Eines der philosophischen Erfolgsbücher des frühen 20. Jahrhunderts ist jetzt wieder erschienen: Hans Vaihingers „Philosophie des Als Ob“.
Nicht weniger als zehn Auflagen erlebte das umfangreiche Buch nach seiner Erstveröffentlichung 1911 bis zum Ende der zwanziger Jahre. Zusätzlich erschien 1923 angesichts eines regen Interesses eine kräftig gekürzte „Volksausgabe“. Aber dann versank das Buch in der Vergessenheit, obwohl sein Autor als Gründer der Kant-Gesellschaft sowie der „Kant-Studien“ über eine gewisse Prominenz verfügte.
Zwar war Hans Vaihinger (1852–1933) aus seinem Amt als Ordinarius der Universität Halle schon frühzeitig seiner Erblindung wegen ausgeschieden, doch das hinderte ihn nicht an vielfältigen Aktivitäten. Er gründete sogar eine eigene Zeitschrift („Annalen der Philosophie“), um dieses Buch zu promoten!
In einem gehaltreichen Vorwort von immerhin 50 Seiten ordnet der Herausgeber Gerald Hartung die Qualität des Buches ein – er entdeckt schon einige Mängel –, skizziert das Leben des Autors und korrigiert auch einige der von diesem selbst in die Welt gesetzten Mythen. Der Wichtigste: Hartung spricht von einer „Rückdatierung“, wenn der Autor die „Philosophie des Als Ob“ als ein lang zurückgehaltenes Jugendwerk darstellt. Auch scheint es, dass Vaihinger Helfer hatte – unter anderem seine Ehefrau –, aber das hängte er nicht an die große Glocke.
Warum die Besprechung eines vor mehr als hundert Jahren erschienenen Buches? Warum ist die Kenntnis der „Philosophie des Als Ob“ noch heute wichtig? Zunächst einmal, weil Vaihinger einige sehr überlegenswerte Argumente vorträgt: Ein schlechtes Buch ist es ganz gewiss nicht. Andererseits ist es aber auch Teil einer Bewegung, die zum allmählichen Niedergang der Philosophie beitrug, denn es vertritt kaum haltbare Positionen, die heute in gewissen Kreisen den Mainstream bilden. So gehört Vaihingers Philosophie in den Zusammenhang des Psychologismus, der nur zehn Jahre zuvor von Edmund Husserl in dessen „Logischen Untersuchungen“ widerlegt worden war, und formuliert Positionen, die der Phänomenologie und verwandten Richtungen direkt widersprechen.
Ausgangspunkt für die Überlegungen Vaihingers ist die plausible Unterscheidung zwischen Hypothese und Fiktion, auf die er sich auf die Philosophie Immanuel Kants stützt. Hypothesen richten sich auf die Wirklichkeit und werden immer wieder von neuen Einsichten bestätigt, widerlegt oder abgelöst;Fiktionen dagegen sind „psychische Gebilde“, die sehr häufig im Wissen um ihre Unrichtigkeit aufgestellt werden, bloß, um ein Problem lösen zu können. Man tut, „als ob“ etwas so oder so sei, sehr oft in dem Wissen, dass die Annahme nicht zutrifft.
Mit einem bezeichnenden Ausdruck geht es Vaihinger vor allem darum, „Denkrechnungen“ aufgehen zu lassen. Dieses merkwürdige Wort ist wohl die Übersetzung von „reckoning“, das sich bei Thomas Hobbes findet und anzeigt, in welcher Weise dessen Philosophie das Denken dem bloßen Rechnen zuordnet. In der Mathematik finden sich verkehrte Annahmen („Fiktionen“), mit deren Hilfe eine Gleichung gelöst werden kann. Und gleich darauf lassen sie sich wieder streichen; oder sie müssen sogar gestrichen werden. Beispiele sind für Vaihinger die „Subsumtion des Krummen unter das Gerade, des Kreises unter die Ellipsenformel“.
