes Haus, Beckergrube 16, 23552 Lübeck

Bis 25.4.2021

Weitere Informationen

 

Musikalische Leitung: Stefan Vladar
Inszenierung: Anthony Pilavachi
Ausstattung: Tatjana Ivschina
Licht: Falk Hampel
Dramaturgie: Polina Sandler

Besetzung: Tolomeo: Meili Li, Seleuce: Evmorfia Metaxaki / Nataliya Bogdanova, Elisa: Andrea Stadel, Alessandro: Aleksandar Timotic, Araspe: Johan Hyunbong Choi / Beomseok Choi

Philharmonisches Orchester Lübeck

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