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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Sein Buch über Migrationslandschaften „Migrancy, Culture, Identity“ brachte ihm 1994 den (geistes-) wissenschaftlichen Durchbruch. Aber eigentlich fing alles mit seiner Studie über urbane Rhythmen, Popmusik und Popkultur an: Der musikaffine britisch-italienische Autor Iain Chambers, Jahrgang 1949, hat die Kulturwissenschaft als Disziplin mitbegründet und gilt heute als international ausgewiesener Forscher zum Thema Postkolonialismus und Mittelmeerstudien.

Nachdem er noch in den neunziger Jahren zusammen mit Paul Gilroy über Jimmy Hendrix, Hip-Hop und die „Unterbrechung des Gedankens“ publiziert hat, beschäftigt er sich in seinem letzten auf Italienisch erschienenen Titel mit der „Mittelmeerfrage“ („La questione mediterranea“, 2019): Dagmar Reichardt sprach mit dem Wahl-Neapolitaner darüber, warum wir heute lieber vom „Globalen Süden“ statt einer „Dritten Welt“ reden, was der sogenannte „Globale Süden“ eigentlich mit Globalisierung zu tun hat, und wo er denn liegt, wie und was er überhaupt ist?

 

Dagmar Reichardt (DR): Professor Chambers, Sie haben als Kulturtheoretiker zusammen mit Stuart Hall (1932-2014), der 1972-1979 das berühmte „Centre for Contemporary Cultural Studies“ an der Universität von Birmingham geleitet hat und in dessen Forschergruppe Sie Mitglied waren, dazu beigetragen, dass sich die Kulturwissenschaft als neue akademische Disziplin international etabliert hat. Im Vordergrund standen in den 1970er-Jahren die bis heute kultursoziologisch hochaktuellen und im Zuge der globalen Gesellschaftsdebatten über diskriminierende Mechanismen rund um die Corona-Krise allerorten wieder brisant gewordenen Kategorien des „Race, Class and Gender“ – also die gesellschafts- und kulturhistorisch relevanten Fragen, die sich mit unserem Denken über ethnische Merkmale sowie Klassen- und Geschlechtsunterschiede befassen – und besonders auch das Gedankengut des französischen Philosophen Michel Foucault.


Nach Ihrem Karrierestart in Großbritannien sind Sie 1976 nach Süditalien ausgewandert, wo Sie eine Professur an der Universität Neapel (Università degli Studi di Napoli L’Orientale) angenommen haben und sich einen Namen als Experte für Postkolonialismus und Mittelmeerstudien gemacht haben. 2019 haben Sie zuletzt das Buch „La questione mediterranea“ (Milano, Mondadori, 2019; dt. etwa: „Die Mittelmeerfrage“) veröffentlicht, nachdem im Jahr zuvor, 2018, Ihr Schlüsselwerk „Migrancy, Culture, Identity“ (1994) in Italien unter dem Titel „Paesaggi migratori“ (dt. etwa: „Migrationslandschaften“) zum dritten Mal erfolgreich neu aufgelegt worden ist... Wie lauten Ihre zentralen Thesen bezüglich eines vermeintlich armen oder minderbemittelten „Postkolonialen Südens“? Worin besteht die „Mittelmeerfrage“? Und wo verorten sie „den“ Süden? Wo ist er kulturell angesiedelt und wo befindet sich diese „Location“ – um mit Homi K. Bhabha (dessen Buch „The Location of Culture“ ebenfalls 1994, wie Ihr Bestseller „Migrancy, Culture, Identity“, erstmals erschienen ist) zu sprechen – auf dem Globus? Welche herausragenden Eigenschaften zeichnen „das Südliche“ in Europa und in der Welt Ihrem Hauptansatz zufolge aus?

 

Iain Chambers (IC): Nun, die Fragen zielen auf Postkolonialitäts- und Machtaspekte ab. Sie berühren unsere asymmetrischen Machtbeziehungen, die einigen das Recht zugestehen, die Welt zu kartographieren und narrativ darzustellen, während sie andere ausschließen. Unter diesem Aspekt werden Geographie und Geschichte austauschbar. Das wiederum hat tiefe Auswirkungen auf die kritischen Codes, die wir gewöhnlich bei unserer Interpretation und Wissensproduktion anwenden. Ihre Frage verlangt nicht nur nach zuverlässigen Aussagen über Geographie und Geschichte, sondern sie fordert auch gleichzeitig die proklamierte universelle Neutralität der Regionalstudien, der Jurisprudenz, der Soziologie und des gesamten Apparats der Sozialwissenschaft und all deren angenommene „Wissenschaftlichkeit“ heraus.


Die Tiefen der Register, die unsere Sprachen und Disziplinen historisch verorten, bringen uns dazu, den Kolonialismus unserer Methoden und deren einseitige Aneignung der Welt anzuerkennen. An dieser Stelle weist uns die postkoloniale Kritik weniger auf ein chronologisches Ereignis hin, das sicher aufbewahrt der Vergangenheit angehört, als vielmehr auf eine radikale Neubewertung jenes Prozesses, der den Kolonialismus überhaupt erst hervorgebracht hat: nämlich auf die westliche Moderne [engl.: „modernity“, wobei Chambers die Geschichte der Moderne methodisch mit der Geschichte der Migration gleichsetzt; A.d.Ü.]. In diesem Sinn ist Kolonialismus auf keinen stabilen zeitlichen Augenblick reduzierbar. Er entsteht vielmehr in Gestalt einer Machtstruktur, die für die Moderne konstitutiv ist. Als solche ist diese Machtstruktur weiterhin an der Entwicklung unserer Gegenwart prozessual beteiligt.

