Iain Chambers zieht in seinem neuen Buch eine kulturtheoretische Parallele zwischen Lampedusa und Gaza: In beiden sozial hochaufgeladenen Konfliktsituationen tickt gemäß des italienisch-britischen Postkolonialismus-Experten die „koloniale Uhr“. Er entdeckt sowohl im Fall Lampedusa als auch in der Gaza-Frage „unterbrochene Sprachen“. Seine Kernthese: In der Gewalt, die derzeit in Palästina stattfindet und sich gegen Migranten richtet, wird die Geschichte des Westens verdrängt.
Wie ein schmerzhafter Splitter im Auge verstellt uns die koloniale Frage, so Chambers, auch in Deutschland den ungetrübten Blick auf die Wahrheit: Obwohl die Deutschen für ihre historische Schuld gegenüber dem Judentum einstehen und gerade zehn Jahre „Wir schaffen das!“ feiern, sind wir blind für die Wurzel allen zeitgenössischen Übels. Diese lässt sich laut Chambers im historischen Sündenfall des Kolonialismus verorten, den wir ihm zufolge geschichtlich weit weniger gewissenhaft aufgearbeitet und verinnerlicht haben als die Shoah. Sein fremder Blick offenbart die nackte Tatsache: „Lampedusa“ und „Gaza“ müssen zusammengedacht werden, um der Vergangenheit gerecht zu werden, bevor eine friedliche Weltordnung global denkbar ist.
Der italienische Journalist und Soziologe der süditalienischen Universität Salerno, Gennaro Avallone, unterzieht Chambers’ Buch einer kritischen Analyse. Avallone sieht es so: Chambers hält uns den Spiegel der Geschichte vor, um zu veranschaulichen, warum und wie europäische Ideale zusehends zersplittern, Europa zu einer Ruine und Europas Moderne zu einem Scherbenhaufen zu geraten drohen. KulturPort.De veröffentlicht im Folgenden Avallones Rezension von Chambers Buch, um tendenziell aufzuzeigen, inwieweit diesbezüglich C. G. Jungs Statement, dass wenn wir „nach außen schauen, träumen“, doch wenn wir „nach innen schauen, erwachen“, möglicherweise in manch unerwarteter – zumindest historischer – Hinsicht zutreffen könnte.

Pastor Niemöller Zitat (engl. Übersetzung) auf einem Gedenkstein am New England Holocaust Memorial, Boston USA. Foto: Privat. Anm. d. Red.: In den Versionen und Übersetzungen dieses Zitats sind unterschiedliche Gruppen erwähnt. Unabhängig von der genauen Wortwahl Niemöllers ist seine Aussage jedoch die gleiche: Nämlich die, dass sich die Deutschen durch ihr Schweigen, ihre Gleichgültigkeit und ihre Untätigkeit zu Komplizen der Nationalsozialisten gemacht hatten und daher Mitschuld an der Inhaftierung, Verfolgung und Ermordung von Millionen von Menschen tragen.
Avallone schreibt: „„Die Moderne ist eine Geschichte von Völkermorden, die nur schwer verkannt oder gar geleugnet werden kann, wobei Deutschland bereits vor dem Holocaust der Nazis ein Protagonist dieser Geschichte war. So etwa in Namibia zwischen 1904 und 1908 gegenüber den Völkern der Herero und Nama. Diese Massaker, durch die diese Ethnien um mehr als die Hälfte dezimiert worden sind, hat der deutsche Staat erst 2021 offiziell als Völkermord anerkannt.
Davon und von anderen themenaffinen historischen Asymmetrien handelt das neue Buch, das Iain Chambers – Schriftsteller, unabhängiger Forscher und emeritierter Professor der Universität Neapel L’Orientale – in Italien jetzt veröffentlicht hat: Lampedusa/Gaza. L’orologio coloniale e i linguaggi interrotti (Deutsch etwa: „Lampedusa/Gaza. Die koloniale Uhr und die unterbrochenen Sprachen“; Neapel, Orthotes, 2025, 194 Seiten, 20 Euro). Darin plädiert Chambers nicht nur dafür, dieses historisch tiefgründige und langanhaltende Schweigen zu brechen, sondern auch unsere Sprache und festgefahrenen Denkgewohnheiten, die auf dem alles rechtfertigenden weißen und europäischen Suprematismus beruhen, zu entschärfen.
