Kunst braucht Öffentlichkeit! Seit 2013 bringt die Hamburger Initiative add art zeitgenössische Kunst in Unternehmen, Kanzleien und Agenturen. Zur 13. Ausgabe vom 12. bis 15. November 2026 öffnen 21 Unternehmen ihre Türen.
In elf Unternehmen werden Arbeiten von Studierenden und Alumni der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) präsentiert. Insgesamt sind 23 Nachwuchskünstlerinnen und Nachwuchskünstler beteiligt. Die Werke können erworben werden – der Verkaufserlös kommt vollständig den Kunstschaffenden zugute.
Für junge Künstlerinnen und Künstler bietet das Format die Möglichkeit, ihre Arbeiten jenseits etablierter Ausstellungsorte zu präsentieren, Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Räumen zu sammeln und neue Kontakte zu knüpfen. Doch was entsteht aus diesen Begegnungen? Können daraus dauerhafte Beziehungen und berufliche Perspektiven entstehen? Und was geschieht mit einem Kunstwerk, wenn es nicht in einer Galerie oder einem Museum, sondern in einer Kanzlei, einer Agentur oder einem Unternehmensbüro gezeigt wird?
Der Maler Christian Hahn ist Professor an der HAW Hamburg und gemeinsam mit seinem Kollegen Henning Kles an der Auswahl der Nachwuchskunst für add art beteiligt. Außerdem gehört er der Jury des add art Awards an. Aus seiner Arbeit an der HAW Hamburg kennt er die Herausforderungen, vor denen junge Kunstschaffende beim Übergang vom Studium in die berufliche Praxis stehen. Das Format verbindet Fragen der künstlerischen Ausbildung und Förderung mit Fragen der Präsentation, der Vermittlung und der wirtschaftlichen Realität des Kunstbetriebs.
Doch wie nachhaltig kann eine solche Initiative wirken? Welche Verantwortung übernehmen Unternehmen, wenn sie junge Kunst fördern? Und wie lässt sich verhindern, dass Kunst im wirtschaftlichen Umfeld vor allem zum Bestandteil der Unternehmenskommunikation wird? Dazu haben wir Christian Hahn einige Fragen gestellt.
Marc Peschke (MP): Sie begleiten als Professor an der HAW Hamburg junge Künstlerinnen und Künstler auf ihrem Weg in die berufliche Praxis. Bei add art präsentieren 23 Studierende und Alumni der HAW Hamburg ihre Arbeiten an verschiedenen Unternehmensstandorten. Welche Bedeutung hat eine solche Plattform für junge Kunstschaffende?
Christian Hahn (CH): Die add art bietet den Studierenden die Möglichkeit, ihre Kunst in einem Umfeld und Kontext außerhalb des Hochschulbetriebs zu präsentieren. Dies ist für die Studierenden eine große Motivation. Sie verstehen es als Auszeichnung, ihre Werke ausstellen zu dürfen. Da die Ausstellenden sich auch dazu verpflichten, die Besucher durch die Ausstellung zu führen, lernen sie, über ihre Arbeiten zu sprechen, sich zu präsentieren und Rückmeldungen zu erhalten, die außerhalb des Hochschulkontextes liegen. Erwähnen sollte man noch, dass die Studierenden oder Alumni Geld für das Ausstellen erhalten! Im Kunstbereich ist das leider keine Selbstverständlichkeit. Oftmals kaufen auch die beteiligten Unternehmen ein Werk von den Ausstellenden.
MP: Wie funktioniert die Auswahl der Nachwuchskünstlerinnen und Nachwuchskünstler für add art konkret? Nach welchen Kriterien werden die Positionen vermittelt und welche Mitsprache haben die Studierenden dabei? Wie wird sichergestellt, dass künstlerische Eigenständigkeit und die Interessen der jeweiligen Gastgeber miteinander vereinbar bleiben?
CH: Das Prozedere der Auswahl ist ein großer Aufwand. Zunächst einmal muss erwähnt werden, dass es den Studierenden freisteht, ob sie sich für die add art bewerben. Mein Kollege Henning Kles und ich sammeln alle Bewerbungen. Diese sind einerseits digital, andererseits analog mit drei bis fünf repräsentativen Werken. Bei etwa 80 Bewerbungen kommen hier etwa 300 Arbeiten zusammen.
MP: Und wie geht es dann weiter?
CH: Wir präsentieren diese den teilnehmenden Unternehmen an zwei Tagen in der Hochschule. Interessant ist für uns, dabei zu beobachten, wie unterschiedlich die Unternehmenskulturen sind und wie unterschiedlich über Kunst diskutiert wird. Meist sind es zwei bis fünf Personen aus einem Unternehmen, die sich ihre Künstlerinnen oder Künstler aussuchen können. Mein Kollege und ich beraten sie, wenn sie unentschlossen sind und zwischen mehreren Positionen schwanken. In der Regel stellen pro Unternehmen zwei Studierende oder Alumni aus. Die Auswahlkriterien sind sehr subjektiv und orientieren sich beispielsweise an räumlichen Bedingungen. Es spielt aber auch eine Rolle, ob das Unternehmen schon öfter an der add art beteiligt war. Falls ja, wird die Auswahl immer mutiger.

