Es ist nicht die Geschichte der Sprache überhaupt, sondern die Geschichte „unserer“ Sprache, die von der englischen Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney in einem jederzeit interessanten Buch erzählt wird. Es geht der Autorin um den Ursprung der indoeuropäischen Sprachenfamilie, zu der auch das Deutsche zählt.
Nicht jeder Sprachenstudent liebt die Linguistik. Aber wie spannend sie sein kann und welche Schlaglichter sie nicht allein auf unseren eigenen Sprachgebrauch, sondern sogar auf die Geschichte der Menschheit werfen kann, das demonstriert Spinney in einem Buch, das sich auf die Ergebnisse archäologischer Grabungen ebenso stützt wie auf die Genetik; und natürlich auf die Wanderung von Wörtern oder den Wandel der Grammatik. Manche Ergebnisse sind so erstaunlich, dass man sie kaum glauben mag, und vielleicht ist ja auch wirklich nicht alles richtig, was heute den Stand der Forschung ausmacht. Spinney ist offen genug, immer wieder auf das Spekulative, nicht vollständig Gesicherte des Forschungsstandes hinzuweisen – das ist einer der starken Punkte ihres Buches. Sie berichtet von einer lebendigen Entwicklung und konfrontiert uns nicht mit einer starren Dogmatik.
Das Buch erzählt die Vor-, nicht etwa die Urgeschichte, denn es erzählt von einer Welt, in der es noch keine Schriften gab, in der sich aber bereits Kulturen und Völker formierten, in der es schon lange Zeit eine Reihe verschiedener Sprachen gegeben haben muss und in der Viehhaltung und Landwirtschaft erfunden wurden (falls sich so etwas erfinden lässt…). Den Archäologen hinterließen die Menschen jener Zeit interessanteste Lagerstätten, die von dem frühen Umgang mit Metallen zeugten. Vielleicht, so die Autorin, war es auf dem Boden der heutigen Ukraine eine geradezu winzige Gruppe, die »jenen Dialekt«, sprach, »aus dem alle noch bestehenden europäischen Sprachen entstanden sind.« (76) Aber ja nicht allein die – dazu kommen noch die indoiranischen Sprachen, angefangen mit dem Sanskrit. Selbst im Westen des heutigen Chinas wurde mit dem Tocharischen indoeuropäisch gesprochen. Und das alles hat womöglich eine kleine Gruppe angerichtet? Denkbar wäre es wirklich.
Wie ist es überhaupt möglich, eine Sprache zu rekonstruieren, von der es keinerlei schriftliche Zeugnisse gibt, sondern nur deren Abkömmlinge? Seit jetzt mehr als zweihundert Jahren wird auf diesem Gebiet geforscht. Der Erste war der erstaunliche Franz Bopp (1791–1867), ein genialer Forscher, der in diesem Buch merkwürdigerweise mit keinem Wort erwähnt wird. Vor allem die Beugung der Verben verriet dem Gelehrten die Verwandtschaft von Sprachen, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben schienen. Und diesem Mann folgten viele weitere; jetzt hielt man nicht mehr länger Hebräisch für eine »Ursprache«, sondern verstand, dass es verschiedene Sprachfamilien gibt, aus denen dank seiner Vielfalt und weltweiten Verbreitung das Indoeuropäische herausragt. Sprachkundige Gelehrte verglichen Wörter, und schon sehr früh verstanden Fachleute die Ablautgesetze; und so konnten sie einerseits die Entwicklung einer Sprache nachvollziehen, andererseits aber auch den Versuch unternehmen, Wörter des Ur-Indoeuropäischen zu rekonstruieren, indem sie die Vorgänge umdrehten. Von solchen spekulativ erschlossenen Wörtern gibt es ungefähr 1700, die in Lexika mit Sternchen bezeichnet werden.

Franz Bopp (1791–1867), deutscher Sprachwissenschaftler. Stich von Rudolf Strauch, Leipzig (aus Lefmann, Franz Boll, Berlin: Reimer). Abb.: Gemeinfrei
Die meisten dieser erschlossenen Wörter würden wir Laien nicht mit Wörtern unserer Sprache in Verbindung bringen, aber einige davon gibt es doch, die sich über Jahrtausende hinweg als stabil erwiesen haben und entsprechend leicht wiedererkannt werden können. Eines davon ist *dhugter, „das aus engl. Daughter, Sanskrit duhitá-, griech. thugatēr, armen. dustr. und lit. [litauisch] duktė rekonstruiert“ (83) wurde, wie Spinney berichtet. Auch manche Tiernamen sind noch leicht zu identifizieren: „Varianten von *hek’wos (Pferd) (Sanskrit ásva-, griech. hippos, lat. Equus) und k’won (Hund) (Sanskrit `svan-, griech. kuón-, lat. Canis) finden sich von Galway bis Kalkutta.“ (84).

