Die französische Kuratorin Véronique Wiesinger, Direktorin der Fondation Alberto und Annette Giacometti, legt ein schmales, aber enorm faktenreiches Buch über den Schweizer Bildhauer und Maler Alberto Giacometti vor.
Für die Mehrzahl der Interessierten – so auch für den Rezensenten – war Giacometti einer der wichtigsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts, aber tatsächlich war er noch wesentlich mehr. Bei der Lektüre des Buches fällt besonders die Offenheit dieses Künstlers ins Auge, der sich stets aufmerksam umschaute und so ungezählten Anregungen begegnete. Natürlich, zunächst und vor allem war Alberto Giacometti Bildhauer, dazu aber auch Maler und gelegentlich sogar so etwas wie ein Innenarchitekt.
„Für André Bretons Muse Lise Decharme“, weiß Wiesinger zu berichten, „entwickelte er 1934 seltsame pflanzliche Formen, die sich die Wände hoch und in den Winkeln des Salons winden.“ Und geschrieben hat er auch noch!
Wer die Monografie Wiesingers über Giacometti liest, staunt ebenso über die Vielfalt seiner Begegnungen und künstlerischen Richtungen, wie er sein Interesse an den verschiedensten Techniken und seinen Willen bewundert, sich fortwährend weiterzuentwickeln. „Eine unendliche Suche“ ist das vierte und letzte Kapitel sehr treffend überschrieben – das könnte seinem ganzen Leben gelten. Aber trotz dieser Unruhe (oder wegen ihr?) ist es Giacometti gelungen, ein unverwechselbares und absolut eigenständiges Werk zu schaffen, das von seiner Persönlichkeit geprägt ist und von nichts und niemandem sonst.
Wiesinger hat eine fast schon lakonische Monografie geschrieben, in der sie weitgehend auf Ausdeutungen von Giacomettis Werk verzichtet; stattdessen folgt sie seinem Leben von den ersten Anfängen als Sohn eines zwar sehr respektablen, aber im Vergleich zu ihm selbst doch weniger bedeutenden Künstlers über die vielen Stationen seines Lebens, von denen Paris fraglos die wichtigste war. Bis zu seinem Ende entwickelte er sich weiter – bis zu seinem frühen Tod, denn er wurde gerade einmal Mitte Sechzig, wohl nicht zuletzt dank eines extrem ungesunden Lebenswandels (viele Zigaretten, kaum regelmäßige Mahlzeiten…). Illustriert mit 117, aber fast immer kleinen und fast ausschließlich schwarzweißen Illustrationen, macht uns das Büchlein mit seinem Lebenslauf bekannt, mit seinen Freundschaften, seiner langjährigen, immer wieder unterbrochenen Freundschaft zu André Breton und seiner Verbindung mit und zu den Surrealisten.
Von nichts und niemandem ließ er sich vereinnahmen – das war sicherlich einer der diesen Künstler bestimmenden Charakterzüge. André Breton, der Spiritus rector des Surrealismus, versuchte eben das und stieß auf den Widerstand Giacomettis, der sich schon bald wieder aus dem Kreis der Surrealisten verabschiedete – um später zumindest zu Breton selbst zurückzukehren. Dabei war es sicherlich kein Zufall, dass sie einander trafen, denn die surrealistischen „Schwerpunkte – Inspiration aus Träumen, Mitwirken des Zufalls, Interesse an Sex und Politik – deckten sich mit seinen.“ Und natürlich, weil Giacometti lange Jahrzehnte in Paris lebte, in teils enger Verbindung mit einer ganzen Reihe von bedeutenden Künstlern und Autoren.
Das Gute an diesem Buch ist seine Materialfülle. Der letzte, immerhin mehr als zwanzig Seiten umfassende Teil umfasst „Zeugnisse und Dokumente“, wozu Briefe und andere biographische Zeugnisse ebenso zählen wie Auszüge aus Giacomettis eigenen Schriften, in denen er sich mit anderen Künstlern beschäftigte. Besonders eindrucksvoll ist eine Passage mit einer Beschreibung eines Bildes von Georgés Braque. Dann folgen Kritiken und Feuilletons, aus denen ein Text von Jean Paul Sartre herausragt, in dem er schildert, wie Giacometti sein Gesicht zeichnete. Ein eigenes Kapitel ist in diesem letzten Teil Giacomettis Verhältnis zu Jean Genet gewidmet, mit dem er eng befreundet war.