Hari Klein: Longitude, 2025, Öl auf Leinen, 60 × 110 cm.
MP: Im Kunstbetrieb spielen persönliche Kontakte eine große Rolle. add art bringt junge Kunstschaffende mit Unternehmen, Beschäftigten, Besucherinnen und Besuchern sowie Menschen aus anderen Bereichen des Kunstbetriebs zusammen. Können daraus längerfristige Beziehungen entstehen – etwa zu Sammlern, Galerien, Auftraggebern oder Institutionen? Welche Erfahrungen gibt es damit?
CH: Es gibt hier sehr unterschiedliche Erfahrungen. Dies hängt natürlich von den Kunstwerken und der Persönlichkeit der Ausstellenden ab. Generell kann ich aber sagen, dass sich der Blick auf die an der HAW Hamburg entstandene Kunst positiv verändert hat. Als Hubertus von Barby, der eigentliche Macher der add art, mich vor 15 Jahren mit der Frage ansprach, ob ich Interesse an einer Kooperation habe, habe ich sofort zugesagt. Mir war es wichtig, dass wir die Hochschule und damit vielleicht auch den Elfenbeinturm verlassen, um kulturell in die Stadt hineinzuwirken. Mein Kollege und ich leben in Hamburg und identifizieren uns mit der Kultur der Stadt. Die Vernetzung von Sammlern und Galerien mit der Hochschule und den Studierenden ist stetig intensiver geworden und wird hoffentlich weiter zunehmen.
MP: Unternehmen haben ein bestimmtes Selbstverständnis und verfolgen wirtschaftliche Interessen. Wo verläuft die Grenze zwischen produktiver Zusammenarbeit und der Anpassung der Kunst an die Erwartungen des Gastgebers? Wie viel Zumutung darf eine solche Kooperation vertragen?
CH: Entscheidend ist, dass die Kunstwerke und die Positionen bereits existieren, bevor die Unternehmen eine Entscheidung treffen. Bislang ist mir nicht bekannt, dass irgendein Unternehmen an die Studierenden oder Alumni herangetreten ist, um sie aufzufordern, ihre Kunst inhaltlich an das Unternehmen anzupassen. Aber natürlich gibt es auch Interessen seitens der Unternehmen. Ich kann mich an einen Fall erinnern, in dem in einem Konferenzraum ein Gemälde eines Studenten hing, das einen Sarg zeigte. Eine Verhandlung mit einem Kunden fand in diesem Konferenzraum statt. Nun ist leider kurz zuvor die Mutter des Kunden verstorben. Er konnte dieses Bild schlicht nicht ertragen, und die Verhandlung musste abgebrochen werden. Aber das ist die absolute Ausnahme.
MP: Wie läuft es normalerweise?
CH: In der Regel wissen die Unternehmen, auf welche künstlerische Position sie sich einlassen und was in ihren Räumen gezeigt wird. Und wie bereits erwähnt, zeigt sich hier auch eine sehr unterschiedliche Firmenkultur. Am produktivsten und schönsten ist es natürlich, wenn wir beobachten, dass Unternehmen und Belegschaft die Kunst als Bereicherung wahrnehmen. Und je höher die Erwartungen der Unternehmen sind und je mehr sie für die Darstellung und Präsentation der Künstlerinnen und Künstler tun, umso produktiver wird dies von den Ausstellenden empfunden!
MP: Einige der teilnehmenden Unternehmen besitzen eigene Sammlungen oder integrieren Kunst dauerhaft in ihre Arbeitsräume. Zugleich gehört Kunst heute oft zur Selbstdarstellung von Unternehmen, die sich als kreativ, weltoffen und modern präsentieren möchten. Wie unterscheiden Sie zwischen einer gewachsenen Beziehung zur Kunst und ihrer bloßen Verwendung als Instrument der Imagepflege? Welche Verantwortung tragen Unternehmen, wenn sie Kunst fördern?
CH: Aus Ihrer Frage entnehme ich die Sorge, dass die Kunst lediglich benutzt und instrumentalisiert wird. Ehrlich gesagt habe ich eine ganz andere Angst und Sorge!
MP: Welche denn?
CH: Die KI nimmt gerade den Kreativen ihren Wirkungsgrad und damit ihre Bedeutung! Hier liegt eine riesige Problematik! Dies betrifft alle Künstlerinnen und Künstler, egal ob in der bildenden Kunst, der Musik oder der Literatur! Bilder können sehr schnell generiert und entsprechend verwendet werden. Mit realen Künstlerinnen und Künstlern muss man sich auseinandersetzen und sie um Erlaubnis zur Nutzung der Bildrechte bitten. Mit der KI kann ich das einfach umgehen! Kosten und Ärger sparen! Großartig! Will heißen, dass die Kunst und Kultur gerade inhaltlich und wirtschaftlich massiv unter Druck geraten. Man kann sehr froh sein, wenn es Unternehmen gibt, die Verantwortung zeigen und ihre Räume für die bildende Kunst öffnen. Natürlich gibt es hier auch Reibungsflächen, aber immerhin sind diese Unternehmen bereit, diese Auseinandersetzung zu führen und sie als Bereicherung zu sehen.