Im Mittelpunkt des Buchs steht ein konkretes Ereignis: die 15. Ausgabe der Documenta – jener historisch längst selbst gewachsenen Institution im Zeichen zeitgenössischer Kunst mit internationaler Strahlkraft – die 2022 in Kassel gezeigt worden ist. Diese sogenannte Documenta fifteen wurde vom indonesischen Kollektiv Ruangrupa kuratiert. Eine Entscheidung, die die Anreise und Teilnahme von Künstlern aus verschiedenen Teilen der Welt vorsah, die in Kassel eine vorübergehende Bleibe fanden – und den Sinn dieses Ausstellungsformats weitreichend verändern sollten. Wie Chambers im Kapitel Der in Kassel verlorengegangene Kant (Ital.: Perdere Kant a Kassel) schreibt, reisten diese Gäste über ungewohnte Routen an, kamen aus entrückten kulturhistorischen Kontexten und hatten Dinge zu sagen, die die Gastgeber nicht immer hören wollten oder konnten. Chambers fügt hinzu, dass all das zur ungeplanten Veröffentlichung anderer, nicht autorisierter disruptiver Narrative einer „raumzeitlichen“ Dimension der Moderne beigetragen habe: Der Vorschlag und die Erfahrung der Documenta 15 haben die „Zeit des Anderen“ eröffnet und einen Konflikt ausgelöst, der die angebliche Unschuld – wenn nicht Überlegenheit – Europas, aber auch dessen Gedächtnis und Zensur angesichts der Verwüstungen, die europäische Imperien im Laufe der kolonialen Moderne angerichtet haben, radikal in Frage stellt.
Die selektiven Mechanismen des europäischen Gedächtnisses zeigen sich deutlich im Projekt Roma MoMa, das die Frage nach der Kunst der Roma und deren Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit, gesehen, anerkannt und adäquat repräsentiert zu werden, aufgeworfen und in die Öffentlichkeit getragen hat. Chambers schreibt, dass über die Roma in der modernen europäischen Geschichte zu sprechen sich nicht darin erschöpfen kann, dass man sich an verworrenen Debatten darüber beteiligt, wem der Holocaust zuzuschreiben sei. Es bedeutet vielmehr, die zentrale Bedeutung des Völkermords für die Entstehung der westlichen Moderne in tieferen Tragweiten zu erfassen, zu begreifen und zu erkennen, sei er nun in fernen Kolonialgebieten oder innerhalb der eigenen nationalen Grenzen begangen worden. Diesem Gedankengang folgend gelangt Chambers zu der Überzeugung, dass die Ausformung jenes spezifischen Rassismus, der sich im Antisemitismus und in der Shoah Bahn gebrochen hat – einerseits – und die allgegenwärtigen nekropolitischen Dynamiken gegenüber schutzsuchenden Migranten bis hin zum andauernden Massaker in Gaza – andererseits – sich überlagern.
Die Kunst sei es, fährt Chambers fort, die es uns ermögliche, kritische Verbindungen zwischen solch unterschiedlichen Räumen und Zeiten herzustellen, die von derselben suprematistischen Logik getragen würden. Aus eben diesem Grund arbeitet der Autor – der sich nach der Kolonialen Uhr (Ital.: L’orologio coloniale), wie er sagt, richtet, womit er auch den ersten Teil seines Buchs überschreibt – die Kraft der zeitgenössischen postkolonialen Kunst im Kapitel Migrationen, Kunst und die Ruinen Europas (Ital.: Migrazioni, arte e le rovine d’Europa) heraus. Sie sei in der Lage, das Verdrängte, die Überarbeitung und Neuauflage dessen, was die konventionelle Geschichte nicht anzuerkennen vermag, festzuhalten, sichtbar werden zu lassen und so ein neues Archiv aufzubauen. Dazu gehören, wie auf der Documenta fifteen gezeigt wurde, beispielsweise auch Filme über den palästinensischen Kampf in den 1960er und 1970er Jahren, die von einer Reihe kritischer Stimmen als antisemitisch und terrorismusbefürwortend beurteilt worden seien: Filme, jedoch, die stattdessen zu einem neuen, sicherlich unbequemeren Archiv beitragen könnten. Diese Art der Kondensierung könne dem Betrachter am ehesten suggerieren, dass auch die Palästinenser „Rechte haben” – und dass sie dafür kämpfen. Denn wie der Anthropologe Claude Meillassoux in seiner Anthropologie der Sklaverei (dt. Ausgabe, 1989; frz. Original, 1986; A.d.R.) feststelle, sei die Gleichsetzung eines Menschen mit einem Gegenstand oder sogar einem Tier eine „widersprüchliche und unhaltbare Fiktion“, stoße sie doch immer aufgrund der ihr selbst zur Verfügung stehenden Mittel auf Widerstand. – So, wie es auch in Gaza der Fall ist, folgert Chambers, obwohl die vorherrschende Erzählung im Westen seine Bevölkerung auf tote und verstümmelte Körper reduziert: Ohne Stimme und unfähig sich zu wehren, vegetieren sie in Tagesmeldungen und Geschichtsbüchern.