 

Sklavenbesitzer, die die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet und an der Verfassung der Vereinigten Staaten mit geschrieben haben, oder – im weitaus rezenteren Jahr 2015 – der endgültige Erlass der Schulden seitens der britischen Regierung gegenüber den Sklavenbesitzern (nicht etwa gegenüber den Sklaven selbst) als Wiedergutmachung dafür, dass 1834 die formelle Abschaffung der Sklaverei im britischen Empire beschlossen worden war, scheinen die heutige Welt zunächst nicht massiv zu beunruhigen. Sie sind aber strukturelle Merkmale einer Tiefensedimentation historischer Prozesse und kultureller Konfigurationen, die immer noch unsere Modernität kennzeichnen und formen. Ob es nun um die Bewegung „Black Lives Matter“ [#blacklivesmatter; A.d.Ü.] geht oder um die europäischen Anti-Migrations-Gesetze oder um den andauernden Nahostkrieg und die Kolonialisierung Palästinas: Die historische Zeitdimension entfernt sich immer weiter von einer simplen Linearität. Die Gegenwart zeigt sich durchdrungen von unterdrückten historischen Angelegenheiten und wird allein von dem gestört und hinterfragt, was sich der Vergangenheit widersetzt und unaufhörlich weiter existiert, fortdauert und bemerkbar macht: Die historische Zeit wird dadurch zermürbt, gefaltet und vertieft. Die Vergangenheit trägt sich quasi selber unmittelbar und mit sofortiger Wirkung an uns heran. Der Fortschritt, der uns direkt auf einer Linie in die Zukunft zu führen scheint, ist nicht mehr der einzige Pfad, der durch die insgesamt weit komplexeren Konstellationen führt, die wir als Moderne kennen.

 

Diese Voraussetzungen lassen die Annahme zu, dass es keinen einzelnen „Süden“ gibt, sondern vielmehr eine Vielfalt subalterner Realitäten, in denen eine geographische Zuordnung zur politischen Kategorie wird. Genau das hat vor fast hundert Jahren Antonio Gramsci hervorgehoben, sowohl in seinem bekannten Aufsatz über „Die Südfrage“ [ital. Original: „Alcuni temi sulla questione meridionale“, 1925; A.d.Ü.] als auch anschließend in seinen „Gefängnisheften“ [ital. Original: „Quaderni del carcere”, verfasst: 1929-35; A.d.Ü.]. Im ersteren Werk hebt Gramsci die geographische Machtstruktur hervor, der zufolge Norditalien einen subalternen Süden hervorbringt, dessen der Norden für die ökonomische, politische und kulturelle Reproduktion seiner Macht bedarf. Abgesehen davon, dass diese Beobachtung auf eine Reihe weiterer Landkartenausschnitte übertragen werden kann – etwa auf Nordeuropa oder die Nordhalbkugel des Erdballes –, ergeben sich daraus insbesondere die Mobilität und ein willkürlich ausschlagender Kompass der Macht. In seinen „Gefängnisheften“ entwickelt Gramsci dann weiter, wie die hegemoniale Ausübung der Geographie nicht nur den Süden mit Subalternität gleichsetzt (selbst wenn sie geographisch zuweilen gar nicht im Süden angesiedelt ist, wie z.B. die ländlichen und ärmlichen Peripherien Skandinaviens, Schottlands und Irlands im 19. Jahrhundert), sondern die gesamte Welt in einer Art und Weise kartographiert, dass sie unaufhörlich die eigene angenommene globale Zentralität widerspiegelt. Wie Gramsci aufzeigt, sind der „Nahe Osten“ und der „Ferne Osten“ willkürliche Bezeichnungen, die von einem imperialen Zentrum festgelegt werden und die die Zeit sowie die Entfernung zu den Rändern eines weit verstreuten Imperiums bemessen. Ihre Macht liegt genau in ihren unaufhörlichen Verwendungen und Zuschreibungen als scheinbar neutrale, wissenschaftliche Tatsachen. Die angeblich selbstlose Umsetzung solcher Maßstäbe und anschließende Zergliederung des Globus mittels geometrischer und mathematischer Kalkulation verfälschen hingegen ihre genaue historische Formation und ihre Art, den Planeten zu vereinnahmen. Auf diese Weise werden Moderne und Modernität – angetrieben von kreativen Zerstörungstrieben und Akkumulationen des Kapitals in allen Winkeln der Welt – zu einem Äquivalent von westlicher Hegemonie.

