Fotografie

Das Museum für Hamburgische Geschichte zeigt eine umfangreiche Ausstellung über einen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Fotografen namens Max Halberstadt.

Zwar kennen die meisten von uns eines seiner häufig verwendeten Portraitaufnahmen, eines, das den Begründer der Psychoanalyse zeigt: Sigmund Freud, aber den Urheber und Fotografen eben nicht. Damit ist nun dank des langjährigen Engagements und der akribischen Recherche des Literaturwissenschaftlers und Publizisten Wilfried Weinke hoffentlich ein Endpunkt gesetzt – denn die Ausstellung macht klar: im Werk Halberstadts gibt es viel und Einmaliges zu entdecken.

 

Der 1882 in Hamburg geborene Max Halberstadt eröffnete nach seiner Rückkehr von einem Aufenthalt in Paris im Jahr 1907 ein „Atelier für künstlerische Photographie“ an Hamburgs Bleichenbrücke, Ecke Neuer Wall. 1912 zieht er in den Neuen Wall 54 um, bleibt dort bis zu seiner Emigration. 1909 legt er die Meisterprüfung im „Photographen-Handwerk“ ab. Er wird bekannt durch seine vortrefflichen Portraitaufnahmen von hansestädtischen und jüdischen Persönlichkeiten, Familien und Kindern. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg werden Halberstadts Photographien auf Ausstellungen u.a. in Amsterdam, Brüssel, Budapest und Toulouse gezeigt. Die Monatsschrift „Photofreund“, die in Hamburg erscheint, widmet Halberstadt 1920 ein Sonderheft.

Halberstadt 01 Vorlage fuer Werbeanzeigen Sammlung Spangenthal England

Vorlage für Werbeanzeigen von Max Halberstadt. Sammlung Spangenthal, England.


1913 heiratet er Sophie Freud eine Tochter von Sigmund Freud. Aus der Ehe gehen zwei Söhne hervor. Am Ersten Weltkrieg nimmt er teil. 1919 ist Halberstadt Gründungsmitglied der „Gesellschaft Deutscher Lichtbildner“ (1919-1969).

Während der Pandemie, der Spanischen Grippe, verstirbt Sophie 26-jährig, im Jahr 1920. Drei Jahre später heiratet Halberstadt erneut und geht die Ehe mit Berta Katzenstein ein.

 

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Max Halberstadt liefert nicht nur Portrait- und Landschaftsaufnahmen für die illustrierte Hamburger Presse, sondern auch Fotocollagen für die „Hamburger Illustrierte Zeitung“ und – 1928 – für den „November-Almanach“, eine Textsammlung der „Hamburger Gruppe“, einer Schriftsteller- und Künstlervereinigung.

 

Die Familie wohnt in der Hansastraße. Das ist auch die letzte Privatanschrift bis zur Auswanderung nach Südafrika. Nach 1933 erhält Halberstadt nur noch wenige Aufträge, er verkauft sein Atelier und emigriert 1936 mit seiner Familie nach Johannisburg. Zwar hat Halberstadt einen Auftrag dort, aber die dauerhafte Ausreise aus Deutschland ist nicht freiwillig geplant.

Zunächst arbeitet er im Reklamebereich, sein größter Auftraggeber sind die „Transvaal Advertising Contractors“. Es ist ein schwieriger Neuanfang und Halberstadt ist gesundheitlich geschwächt. Im November 1938 macht er sich selbstständig und eröffnet ein eigenes Photo-Studio. Nur zwei Jahre später, Ende Dezember 1940, stirbt er 58-jährig und wird auf einem jüdischen Friedhof der südafrikanischen Metropole beerdigt.

 

Halberstadt 02 Graeber auf dem Juedischen Friedhof in Hamburg Altona Denkmalschutzamt Hamburg

Max Halberstadt: Gräber auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg-Altona. Foto: Denkmalschutzamt Hamburg

 

Die visuellen Zeugnisse aus Hamburgs öffentlichen Leben zwischen den Weltkriegen, beeinflusst von den Zuständen der Weimarer Republik, der Jahre des Aufbruchs bis zur Weltwirtschaftskrise spiegeln sich ebenso in den Aufnahmen von Max Halberstadt wieder wie die rein Hamburg-typischen Szenen. Schaut man deren stadtgeschichtlichen Wert an, so wird schnell klar, wie wichtig sie für das kulturelle Gedächtnis der Hansestadt sind. Aber auch ihr fotografischer Gehalt ist bedeutsam, denn die überwiegende Mehrzahl der ausgestellten Photographien sind bildkünstlerisch gewichtig und zeigen eine eigene, wenn auch zeittypische und -technische Handschrift.

