Architektur
Astra Zarinas Design eines Barinterieurs in Rom. Quelle: Hatje Cantz Verlag

Normalerweise wird die Architekturgeschichte anhand von Bauten erzählt. So entsteht eine Leistungsschau ikonischer Werke, deren Urheber überwiegend Männer sind.

 

Mit der neuen Reihe „She was an Architect“ versucht der Hatje Cantz Verlag, einen neuen Ansatz zu verfolgen, um zu zeigen, dass Architektur mehr ist als das Errichten von Gebäuden. Im ersten Buch stellt die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Laura Helena Wurth das Leben und die Arbeit der Architektin und Hochschullehrerin Astra Zarina vor.

 

Laura Helena Wurth beschreibt in einem lockeren Englisch die Lebensstationen und das Wirken von Astra Zarina. Historische Schwarzweißfotos illustrieren ihre Geschichte: man sieht die Architektin als junge Frau am Zeichenbrett, auf einer Terrasse inmitten der römischen Dachlandschaft oder das Interior einer Bar, die sie entworfen hat. Den Abschluss bildet ein Interview mit dem renommierten Architekten Steven Holl, der 1970 im Alter von 23 Jahren nach Rom ging, um am Sommerprogramm der University of Washington teilzunehmen. Es fand unter der Leitung von Astra Zarina im Palazzo Pio statt, wo die Architektin mit ihren Studenten gemeinsam arbeitete. Oft lud sie sie zu sich nach Hause ein zu den sogenannten “didactic dinners“, bei denen gemeinsam gekocht und mit eingeladenen Gästen diskutiert wurde.

 

Astra Zarina ZeichnungAstra Zarina, Comic Strip (Auszug)

 

Für Steven Holl war die Begegnung mit ihr eine Offenbarung, denn sie zeigte ihm einen völlig neuen Zugang zur Architektur – und wie man eigenhändig Mayonnaise herstellt. Daraus entstand eine lebenslange Freundschaft.  Anschaulich berichtet er darüber, wie Zarina Leben und Arbeit miteinander verflocht: „If you want to be an architect, first you have to learn how to cook,“ lautete ihre Devise. Sie schickte ihre Studenten auf die Straßen Roms und forderte sie auf, nicht nur die Bauten, Aussichtspunkte und Plätze zu dokumentieren, sondern auch genau zu beobachten, wer was wann und wie dort macht, um so die Gewohnheiten, Rituale und Bedürfnisse der Stadtbewohner zu erfahren. Steven Holl: „She taught trough experience. … For Astra, cooking was architecture: color, texture, smell, geometry, timing.” (S. 57)

 

She was an Architect COVERAstra Zarina betrachtete Architektur als Teil der Stadt sowie der Alltags- und Lebenskultur der Menschen, die in ihr wohnen und sich darin bewegen. Sie plädierte daher für den Erhalt und einen verantwortungsvollen Umgang mit der historisch gewachsenen Stadtstruktur. Damit war sie in den 1960er- und 70er-Jahren ihrer Zeit voraus, in denen in erster Linie Abriss und Neubau propagiert wurden. Vorausschauend prognostizierte sie schon 1976 die Gentrifizierung als Folge des Tourismus, der die Innenstadt Roms sukzessive zu einem Museum machte. In ihrem Buch über die Dachlandschaft Roms „I Tetti Di Roma“, das sie zusammen mit dem Fotografen Balthazar Korab 1976 publizierte, schrieb sie: „What emerges is a roofscape that increasingly becomes a stage upon which new protagonists appear – wealthier, more mobile, more visible – while the ancient plebian actors withdraw to the margins of the city, disappearing from the everyday panorama of Roman rooftops.“ (S. 39)

 

Die Leitlinien und ethischen Grundsätze, die sie in ihrer Lehre und in ihrer praktischen Arbeit vermittelte, haben sich aus ihrem besonderen Lebensweg entwickelt, der sie als Migrantin und Frau immer wieder zur Außenseiterin machte. 1929 in Riga geboren, verließ sie Lettland mit ihren Eltern und Geschwistern während des Zweiten Weltkriegs und emigrierte über Österreich nach Deutschland. 1947, als die Familie noch in einem Lager für Displaced Persons lebte, begann Astra ein Architekturstudium an der Technischen Universität Karlsruhe u.a. bei Egon Eiermann (1904–1970). 1949 gelang es der Familie endlich, in die USA, nach Seattle, zu gehen, wo der Vater, ein gelernter Wirtschaftswissenschaftler, sich als Farmer niederließ. Astra setzte ihre praktische und theoretische Ausbildung in den 1950er Jahren in den USA erfolgreich fort. Nach ihrem Masterabschluss am Massachusetts Institute of Technology 1956 arbeitete sie im Büro von Minoru Yamasaki, dem Architekten des World Trade Centers in Manhattan. 1960 gewann sie als erste Frau den Rom-Preis für Architektur der American Academy in Rome. Gleichzeitig erhielt sie ein Fulbright-Forschungsstipendium. Zusammen mit ihrem ersten Ehemann, dem Architekten Douglas Philip Haner, beschloss sie, nach Rom zu gehen.