 

All diese Fragen haben Marta Cariello und ich in unserem Buch „La questione mediterranea“ [dt. etwa: „Die Südfrage“; A.d.Ü.] zusammengetragen und entschieden, dass neu überdacht werden muss, wie der Begriff des Mittelmeers historisch, politisch und kulturell innerhalb der Modernität – d.h. innerhalb eines Systems hegemonialer Sprachen – bisher eingeordnet worden ist. Anstatt eine alternative Weltkarte und Gegen-Geschichte vorzuschlagen, in der subalterne Erzählungen, Kulturen, Stimmen und Leben die Welt „von unten“ kartographieren, hielten wir es für wichtiger, den Machtapparat und das Machtdispositiv, die den Süden als „Süden“ festlegen, mit dem „Mittelmeer“ so in Einklang zu bringen, wie es zu heutigen Denkweisen und Definitionstendenzen besser passt. Natürlich haben uns dabei subalterne Geschichten immerzu auf andere „Mittelmeere“ und tiefer liegende Infragestellungen bezüglich des Raum-Zeit-Verhältnisses in der Moderne aufmerksam gemacht. Die ureigene Beschaffenheit von Raum und Zeit wurde problematisch: Nach wessen Raum und Zeit richten wir uns überhaupt? Gibt es nur einen einzigen Rhythmus – die westliche Moderne und den Kapitalismus –, der die Komplexität unseres modernen Lebens organisiert, oder existieren Zeit- und Raumsplitter, die den Puls der modernen Welt unterbrechen, irritieren und umleiten? Es galt also, nicht einfach nur in der Kategorie von autonomen Alternativen zu denken, sondern vielmehr sich überschneidende Unterschiede, Machtverhältnisse und Positionen miteinzubeziehen, deren Unterdrückung es einer einzigen und homogenen Auffassung von Modernität erlaubt, sich selbst als unverwechselbar und autoritativ zu behaupten.

 

Die grundlegende Idee dabei ist es, „mit“ dem Süden zu denken. Das heißt, dass man den Süden – bzw. in diesem Fall das Mittelmeer – nicht mehr als schlichtes Forschungs-„Objekt“ einer bereits existierenden Disziplin betrachtet. Wir wollten das mediterrane Erbe nicht ausblenden (ohne dem wir sprachlos dastünden), sondern uns präzise auf das konzentrieren, was das kulturelle Erbe nie zu einer Autorität zu erheben vermocht hat – nämlich auf ein Mittelmeer, das nicht bloß europäische Belange und westliche Subjektivität reflektieren würde. Bei all unseren linguistischen und kulturellen Grenzen fanden wir es bedeutsam, einen ganz bestimmten Süden Europas und der Ersten Welt zu erfassen (wenngleich wir ihn nie voll und ganz würden erklären können, was vielleicht auch genau den Punkt trifft), der die bestehende kritische Grammatik trübt. In anderen Worten: Das Vorhaben bestand nicht darin, einen optimierten und vollständigeren Geschichtszusammenhang zu finden. Vielmehr ging es uns darum, die genauen „Grenzen“ der gültigen historiographischen Operation und zugleich die damit einhergehende westliche Diskursordnung aufzuzeigen. Wir spürten, dass ein solches Vorgehen einen anderen Mittelmeerraum mit all seinen Lücken, Ambiguitäten und Geräuschlosigkeiten zu Tage fördern könnte, der die vorherrschende Sichtweise und deren befehlerische Kartographie in Frage stellen würde.

 

DR: Apropos, „Lücken“: Es gibt ein italienisches Sprichwort, dem zufolge Afrika „im Süden der italienischen Hauptstadt Rom“ beginnt, d.h. ungefähr auf der Höhe von Neapel. Obwohl sich die Stadt Neapel innerhalb des konventionellen geographischen Koordinatensystems näher an Afrika und am Äquator befindet als Rom es tut, so verorten wir Neapel geographisch dennoch auf der nördlichen Hemisphäre der Erdkugel: Inwieweit glauben Sie, dass Neapel und die neapolitanische Kultur geokulturell zum „Süden“ gehören könnten? In welchem Sinn und inwiefern ist Neapel als ein „südlicher“ Ort gemäß unseres normalen Kulturverständnisses zu bezeichnen? – Und würden Sie sagen, dass Neapel Teil dessen ist, was wir den „Globalen Süden“ nennen? Wie können – oder sollten – wir die neapolitanische Geschichte kulturell kartographieren und deren außergewöhnliche Hybridität sowie Verschmelzung von „nördlichen“ und „südlichen“ Lebensstilen, Ideen, Traditionen, Mentalitäten und Ideologien in die von Ihnen beschriebene „Moderne“ integrieren?

 

IC: Wie bereits deutlich geworden sein dürfte, ist der Süden eine mobile Kategorie, d.h. ein beweglicher Referenzparameter. Außerdem stand der Süden nicht immer für Rückständigkeit und Unterentwicklung: Das ist eine ziemlich moderne Konstruktion. Wenn wir heute die politische Macht geographischer Verortungen wahrnehmen, veranlasst uns das, jedwedes Narrativ zu hinterfragen, das die Komplexität der modernen Welt auf Werte reduziert, die in die imperiale Entfernung zwischen Zentrum und Peripherie, Norden und Süden eingeschrieben sind. Denn das ist es, was wir geerbt haben und kontinuierlich unbekümmert anwenden: eine koloniale Zergliederung und ein imperiales Maß der Welt.