Halberstadt 03 Wurststand auf dem Altonaer Fischmarkt undatiert Sammlung Rosenthal USA

Max Halberstadt: Wurststand auf dem Altonaer Fischmarkt, undatiert. Sammlung Rosenthal, USA

 

„Unter den erhaltenen 97 Glasnegativen, 160 Fotoabzügen und 27 Rollfilmen im Nachlass des Fotografen Max Halberstadt befinden sich zahlreiche Motive aus dem Hamburger Stadtbild. Es sind Fotografien der Hamburger Innenstadt bei Nacht, vom Segelvergnügen auf der Außenalster, Impressionen aus dem Hamburger Hafen, von den Landungsbrücken, vom Schiffsverkehr auf der Elbe, Motive vom Altonaer Fischmarkt und dem Direktverkauf vom Fischkutter" heißt es im Ausstellungstext.Halberstadt 04 An den St Pauli Landungsbruecken undatiert Sammlung Rosenthal USA

Max Halberstadt: An den St. Pauli-Landungsbrücken, undatiert. Sammlung Rosenthal, USA

 

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Nächtlicher Blick über die Binnenalster, undatiert. Sammlung Rosenthal, USA

 

Halberstadt ist es auch zu verdanken, dass jüdische Hamburger und das jüdische Leben in der Hansestadt nicht in Vergessenheit geraten. Zwar fehlt häufig – bis heute – bei der Benutzung seiner Photographien der adäquate Urheberhinweis und die Autorenschaft – leider ein grundsätzliches Problem, aber auch dank der Ausstellung und einem geplanten und Arbeit befindlichen Katalogbuch dazu wird sich dies hoffentlich zukünftig erledigen.

Halberstadt 05 Die Kinder der Familie des Hamburger Oberrabbiners Joseph Carlebach 1934 Foto Privatbesitz

Max Halberstadt: Die Kinder der Familie des Hamburger Oberrabbiners Joseph Carlebach, 1934. Privatbesitz, Israel

 

Die Ausstellung ist in verschiedene Kapitel und Themenbereiche gegliedert, u.a. in „Verhältnis zum Judentum“, „Kinderphotographien“, „Collagen“ und „Porträtaufnahmen“. Letztgenannte sind überwiegend im Atelier aufgenommene, inszenierte Situationsmomente, die die jeweiligen Persönlichkeiten behutsam darstellen und charakterisieren.

Halberstadt 06 Freud Schauspielerin und Rezitatorin Lilly reud Marle Sammlung Weinke

v.l.n.r. Max Halberstadt: Sigmund Freud, undatiert. Die Schauspielerin und Rezitatorin Lilly Freud-Marlé. Jeweils Sammlung Weinke

 

Die Emigration nach Südafrika bedeutet für Max Halberstadt und die Familie einen eklatanten biographischen und beruflichen Bruch. In der Ausstellung zieht sich daher ein Abriss durch den auf dem Boden verlegten Hamburger Stadtplan und mündet ins Grau. Überdimensionierte Dokumente biegen sich im Raum, dokumentieren eine Aufstellung der Wert- und Arbeitsgegenstände, die Max Halberstadt 1936 bei der nationalsozialistischen Hamburger Finanzverwaltung angeben muss, um die Ausreise zu erhalten. Sie wird ihm gewährt.

Halberstadt 07 Blick in die Ausstellung F Claus FriedeBlick in die Ausstellung. Die überdimensionierte Ausreiseaufstellung Max Halberstadts. Foto: Claus Friede

 

Wer die Ausstellung besuchen möchte, sollte sich Zeit mitnehmen. Viele erläuternde Texte in deutsch und englisch geben ebenso Auskunft wie eine Vielzahl von Transparenten, Objekten in Vitrinen, Negativen, Photographien, Drucken und Magazinen. Die Inszenierung kann vom Publikum selbst entdeckt und choreographiert werden, eine unumgängliche Weg- und Besucherführung gibt es nicht, auch wenn chronologische Schwerpunkte ausgearbeitet sind.
In der Tat verschafft die Ausstellung dem Fotografen Max Halberstadt die gebührende Würdigung und den verdienten Platz in der Fotogeschichte Hamburgs und darüber hinaus.


Der Fotograf Max Halberstadt „...eine künstlerisch begabte Persönlichkeit“

Zu sehen bis 3. Januar 2022

Im Museum für Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, in 20355 Hamburg

Öffnungszeiten: Mo. 10-17 Uhr, Di. geschlossen. Mi. bis Fr. 10-17 Uhr, Sa. bis So. 10-18 Uhr

Kuratiert von Dr. Wilfried Weinke

Weitere Informationen

 

Interview mit dem Kurator

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