Die Zurückhaltung der Autorin bei der Interpretation des Werkes und die Materialfülle des Buches fordern uns dazu auf, eigene Überlegungen anzustellen, also zum Beispiel Giacomettis Werk mit dem anderer bedeutender Künstler zu vergleichen. Ein wichtiger Punkt betrifft die Größe der Plastiken, die jemand, der sie allein aus Büchern kennt, in vielen Fällen gar nicht einschätzen kann. Leider fehlen in diesem Buch Informationen über das Format vieler Arbeiten, unter denen auch immer wieder größere gewesen sein müssen. Aber Giacomettis Skulpturen, darauf kommt es Wiesinger an, wurden im Laufe der Jahre immer kleiner und waren gelegentlich nur noch winzige Figurinen. Tatsächlich stellt er hier einen Gegensatz zu Künstlern wie dem Schweden Carl Milles dar, in dessen Museum auf Lidingö bei Stockholm sich ohnehin schon große Plastiken finden, die an anderer Stelle in einem gigantischen Format aufgestellt wurden: zig Meter groß. Nur ein Beispiel unter mehreren ist eine 18 Meter hohe Skulptur am Eingang zum Stockholmer Hafen.
Dagegen Giacometti? Er hatte, berichtet die Autorin, „ein unwiderstehliches Verlangen […], seine Werke kleiner zu machen, um die Wirklichkeit der menschlichen Sicht der Dinge zum Ausdruck zu bringen.“ Dazu passt übrigens auch die von Wiesinger häufiger angesprochene Winzigkeit seines Ateliers, das einen deutlichen Kontrast bildete zu den großen Sälen, in denen sich bedeutende oder sich auch nur bedeutend fühlende Künstler, sogenannte Malerfürsten, mit ihren Arbeiten von Bewunderern und Kunden umgaben oder umgeben. Wer sich das Foto anschaut, das Giacometti in der Tür zur Straße zeigt, kann sich leicht vorstellen, an diesem bescheidenen Mann vorbeizugehen – ohne auf den Gedanken zu kommen, das in der Tür ein weltweit gefeierter Star steht.
Wenn von ihm irgendetwas im Gedächtnis bleibt, dann sind es seine Darstellungen von Menschen. Besonders eindrucksvoll sind seine gelängten Figuren, und auch die zahlreichen Porträtbüsten sind eigentlich immer sehr schmal. Wie kommt es, dass die Schmalheit von Gesichtern diese so ausdrucksvoll werden lässt? Weil sich so vieles auf so engem Raum versammeln muss? Weil es erwachsene, keine runden Kindergesichter sind? Die Kunstgeschichte kennt viele Beispiele für die Expressivität sehr schmaler Figuren, angefangen mit sehr alten Felszeichnungen aus Tanum in Schweden oder geschnitzten Büsten aus Afrika, die besonders in den zwanziger Jahren große Beachtung erfuhren; und natürlich denken wir an Gemälde El Grecos. Und in Deutschland kann man sich leicht an den ungefähr zwanzig Jahre älteren Wilhelm Lehmbruck erinnern, dessen dünne Figuren sich so ausdrucksvoll recken. Sind sie den Plastiken Giacomettis nicht ziemlich ähnlich?
Aber es ist ja auch ein Gegensatz zu dieser Längung denkbar, wenn nämlich Plastiken aus einem Boden hervorzuquellen scheinen, wie es bei manchen Figuren Ernst Barlachs der Fall ist. Sie kommen aus der Tiefe… Giacomettis Plastiken vermeiden dagegen in Werken wie der „schwebenden Kugel“ (38) den Erdkontakt, und auch der Karren, den er 1950 herstellte, ist etwas sehr Luftiges und Leichtes. „Was ich vermeiden wollte“, zitiert ihn Wiesinger, „war ein neutraler Sockel, der schwer auf dem Boden liegt. […] ich wollte einen Leerraum unter den Füßen der Figur.“
Wiesingers Buch ist schmal, aber sehr gehaltvoll, und es eignet sich sehr gut als Initialzündung für die Beschäftigung mit einem großen Künstler.
Véronique Wiesinger: Giacometti. Die Gestalt als Herausforderung.
Schirmer / Mosel 2024
144 Seiten, 140 Abbildungen
ISBN: 978-3829609197
Weitere Informatione (Verlag)
Lesen Sie bei KulturPort.De zu Alberto Giacometti auch:
- „Final Portrait”. Die Selbstzweifel des Alberto Giacometti. Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 03. August 2017
- Alberto Giacometti – Begegnungen an den Spielfeldern. Geschrieben von: Isabelle Hofmann - Freitag, 22. März 2013

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)
Kommentare powered by CComment