Nun ist der Fall von Neapel vielleicht ein Beispiel für einen inneren Kolonialismus, der durch den Einigungsprozess entstanden ist, der Italien [Mitte des 19. Jahrhunderts, A.d.Ü.] zu einem modernen Staat gemacht hat. Natürlich ist die respektlose und beschimpfende Art, über Neapel zu sprechen, noch heute Symptom eines solches Machtverhältnisses. Gleichzeitig ist, wo immer man sich befindet, der Süden immer südlicher von einem! So ist Neapel auch definitiv Teil einer differenzierten europäischen Herausbildung, zuweilen sogar deren Protagonist. Neapel gehört unbestreitbar, wie ganz Italien, sowohl historisch als auch kulturell zu Europa. Daraus lässt sich erkennen, dass es im „Norden“ zahlreiche „Süden“ im Plural gibt: den „Mezzogiorno“ Italiens, den Balkan, Südspanien, das ländliche Irland, den schottischen Archipel... Die relative Verarmung und der infrastrukturelle Zerfall Neapels dürfen uns nicht dazu verleiten, die Stadt – trotz entsprechend oberflächlicher Widerklänge – als Teil des sogenannten „Globalen Südens“ einzustufen (der eine neo-koloniale Kategorie darstellt, die von Sonderorganisationen wie dem Internationalen Währungsfonds IWF und der Weltbank erfunden wurde). Neapel ist sicherlich subaltern in Hinblick auf die politischen und ökonomischen Kräfte, die weiter nördlich angesiedelt sind, wie Rom und die Alpen. Neapels relative Armut ist jedoch nicht absolut.


Von daher ist es interessanter – wollte man der Idee nachgehen, dass Neapel als südländische Metropole strategisch mit Nairobi, Lagos oder Bogota verknüpft werden kann –, die Subalternität Neapels „inmitten“ und nicht außerhalb der Moderne zu erkennen. Das bedeutet, dass man die Moderne von sich selber abspalten und den Anspruch aufgeben muss, dass sie überall auf der Erde immer und überall homogen und gleichbleibend ein und dieselbe sei. Das gibt uns ein globales Gespür für die Moderne (die historisch für viele schlichtweg gleichbedeutend mit dem Kolonialismus gewesen ist) und führt uns zu der Erkenntnis, dass Heterogenität aus der Übertragung und Transformation der Moderne auf und in bestimmte Orte resultiert. Übertragung und Übersetzung sind natürlich nie einfach nur technische Angelegenheiten, sondern es geht dabei immer um Machtausübung, um Widerstand und um die Rückführung von Abstraktionen in eine lokale Sprache. An dieser Stelle entfernen wir uns von der Diskussion über den Süden (von Italien, vom Mittelmeer, von der Welt) als einem Untersuchungs-„Gegenstand“, der die politische und disziplinäre Subjektivität des Nordens vom Planeten kontinuierlich bestätigt, und wenden uns der agonistischen Herausforderung zu, damit zu beginnen, dass wir „mit“ dem Süden denken und „mit dem Süden“ auch praktisch in das Handeln kommen.

 

Was Neapel betrifft, so schlage ich vor, dass wir eine „Landkarte“ benutzen, die eine simple Nord-Süd-Aufteilung durchkreuzt und widerlegt, das heißt: dass wir anfangen, uns Neapel als mitten im Mittelmeerraum verortet vorzustellen und den Mittelmeerraum wiederum mental in ein Set planetarischer Koordinaten einfügen. So können wir Neapel und Süditalien aus der Kartographie als fixe und ewig subalterne Entitäten innerhalb einer hegemonial aufgefassten Moderne herauslösen. Natürlich werfen Neapels unbestreitbare wirtschaftliche und politische Unterlegenheit in Relation zu anderen Machtzentren sowie Neapels Ablehnung, sich einem einfachen Modell linearer Entwicklungen und Fortschritte zu fügen, weitere Fragen auf. Daraus ergibt sich etwa nicht nur die Frage, wer das Recht bzw. die Macht hat, unseren Kartographierungstendenzen das bestehende Narrativ aufzuoktroyieren. Vielmehr konfrontiert uns diese Frage auch mit einer Moderne, die sich aus stark divergierenden Kräften speist, deren Gesetze selten einer Gerechtigkeit gehorchen. An dieser Stelle mischen dann, wenn man so möchte, Neapel und Süditalien in der Hinsicht wieder mit, dass sie sich dadurch zu den vielen „Süden“ der Welt im Plural gesellen, dass sie jene asymmetrischen Machtverhältnisse (statt ein lokales Versagen und Unvermögen) bloßlegen, die den Planeten strukturieren.

 

DR: Worin besteht dann der Einfluss, der von Neapel ausgeht und die Moderne „durchquert“, im transkulturellen Zusammenhang? Welche Vorbildrolle übernimmt die Ausbildung einer eigenen Stadtkultur? Woran lässt sich ein „transkulturelles Neapel“ im Sinn einer Blaupause für kosmopolitische Metropolen in der Praxis konkret festmachen?

 

IC: Die Stadt Neapel, ihre Stadtgeschichte und -kultur sind an sie tragende Netzwerke gebunden, die wir nicht auf eine lokale Ebene beschränken können (was viele der Stadtgeschichtsschreiber und Intellektuellen vergessen). Ein Hafen, eine europäische Stadt, aber auch eine Mittelmeerstadt und deren kulturelle Zusammensetzung sind per se immer schon durchweg hybrid und transkulturell gewesen. Sogar Neapels ausdrucksstärkste Offenbarung – die neapolitanische Volksmusik oder „Canzone napoletana“ – unterläuft eine gemeinsame Mittelmeermusikalität insofern, dass die gleitende Tonalität und klangliche Ambivalenz arabischer Musik in ihr weiterleben. Sie hallen Jahrhunderte später etwa in den Musikwerken eines Pino Daniele [neapolitanischer Singer-Songwriter und Komponist hybrider Musikstücke, 1955-2015; A.d.Ü.], die den Blues betonen, oder der Band Almamegretta [italienische Musikband, die im neapolitanischen Dialekt einen hybriden, sogenannten „Alma-Sound“ insbesondere unter Rekurs auf arabische und afrikanische Kulturen performt; A.d.Ü.] und in den Aufführungen vieler anderer Künstler wider. Um kulinarische Landkarten zu entfalten, kann man mit Blick auf die Geschmäcker und Ernährung ähnlich argumentieren, dass sie Neapels Identität zu sichern scheinen: Die Tomate führt uns über den Atlantik und die Anden nach Peru, der Kaffee über das Ottomanische Reich nach Äthiopien, Chili nach Mexiko... Oder das Gold, das zahlreiche Barockkirchen schmückt, kam ebenfalls aus Mexiko. Das sind koloniale Verbindungslinien: Beide führen direkt durch das Spanische Königreich, dem Neapel als integraler Teil angehörte, und indirekt durch die verallgemeinernde, koloniale Verfassung unseres modernen Europas.


