Was geschieht, wenn vom Baum der Erkenntnis genascht wird, ist hinlänglich bekannt. In Francesco Bartolomeo Contis (1682–1732) Oratorium „La colpa originale“ wird der biblische Sündenfall nach fast dreihundert Jahren der Vergessenheit zum packenden Musiktheater voller dramatischer Wendungen, virtuoser Arien und überraschender musikalischer Farben – und zu einem Erlösungsversprechen.
Seine neuzeitliche Erstaufführung erlebte der musikalische Schatz am 20. September 2025 in einer Ko-Produktion des Festivals Alte Musik Knechtsteden mit dem Güldenen Herbst Thüringen unter der Leitung von Dorothee Oberlinger mit dem Ensemble 1700.
Nun erscheint die Einspielung dieser Wiederentdeckung erstmals beim Label cpo auf Tonträger, die auch Francesco Bartolomeo Conti (1682–1732) als melodisch höchst erfindungsreichen Komponisten und Musikdramatiker ins Rampenlicht rückt, dessen Werk eine erneute Begegnung verdient.
Die Uraufführung fand 1718 in Wien nach einem Libretto des Hofdichters Pietro Pariati statt. Der gebürtige Florentiner und Theorbist Conti gehörte zu den profilierten Musikern am Wiener Kaiserhof und verstand es, die Virtuosität der italienischen Oper mit der kontrapunktischen Tradition der Wiener Hofmusik zu verbinden. Trotz seines hohen Ansehens zu Lebzeiten gehört Conti heute noch immer zu den großen Unerforschten. Conti kreierte eine eigene Musiksprache für sich, an der am auffälligsten das Changieren zwischen traditioneller, melodiöser Italianità und durch Intervallsprünge aufgebrochener Melodieführung ist.
Dank einer Abschrift aus dem Jahr 1725, die in die Musiksammlung des Herzogs Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen gelangte, wurde die Partitur von der Sängerin und künstlerischen Leiterin des Festivals Güldener Herbst, Alice Lackner, wiederentdeckt.
Musikalisch erweist sich Conti als Meister charakteristischer Kontraste. Eingängige Melodien, kunstvolle Koloraturen, markante Basslinien und raffinierte harmonische Wendungen verbinden sich zu einem facettenreichen Klangdrama, in dem Dorothee Oberlinger und das von ihr gegründete Ensemble 1700 die dramatische Energie und den Farbenreichtum der Partitur in den Mittelpunkt rücken. Besonders reizvoll sind die ungewöhnlichen instrumentalen Dialoge: Adam wird in einer Arie von der Posaune begleitet, Eva von der Theorbe. Die Klangkonstellationen verleihen den Figuren individuelle Konturen und zeigen, wie nah das Oratorium dem Musiktheater seiner Zeit steht. Der internationale Solist:innen-Cast mit David Tricou als Dio, Timothy Morgan als Adamo, Jiayu Jin als Eva, Luigi di Donato als Lucifero und Alice Lackner als Cherubino führt die Geschichte durch ihre emotionalen und musikalischen Wendungen.
Contis Vertonung erzählt die Geschichte von Adam und Eva nicht nur als religiöse Lehrgeschichte, sondern auch als dramatisches Spiel um Verführung, Erkenntnis, Schuld und Verlust. Luzifer nutzt Evas Neugier und die Aussicht auf göttliches Wissen und ewige Schönheit, um sie zur Sünde zu verleiten. Doch das Werk bleibt nicht bei der Vertreibung aus dem Paradies stehen: In der Aussicht auf Erlösung durch einen Messias nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung.

Aufnahme in Knechtsteden. Fotos © Graca und Darius Bialojan
Mit der Ersteinspielung wird eine bemerkenswerte Entdeckung der Barockmusik über den Moment der Wiederaufführung hinaus zugänglich und zeigt Conti als Musikdramatiker, dessen Fragen nach Verführung, Verantwortung und den Folgen menschlicher Entscheidungen bis heute nachhallen.
Francesco Conti: „La colpa originale“ – Die Erbsünde
Oratorium in zwei Teilen nach einem Libretto von Pietro Pariati
Besetzung:
Dio – David Tricou | Adamo – Timothy Morgan | Eva – Jiayu Jin | Lucifero – Luigi di Donato | Cherubino – Alice Lackner |
ENSEMBLE 1700. Dorothee Oberlinger, Leitung
Violine: Evgeny Sviridov, Anna Kodama, Katja Grüttner | Violine 2 Anna Dmitrieva, Christian Voß, Svetlana Ramazanova | Viola: Gabrielle Kancachian, Aino Hildebrandt | Violoncello: Markus Möllenbeck | Kontrabass: Raivis Misjuns | Blockflöte: Meike Herzig, Janna Schneider | Fagott: Makiko Kurabayashi | Posaune: Alexander Brungert | Theorbe: Michael Dücker | Hackbrett Elisabeth Seitz | Cembalo/Orgel: Olga Watts
Label / Vertrieb: cpo
2 CDs, Booklet
EAN: 761203579327
VÖ: 05.11.2026

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