Eine Ausstellung im Schloßmuseum Murnau, südlich von München, widmet sich noch bis Anfang November dem Leben und Werk der russisch-jüdischen Künstlerin Olga Meerson (1882–1930). Die Exponate, die unter dem Titel „Olga Meerson. Schülerin von Kandinsky – Muse von Matisse“ in dieser Zusammenschau nun erstmals in Oberbayern zu sehen sind, bringen ans Tageslicht, warum Meersons Mal- und Graphikarbeiten das Inbild eines vor der Vergessenheit zu bewahrendes Lebenswerk darstellen.
Olga Meersons künstlerisches Schaffen und ihre weitverzweigten Verbindungen und Lebenswege heute wieder sichtbar zu machen, ist eine Aufgabe, die zum einen künstlerisch und kunstgeschichtlich, zum anderen auch im größeren europäischen Sozialkontext von aufklärerischer, emanzipatorischer und fortschrittszugewandter Bedeutung ist.
In der Tat zeigen ihre in Murnau ausgestellten Werke nicht nur deren Gleichwertigkeit gegenüber denen männlicher Maler ihrer Zeit, sondern insbesondere auch – mit wenigen Ausnahmen – die Schwierigkeit von Frauen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, den Beruf einer Malerin überhaupt konsistent ausfüllen zu können. Vor dem Hintergrund der Jahrhundertwende wirkt die Lebensgeschichte Olga Meersons wie eine frühe, tragisch subversive Auflehnung gegen das Establishment von der Belle Époque bis in die Goldenen Zwanziger im Spiegel der Zeit.
Indem der Ideengeber zur Murnauer Ausstellung – der Medizinhistoriker Robert Jütte – im Frühjahr 2025 eine bemerkenswerte Biografie der Künstlerin herausbrachte,[1] wirkte er nicht nur der Fragmentierung ihrer Lebensgeschichte entgegen. Vielmehr hat Jütte mittels seiner Veröffentlichung auch den Namen Olga Meerson überhaupt wieder in unser Bewusstsein gebracht und somit eine solide dokumentarische Basis für die Erstellung eines ersten Ausstellungskonzepts zu ihrem geistigen, historischen und künstlerischen Erbe geschaffen.
In Kooperation mit der akribischen Recherche seitens der Museumsleiterin in Murnau – Sandra Uhrig und ihrem Team – haben der Autor und die Kuratorin einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung dieser Künstlerinnen-Vita geleistet. Mit der Absicht, Meersons Gesamtwerk zu würdigen – von dem leider viel verschollen und daher nur bruchstückhaft überliefert ist – sollte ihre gesellschaftliche Stellung hervorgehoben sowie der Umgang mit ihrem Werk sowohl zu Lebzeiten als auch nach ihrem – frühen – Tod kritisch hinterfragt werden. Letzteres bleibt gleichwohl eine Herausforderung, der sich zukünftig auch weitere Kunstvermittler in mehrerer Hinsicht werden stellen müssen, lässt doch diese erste größere, zeitgenössische Retrospektive über „Olga Meerson. Schülerin von Kandinsky – Muse von Matisse“ eine Reihe von Fragen, Ungereimtheiten und Diskussionsansätze offen.
Ausstellungsansicht. Foto: Claus Friede
Denn warum Meersons Bildern nun dank der Murnauer Ausstellung zwar zu einer vorübergehenden öffentlichen Wahrnehmung verholfen wird, sie jedoch weiterhin nur die Spitze eines Eisbergs darstellen dürften, ist ein Eindruck, der sich dem Zuschauer zwar bereits unmittelbar beim Betreten des ihr gewidmeten Murnauer Schlosssaals diffus aufdrängt, aber zunächst seltsam indefinit und ambivalent bleibt. Die in übersichtlichem Rahmen zusammengetragenen persönlichen Dokumente, Briefe und Fotos machen Meersons Werdegang zwar in Form von Schaukästen und Zeittafeln anschaulich „sichtbar“. Doch die Hintergründe der kunst- und sozialhistorisch bislang vollkommen „unsichtbar“ gebliebenen und den meisten Ausstellungsbesuchern wohl zuvor unbekannten kreativen „Frau ihrer Zeit“ bleiben weiterhin im Schatten des Ungeklärten, der Ambiguität und letztlich der Unverständlichkeit. Warum diese offenbar europäisch gut vernetzte, ebenso gebildete wie gesellschaftlich arrivierte, künstlerisch tätige Frau letztlich als historisch minder aufschlussreich und ästhetisch eher als „Mitläuferin“ präsentiert wird, bleibt ein Widerspruch, der länger nachhallt und sich zunächst durch die im Schloßmuseum sorgfältig rekonstruierte, individuelle Biografie der Künstlerin erklärt.