Der springende Punkt dabei ist allerdings, dass diese Verbindungslinien in einer veränderten Darstellungsweise der Vergangenheit und Gegenwart wiederzugeben sind. In anderen Worten: Die Wichtigkeit der Tomate in der neapolitanischen Küche und der Geist des arabischen Klangs und des Islam bedingen in der neapolitanischen Musik das Auseinanderfallen der Mythen, die sich um autochthone Ursprünge und provinzielle Eigentumsansprüche ranken. Die Tomate oder die Musik vermögen es, folkloristische Stereotypen dadurch zu hinterfragen, dass sie historische Dynamiken kultureller Prozesse verdeutlichen, die mit unabgeschlossenen Verhandlungen und Geschäften verbunden sind. In diesem Sinn ist Neapel – wie jede andere Stadt auch – ein Laboratorium der Moderne. Wenn eine Hafenstadt mit einem solchen historischen Verlauf wie Neapel dabei tiefe Schichten für sich beansprucht und uns zurück zu den Anfängen in die mediterrane Welt des griechischen Kolonialismus katapultiert, dann registriert sie auch gleichzeitig, dass und wie sie in rezenter Zeit davon unterstützt wird, was die Expertin für Postkolonialismus und Komparatistik Lisa Lowe die „Intimität der vier Kontinente“ – „The Intimacies of Four Continents“ (2015) – nennt.

 

Um solche Argumente aufzugreifen und um genauer ins Detail gehen zu können, müsste man die Darstellungen, die die Stadt angeblich in ihrer Einzigartigkeit authentifizieren, entlarven und neu zusammensetzen. Damit meine ich, dass man, statt die Erzählung, mittels der sich eine Stadt ihren Einwohnern und gelegentlichen Touristen präsentiert, zu akzeptieren – gleichwohl die unbestreitbare Besonderheit Neapels als europäische Stadt auf einer problematischen, wenngleich scheinbar milden Version des „Blut und Boden“-Narrativs gründet –, es analytisch viel ergiebiger ist, wenn man im Gegenzug die Verbindungsstücke fokussiert, die eine bestimmte historische und kulturelle Gestaltung produziert. Neapel ist keinesfalls Mailand und auch nicht London oder New York, und doch ist diese süditalienische Stadt mit anderen Städten verbunden und nutzt die gleichen urbanen Sprachen und technologischen Mittel wie sie. In Anlehnung an die moderne Musik- und DJ-Praxis liegt Neapels spezifische Wirksamkeit in der Veränderlichkeit des „Mischens“. Das wirft gewiss Fragen bezüglich Neapels Modernität und über zeitgenössisches urbanes Leben generell auf. Wenn wir also über „Vorbilder“ sprechen wollen, dann schlage ich vor, dass wir Neapel als eine grenzwertige Stadt „auf der Kante“ betrachten, nicht nur einfach als eine Stadt Italiens oder Südeuropas, sondern auch als eine Stadt, die sich am Rande einer als uniform wahrgenommenen Modernität befindet, welche der leeren und homogenen Zeit im Zuge des Fortschritts linear entworfen worden ist. Anders gesagt, stellen die Lebensweisen, Praktiken und Kulturen der Stadt permanent Fragen und fordern stumm die Auflösung einer ihr aufgesetzten Modernität. Neapel trägt eine eigene Version seiner selbst an uns heran.

 

DR: Wie steht es in dieser „Version seiner selbst“ kulturell um das Mafia-Phänomen in Neapel als einer Stadt „auf der Kante“, die sich „am Rande der Moderne“ befindet? Wie verträgt sich Gewalt mit Geschichte und Tradition, und was davon dringt in die organisierte Kriminalität ein oder durch sie durch? Gibt es die von Andrea Camilleri so genannte „Linie der Palme“ (ital.: „linea della palma“), der zufolge sich die Grenze zum „Territorium“ der Mafia von Süden her konstant nach Norden weiter verschiebt? Wo beginnt diese „Linie“, wenn es sie gibt, wo endet sie, und was würde sie für Italien in Hinblick auf Europa bedeuten?

