Das Buch „Die Erfindung Preußens“ erzählt die Lebensgeschichte eines zu Unrecht gering geschätzten Herrschers anhand der Entstehung seiner wichtigsten Bauten.
Peter Stephan ist sowohl Historiker als auch Kunsthistoriker, also doppelt qualifiziert, und das muss er auch sein, wenn er den Weg Preußens zu einem deutschen Königreich an den Bauten eines vergessenen Königs aufzeigen will.
Friedrich I., so können wir zusammenfassen, war kein eitler und verschwendungssüchtiger Herrscher, sondern die Zeitläufte forderten zwingend die Errichtung großer oder sogar größter repräsentativer Bauten, in denen sich der Anspruch des Landes auf Führung spiegelte.
Dem Autor geht es um noch mehr als um eine pure Biografie – er will zeigen, dass Preußen in der Tradition Friedrichs I. ein besseres Preußen gewesen wäre, ein Land, in dem „Pflicht nicht in Kadavergehorsam, Stärke nicht in Aggression, Disziplin nicht in Drill und Strenge nicht in Rigorismus umgeschlagen wären.“
So erzählt das Buch das Leben eines wenig bekannten, aber in den Augen seines Biographen bedeutenden Herrschers. Wir kennen seinen Vater, den Großen Kurfürsten (1622–1688), und seinen Sohn Friedrich Wilhelm I. (1688–1740), den Soldatenkönig, der ebenfalls immer noch präsent ist. Und schließlich ist da noch Friedrich II., von vielen (nicht von allen…) „der Große“ genannt – er war der Enkel Friedrichs I. Aber was wissen wir von dem ersten Friedrich? Wer kennt auch nur seine Lebensdaten: 1657–1713? Können wir seine historischen Leistungen, so es sie gab, einordnen und gerecht beurteilen? Mit welchen Problemen hatte ein Herrscher jener Jahre zu kämpfen? Wie beurteilen wir seine Persönlichkeit? Beim Soldatenkönig und bei Friedrich II. haben eigentlich alle, die im Geschichtsunterricht nicht sehr tief geschlafen haben, eine feste Vorstellung – sie sei verkehrt oder zutreffend –, aber Friedrich I. ist kaum jemandem präsent.
Warum wurde er vergessen? Nicht zuletzt war das das Verdienst seines Enkels, denn Friedrich II. hat in seinen „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg“ – dem Urteils Stephans zufolge „in seiner maliziösen Polemik ein Meisterwerk politischer Diffamierung“ – den Passus über seinen Großvater mit diesem Satz eingeleitet: „Er war klein und verwachsen; seine Miene war stolz, seine Physiognomie gewöhnlich.“ Von einem solchen Urteil muss man sich erst einmal erholen!
Stephan versucht Friedrich I. Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nicht allein in der Schilderung seiner Behinderung, sondern vor allem, indem er zeigt, dass die anspruchsvollen, die Staatskasse strapazierenden Bauten nicht seiner persönlichen Eitelkeit dienten, sondern dem Ziel, die Königswürde nach Berlin zu holen und den Staat Preußen zu „erfinden“. Die Konsolidierung des Staates mittels seiner Repräsentanz war der wesentliche Grund, das riesige Berliner Schloss oder andere wichtige Gebäude wie das Zeughaus errichten zu lassen, und es ist der Kunst- und Architekturhistoriker Stephan, der uns mit der Hilfe detaillierter Beschreibungen in die Symbolsprache dieser Bauten oder auch in die des berühmten Reiterstandbilds einweiht, das Friedrich I. seinem Vater, dem Großen Kurfürsten, widmete. Andreas Schlüter (1659–1714) hat es wie die genannten Gebäude entworfen, und eigentlich ist er, ein Bildhauer und ein Architekt, neben Friedrich I. der zweite Held dieser Biografie. Aber auf sein vielleicht sehr interessantes Leben geht Stephan nicht weiter ein.
Sondern ganz im Mittelpunkt steht Friedrich, an dem zunächst seine schwere lebenslange Behinderung bemerkenswert ist. Ein Dienstmädchen hatte den Säugling fallengelassen, den Unfall aber verschwiegen. Dieses Verhalten war fatal, denn bei einer solchen Verletzung wäre eine frühe Diagnose vorteilhaft gewesen. So aber konnte dem Kind nicht geholfen werden – die Folge war eine Skoliose, eine schwere seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule. Als Kind wurde er der „schiefe Fritz“ genannt, und man darf für sein gesamtes Leben einen nicht unerheblichen (und wohl nicht allein physischen) Leidensdruck annehmen.