Die 1882 in Moskau geborene Olga Markowa Meerson studierte als junge Frau Kunst in ihrer Geburtsstadt und zog dann von Russland über Warschau nach München. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es, wie für andere Künstler auch, zwei besonders attraktive Kunstzentren in Europa: Paris und München, wobei der deutsche Beitrag insbesondere darin bestand, dass 1911 und 1912 zwei, seitens der kulturtheoretisch motivierten Vereinigung der „Blauen Reiter“ organisierte Ausstellungen stattfanden und die bayrische Metropole bis heute als Wiege des deutschen Expressionismus gilt. Zeitgleich mit der fünf Jahre älteren Gabriele Münter (1877–1962) studierte Olga Meerson von 1900 bis 1905 zunächst an der sogenannten „Damenakademie“ in Deutschland weiter,[2] bald jedoch ab 1902 bis 1904 parallel auch an der vom Maler Wassily Kandinsky (1866–1944) und vom Bildhauer Wilhelm Hüsgen (1877–1962) gegründeten Phalanx-Schule.[3] Sie wurde Schülerin ihres Landsmanns Kandinsky und besuchte zudem die Malschule des slowenischen Malers Anton Ažbe (1862–1905).
Ab 1905 setzte sie ihre Ausbildung in Paris, Nizza und in dem an der spanischen Grenze gelegenen südfranzösischen Fischerdorf Collioure bei Henri Matisse (1869–1957) fort, stellte jedoch – nach Aussagen von Matisse – um 1911 ihren Berufswunsch, als Malerin tätig zu sein, zurück. Der schon zu jener Zeit namhafte französische Maler äußerte sich über seine um dreizehn Jahre jüngere, versatile und örtlich anpassungsfähige Malerkollegin und deren professionelle Ambitionen so:
- Frau Meerson ist eine echte Künstlerin und eine, die etwas zu sagen hat, aber im Gegensatz zu manchen Künstlern, die nichts zu sagen haben und es auf angenehme Weise zu sagen wissen, hat sie die größten Schwierigkeiten, die Sehnsüchte ihrer Seele, die höchst edel sind, klar und rein auszudrücken. Das hat sie dazu bewogen, den offiziell anerkannten Beruf der Malerin, der allen Menschen gerecht wird, aufzugeben und sich einen eigenen Beruf zuzulegen, der es ihr ermöglicht, ihre Gefühle auszudrücken.
Aus einem Brief von Henri Matisse an Dr. Dubois, vom 28. November 1911[4]
Worin jener „eigene Beruf“, von dem Matisse hier spricht, konkret bestanden haben soll, bleibt vage. Vielleicht meinte er, dass ihm Meerson entschlossen und intentioniert schien, sich ein eigenes, professionelles bzw. ernstzunehmendes Künstlerinnenprofil zuzulegen. Vielleicht waren ihm ihre konkreten Bestrebungen selbst nicht klar oder bekannt, und er beließ es bei der empathischen, intuitiven, durch das Briefformat bedingt kurzen, privaten Äußerung, dass sie „die größten Schwierigkeiten [habe], die Sehnsüchte ihrer Seele [...] rein auszudrücken“.
