Bildende Kunst
Julia Lübbecke, Ohne Titel 2022, aus der Arbeit “Weiche Knie”, 2021– fortlaufend, © Julia Lübbecke

Gleich drei Ausstellungsneueröffnungen sind seit vergangenem Wochenende im Kunsthaus Kaufbeuren im Allgäu zu sehen:

Im Saal die Werkreihen von Julia Lübbecke, „Aftərmähdag“ von Nicola Reiter im Speicher und „KinderKunstNatur“ im Foyer.

 

Es ist die erste Einzelausstellung der 1989 in Gießen geborenen Künstlerin Julia Lübbecke im süddeutschen Raum und thematisch sehr aktuell. Der Titel „Zärtlichkeit, Zins & Zusammenbruch. Über den Körper als erschöpfte Ressource“ mutet zunächst wie eine Burnout-Analyse an, jedoch versteht die Künstlerin ihren thematischen Fokus als andauernde Wechselwirkungen zwischen Archiv, Wissen, Macht und Emotion und stellt damit aktuelle gesellschaftliche, aber auch kulturelle Fragen dazu, wie der Wert von Menschen in Bezug auf ihre Arbeitsfähigkeit gesetzt wird.

 

Mithilfe von skulpturalen Installationen, Fotografien, Texten und Videoarbeiten beschäftigt sich Julia Lübbecke mit Blickwinkeln aus verschiedenen Perspektiven. Es geht um die Darstellung von „weiblich konnotierter Arbeit, der historischen Kontinuität institutioneller Gewalt in der Medizin und dem andauernden Kampf um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung“. Für die Ausstellung im Kunsthaus Kaufbeuren erweitert sie ihre Arbeiten um den Zusammenhang zwischen Menschenwürde und Arbeit sowie um die damit einhergehende Abwertung und Stigmatisierung von Arbeitsunfähigkeit.

 

Julia Lübbecke recherchiert in Archiven und Bibliotheken und klopft Originalmaterialien und Reproduktionen kritisch darauf ab, wie sich Machtverhältnisse sowohl in Archivsammlungen als auch in Körpern einschreiben. Ihr Interesse gilt insbesondere dem Verhältnis zwischen dem Informationsgehalt einerseits und den emotionalen oder affektiven Dimensionen des Wissens andererseits.

Ihre Recherchen bilden den Ausgangspunkt für skulpturale Installationen. „Zärtlichkeit, Zins & Zusammenbruch. Über den Körper als erschöpfte Ressource“ zeigt die drei fortlaufenden Werkreihen „Kleber und Falten“, „Weiche Knie“ und „Slight Discomfort“ erstmals gemeinsam in einer Ausstellung.

 

Julia Luebbecke Kleber und Falten Foto DorotheaDittrich

Links: Julia Lübbecke, “wear and tear", Ausstellungsansicht: „Body in a Room“, Kunsthaus Essen, 2025, Foto: Florian Wagner. Rechts: „Délire du toucher II“, Teil der Werkserie „Kleber und Falten“, 2023. © : Julia Lübbecke / VG Bildkunst 2026

 

Die Künstlerin entwickelt ihre Installationen weiter und adaptiert sie spezifisch für das Kunsthaus Kaufbeuren, sodass thematische Zusammenhänge und gegenseitige Bezüge im Ausstellungsraum erfahrbar werden.

 

Die Werkserie „Kleber und Falten“ (seit 2023 fortlaufend) befasst sich mit Materialität und Haptik in Archiven politischer Bewegungen. In den dort versammelten Archivalien über die Kämpfe um das Recht auf Abtreibung, Kinderbetreuung oder faire Löhne spiegeln sich die prekären Bedingungen, unter denen die Bewegungen arbeiten und ihre Geschichte dokumentieren, wider – in Form von Sonneneinstrahlung, Schweißablagerungen oder Materialrückständen. Diese Verschränkung von Materialien und politischen Kämpfen sowie die eigene körperliche Präsenz im Archiv übersetzt Julia Lübbecke in eine raumgreifende Konstruktion in Form eines begehbaren Leporellos, in dem fotografisch-skulpturale Arbeiten eingespannt, hängend oder liegend gezeigt werden. 

 

Die Installation „Weiche Knie“ (seit 2021 fortlaufend) beschäftigt sich mit widerständigem Wissen und mit Praktiken der Selbsthilfe. Sie umfasst eigene Fotografien der Künstlerin zu zwischenmenschlichen Gesten sowie Material aus Recherchen in queer*feministischen Archiven. In diesen sind die historische Kontinuität von Gewalt im Zusammenhang mit institutioneller Fürsorge ebenso dokumentiert wie widerständige Praxen, etwa die ersten feministischen Gesundheitszentren der 1970er-Jahre, Erste-Hilfe-Handbücher zum Umgang mit Polizeigewalt oder Ratgeber zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften.