Genau diese Erzählung würde aber durch das Auftauchen „anderer“ Geschichten und Archive zerschlagen werden können, wie der Autor im zweiten Buchteil mit dem Titel Unterbrochene Sprachen (Ital.: „Linguaggi interrotti“) darlegt. Hier setzt sich Chambers mit möglichen Kritikansätzen in einem Kontext auseinander – wie dem westlichen – der es sich bequem mache, nicht gestört werden wolle, seine Vorherrschaft bewahren möchte und daher keine Verantwortung für die dramatische Gegenwart übernehme, in der wir leben. Es sei kein Zufall, stellt Chambers im Kapitel Eine zerbrochene Grammatik (Ital.: Una grammatica in frantumi) fest, dass „der Feind“, der ausnahmslos nicht europäisch, nicht weiß und nicht christlich, also im Grunde genommen ein Fremder im Hinblick auf unsere Normen sei, sofort ausgemacht, identifiziert und ausgegrenzt werden könne, und wenn dies seinen Tod bedeute, wie es jenen widerfährt, die im Mittelmeer Schiffbruch erleiden: Der „Andere“ ist ein lästiges Übel, das beseitigt werden muss.
In den letzten Kapiteln untersucht das Buch weitere kritische und sprachliche Ansätze. Es setzt sich mit der Fotografie und den bildenden Künsten auseinander und mit einem Archiv von Erzählungen und Erkenntnissen, das dank der antikolonialen und antirassistischen Kämpfe, aber auch angesichts all der vermeidbaren Todesfälle im „Schwarzen“ Mittelmeer (Ital.: Cosa significa „nero“ nel Mediterraneo nero?) längst zu einem Haufen Splitter verkommen sei. Jede Sprache habe ihre Grenzen, und die westliche Sprache zeige mittlerweile alle ihre Grenzen auf. Die „weiße Stimme“ der kritischen Autorität sei zwangsläufig ins Wanken geraten, heißt es. Damit offenbare sich der potenzielle Bruch der aktuellen politischen und philosophischen Ordnung. Und das geschehe – wie Chambers in seinen Schlussfolgerungen bekräftigt – obwohl und zugleich während der koloniale Völkermord in Gaza im Einklang mit dem „institutionellen Schweigen des Westens“ medial verbreitet und ausgestrahlt werde."
Iain Chambers: Lampedusa/Gaza. L’orologio coloniale e i linguaggi interrotti
(Deutsch etwa: „Lampedusa/Gaza. Die koloniale Uhr und die unterbrochenen Sprachen“)
Neapel, Orthotes, 2025
194 Seiten,
Das Buch von Iain Chambers ist soeben auf italienischer Sprache erschienen.
Weitere Informationen (Verlag)
Dieser Artikel des Autors und Soziologen an der Universität Salerno, Italien – Gennaro Avallone – ist ursprünglich in der italienischen Tageszeitung Il manifesto am 29.8.2025 unter dem Originaltitel Tutte le schegge dolenti della modernità europea (Deutsch wörtlich: Sämtliche schmerzhaften Splitter der europäischen Moderne) erschienen und wurde von Dagmar Reichardt für KulturPort.De übersetzt.
Weiterführender Artikel von Gennaro Avallone zum Thema des Postkolonialismus (auf Deutsch):https://www.finestresullarte.info/de/stellungnahmen/entkolonialisierung-und-museen-ein-politisches-und-wirtschaftliches-aber-auch-ein-kulturelles-problem
Offizielle Archivseite zur Documenta fifteen
Hinweise zum Projekt Roma MoMa, ein öffentliches von der in Berlin ansässigen Organisation ERIAC (European Roma Institute for Arts and Culture) bereitgestelltes Forum
Weitere von Iain Chambers publizierte Bücher (auf Englisch):https://punctumbooks.com/titles/the-mediterranean-question/
Weitere Beiträge zu und von Iain Chambers auf KulturPort.De:
- Netzwerke der Gegenwart. Geschrieben von: Iain Chambers (Autor) | Dagmar Reichardt (Übersetzung) - Freitag, 18. April 2025
- Iain Chambers: Der postkoloniale Sound des Globalen Südens. Geschrieben von: Dagmar Reichardt - Freitag, 19. Juni 2020
Hinweis: Die Inhalte der Kolumne geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

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