Dennoch kommt man aus heutiger Sicht nicht umhin, dieses Zitat als plakativ, gönnerhaft und aus einer patriarchal geprägten Sicht formuliert wahrzunehmen. Es beschreibt nicht die Wirkkraft von Meersons feinfühligen, intensiven – mal alltäglich leichten, mal dramaturgisch plastischen – Bildern. Vielmehr rücken ihre Gefühle, Leidenschaften und „verbriefte“ Verliebtheit in Matisse sowie persönliche Verwicklungen in den Vordergrund ihrer Personenbeschreibung und werden zum Konstrukt einer eher fragwürdigen psychischen Fremdanalyse von Meersons Künstlerinnenidentität. Ungeachtet dessen, dass letztere heute im Rahmen der ihr gewidmeten Ausstellung und somit expliziten persönlichen Würdigung widersprüchlich wirken muss, fließt sie auch weniger in Form einer aufwertenden Gratwanderung, sondern vielmehr eines verkürzenden Pauschalanachronismus in den Untertitel der Ausstellung in Murnau ein: „Schülerin von Kandinsky – Muse von Matisse“. Diese reduktionistische, wenn nicht (ungewollt) misogyn eingefärbte und auf jeden Fall allzu schablonenhafte und „gesichtslose“ Umschreibung kann der Künstlerin kaum gerecht werden.
Dennoch veranschaulicht die Ausstellung insgesamt auf verdienstvolle, gelungene und beeindruckende Weise den weiteren, singulären Verlauf von Meersons künstlerischer Entfaltung: 1907 trafen Münter, Kandinsky und Meerson noch einmal im Pariser Vorort Sèvres zusammen. 1911 entstanden – zurück in Collioure – die gegenseitigen Porträts von Matisse und Meerson, die einen Sonderplatz im Murnauer Ausstellungsraum einnehmen und sicherlich von einer tiefen, gegenseitigen Anerkennung und Freundschaft zeugen.
Meersons Malstil ist von ihrer Epoche und Ausbildung geprägt: Zunächst weist er spätimpressionistische Einflüsse, dann leicht expressive, klassisch moderne, fauvistische auf. Sie hat ein feines Gespür für Portraits, für Stillleben und Landschaft, die nicht nur von Gesehenem, sondern auch von Erlebtem und Reflektiertem berichten. Ihre Bilder haben Schwung, wirken dynamisch durchdrungen. Die Leinwände und Untergründe sind nicht immer vollständig mit Farbe bedeckt und dennoch künstlerisch fertig, rund. Besonders aussagekräftig sind die Portraits, ob in Kohle oder Öl: So etwa das zarte „Mädchenporträt“ (um 1895), der entspannt liegende Henri Matisse (1911) oder ihr Selbstportrait von 1905.

Links: Olga Meerson, Selbstbildnis mit grüner Schärpe, um 1905, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Foto: Nikolaus Steglich, Starnberg. Rechts: Henri Matisse, Porträt von Olga Meerson, 1911, Öl auf Leinwand, The Museum of Fine Arts, Houston, Foto: Will Michels.
Es ist heute schwer nachzuvollziehen, warum Olga Meerson hätte aufhören wollen, als Malerin tätig zu sein. Jedenfalls zog sie zurück nach München, wo sie den Musiker und Archäologen Heinz Pringsheim (1882–1974) kennenlernte, den sie am 12. November 1912 in Moskau heiratete.[5] Dadurch kam sie in eine großbürgerliche und kulturbeflissene Münchner Familie. Vor allem die Tagebücher von Hedwig Pringsheim (1855–1942) – die eine Schauspielerin und bereits seit 1878 mit dem Mathematikprofessor und Mäzen Alfred Pringsheim (1850–1941) verheiratet war, als das Paar zu Meersons Schwiegereltern wurde – gelten heute als wichtige Quelle in der biografischen Forschung zu Olga Meerson. Das Palais der Pringsheims in der Arcisstraße 12 in der Maxvorstadt in München war ein beliebter Treffpunkt der damaligen Künstler- und Intellektuellengesellschaft.