Keine Beispiele, mit denen er seine Argumentation untermauern könnte, konnte Vaihinger in den Geisteswissenschaften finden, und es sind nur wenige aus den Naturwissenschaften – bestenfalls einiges aus der klassischen Mechanik. Dort werden komplexe Gebilde auf „Massepunkte“ reduziert, weil ihr Verhalten sonst nicht kalkuliert werden kann. Hier wie auch sonst geht es nicht etwa darum, „etwas Wirkliches zu behaupten, sondern etwas, nach dem sich die Wirklichkeit berechnen und begreifen läßt“. Die Fiktion ist deshalb ein „bloßes Hilfsgebilde“ in einer „Denkrechnung“. Man nimmt an, dass dieses oder jenes so sei – aber es handelt sich dabei immer um eine vorläufige Annahme, die jederzeit fallen gelassen werden kann, ja die sehr häufig später gestrichen werden muss. Fiktionen sind zweckmäßig, aber selten bis niemals wahr, und um Wahrheit geht es Vaihinger auch wirklich nicht – die Frage nach ihr ist seinem Ansatz völlig fremd. Das ist die ganz schwache Seite seines Pragmatismus, vielleicht sogar eines jeden Pragmatismus – ein Punkt, den wir nicht aus den Augen verlieren wollen. In den Worten des Herausgebers: „In der Philosophie Vaihingers hat der Terminus Wahrheit keinen erkenntnistheoretischen Sinn. Alle Umbildungen der Wirklichkeit heißen Fiktionen, es gibt also kein Jenseits der fiktionalen Welt.“ (Uns Heutige erinnert das an gewisse Positionen, denen zufolge alles zu einer „Erzählung“ wird.)

Kant-Collage: Gordon Johnson
Ist es nicht merkwürdig, dass sich Vaihinger zwar auf Kant beruft, ihn aber nicht verstanden zu haben scheint? Oder besser – denn Vaihinger argumentiert redlich –: Eine ganze Seite von Kant, nämlich die „metaphysisch-vermittelnde“, lässt er eingestandenermaßen außen vor. Der Metaphysiker Kant findet in seiner Argumentation nicht statt, und auch, weil er Kant nicht in diese Regionen folgt, gleitet Vaihinger immer wieder in einen kruden Sensualismus ab: „wirklich ist nur das Empfundene“, heißt es an einer Stelle – ein Satz, der sich mit den Einsichten Kants nun wirklich nicht verträgt, sondern direkt dem englischen Empirismus des 17. und 18. Jahrhunderts entstammt. Nur ein Beispiel dafür, wie weit er Kant verfehlt! Ganz im Sinne der Engländer kennt Vaihinger allein das Isolierte: „Objektiv gibt es nur Einzelnes, gibt es nur Getrenntes.“ Trotz seiner so nach vorn gestellten Kant-Verehrung ist er vor allem von John Locke und David Hume beeinflusst, überhaupt dem Sensualismus verpflichtet und schreibt deshalb über Prozesse, „in denen Empfindungen sich zusammenballen und verbinden“.
Kant dagegen mochte die Bedeutung der Einheit – die Einheit des Erlebens, des Gegenstandes, endlich gar der Welt – gar nicht hoch genug veranschlagen, und von ihren allerersten Anfängen an hat seine Philosophie ihre Bedeutung herausgestellt. In der „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt er über „das Bedürfnis der Vernunft, […] alle synthetische Einheit zu vollenden“. Besonders in den Notizen zu einem letzten großen Werk, dem „Opus postumum“, beschäftigt sich Kant mit der notwendigen Verbindung aller Erkenntnisse. Ein tragender Gedanke in diesem Zusammenhang ist die Verknüpfung von allem mit allem zu einem Bild der Welt, das er sich als „Maximum Unicum“ denkt. Ihm geht es um den Gedanken einer „allgemeinen Verknüpfung der lebendigen Kräfte aller Dinge im Gegenverhältnis Gott und Welt“.