Gleich nach der Thronbesteigung wurde Friedrich aktiv – zunächst, indem er trotz seiner distanzierten Stellung zum Vater diesem ein Reiterstandbild widmete, das heute im Innenhof von Schloss Charlottenburg steht. Es war nicht Ausdruck eines sentimentalen Gedenkens, sondern eine politische Geste und wollte auch so gelesen werden. Friedrich ging es darum, Preußen in ein Königtum zu verwandeln, und dieser Absicht ist jede Einzelheit des monumentalen Standbilds gewidmet. Nicht zuletzt auch in der Konkurrenz zu Ludwig XIV. – an den müssen wir wohl immer denken, wenn wir uns in dieser Zeit bewegen. Aber Friedrich ging es nicht um eine Kopie des Sonnenkönigs, dessen eigenes Standbild vom Autor zum Vergleich herangezogen wird, sondern ganz im Gegenteil darum, seinen Vater als den Gegenentwurf („Antipoden“) des französischen Herrschers darzustellen. Deshalb stellt Stephan uns zunächst das entsprechende Denkmal des Sonnenkönigs vor Augen und deutet sodann das anspruchsvolle Bildprogramm des Berliner Denkmals.
Während an Ludwigs Denkmal vier Gefangene die ihm unterworfenen Nationen Europas darstellen, personifizieren die entsprechenden Berliner Figuren „die Temperamente und Affekte, die ein vernünftiger Herrscher überwinden muss, will er seine Macht im Sinne der neostoischen Herrschaftsethik angemessen ausüben“. Wenn es um die Erfindung Preußens geht, spielt eben diese gemäßigte und verantwortungsvolle Haltung eine wesentliche Rolle. Friedrich I. wird in diesem Buch als ein moralischer Mensch dargestellt – durchaus im Gegensatz zu Ludwig XIV. einerseits, zu seinen Nachfolgern andererseits.
Wenn es um die Zeugnisse von Friedrichs Wirken im heutigen Berlin geht, dann drängt sich als erstes das Schloss auf – seine nicht ganz unumstrittene Wiedererrichtung und die Frage nach der möglichen Nutzung eines derartig gewaltigen Gebäudes sind aber nicht Gegenstand dieses Buches. Kein einziges Wort dazu! Oder habe ich etwas überlesen? Vielmehr schildert der Autor enorm kenntnisreich die Gesamtanlage des Schlosses wie die Bedeutung der Details – wobei diese Details keinesfalls Kleinigkeiten sind, sondern immer noch stattliche Teile, die groß sind wie sonst ganze Häuser. Oder prachtvolle Deckengemälde in Innenräumen. Es geht dem Autor dabei kaum um die Ästhetik als vielmehr um die teils politisch, teils moralisch zu lesende Bildsprache. Besonders das Motto Friedrichs „Suum cuique“ (Jedem das Seine) sowie die aristotelische Mesotes-Lehre (das Mittlere sei anzustreben) werden vom Autor immer wieder zur Erklärung herangezogen.
Zuvor war das Reiterdenkmal des Großen Kurfürsten in derselben Weise gedeutet worden, dazu kommt dann noch das Zeughaus. Der Autor geht überall mit der größten Akkuratesse vor – wirklich Punkt für Punkt – und hilft uns, die Arbeiten Schlüters zu verstehen, Gebäuden also, deren Bildsprache uns Heutigen ohne eine solche Hilfe verschlossen ist. Die große Mehrzahl wird (kann…) ihnen allein als ästhetischen Objekten begegnen. Aber insgesamt dient das Buch weniger der Deutung dieser Bauten als vielmehr der Verteidigung des vergessenen Königs. Friedrich, fasst Stephan zusammen, „kompensierte maßvoll und im Rahmen staatspolitischer Vernunft. Am Ausbruch der Kriege, an denen er sich beteiligte, trug er niemals eine Mitschuld. Seine politischen Allianzen wählte er klug.“ Vor allem den Vergleich mit Friedrich II. und Wilhelm II. gewinnt Friedrich I. mit Abstand – das kann der Autor in einem interessanten, sauber gearbeiteten und seriös argumentierenden Buch plausibel machen.
Mit dem Tod Friedrichs I. habe sich die „Geburt eines anderen Preußen“ vollzogen – nicht erst mit Friedrich II. oder gar mit der Reichsgründung 1871. Dieser Entstehung („Erfindung“) ist das letzte Kapitel gewidmet, in dem der Autor sein Preußenbild vorstellt – das Bild eines „Preußen, das die Geschichte nicht gewollt und die Nachwelt fast gänzlich vergessen hat.“ Es wäre wohl wirklich ein besseres Preußen gewesen.
Peter Stephan: Friedrich I. Die Erfindung Preußens. Eine Biographie
Beck Verlag München 2025
393 Seiten mit 155 Abbildungen und Karte
ISBN 978-3406836435
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