Mittlerweile beschränkt sich das Internationale Sommerfestival ja längst nicht mehr nur auf Kampnagel. Aber soweit an die Hamburger Landesgrenze war es bislang noch nicht vorgedrungen.
Das queere österreichische Theaterkollektiv „Nesterval“ verwandelte das idyllische Museumsdorf Volkdorf in „Das alte Dorf“ irgendwo in den Alpen mit ihren engstirnigen, fremdenfeindlichen Einwohnern im Jahr 1964. Erschreckend real.
Eigentlich soll hier eine Hochzeit stattfinden, stattdessen wird es ein Leichenschmaus. Die Stimmung, die den rund 150 Besuchern schon am Eingang zum Dorf entgegenschlägt, ist entsprechend gedrückt, um nicht zu sagen beklemmend. „Nicht trödeln“ heißt es barsch, während die „Hochzeitsgäste“, die vom plötzlichen Tod der Braut überrascht werden, in kleinen Gruppen ins Dorf geführt werden und nun als Trauergemeinschaft die auf einer von zwei riesigen Kaltblütern gezogenen Kusche mit Sarg an sich vorbeiziehen lassen.
Dass hier kein gemütlicher Heimatabend wartet, ist Programm; ebenso die aktive Rolle des Publikums, die als „Hochzeitsgäste“ mit den Dorfbewohnern ins Gespräch kommen, Fragen stellen können oder – beim Lehrer in der Dorfschule – Aufsätze vorlesen sollen.
Innerhalb von knapp drei Stunden entwirft „Nesterval“ auf dem gesamten Dorfareal das Panorama einer abgeschiedenen Gesellschaft, die nach eigenen Gesetzen lebt und selbst definiert was Recht und Gesetz ist. Einer erzkatholischen Gemeinschaft, die miteinander verstrickt und verschwippt ist, die alles eisern verschweigt, was nicht sein darf: heimliche Liebe, ungewollte Schwangerschaften, außereheliche Kinder, Abtreibungen, Homosexualität, Gewalt in der Familie und Mord – einem Verbrechen, das nun – nach dem Verständnis der Dörfler – gesühnt wurde.
Die tragische Geschichte wird rückwärts erzählt – sieben Tage bis zum Tod der Braut, drei Stunden, die jeder einzelne anders erlebt, denn jeder der 17 Darstellenden nimmt eine kleine Besuchergruppe mit sich, schildert die Begebenheiten aus dem Dorfleben, zeigt beispielsweise, wie der Bräutigam Johannes, ein Zugereister, von den einheimischen Männern beschimpft und gedemütigt wird oder wie die Braut Anna-Lis beim Gebet gestört und erpresst wird. Man darf bleiben und zuhören, solange mal will, man darf die Gruppe aber auch verlassen und sich anderen Charaktere (Mutter, Vater, Knecht, Braucht, Bräutigam, etc.) anschließen. Wie eine Zwiebel schälen sich so jeweils ganz individuelle Bilder heraus, dringt man immer tiefer in die Geschichte ein, deren tragisches Ende man ja schon weiß – nur halt nicht, warum das alles.

Nesterval: "Das alte Dorf". Foto: Fabian Hammerl
„Das alte Dorf“ ist die Hamburger Adaption von „Das Dorf“ (2018/19), einem Nesterval-Werk, das 2019 für den Nestroy-Preis nominiert war und seither unter unterschiedlichen Titeln (u. a. Sankt Peter) aufgeführt würde. Das Material speist sich aus feministischer Literatur des 19. Jahrhunderts, österreichischen Heimatfilmen und „trostlosem Bergbauernrealismus“ – in Hamburg verdichtet zur dramatischen Geschichte um die Braut Anna-Lis, die zwei ungebetene Gäste und ihr Wissen um ein Verbrechen total aus der Fassung bringen. Schon die Wiener Version wurde als harter, konsequent düsterer Schritt im Nesterval-Kosmos verstanden, weg vom bloß verspielten Pop-Surrealismus. Diese Ernsthaftigkeit trägt die Hamburger Inszenierung, die trotz der Weitläufigkeit des Freilichtmuseums nichts an Intensität einbüßt.
Das Publikum wandert mit den Figuren durch Stuben, Ställe und über Dorfwege, wird beobachtet, mitunter direkt angesprochen und mit Aufgaben bedacht. Genau diese „Mitmach“-Mechanik ist für den Abend entscheidend – und sie ist beklemmend.
Unvermittelt ist man nicht mehr außen vor, sondern Teil dieses historischen Museumsdorfes, Teil dieser engstirnigen, intoleranten Gesellschaft, die so sehr darauf bedacht ist, Dorfidylle und Heile Welt vorzuspielen, doch im Grunde von Hass und Gewalt zerfressen ist. Es gibt wohl derzeit keine Theaterform, die nachhaltiger wirkt.
Internationales Sommerfestival in Hamburg
läuft noch bis zum 24. August 2025. Kampnagel Hamburg
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