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Weit im einsamen und kargen Norden Europas, dort wo Finnland aufhört, ist die samische Kultur lebendig wie schon lange nicht mehr und bricht sich Bahn in die Ohren der Welt.

Beteiligt daran sind Mutter Ulla Pirttijärvi und Tochter Hildá Länsman, beide Gesang.

 

Der kehlige Gesang der Samen, namens Joik, mit starker schamanischer Ausprägung war jahrhundertelang verboten. Grund war die Christianisierung der Samen ab dem 17. Jahrhundert und die kam wie ein Kulturkiller: es wurden Instrumente vernichtet, Schamanen ermordet und das Joiken bei Strafe untersagt. Gerade diese kulturelle Tradition ist bei Musiker*innen wie Hörer*innen immens beliebt geworden.

 

Der schamanische Gürtel, der sich quasi einmal um die gesamte nördlichste Welthalbkugel – vom Rand Europas über Lappland, Sibirien bis in den Osten Nordamerikas – spannt, ist musikalisch vornehmlich geprägt vom Gesang, Trommeln, Rhythmusinstrumenten und Flöten. Diese sind neben mystischen, naturreligiösen Themen die große Gemeinsamkeit. Die Samische Musik ist Teil dieser großen Familie.

 

Saami Family 1900

Eine Samenfamilie in Norwegen, um 1900. Schweizer Fotograf, unbekannt. Foto gemeinfrei. Quelle: Repro no: LC-DIG-ppmsc-06257, Library of Congress.

 

Viele Erinnerungs- und Ähnlichkeitsmomente tauchen deshalb auch bei dem zweiten Soloalbum des Künstlerduos Solju (dt.: Brosche) auf. „Uvjamuohta“, zu deutsch: „Pulverschnee“ rieselt bedächtig, aber dezidiert in unser Bewusstsein ein. Allerdings wird die Joik-Tradition zeitgemäß ergänzt, Indiepop- und Electronic-Elemente schmücken die Schneelandschaft, die jedoch den einstigen Schmerz der Kulturverbote überdeckt. Ganz im Gegenteil zeugt das Album von einer fröhlichen Lebensverbundenheit, eine Besinnung auf alte Werte, die wieder neu sind. Auch wenn nur ein geringer Teil der Menschen die Sprache versteht – im Begleitheft gibt es die englischen Übersetzungen – der politische Sprengstoff verbirgt sich dennoch hinter jedem lyrisch-balladenhaften Stück: die Herausforderungen gegen die Gier, den Raubbau, Planungen von Windparks, die neuerliche Entdeckung von weiteren Bodenschätzen, geplante Eisenbahntrassen, der Tourismus, all diese gefährden zusehends den Lebensraum der Samen. Sie bedrohen das Klima, denn die letzten großen zusammenhängenden Urwälder Europas sind dort zu finden, und somit bedroht es auch uns alle!

 

Solju COVERMehrfach ausgezeichnet in Europa und Kanada singen sie für das Leben und für eine Selbstbestimmtheit an.

Der Frühling ist die wichtigste Jahreszeit im Land der Sami. Die Natur erwacht nach dem langen Winter, die Bergbirken und die Bergrücken glänzen silbrig in der ersten Sonne. Dies ist die Zeit, in denen neue Joiks komponiert wurden, die Schneestürme verabschiedend, die milde Jahreszeit begrüßend.

 

Das Joiken unter dem Dach der Entertainment-Industrie aufzuführen ist allerdings nicht ganz unumstritten. Vielen Samen lehnen das Joiken auf Bühnen und an öffentlichen Veranstaltungen ab, da es ursprünglich ganz ins Private und Persönliche gehöre.

Diese Meinungsspaltung wird bestehen bleiben, uns bescheren die finnischen Künstler mit „Uvjamuohta“ ein einprägsames, raum- und bewusstseinöffnendes Album voller Kraft und Würde.


Solju: Uvjamuohta/Powder Snow

Ulla Pirttijärvi und Hildá Länsman

Guests: Abdissa “Mamba” Assefa (Perkussion) | Oinas (Bass, Gitarren) | Samuli Laiho und Matias Koskimies (Programmierung) | Olav Torget (Gesang) | Sami Zimmermann (Sopransaxophon) und die Streicher von Triosis+

Label: Nordic Notes

EAN: 0647016904559

VÖ: 9. September 2022

 

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