Heinz Pringsheim, dessen Schwester Katia im Jahr 1905 Thomas Mann geheiratet hatte, zog mit seiner Frau Olga Meerson 1913 nach Berlin um, nachdem es, als die Heirat in der Familie bekannt wurde, zu einem Bruch gekommen war. Dieser stand nicht nur zwischen den beiden Frauen Hedwig Pringsheim und Olga Meerson, die zuvor lange Jahre in freundschaftlicher Beziehung miteinander verbunden gewesen waren, sondern auch zwischen Mutter und Sohn. Daraufhin trat Heinz Pringsheim in Berlin eine Stelle als Staatskapellmeister an.
Auch Olga Meerson versuchte in Berlin anzukommen – sie malte weiter. Im Februar/März 1922 beteiligte sie sich an der Ausstellung „Frauen in der Berliner Galerie“ von Alfred Flechtheim und im Juli/August 1922 an der Ausstellung russischer Künstler in der Gutenberg-Buchhandlung, wo sie erneut auf Kandinsky traf. Allerdings verlaufen sich ab hier Meersons Werkspuren. So heißt es im Ankündigungstext zur Ausstellung in Murnau: „Zahlreiche Werke Olga Meersons gelten heute als verschollen. Aus den überlieferten Zeitungsartikeln und erhaltenen Reproduktionen ihrer Werke ist jedoch abzulesen, dass sie sich in dieser Zeit überwiegend mit der Porträtmalerei beschäftigte“.
Ihr Tod ist tragisch: Sie stürzte sich am 29. Juni 1930 aus dem Fenster des vierten Stocks des Berliner Hotels Adlon, nachdem sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Vermutlich litt sie an Depressionen, möglicherweise ausgelöst von einem starken, unkontrollierten, akuten Liebeskummer in Folge eines Partnerschaftskonflikts. Jedenfalls dürfte sie sich offensichtlich in einer – nicht überlieferten – extremen sowohl psychischen als auch physischen Stress- und Ausnahmesituation befunden haben: Vieles bleibt heute Spekulation. Feststehen dürfte, dass Heinz Pringsheim die Scheidung eingereicht hatte und wohl schon länger eine Beziehung zu einer Tänzerin unterhielt, die er einen Monat nach Olga Meersons Freitod heiratete. Meersons Grab war bis 1955 auf dem Berliner Friedhof in der Heerstraße zu finden.
Der aufkommende Nationalsozialismus, die Ächtung jüdischer Künstlerinnen und Künstler sowie die der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts trugen zum Vergessen Olga Meersons bei. Doch neben ihrer persönlichen Entwicklung, ihren Umzügen quer über den europäischen Kontinent und ihren privaten Verhältnissen, Liaisons, Freundschaften und Gemütszuständen offenbart sich ein zweiter gewichtiger Faktor, der sich zwar „sichtbar“ durch Olga Meersons Leben zieht, wenn man es genauer betrachtet, der aber auf höherer Reflexionsebene auch in dieser Ausstellung auffallend „unsichtbar“ geblieben ist: derjenige der – noch zu schreibenden – „HERstory“[6] bzw. der „Unsichtbarkeit“ des Mitwirkens von Frauen an der als „sichtbar“ geltenden Menschheitsgeschichte.
Insofern wäre es aus Sicht der weiblichen Emanzipationsfrage ebenso wichtig wie wünschenswert, bei einer weiterführenden Spurensuche bezüglich Olga Meersons bislang „unsichtbar“ gebliebenen und somit verschütteten künstlerischen Wirkens, von der Beschränkung auf ihre Rollen als „Schülerin von Kandinsky“ und „Muse von Matisse“ abzurücken, um sie retrospektiv mental und kulturell zu überwinden. Tatsächlich formuliert der Geschichtswissenschaftler Jütte weitaus ausgewogener und präziser, wenn er „Olga Meerson-Pringsheim“ im Untertitel seines Buchs „Eine russisch-jüdische Malerin im Umfeld von Wassily Kandinsky, Henri Matisse und Hedwig Pringsheim“ nennt und von einer „Wiederentdeckung einer vergessenen jüdischen Malerin der Moderne“ spricht. Tatsächlich sind die Schaffensfreude und die Tragödie dieser viel zu jung verstorbenen und dann von der Geschichte verschluckten Künstlerin mehr als ein bedauernswerter Einzelfall. – Vielmehr operieren dahinter spezifische Machtmechanismen und Gesellschaftsstrukturen, die es aufzudecken, zu überdenken und weiterzuentwickeln gilt.