Nicht allein, dass sich Vaihingers Philosophie also nicht mit der großen Linie der Philosophie Kants vereinbaren lässt, sondern Argumente gegen seine Ansichten lassen sich auch der mit seinem Schaffen gleichzeitigen Gestaltpsychologie entnehmen. Deren seinen eigenen Überlegungen direkt widersprechende „Kernlehre“ besteht, wie Hans Volkelt schreibt, in dem „Prinzip der unbedingten Unzusammengesetztheit des jeweiligen augenblicklichen Erlebensbestandes wie auch des jeweiligen Erlebensstroms“, also „allen seelischen Lebens überhaupt“. Besonders Erwin Straus wendet sich entschieden gegen die Irrtümer des Empirismus, weil dieser gleich „Locke […] hartnäckig an der Annahme“ festhält, „daß einzelne ‚äußere‘ Vorgänge einzelne Eindrücke im Bewußtsein hervorrufen.“ Hume nahm an – auch hier folgt Vaihinger –, dass unsere Wahrnehmung nichts sei „als ein Bündel [bundle] oder eine Sammlung von Wahrnehmungen“.
Besonders die Kant-Kenner unter den Philosophen durchschauen leicht den Grundfehler des Empirismus. Empiristen isolieren einzelne Sinneseindrücke vorab, um diese nachträglich zu einem Gegenstand zusammenzufügen; die Gegenposition behauptet, dass wir vom Allgemeinen zum Besonderen gehen. Kant hatte in den „Analogien der Erfahrung“ (einem zentralen Kapitel der Vernunftkritik) gezeigt, dass „Erfahrung […] nur durch die Vorstellung einer notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich ist“. Weder rhapsodische noch einander widersprechende Eindrücke ergeben Erfahrung, sondern die Einheit unserer Wahrnehmung geht der Erfahrung immer voran – sie ist also apriorisch –, und wir sehen deshalb zuerst einen Gegenstand, nicht etwa seine einzelnen Eigenschaften. Vaihinger aber – und diese Annahme durchzieht das gesamte Buch – kennt immer nur Einzelnes, kennt allein „die einzelnen Phänomene“. Damit vertritt er die Position des Empirismus, wie dieser aus dem mittelalterlichen Nominalismus hervorgegangen ist.
Wegen all dessen sieht sich der Autor dazu gezwungen, Allgemeinbegriffe abzulehnen. Zum Beispiel hält er das große Projekt Carl von Linnés, in dem dieser die Natur (das Leben) mithilfe der binären Nomenklatur zu ordnen versucht, allen Ernstes für eine Fiktion. Er ist hier ganz und gar der Philosophie des von ihm bewunderten Friedrich Nietzsche verpflichtet, der seine Kritik an allgemeinen Begriffen in seinem kleinen Aufsatz „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ vorträgt. „Jeder Begriff“, stellt Nietzsche fest (und damit hat er noch recht – noch!), „entsteht durch Gleichsetzen des Nichtgleichen“. Deshalb – und auch das ist wahr – können Begriffe nicht der Individualität des Seins insgesamt – jedes Gegenstandes, jedes Lebewesens – gerecht werden, und so beklagt Nietzsche „das Übersehen des Individuellen und Wirklichen“.

Schmutztitel: Linné „Systema naturae“ und Friedrich Hermann Hartmann: Porträt von Friedrich Nietzsche, um 1875. Gemeinfrei
Damit – und hier formuliert er endlich eine unhaltbare Extremposition – damit verfehlen allgemeine Begriffe prinzipiell die Realität. So wird die Wissenschaft zu einem „großen Kolumbarium der Begriffe“, zu einer „Begräbnisstätte der Anschauungen“. Von allen Allgemeinbegriffen wird von dieser Position aus abgeraten. Als könnten wir uns dann überhaupt noch orientieren… Und für Vaihinger sind – eben das nennen wir dann Psychologismus – Begriffe „reine Formen des Denkens […], rein subjektive Operationen“. Es ist „nicht die Natur […], welche jene Abschnitte und Linien gezogen hat“, sondern diese (die Begriffe) gehören „nur unserer beschränkten Auffassung“ an. Das „nur“ muss man sich unterstrichen denken. In eben dieser Einseitigkeit liegt der Fehler.
