Der in Salzburg lebende Kommunikationswissenschaftler, Journalist und Künstler Gottfried Goiginger hat soeben ein großformatiges Fotobuch veröffentlicht: „Natur Geschichten“.
Goiginger gehörte 1981 zu den Mitgründern des „FOTOHOF“ in Salzburg, eines Vereins zur Förderung der Autorenfotografie. Längst ist diese Einrichtung zu einem Zentrum künstlerischer Fotografie geworden, das sich weit über die Grenzen des Bundeslandes Salzburg hinaus auch national wie international einen Namen gemacht hat.
Stolpern. Dann unbeeindruckt weitergehen[1]
In durchnummerierten und mit Untertiteln versehenen fünf Kapiteln fokussiert sich Goiginger auf eine wunderschöne Pflanzenwelt. In feiner Atmosphäre reihen sich Bilder aneinander, die man keineswegs lediglich als reine floral-dokumentarische Abbildungen von Blumen, Pflanzen und Blütenkelchen bezeichnen könnte, sondern als Makroblicke auf die vielfältigen Hervorbringungen und Schöpfungen einer eigenen floralen Welt.
Ob es sich um naturhafte Schöpfungen, künstliche, reale, natürliche, digitale, KI-basierte oder nachgeahmte handelt, lässt sich nicht wirklich sagen. Das bleibt ein Geheimnis, denn der Autor kommentiert nichts und gibt auch keine Auskunft dazu. Manche Objekte sehen wie aus Kunststoff entstanden, andere glasgeblasen, porzellangebrannt, natürlich gewachsen, gezeichnet oder fotografiert, gegossen oder geformt, gezüchtet oder ausgebrütet, glänzend oder seidenmatt.
Gottfried Goiginger. Natur Geschichten
Vor den Vorhang treten[2]
Schon nach den ersten Seiten schießen Assoziationen sowie historische und künstlerisch-prägende Bilder durch den Kopf. Ein Erinnerungsgedächtnis wird aktiviert: Leonardo da Vinci (1452–1519) schuf bereits im späten 15. Jahrhundert detaillierte Blumenstudien, die seinen wissenschaftlichen Blick auf die Natur zeigen, darunter die Studie eines Brombeerzweigs (um 1481–1483). Auch der nur wenige Jahre jüngere Albrecht Dürer (1471–1528) begann seine detaillierte Auseinandersetzung mit der Natur bereits im späten 15. Jahrhundert und beeinflusste die nordeuropäische Abbildungswelt der Botanik in der Kunst.
Der flämisch-niederländische Graveur und Zeichner Crispin de Passe (1564–1637), der 1614 in Utrecht den „Hortus floridus“[3] veröffentlichte – ein damals wichtiges Werk zur Botanik –, zeigt auf knapp 300 Illustrationen die Vielfalt der Gartenpflanzen Westeuropas.
„Vom Erwarteten überrascht werden“[4]
Mit dem Medium Fotografie zieht eine ganz neue Ära auf: z.B. mit Anna Atkins (1799–1871). Sie veröffentlichte das erste Buch, das mit der Entwicklung von John Herschel fotografischen Verfahren der „Cyanotypie“ arbeitete und Details wie Halme, Stängel und Farne abbildete.

Anna Atkins: Woodhorsetail und Algae. um 1853, Cyanotypie. Gemeinfrei
Berühmt sind Karl Blossfeldts (1865–1932) streng-formale Pflanzenfotografien. Ernst Fuhrmann (1886–1956), in der neuen Sachlichkeit zuhause, entwickelte eine organisch-ökologische Denkweise, die er „Biosophie“ nannte. Seinem biosophischen Weltbild legte er eine Analogie zwischen Pflanze und Staatswesen zugrunde („Die Pflanze ist ein Staat“). Auch Robert Mapplethorpe (1946–1989) gehört zu diesem Erinnerungskontext. Seine oft erotisierten Aufnahmen von Pflanzen, Blüten und Kelchen sind legendär.
Vielleicht kommt der in Südkalifornien lebende botanische Fotograf Craig Burrows[5] am nächsten an Goigingers Werke heran. Infrarot und Ultraviolett sind die Zutaten für die fluoreszierenden Pflanzenbilder, und in seinen experimentellen Arbeiten verwendet er das UVIVF-Verfahren[6], das unsichtbare Lichtwellen einfängt. Gerade weil das Ergebnis surreal wirkt, kommen sie an „Natur Geschichten“ dicht heran. Goigingers Buch sowie Burrows Fotografien sind voller Fantasie und Poesie für das Verborgene, das noch nicht Gesehene, aber Mögliche.
Ein weiterer zu erwähnender Punkt ist die Theorie, die im Zentrum der sogenannten Chaosforschung steht. Mandelbrot-Menge und Apfelmännchen, fraktale Strukturen, Selbstähnlichkeit und Ordnung im Chaos sind die Stichwörter.
Auch hier gibt es assoziative Ähnlichkeiten und Muster, die zueinander führen.
Mit „Natur Geschichten“ ist ein ästhetisches Meisterwerk entstanden, das schier in Sphären hineinkriechen möchte, die noch völlig unbekannt erscheinen.
Gottfried Goiginger: Natur Geschichten
Qadraat, Salzburg 2024
210 Seiten
Fußnoten:
[1] Untertitel der 2. Kapitel des Buches „Natur Geschichten“.
[2] Untertitel der 1. Kapitel des Buches „Natur Geschichten“.
[3] Es ist eine digitale version des Buches zu finden unter: https://archive.org/details/hortusfloridusin00pass
[4] Untertitel der 4. Kapitel des Buches „Natur Geschichten“.
[5] Weitere Informationen unter: https://cpburrows.com/
[6] Weitere Informationen zum Aussehen ist bei Instagram zu finden: https://www.instagram.com/reels/C9LG84_S1YX/

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)
Kommentare powered by CComment