Laya Böker: Es ist die Trauer..., 2025, Acryl auf Leinwand 140 x 100cm
MP: Bei der add art treffen unterschiedliche Formen des Umgangs mit Kunst aufeinander: Unternehmen öffnen ihre Räume für Nachwuchskünstlerinnen und Nachwuchskünstler, andere zeigen eigene Sammlungen oder kuratierte Ausstellungen mit bereits etablierten Positionen. Wo liegen die Unterschiede zwischen diesen Formen der Kunstpräsentation? Und was braucht es, damit aus der Begegnung mit zeitgenössischer Kunst mehr wird als eine ästhetische Bereicherung der Arbeitsumgebung?
CH: Auch bei den Unternehmen, die eine eigene Sammlung aufgebaut haben, gibt es sehr unterschiedliche Kulturen. In der Regel integrieren Unternehmen Kunst in das alltägliche Umfeld, sei es am Arbeitsplatz oder an repräsentativen Orten im Unternehmen. Natürlich geht es hier auch um Ästhetik, mitunter auch um eine Auseinandersetzung mit Design oder Raum. Bildende Kunst ist zunächst eine visuelle Angelegenheit. Aber es gibt auch eine Ebene dahinter. Es liegt am Betrachter, ob er diese erkennt oder bereit ist, sich diese Ebenen zu erarbeiten. Dies wird immer eine individuelle Entscheidung sein.
MP: In der Diskussion über Kunst im Arbeitsumfeld wird häufig von Kreativität, Kommunikation, Inspiration und einem besseren Miteinander die Rede. Überzeugt Sie diese Argumentation?
CH: Ebenfalls liegt es am Betrachter und an den Personen, wie sie mit dem Kulturangebot umgehen. Ich rede in der Kunst gerne von einem Bedeutungsraum, der geschaffen wird. Ob und wie dieser gefüllt wird, liegt ebenfalls im Ermessen des Unternehmens oder der Belegschaft. Kultur schafft einen Raum oder Rahmen, der hoffentlich inspirierend ist. Aber natürlich wird sich nicht jeder inspiriert oder aktiviert fühlen. Für diejenigen, die sich auf das Angebot einlassen, sollte es jedoch einen Mehrwert bieten.
MP: Der add art Award wird 2026 erstmals in zwei Kategorien vergeben. Worum geht es dabei?
CH: Für den Jurypreis wählt eine Jury eine Position unter den HAW-Studierenden aus, die sich durch besondere künstlerische Qualität auszeichnet. Für den Kurator:innenpreis besuchen drei Kuratorinnen alle Präsentationen von HAW-Studierenden und bewerten die Hängung, die Inszenierung im Raum und den Gesamteindruck vor Ort.
MP: add art schafft Sichtbarkeit, Ausstellungserfahrung und Begegnungen zwischen Kunst und Wirtschaft. Woran lässt sich der langfristige Erfolg eines solchen Formats messen – und welche Erfahrungen würden Sie sich für die beteiligten Künstlerinnen und Künstler wünschen?
CH: Mich interessieren in erster Linie die Erfahrungen, die die Studierenden beim Ausstellen machen. Für sie ist dies auch eine Möglichkeit zur Selbsterkenntnis. Künstlerisch tätig zu sein, im Atelier zu stehen und zu zeichnen und zu malen, ist das eine. Das andere ist, die eigene Arbeit nach außen zu vertreten. Dies ist leider eine Form der Realität, der sich alle stellen müssen, die von ihrer Kunst leben möchten. Einige haben damit kein Problem und fühlen sich durch diese Auseinandersetzung motiviert und aktiviert. Andere stellen fest, dass ihnen das nicht liegt und sie lieber im Privaten künstlerisch tätig sind. Die Art ermöglicht den Studierenden, sich zu verorten und Erkenntnisse zu gewinnen, die sie an der Hochschule nicht erhalten würden. Die Erfahrungen beim Ausstellen im Kontext der add art sind für die Studierenden mitunter persönlich prägend. Ich weiß von ehemaligen Studierenden, dass sie sich aufgrund dieser Erfahrungen für einen Weg in die Kunst – oder dagegen – entschieden haben. Die Erfahrungen bei der add art haben ihnen also ermöglicht, eine bewusstere Entscheidung für ihr Leben zu treffen. Mehr kann ich mir für meine Studierenden nicht wünschen!
13. add art 2026
Vom 12. bis zum 15.11.2026
Hamburger Unternehmen öffnen ihre Türen und zeigen an 21 Standorten Kunst.
Stadtgebiet Hamburg
Weitere Informationen (add art)

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)
Kommentare powered by CComment