Der Fall Olga Meerson ist so gesehen nichts Geringeres als eine drastische „Blaupause“ für die gesellschaftlichen, makrohistorischen Schwierigkeiten, die die Unabhängigkeitsbewegung der Frauen auch nur in den letzten 120 Jahren hierzulande mit sich gebracht hat, sowie für die ausbleibenden Erfolge weiblicher Emanzipationsbestrebungen. Meersons Ansprüche und deren Scheitern machen diesen Missstand evident. Er besteht in den Leerläufen und Widrigkeiten, die seit über zweitausend Jahren Frauen – nicht nur in Europa – den Weg versperren, der es ihnen erlauben würde, sich jene Freiheiten und Möglichkeiten anzueignen und zunutze zu machen, die der seit Jahrhunderten bestehende, allerdings auf die Männerwelt beschränkte Künstlerberuf der Menschheit potenziell bietet. Im Mittelpunkt des Problems stehen dabei die Grenzen, die eine geglückte Integration dieses Berufsziels ins Leben talentierter weiblicher Individuen in der vor- bzw. frühemanzipatorischen Phase am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert verhindert haben, und die dramatischen Folgen, die diese künstlerischen Begrenzungen und sozial relevanten Ausschlüsse für Frauen hatten.
Olga Meersons Werk ist eine originelle, mutige, kreativ eindringliche, mächtige und – ex negativo – paradigmatische, bislang in der Versenkung der Geschichte verschwundene künstlerische Stimme, die – wie das Werk unzähliger anderer Frauen – darauf wartet, neu betrachtet, in die Kunstgeschichte auf Augenhöhe eingeschrieben und ins rechte Licht gesetzt zu werden. Dieser Zugang erfordert wohl nicht nur bezüglich Meerson eine Fortsetzung gründlicher Recherche und einen gezielt emanzipatorischen Ausstellungswillen. Nur so können langfristig die „blinden Flecken“ der Geschichte verschwinden, holistische, inklusive und prüfende Vergangenheitsbetrachtungen Oberhand gewinnen, die Lücken der menschlichen Kreativhistorie gefüllt und das zukünftige Entstehen solcher Leerstellen mittels Vermittlung neuer Inhalte verhindert werden. Das allgemein angestrebte Ziel bliebe – wie bei der Murnauer Ausstellung – dabei, das weltweite Bewusstsein für die geschichtsvergessene „andere Hälfte der Menschheit“, nämlich der weiblichen, zu stärken.
Ein Blick auf die zeitgenössische Geschichte und unsere heutige Gegenwart mag veranschaulichen, in welche Richtung wir hier wenngleich zögerliche, doch auch stete Fortschritte – gemessen an Meersons bewegendem Schicksal – seit der ästhetischen Moderne kulturgeschichtlich zu verzeichnen haben. So gibt es, in der heutigen Postmoderne, eine ebenfalls in Moskau, jedoch erst 1959 geborene Namensvetterin – nämlich Olga Meerson (geb. Olga Anatoljewna Schnittke) – die es drei oder vier Generationen nach Olga Meerson-Pringsheim bereits zu einer Professorin der Slawistik in den USA bringen konnte.