 

In der Video-Lecture-Serie „Slight Discomfort“ – seit 2017 hat Lübbecke fortlaufend daran weitergearbeitet – stellt der eigene Computerbildschirm oder der Desktop als subjektives Interface den Ausgangspunkt dar. Mittels Bildschirmaufzeichnungen reflektiert Julia Lübbecke das Suchen und das Generieren von Wissen und Erzählungen. Die Serie beschäftigt sich mit aktuellen neoliberalen Auswüchsen wie Ivanka Trumps #womenwhowork, der Begeisterung der amerikanischen Schriftstellerin Kathy Acker (1947–1997) für das Fragmentieren von Körpern, der Analyse der australischen Kulturwissenschaftlerin McKenzie Wark des Cis-Gaze (der Verzerrung von trans-Identitäten) oder den Untersuchungen des amerikanischen Hochschullehrers Jack Halberstam darüber, wie die Morphologie des eigenen Körpers beeinflusst, welche Räume wir benutzen (dürfen). Dabei prägen Fehler, Unterbrechungen und Inkongruenzen den Schnitt sowie die visuelle Komposition der Lectures. Inwiefern können solche Glitches (in der Jugendsprache bezeichnet ein Glitch eine kurze, unerwartete Störung, einen kleinen Fehler oder eine technische Panne in einem System, Gerät oder Programm) andere Orte, Bewegungen und Blickrichtungen schaffen, in denen normative Körperpolitiken unterwandert, verweigert und verlernt werden?

 

„Im Speicher des Kunsthauses zeigt die Gestalterin und Künstlerin Nicola Reiter bereits seit März 2026 ihr Langzeitprojekt „Aftərmähdag“, das situiertes Wissen aus ihrem Lebensumfeld mit einer künstlerischen Recherche verbindet, heißt es in der Ankündigung des Kunsthauses. „Seit 2020 entstehen auf Wanderungen rund um Nicola Reiters Wohnort im Oberallgäu Fotografien, die Spuren landwirtschaftlicher Arbeit festhalten. Mit ihren Bildern sowie in Gesprächen mit Landwirtsfamilien über deren Höfe und Tätigkeiten untersucht sie Strukturen, Bedingungen und Transformationen von Arbeitswelten, aber auch das Verhältnis zwischen Menschen, Nutztieren und Kulturlandschaften. Während der zweiten Phase ab Ende Juli werden der Rauminstallation nach und nach weitere Materialien hinzugefügt. In Interviews erzählen Landwirt*innen vom Aufhören, vom Weitermachen und von der Entwicklung ihrer Höfe. Fotografien nicht mehr genutzter und umgenutzter Ställe sowie Porträts von Landwirt*innen der jüngeren Generation verweisen auf Kontinuitäten und Leerstellen der landwirtschaftlichen Gegenwart. Ein Recherchetisch mit privaten Fundstücken und Referenzen aus Kunst und Wissenschaft gibt Einblick in Zwischenstände und Hintergründe des Projekts, das sich parallel zur landwirtschaftlichen Saison von Frühjahr bis Spätherbst im Speicher des Kunsthauses fortsetzt.

 

Nicola Reiter Afdǝrmaehdag 2025

Nicola Reiter, Afdǝrmähdag, 2025, Foto: Nicola Reiter

 

Das Kinderkunstprojekt „experiment:KUNST“ in Kooperation mit „querKUNST KinderKunstNatur“ präsentiert die kreativen Ergebnisse des Projekts experiment:KUNST, in dem Kinder und Jugendliche die Ausstellung „long time no see“ im Kunsthaus erkundeten, Künstlerateliers und Werkstätten besuchten und daraus eigene Werke entwickelten. Im Foyer ist eine Installation der Teilnehmenden zu sehen, die sich mit Natur, Umwelt, Wahrnehmung und den Verbindungen zwischen Mensch und Natur auseinandersetzt. Die Ausstellung lädt dazu ein, die Welt durch die Augen junger Menschen neu zu entdecken und ihre vielfältigen Perspektiven kennenzulernen."

 

experimentKUNST

Experiment:Kunst, Foto: Tatjana Nocker, 2026


Julia Lübbecke: Zärtlichkeit, Zins & Zusammenbruch. Über den Körper als erschöpfte Ressource

Zu sehen bis zum 8. November 2026 im Kunsthaus Kaufbeuren (Saal), Spitaltor 2, 87600 Kaufbeuren.

Öffnungszeiten: Mi. – Fr., 11 – 17 Uhr. Sa. & So. 11 – 18 Uhr

Weitere Informationen (Kunsthaus)

Die Ausstellung „Zärtlichkeit, Zins & Zusammenbruch. Über den Körper als erschöpfte Ressource“ wird gefördert durch die Karin und Uwe Hollweg Stiftung sowie den Verein der Freunde und Förderer des Kunsthauses Kaufbeuren.

 

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Kommentare powered by CComment