 

Douglas Haner Astra Zarina RomDouglas Haner und Astra Zarina, Rom, 1954. Quelle: Hatje Cantz Verlag

 

Auf der Schiffsüberfahrt lernten die beiden den Berliner Senatsbaudirektor Werner Düttmann (1921–1983) kennen. Der plante gerade zusammen mit den Architekten Hans Christian Müller (1921–2010) und Georg Heinrichs (1926–2020) das damals größte Siedlungsprojekt der Nachkriegszeit: das Märkische Viertel. Düttmann engagierte das vielversprechende Paar für seine junge internationale Architektenmannschaft, die auf dem Grundstück einer ehemaligen Gartenkolonie in Berlin-Reinickendorf von 1963 bis 1974 17.000 Wohnungen für ca. 50.000 Menschen entwarf und baute. Astra Zarina war in dem 35-köpfigen Team die einzige Frau.

 

Douglas Philip Haner und Astra Zarina pendelten zwischen Rom und Berlin und bearbeiteten den größten Wohnungsblock der neuen Siedlung. Sie sahen in der Erdgeschosszone ihres Blocks eine gemischte Nutzung vor, also Läden, Cafés, Kindergärten und andere soziale Einrichtungen. Doch sie mussten ihre Pläne ändern, denn die Projektleitung forderte eine strikte Funktionstrennung und konzentrierte schließlich alle sozialen Infrastruktureinrichtungen im Zentrum der neuen Siedlung. Während der Arbeit am Märkischen Viertel trennte sich das Paar. Haner kehrte in die USA zurück, und Zarina führte das Projekt 1974 alleine zu Ende. Ihr Name allerdings wurde in den behördlichen Broschüren über das Märkische Viertel weggelassen, Haner trotz seines Ausstiegs genannt. Die Architekturzeitschrift „Bauwelt“ verfuhr in gleicher Weise, als sie 1967 einen Zwischenbericht über den Bau des Märkischen Viertels publizierte.

 

Es muss dieser demütigende Ausschluss als Frau gewesen sein, der Astra Zarinas Eigensinn gestärkt hat. Dazu der Kontrast zwischen der technokratischen deutschen Planungskultur und dem Leben in den historisch gewachsenen Strukturen der Ewigen Stadt, der ihr die Augen und Sinne öffnete, mutig ihre eigene Planungskultur dem damaligen Mainstream entgegenzusetzen. Schon ab 1965 hielt sie regelmäßig Vorlesungen an der University of Washington in Seattle. Sie erweiterte ihre Lehrtätigkeit und erreichte schließlich, dass die Universität für ihre Studenten 1970 ein Sommerprogramm in Rom auflegte, dessen Leitung sie übernahm.

 

Astra-Zarina_01_in-Rom.jpg

 

Astra Zarina hat nicht nur zusammen mit ihren Studenten den Palazzo Pio erhalten und restauriert – er ist immer noch Sommersitz der University of Washington, innen allerdings mittlerweile durch den Einbau von Ferienwohnungen verunstaltet. Ihr vielleicht größter Verdienst und sichtbares Werk ist die Rettung von Civita di Bagnoregio. Das Bergdorf liegt zwei Autostunden nördlich von Rom entfernt und ist noch heute nur über einen schmalen Pfad und eine Hängebrücke erreichbar. Das hat aber nicht verhindert, dass es ein touristischer Hotspot geworden ist. 1961 fand die Architektin das aus einer etruskischen Siedlung hervorgegangene Dorf völlig verfallen vor. Sie kaufte eines der Häuser und begann zusammen mit den Bewohnern die schrittweise Restaurierung des Dorfes. Steven Holl: „She was restoring not just buildings, but culture and community. It was there that her values became fully tangible.” (S. 56) Als die Architektin 1999 ihre Lehrtätigkeit aufgab, verlegte sie ihren Wohnsitz ganz nach Civita di Bagnoregio. Sie starb dort im August 2008 im Alter von 79 Jahren.

 

Um ihre Erfahrungen und daraus entwickelten Wertvorstellungen breiter zu kommunizieren, gründete Astra Zarina 1981 zusammen mit ihrem zweiten Ehemann, dem amerikanischen Architekten Anthony Costa Heywood, das „Northwest Institute for Architecture and Urban Studies“ (NIAUS), bekannt geworden als Civita Institute. Es arbeitet auf Spendenbasis und versteht sich als ein internationales Studienzentrum.

 

Astra Zarin sprach fließend Lettisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Mit ihrer Lehrtätigkeit schuf sie internationale Netzwerke. Steven Holl fasst im Interview ihre ethischen Grundsätze aus der Erinnerung in sieben Punkten zusammen, aufgeschrieben hat Zarina sie so wohl nie. Angesichts der Tatsache, dass etwa 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen durch die Errichtung und den Unterhalt von Gebäuden entstehen, sind sie sehr aktuell, denn sie beinhalten den Respekt vor der Natur, den gewachsenen Stadtstrukturen, den menschlichen Bedürfnissen und unterstreichen den Wert von Gemeinschaft. Über Architektur muss neu nachgedacht werden. Astra Zarinas Leben ist ein Beispiel dafür, wie das möglich ist.


Laura Helena Wurth: “She Was an Architect”

Astra Zarina. Lessons on Continuity and Change

Hatje Cantz Verlag, Berlin 2026

64 Seiten, engl.

ISBN: 978-3-7757-6210-6

Weitere Informationen (Verlag)

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