 

IC: Das ist ein kompliziertes Gebiet, und ich glaube, dass die politische Wirtschaft des organisierten Verbrechens sowohl über lokale als auch nationale Besonderheiten verfügt und dass es am Ende – wie auch beim Kapital selbst – dabei um planetarische Koordinaten geht. Anders gesagt, obwohl die spezifischen geschichtlichen Hintergründe von ländlicher und urbaner Gewalt, die die sizilianische Mafia und die neapolitanische Camorra hervorgebracht haben, historisch bedeutsam sind, ist es wichtig anzuerkennen, dass sie ihre Macht heutzutage aus einem transnationalen Verkehr beziehen: Dieser spannt sich von den lateinamerikanischen Drogenkartellen bis hin zu den Londoner Banken, die die illegalen Profite waschen und legitimieren. Auch wenn es öffentlich im historischen und wirtschaftlichen Sinn vorteilhaft sein kann, auf eine scharfe Unterscheidung zwischen einer kriminellen Welt südlich der Alpen und einer moralischen Überlegenheit höher im Norden zu bestehen, so wäre mir diese Erklärung zu einfach. Ich möchte die übliche stereotypische Dualität zwischen der Gleichsetzung von Italienern mit der Mafia einerseits und andererseits der angelsächsischen Legalität und geltenden Rechtsprechung vermeiden. Es gibt da eine extensive Grauzone, innerhalb derer Gewalt auf der Straße, kriminelle Organisationen und institutionell verwurzelte Politik und Finanzkapitale tiefgreifend miteinander verwoben sind. Das organisierte Verbrechen ist ein riesiges Geschäft. Innerhalb dieser komplexen Netzwerke stellt London wahrscheinlich den korruptesten Ort auf unserem Planeten dar. Die gedachte Linie zwischen Kriminalität und rechtmäßiger Welt wird ständig überschritten, verdreht, abgeschwächt und ignoriert: Sowohl die Banker als auch die Verbrecher tragen Armani.

 

Natürlich gibt es eine Geschichte des organisierten Verbrechens in Italien, die erzählt werden muss. Doch statt deren Gewalt mit individuellen und kollektiven Pathologien zu assoziieren, müsste man diese Geschichte vielmehr in die umfassendere Organisation und strukturelle Ausbildung von Macht einfügen und aufnehmen: angefangen bei der gewaltsamen Verteidigung des ländlichen Grundbesitzes gegen die Bauernaufstände – die ein Bestandteil der politischen Vereinbarungen zwischen südländischen Landbesitzern und nördlichen Interessen während der Einigung Italiens war – bis hin zur „Disziplinierung“ des urbanen Lebens im Dienste des ökonomischen Gewinns und politischer Protektion im Nachkriegskontext. Erneut ist es extrem schwer, die Verwobenheit von krimineller Gewalt und Staatsmacht zu entwirren. Bestimmt spielt dabei der italienische Sonderfall eine Rolle, wie auch das Wiedererwachen der Camorra in Kampanien unmittelbar nach Ende des II. Weltkriegs, als die Alliierten Hoheitsrechte auf lokale Persönlichkeiten übertragen haben, sodass Verbrecherbosse zu Bürgermeistern wurden. Aber die geschichtlichen Rahmenbedingungen sollten das anhaltende internationale Bedürfnis nach organisiertem Verbrechen keinesfalls verschleiern. Denn wir können durchaus in Palermo oder Neapel starten, aber wir kommen doch unweigerlich in Bogota, London oder New York an. Diese Entwicklungsverläufe sind weder als autonom noch als auf die kriminelle Unterwelt beschränkt anzusehen. Ähnlich wie die obskuren Absprachen der Lobbys, pharmazeutischen Unternehmen und Waffenhersteller, bilden sie den korrupten Körper der modernen Politik. Das bedeutet, dass alle Überlegungen über organisierte Kriminalität, deren Gewalt, Macht und finanzielle Schlagkraft in einem globalen Zusammenhang gesehen werden müssen. Es handelt sich um ein Geschäftsmodell: Es erschafft und reagiert auf die Nachfrage auf dem Markt – wobei es sicher eher um den Verkauf von Drogen, Sexgeschäfte oder den Organhandel geht als um Computer, Fernsehanlagen und Autos –, und hier legt dann dessen scheinbar dramatische Brutalität nichts weiter als die unerbittliche Logik des globalisierten Kapitals frei.

 

DR: Richten wir am Ende noch den Blick auf die Rolle der Musik im postkolonialen Kontext: Welche Art von Transkulturalität kann in Hinblick auf Musik, Tanz und Festkulturen auf der einen Seite, und – auf der anderen Seite – mit Blick auf einen Akt des Widerstands, auf Gegendiskurse und Strategien des „Zurückschlagens“ (des „Writing back“ oder „Talking back“) nützlich sein? Welche Hymne der Hybridität benötigen unsere Gesellschaften heute? Es wäre wunderbar, wenn Sie uns ein praktisches Beispiel geben können, das für eine zukunftsweisende, attraktive und moderne – im Sinn einer avantgardistischen, innovativen oder „trendigen“ – Vision des Südens steht.

 