Heute wird von Ultra-Darwinisten die These vertreten, dass es keine Arten gebe, sondern nur eine umfassende Kontinuität, einen unmerklichen Übergang von allem in alles. Projekte wie das von Linné – immerhin einem der Ursprünge der wissenschaftlichen Biologie – hält Daniel Dennett deshalb wie Nietzsche und Vaihinger für „einen verkümmerten Überrest aristotelischer Ordnungsliebe“. Der amerikanische Autor wehrt sich gegen alle Kategorien und übergeordneten Begriffe und erklärt, daß „wir“ dergleichen, also strenge Begriffsbestimmungen, nicht brauchen („We don’t need ‚essences‘ or ‚criteria‘ to keep the meaning of our words from sliding all over the place“.). Mit seiner „Philosophie des Als Ob“ ging ihm Vaihinger voraus.
Denn wenn er die Kategorien „willkürlich“ nennt, nimmt Vaihinger (wie Dennett…) eine extrem nominalistische Position ein, die sich mit derjenigen Kants keinesfalls verträgt. Kategorien sind die obersten unserem Verstand zugrundeliegenden Begriffe wie zum Beispiel Einheit, Vielheit, Allheit. In der Phänomenologie Husserls wird ihre Idealität und damit ihre Erfahrungsunabhängigkeit gezeigt – er stößt auf sie mithilfe der „kategorialen Anschauung“ –, für Vaihinger dagegen sind Kategorien nicht mehr als „Verbindungen des Denkens, die wohl auf Anlaß objektiver Beziehungsverhältnisse gebildet sind, die aber rein subjektiven Ursprungs sind und absolut keinen wirklichen Erkenntniswert besitzen.“
Zwar stimmt es, dass sich Kategorien in und mit der Zeit wandeln – das hat die Kategorienforschung ausgangs des 19. Jahrhunderts gezeigt –, aber deshalb sind sie keineswegs willkürlich oder „rein subjektiven Ursprungs“. Hier zeigt sich nicht allein, dass Vaihinger den Kontakt zur Realität verloren hat, sondern vor allem, dass er daran überhaupt nicht interessiert ist. Als Vertreter einer pragmatistischen Philosophie ist er zufrieden, wenn sich Kategorien und Begriffe aller Art in der Praxis bewähren – an Erkenntnis, an der Wahrheit hat er kein Interesse.
Wichtig ist „Die Philosophie des Als Ob“ also paradoxerweise eben deshalb, weil Vaihinger nicht immer recht hat, sondern oft problematisch argumentiert und damit zu den Wegbereitern größerer Irrtümer gehört, Jetzt liegt das Buch in einer guten Edition vor – auffallend ist der Satz mit seinen schönen Lettern, genommen von der erwähnten Volksausgabe –, zu der ein kenntnisreiches, sorgfältig abwägendes Vorwort hinzukommt, das die Überlegungen Vaihingers einordnet und nicht vergisst, auf einige seiner problematischen Aspekte hinzuweisen. Dazu zählen nicht zuletzt die vielen lästigen Wiederholungen, ohne die das Buch doch ein wenig schmaler hätte ausfallen können. Trotzdem: Es ist gut lesbar, und der Autor argumentiert immer verständlich – auch wenn wir ihm nicht immer recht geben mögen.
Hans Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob
System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus. Mit einem Anhang über Kant und Nietzsche. Mit einer Einleitung und herausgegeben von Gerald Hartung.
Felix Meiner 2026
402 Seiten
ISBN: 978-3787350155
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