Fotografie

„Gute Aussichten“ heißt die Ausstellungsreihe, die nun schon zum 17. Mal den Nachwuchswettbewerb „Junge Deutsche Fotografie“ präsentiert, doch was die acht, Jury-gekürten Hochschul-Absolvent*innen im PHOXXI, dem temporären Haus der Photographie auf dem Gelände der Deichtorhallen, vorstellen, wäre treffender mit „Düstere Aussichten“ beschrieben: Es dominieren ernste, unheilvolle, ja apokalyptische Bilder.

 

Die härtesten stammen von Robin Hinsch (*1987), der bereits 2014 seinen Master in Fotografie machte und mittlerweile an der HAW als Lehrbeauftragter für Fotografie tätig ist. Warum der vielfach ausgezeichnete und international renommierte Fotograf, der u.a. für Magazine wie Der Spiegel, Sunday Times, Die ZEIT und SZ arbeitet, noch als „Nachwuchs“ firmiert, bleibt das Geheimnis der Jury, doch seine Serie „Wahala“ (2020) ist zweifellos die beeindruckendste in dieser Schau: Thema sind die Brennpunkte fossiler Ausbeutung. Ob in Indien, Polen oder vor unserer Haustür, in Nordrhein-Westfalen und in der Lausitz – überall auf der Welt dokumentierte Hinsch die katastrophalen Auswirkungen des rücksichtslosen Raubbaus zugunsten der Industrieländer. Am erschreckendsten seine Aufnahmen aus dem Nigerdelta, einst ein unerhört reiches Ökosystem, das seit Einzug der Ölindustrie systematisch zerstört wurde. (UN-Berichten zufolge sind seit 1976 rund drei Millionen Barrel Öl in das Nigerdelta geflossen). Hinsch zeigt diese Zerstörung in faszinierenden, hochästhetischen Aufnahmen und einer „wohl kalkulierten Verbindung zwischen abscheulich und schön“, wie die Jury befand.

 

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Während Sophie Allerdings rätselhaft-poetisch inszenierten Körperfragmenten in der Natur, Leon Billerbecks fragil-gerissene Papier-Objekte und Konstantin Webers KI-gestützte Softwareprogramme zur künftiger Bilderzeugung nur schwer zugänglich sind, hinterlässt Jana Ritchie mit ihrer Langzeit-Sozialstudie der „Familie Ritchie“ einen starken Eindruck. Sie dokumentiert ihre Mutter, ihre zwei Schwestern und sich selbst in 12 klaren, ernsten Familienporträts per Selbstauslöser und stellt somit den reinen Frauenhaushalt selbstbewusst als Gegenentwurf zur traditionellen Familie zur Debatte.

 

Außerordentlich spannend ist auch die multimedial angelegte Dokumentation von Tina Schmidt & Kerry Stehen über die ursprünglich nomadisch lebenden Jahalin-Beduinen im Westjordanland. Ihr Dorf liegt in einem von Israel verwalteten C-Gebiet und ist auf keiner Karte verzeichnet, die Bewohner sind demographisch nirgends erfasst. Während es den Anschein hat, als ob die Israelis diese Siedlung am liebsten totschweigen oder verschwinden lassen würden, kämpfen die Beduinen um Anerkennung und Bleiberecht. Mit ihrem Projekt „The Evidence of Jahalin“ (Der Beweis für Jahalin) unterstützen die beiden Fotografinnen das politisch umstrittene Anliegen, indem sie für Sichtbarkeit sorgen.

 

Conrad Veit schließlich hat mit seinem Diplomfilm „Blastogenese X“ – in Zusammenarbeit mit der Bildhauerin Charlotte Maria Kätzl – eine endzeitliche Mondlandschaft voller merkwürdiger Wesen kreiert. Unter Blastogenese versteht man in der Biologie die ersten ein bis zwei Wochen Embryonalwochen, in denen sich die befruchtete Eizelle zu Zellhaufen ausbildet. In Veits 16 mm Schwarzweiß-Film kriechen aus merkwürdigen Eihüllen hybride Kreaturen, halb Mensch halb Tier, halb Frau, halb Mann. Wesen mit langen Schwänzen und vielen Brüsten, deren Köpfe an Termiten, Ameisen oder auch Vögel erinnern und die im Laufe von 27 Minuten den Lebenszyklus von Geburt, Balzverhalten, Paarung, Brutpflege und Raubverhalten durchlaufen. Sehr komisch ist das mitunter, aber auch voller Hintersinn, denn Conrad Veit thematisiert in seinen Werken Diversität und Geschlechtervielfalt.    


Gute Aussichten 2020/2021 – Junge deutsche Fotografie

Zu sehen bis zum 1. Mai 2022

Im PHOXXI, Haus der Photographie temporär/Deichtorhallen Hamburg, Deichtorplatz Hamburg

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