IC: Ich interpretiere Musik auf eine ganz bestimmte Art. Ich betrachte Musik nicht einfach aus der Perspektive ihrer historischen Zeugenschaft oder ästhetischen Aufbereitung heraus als eine Art kulturelle Illustration oder als Beiwerk von geschichtlichen Prozessen, die andernorts stattfinden. Unter mancherlei Aspekten stellt die Besonderheit musikalischer Klänge – über lokale, sprachliche und nationale Grenzen hinweg – eine eigene kritische Sprache dar, die die Musik für sich beanspruchen darf. Von daher ziehe ich es vor, statt über die Geschichte oder Soziologie von Musik zu sprechen, d.h. die Musik selber als Geschichte oder Soziologie zu betrachten. Das zieht eine insgesamt flüssigere und instabilere Geschichtsauffassung nach sich, die sich den üblichen disziplingebundenen Protokollen verweigert. Das wiederum erlaubt die Entstehung einer Serie von „anderen“, unvermuteten Landkarten und Verortungssystemen. Die Idee, sich das Mittelmeer sowohl heute als auch historisch als eine Geographie des Sounds vorzustellen, dekonstruiert nicht nur die übliche nationale Rahmung historischer Narrative und deren damit verbundene kulturelle Beschaffenheit. Vielmehr enthüllt dieser Gedanke auch die Flachheit des geopolitischen Entwurfs etwa vom Mittelmeerbecken, indem er andersartige Verbindungen herstellt, andere Fragen und Wegstrecken zutage fördert. Es geht darum, die Musik an sich als historisches und kulturelles Archiv anzuerkennen, in dem das, was sich unter der überlieferten politischen Kartographie und deren modernen Nationalismen verbirgt, subalterne Sounds entwirft, die uns dazu befähigen, die Moderne mit Hilfe von unverdächtigen Interpretationsschlüsseln und unautorisierten Rhythmen zu erkunden.


Diese eher abstrakten Überlegungen können einem praktischen Test unterzogen werden, indem wir sofort und direkt beim Sound anfangen. Wenn wir eine Musik wählen, die scheinbar über eine präzise Identität und Zugehörigkeit verfügt – z.B. Rembetiko in Griechenland, Flamenco in Spanien oder die neapolitanische Volksmusik –, dann finden wir schnell heraus, dass sich in einer solchen Klangwelt mannigfaltige Geschichten und eine Reihe einander überlappender Kulturen entfalten, die uns nach Anatolien, in das islamische Spanien und die Diaspora der Sinti und Roma oder in die verführerische Gegenwart arabischer Tonleitern und Sprachmelodik entführen. Im Sound selber kondensieren sich Aussichten und Fragezeichen, die jegliche ausschließlich lokalen oder provinziellen Ursprünge hintertreiben. Musik komponiert einen sehr unterschiedlichen kulturellen „Stoff“ und suggeriert eine Reihe historischer Prozesse, die die nationale Kostenrechnung von Zeit und Raum durcheinanderbringt. Wenn wir diesem Konglomerat nun die subalterne Zentralität der afroamerikanischen Musik und den Blues hinzufügen, wobei letzterer das komplexe Ergebnis vieler Hin- und Her-Reisen quer durch den Atlantik ist, dann werden wir mit Musikcharts konfrontiert, die die institutionelle und hegemoniale Einrahmung der Moderne komplett kippen. Nehmen wir noch einmal den Sound einer neapolitanischen Band wie Almamegretta: Hier wird ein Dub-orientierter elektronischer Beat, der aus Jamaika über London zu uns herüberkommt, zu einer lokalen Passung abgemischt, um Gefühle über Afrika und die „Black Athena“ [dt. etwa: „Die schwarze Athene“; Titel eines dreibändigen Werks von Martin Bernal aus den Jahren 1987, 1991 und 2006; A.d.Ü.] im neapolitanischen Dialekt zum Ausdruck zu bringen. Was die Musik also macht, ist Folgendes: Sie bringt die Bedeutung von „Transfers“ und „Übersetzungen“ für unser Verständnis von historischen Prozessen und kulturellen Konfigurationen zur Geltung. Die „Übersetzung“ ist dabei nicht nur einfach eine Metapher, sondern eine Methode. Denn die Musik bringt nicht nur das zum Vorschein, was unterdrückt wird, sondern sie hinterfragt auch die Struktur einer politischen und kulturellen Semantik, die auf der Stabilität historischer und kultureller Identität besteht. Durch die insistierende Migration der Musik stoßen wir auf eine Ästhetik, die eine Ethik und ein Bewusstsein hervorbringt, die ihrerseits auf einer „anderen“ Politik insistieren.

 

Um diese Diskussion mit einer Öffnung abzurunden, statt an dieser Stelle einen abrupten Schlusspunkt zu setzen, rege ich an, dass wir uns gedanklich in die Nähe der Stimme und des Klangs der Oud [arabische Laute; A.d.Ü.] der palästinensischen Künstlerin Kamilya Jubran begeben [eine in Israel 1963 geborene palästinensische Singer-Songwriterin und Musikprojektleiterin, die 2000 aus Jerusalem nach Europa ausgewandert ist, heute in Paris lebt und u.a. Gedichte ins Hocharabische übersetzt oder arabische Originallyrik vertont; A.d.Ü.].


Ihr Sound zieht mich in eine andere Landkarte hinein, in der ich gezwungen bin, eine weitere Zeit- und Raum-Faltung des Mittelmeers wahrzunehmen. Die Sprache, die hier sowohl musikalisch als auch linguistisch Anwendung findet, ist Arabisch, das wohlgemerkt die meistgesprochene Sprache im Mittelmeerraum ist. Dieser Umstand ruft weitere historische und kulturelle Archive auf, die in der heterogenen, planetarischen Moderne zirkulieren. Und dabei geht es keineswegs ausschließlich um den unterdrückten oder subalternen Spiegel dessen, was wir gewohnt sind, als „unsere“ Moderne zu betrachten. Statt eine starre und abgespaltene Alternative zu entwerfen, bringen uns solche „anderen“ Sounds, Sprachen und Geschichten dazu, gegenläufige und unbewusste Dimensionen eines solchen Mittelmeers in Erwägung zu ziehen, das – würde es nur wie eine Landkarte flach ausgebreitet daliegen – alle Begrenzungen seiner modernen europäischen Einschreibungen leugnet und widerlegt. Ich glaube, dass der kritische Beginn und die politische Herausforderung, die uns Jubrans Tonalität und Blickrichtungen vermitteln, ein sehr guter Zeitpunkt sind, um unsere Unterhaltung ausklingen zu lassen.


