Bildende Kunst

Der Leidenschaft des Dichters und Aquarellisten Günter Grass für Bäume ist eine kleine Ausstellung im Lübecker Grass-Haus gewidmet.

Nicht ungewollt geraten dabei die achtziger und neunziger Jahre in den Focus. Nach einer Zeile aus einem erfolgreichen Song, dem 1986 veröffentlichten „A Forest“ von The Cure, ist auch die Ausstellung benannt.

 

1995 veröffentlichte Grass seinen Roman „Ein weites Feld“, in dem er die deutsche Wiedervereinigung kritisch kommentierte. Die Reaktion darauf? Eine Katastrophe, jedenfalls für den Autor. Denn das Buch gefiel nicht. In Erinnerung ist bis heute der geschmackvolle Titel des „Spiegel“, auf dem ein Literaturkritiker namens Reich-Ranicki Grass‘ Roman buchstäblich verriss, ungefähr so, wie es der legendäre Graf Luckner mit dem Telefonbuch gemacht haben soll. Grass jedenfalls wandte sich ab, reiste auf das dänische Møn und malte dort Bäume. Der Aufenthalt in der freien Natur zum Zweck des Malens hat Grass offensichtlich über die Jahrzehnte hinweg allergrößte Freude bereitet, und immer wieder wanderte er mit seiner Staffelei ins Grün und setzte sich irgendwohin. In dieser Ausstellung dokumentieren insgesamt 30 Aquarelle, Zeichnungen und Lithografien von seiner Leidenschaft, und nicht wenige davon sind ziemlich gelungen.

 

Gemalt hat er meist gar nicht den Wald, sondern zum Beispiel einen Buchenhain, durch dessen Blätterdach die Sonne bricht, mit von Sonnenflecken getüpfelten Boden. Meist bildete er einzelne Bäume ab. Allein auf „Totes Holz“, einer eindrucksvollen Zeichnung mit Kohle auf Papier, findet sich tatsächlich Wald.

 

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Bäume zu zeichnen und zu malen ist nicht leicht. Im „Grünen Heinrich“, dessen Held ja ein Landschaftsmaler werden möchte – wie sein Autor Gottfried Keller selbst –, findet sich eine schöne Schilderung dieser Schwierigkeiten. Ganz am allerersten Anfang seines Malerlebens versucht sich Heinrich Lee an einem Baum, den der Dichter mit vielen Verben der Bewegung wunderbar zu beschreiben versteht, an dem der junge werdende Maler aber scheitert:

„Endlich trat ein gewaltiger Buchbaum mit reichem Stamme und prächtigem Mantel und Krone herausfordernd vor die verschränkten Reihen, wie ein König aus alter Zeit, der den Feind zum Einzelkampfe aufruft. Dieser Recke war in jedem Aste und jeder Laubmasse so fest und klar, so lebens- und gottesfreudig, daß seine Sicherheit mich blendete und ich mit leichter Mühe seine Gestalt bezwingen zu können meinte. […] aber was ich machte, war leben- und bedeutungslos; die Sonnenstrahlen spielten durch das Laub auf dem Stamme, beleuchteten die markigen Züge und ließen sie wieder verschwinden, bald lächelte ein grauer Silberfleck, bald eine saftige Moosstelle aus dem Helldunkel, bald schwankte ein aus den Wurzeln sprossendes Zweiglein im Lichte, ein Reflex ließ auf der dunkelsten Schattenseite eine neue mit Flechten bezogene Linie entdecken, bis alles wieder verschwand und neuen Erscheinungen Raum gab, während der Baum in seiner Größe immer gleich ruhig dastand und in seinem Innern ein geisterhaftes Flüstern vernehmen ließ.“

 

Kellers Schilderung ist so großartig, weil sie die Lebendigkeit der Pflanze und des auf sie fallenden Lichtes einzufangen versteht. Und Günter Grass? Es sind weniger einzelne Lichtreflexe, an denen er sich versuchte, aber ihm ist es gelungen, besonders mit braunen und grünen Tönen der Farbigkeit der Baumrinde gerecht zu werden, und das strahlende Licht im Hintergrund von „Blühende Bäume“ – wahrscheinlich ein Obstbaum, denn er blüht ja weiß – gibt dem Bild eine Tiefe, die eigentlich Höhe ist.

 

Es geht in dieser Ausstellung noch dazu um ein Stummfilmprojekt, über das Grass selbst später in seinem Roman „Die Rättin“ berichtete. Mit Volker Schlöndorff – man kann sich auf Video ein Interview mit ihm anschauen – mit dem bekannten Regisseur zusammen plante Grass eine Art Bebilderung der Apokalypse, als deren Beginn das in den Achtzigern so heftig diskutierte, in der „Rättin“ in das Thema eines Romans verwandelte Waldsterben angesehen wurde. Schon bald erkannten Schlöndorff und Grass aber, dass der Film auf ein viel zu teures Ausstattungsprojekt hinauslief, und so übernahm es der fiktive Herr Matzerath in der „Rättin“, sich um das Projekt zu kümmern.

 

Wie dieses Projekt deutlich macht, zeigte sich Grass wie so viele andere Menschen dieser Jahre des Waldsterbens wegen besorgt. Die Krise des Waldes hatte damals allerdings ganz andere Gründe als heute. Offenbar spielt in unseren Tagen der saure Regen, der als die Ursache der Probleme ausgemacht wurde, keine Rolle mehr, sondern die existentielle Krise des Waldes hat eine ganze Reihe von Gründen, von denen Hitze und Trockenheit wohl die wichtigsten sind.

 

An den Wänden der Ausstellung findet sich eine Reihe von Gedichten von Grass, meist in sehr freien Rhythmen – Jean Pauls Gottwalt (aus den „Flegeljahren“) hätte sie „Polymeter“ oder „Streckverse“ genannt, das sind »Gedichte nach einem freien Metrum, so nur einen einzigen, aber reimfreien Vers haben, den er nach Belieben verlängert“. Wenn man darüber weggekommen ist, dass sie sich nicht reimen, und sich gerne länger mit ihnen beschäftigen möchte, muss man die Gedichte abfotografieren oder ganz altmodisch abschreiben. Besser aber wäre es, wenn man auf einen Katalog zurückgreifen könnte, in dem sich Abbildungen der Aquarelle ebenso finden wie die Gedichte des Meisters, um sich im heimischen Sessel etwas intensiver mit ihnen zu beschäftigen. Aber diesen Katalog gibt es leider nicht.


Into the trees

Zu sehen bis zum 31. Dezember 2021

Im Günter Grass-Haus, Glockengießerstraße 21 in 23558 Lübeck

Geöffnet: Montag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

 

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