Auch Olga Schnittke ist migriert: Als Kusine des deutsch-russischen Komponisten und Pianisten, aus einer jüdischen Künstlerfamilie stammenden und in Hamburg verstorbenen Alfred Schnittke (1934–1998) zog es Olga Schnittke im Jahr 1974 jedoch von Europa weg nach Israel, wo sie bis 1977 die Hebrew University High School in Jerusalem besucht hat. 1977 heiratete sie den Theologen und russisch-orthodoxen Priester Dr. Michael Meerson und siedelte in die USA um. Hier nahm sie ihr Studium der Freien Künste am Hunter College in New York auf und schloss es 1984 mit einem Bachelor ab. 1986 folgten der Magister Artium und 1991 die Dissertation in russischer Literatur an der Columbia University. Dass diese „Olga Meerson“ nun schon seit 1995 an der Georgetown University in Washington lehrt, möge das exemplarische Schicksal der historischen, „sichtbar unsichtbaren“ – als Frau, Jüdin und Migrantin gemäß der indisch-amerikanischen Kulturtheoretikerin Gayatri C. Spivak (geb. 1942) doppelt (bzw. dreifach) „subalternen“ und benachteiligten – Olga Meerson-Pringsheim wenn auch nicht mehr mildern oder revidieren, so doch relativieren und etwas Mut für eine offenere, integrative, paritätische und gender-entspannte, selbstbestimmte und freisinnige Zukunft machen.
Olga Meerson. Schülerin von Kandinsky – Muse von Matisse
Zu sehen bis 9. November 2025 im Schloßmuseum Murnau, Schloßhof 2-5, in 82418 Murnau am Staffelsee.
Öffnungszeiten: Di. bis So. 10.00–17.00 Uhr, Mai-Sep. Sa./So. 10.00–18.00, Mo. geschlossen, an Feiertagen geöffnet.
- Weitere Informationen (Schloßmuseum)
Es ist ein Katalog erschienen.
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Fußnoten:
[1] Robert Jütte, Olga Meerson-Pringsheim: Eine russisch-jüdische Malerin im Umfeld von Wassily Kandinsky, Henri Matisse und Hedwig Hedwig Pringsheim, Jüdische Kulturgeschichte in der Moderne, Bd. 36, Berlin, Neofelis, 2025.
[2] Die Damenakademien in München und Berlin galten als Ausbildungsstätte für Kunst, die ausschließlich für Frauen waren. Ihnen war der Besuch der Kunsthochschulen mit Universitätsrang, die später in Kunstakademien umbenannt wurden, verwehrt. Erst mit der gesetzlichen Gleichstellung von Mann und Frau im Jahr 1919 wurden Frauen in Deutschland zu den Akademien zugelassen.
[3] Mitglieder der Münchener Phalanx-Schule, die zwei Jahre bestand, waren u.a. Gabriele Münter, Olga Meerson, Hedwig Fröhner, Maria Giesler, Wilhelm Hüsgen und Wassily Kandinsky.
[4] Im Original heißt es: „M.elle Meerson est une véritable artiste et une artiste qui a quelque chose à dire, mais au contraire de certains artistes qui n’ont rien à dire et savent le dire agréablement, elle éprouve les plus grandes difficultés pour exprimer clairement et purement les aspirations de son âme qui sont des plus nobles. C’est ce qui l’a décidée volontairement à quitter le métier de la Peinture tel qu’il est officiellement admis, métier fait à la taille de tous, pour en faire un à elle, pouvant lui permettre de traduire ses émotions. Henri Matisse, Lettre au Dr Dubois, 28 novembre 1911“ (Quelle: https://www.musee-matisse-nice.org/fr/lartiste/les-modeles-de-matisse/olga-markowa-meerson/).
[5] Erst neuere Forschungen dokumentieren Moskau als Ort der Hochzeit, was u.a. aus dem Brief Pringsheims an seine Tochter Tamara aus dem Jahr 1972 hervorgeht (vgl. Katalog S. 22).
[6] Weiterführende Beiträge auf KulturPort.De zum Thema der „HERstory“: https://www.kultur-port.de/index.php/blog/kulturmanagement/15304-50-jahre-frauengeschichte-1968-2018-ein-film-von-concita-de-gregorio-.html?jjj=1540369385919 undhttps://www.kultur-port.de/blog/festivals-medien-tv/17321-herstory-genderskandal-und-genderperspektiven-als-neue-tv-doku-serie.html

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