Costantino Maeder und Dagmar Reichardt (Hrsg.): „Metaphors of the South. Comparative Approaches to Polyphonic and Transcultural Discourses about the Global South in Arts and Literature“

Berlin et al., Peter Lang Publishing, (im Druck).
Dieses Interview ist ein gekürzter Vorabdruck, den die Autorin Dagmar Reichardt für KulturPort.De vom Englischen ins Deutsche übertragen hat. Das englischsprachige Originalinterview wird in voller Länge in Buchform in Kürze erscheinen.

 

Homepage von Iain Chambers an der Universität Neapel

Sämtliche Buchpublikationen von Iain Chambers finden Sie hier.

 

You-Tube-Videos mit und von Iain Chambers:
1) Iain Chambers und Lidia Curti sprechen im Rahmen einer Tagung („Aquatic Meditations: Conversations with Duke Faculty on Water“) am John Hope Franklin Humanities Institute der Duke University über das Mittelmeer. Chambers Vortrag über „Mediterranean Blues: Thinking with the Diver“ ispiriert sich an der berühmten Darstellung eines Tauchers im Archäologischen Museum von Paestum und schlägt vor, dessen Elemente zu einer zeitgenössischen Konstellation neu zusammenzusetzen. Dadurch beabsichtigt Chambers, die von anerkannten Disziplinen (Geographie, Anthropologie, Geschichte, Soziologie) zugelassenen und autorisierten Landkarten zu perforieren. Im Ergebnis bekräftigen die musikalischen und visuellen Sprachen, Chambers zufolge, den kritischen Imperativ des Anachronismus, der das Mittelmeer vor reduktiver Objektivität bewahrt und die zu entfaltenden Möglichkeiten eines „flüssigeren Archivs“ freilegt. Die Mitbegründerin der Forschergruppe „Feminist Futures“ an dem von Iain Chambers in Neapel gegründeten „Centre for Postcolonial and Gender Studies“ und Anglizistin an der Universität Neapel L’Orientale, Lidia Curti, spricht anschließend über die diasporischen weiblichen Narrative, die durch die Überquerung des Mittelmeers Italien „neu erzählen“ (auf Englisch).

2) Vom 25.-26.9.2019 nahm Iain Chambers am internationalen Seminar „Europäische Museen, Migrationen und Mutationen“ teil, das im Picasso-Museum im spanischen Málaga stattgefunden hat. Das Museum hat anlässlich der Ausstellung „Nosotros, Europa“ (dt. etwa: „Wir, Europa“) in Zusammenarbeit mit der Französischen Botschaft in Spanien, dem Institut Français in Spanien (TIFE) und dem Centre Pompidou in Málaga im Rahmen des Seminars eine Debatte über die Neuerfindung des musealen Raums als Element der kollektiven Identitätsbildung organisiert. Chambers Antworten in diesem Video beziehen sich auf diesbezügliche Fragen zum Europa von heute, zu unserer zeitgenössischen Gesellschaft sowie Fragen der Transversalität und beabsichtigen, die kritisch-konstruktive Debatte zwischen Berufspraktikern und Akademikern über museale Programme, Diversität des Publikums und die Eingliederung des Museums in die soziokulturelle Landschaft zu vertiefen (auf Englisch).

 

3) Interview mit Iain Chambers von Johan Höglund vom „Centre for Concurrences in Colonial and Postcolonial Studies LNUC“ an der im Südosten Schwedens gelegenen Linné-Universität (Linnaeus University) vom 25.9.2017 über die Notwendigkeit, den Mittelmeerraum neuen Forschungsperspektiven gemäß zu hinterfragen und gemäß postkolonialistischen Ansätzen kulturell zu diskutieren (auf Englisch).

4) Buchvorstellung von „La questione mediterranea“ (2019) an der Universität von Macerata, Italien im Rahmenprogramm des 9. Literaturfests „Macerata racconta“ (Thema: „Le derive“) am 9.5.2019 mit anschließender Podiumsdiskussion (auf Italienisch, mit einer Vorführung von themengebundenen, von Iain Chambers ausgewählten und zusammengestellten Bildern in der 1. Videohälfte, ca. 27:50-55:00’ Min.)

 

5) Zu Iain Chambers am Ende des Interviews empfohlenem You-Tube-Video von Kamilya Jubran. Hier finden Sie das von Iain Chambers im Interview empfohlene Video mit der Solo-Performance „Quwafel“ (Gesang mit Oud, einer arabischen Kurzhalslaute) der 1963 in Israel geborenen palästinensischen Singer-Songwriterin Kamilya Jubran.

 

Weitere Links:
- Modern Slavery. Council of Foreign Relations
- Slavery is still a reality; maps show how real it is (2016)
- The horrors of modern slavery, in numbers (World Economic Forum)

 

Von Iain Chambers im Gespräch empfohlene Lektüre:
- Lisa Lowe: „The Intimacies of Four Continents“, Durham (North Carolina), Duke University Press, 2015.
- Martin Bernal: „Black Athena. The Afroasiatic Roots of Classical Civilization“, 3 Bde., New York, Rutgers University Press, 1987, 1991 und 2006.

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