Und aus dem Vokabular ließ sich die Heimat rekonstruieren – die Indoeuropäer scheinen Viehzüchter mit zahlreichen Begriffen für Milchprodukte gewesen zu sein, aber sie kannten offenbar auch Honig und Getreide. Auf diese Weise drängte sich das Volk der Jamnaja mit seiner Heimat, der heutigen Ukraine, als Ursprung des Indoeuropäischen auf. Zugleich scheinen sie die Kurgankultur getragen zu haben, die beschrieben wurde, das Verdienst der litauischen Prähistorikerin Marija Gimbutas. Diese Autorin war mit einem Buch über das Matriarchat Ende der siebziger Jahre enorm erfolgreich, aber diese Thesen lehnt Spinney ab, wogegen sie sich ganz auf Gimbutas‘ Beschreibung der Kurgan-Kultur auf dem Boden der pontischen Steppe (in der Ukraine, benannt nach dem Schwarzen Meer) stützt.
Ein schwacher Punkt des Buches lässt sich nicht der Autorin anlasten, sondern allein dem Verlag. Das Original ist „Proto. How One Ancient Language Went Global“ überschrieben, und „Proto“ meint nichts anderes als „das Erste“. Das ist wirklich ein passender Titel, der genau zum Inhalt führt, wogegen das marktschreierische „Der Urknall unserer Sprache« ebenso wie die populäre Theorie der Astronomen („Big Bang“) stark an die Sprache von Comics erinnert und ja das genaue Gegenteil lautmalerisch umschreibt. Tatsächlich steht es für Spinney fest, dass die Sprachen „sich über einen langen Zeitraum und an verschiedenen Orten durch Versuch und Irrtum herausgebildet haben“ (45). „Manche meinen, er sei graduell entstanden“ (42), schreibt sie über den kulturellen Fortschritt. Für sie steht es fest, dass „die Menschen und ihre Sprachen […] eher langsam und durch kumulative Faktoren geformt“ (35) wurden.
In insgesamt acht Kapiteln wird eine verblüffende Vielfalt von Sprachen vorgestellt, geordnet in Gruppen. Das Deutsche gehört in das Kapitel „Der Aufstieg der Lerche“, das die germanischen Sprachen zusammen mit Keltisch und Italisch (Anm. d. Red.: Die Italer waren ein antikes Volk) behandelt. Nicht alle in der Sprachwissenschaft sehen diesen Zusammenhang als bewiesen an, aber weil Spinney ihre Quellen offenlegt und sachlich diskutiert, kann das kein Kritikpunkt sein. Wichtig ist vielmehr die Lebendigkeit der Darstellung sowie die jeweilige Begründung einer behaupteten Verwandtschaft zweier Sprachen – besteht ein Zusammenhang mit der Kultur oder mit bereits bekannten Wanderungen?
Ein anderes, kontrovers diskutiertes Thema ist der von der Autorin angenommene Zusammenhang der slawischen und der baltischen Sprachen – kontrovers, bereits wegen der politischen Situation. Ein slawisches Volk möchten die Litauer lieber nicht sein! Es ist noch nicht lange her, da galt Litauisch als die älteste noch lebendige indoeuropäische Sprache, geradezu geheiligt durch ihre offensichtliche, von Franz Bopp aufgedeckte Verwandtschaft mit dem Sanskrit. In dem Prozess, in dem sich Litauer und Letten von ihren Kolonialmächten lösten – von den Polen, den Deutschen und mehrfach und zuletzt von der russischen –, spielte diese Erkenntnis eine wichtige Rolle. Litauisch war vom Russischen in lautlicher und lexikalischer Hinsicht beeinflusst, ohne doch eine slawische Sprache zu sein: das war noch um 1990 Konsens.
Bereits 1800 war ein „deutsch-littauisches“ Wörterbuch erschienen, zu dem auch ein prominenter Königsberger seine kurze „Nachschrift eines Freundes“ beisteuerte. Natürlich wurde es das Gegenteil eines nationalistischen Ergusses, denn Immanuel Kant rühmte erst die liebenswürdige Eigenart der „Littauer“ und erklärte dann, warum es angemessen sein musste, sich mit der „der noch unvermengten Sprache eines uralten, jetzt in einem engen Bezirke eingeschränkten und gleichsam isolierten Völkerstammes“ zu beschäftigen. Es scheint fast, als habe der große Mann geahnt, was alles die Sprachgeschichte noch aufdecken würde.
Laura Spinney: Der Urknall unserer Sprache
Aus dem Englischen von Stephanie Singh.
Hanser Verlag 2025
336 Seiten
ISBN: 978-3446282452
Weitere Informationen (Verlag)
Weitere Informationen (Littauisch-deutsches und deutsch-littauisches Wörter-Buch)
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Laura Spinney über »Der Urknall unserer Sprache« (engl. 2:12 Min)

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