Mit „Trance“ und „Schussfahrt“, den beiden ersten Bänden seiner Cric Crac Saga, hat der Hamburger Arzt und Autor Konrad Rippmann einen schier atemberaubenden Abenteuerroman quer durch ein Jahrhundert Weltgeschichte vorgelegt.
Ebenso unterhaltsam wie lehrreich. Kurz: Genau die richtige Urlaubslektüre.
Cric Crac Saga – was für ein merkwürdiger Titel für eine Roman-Trilogie. Wer weiß schon, dass bis heute in Haiti ein alter Brauch des Geschichtenerzählens diesen Namen trägt. Konrad Rippmann gehört zu den wenigen Eingeweihten, der diese Tradition kennt, denn er hat in den 1980er Jahren immer wieder monatelang als junger Mediziner in Haiti gearbeitet. Ob im Zeitalter von Smartphones und TV-Bezahlsender die Menschen in Haiti abends immer noch ums Feuer herum sitzen und Geschichten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen, sei mal dahingestellt. Aber Traditionen wollen gepflegt sein, und wie man hört, werden sie das tatsächlich immer noch in diesem von Kriminalität, Korruption und Naturkatastrophen zerrütteten Land: Einer sagt „Cric“, ein anderer antwortet „Crac“ – und schon gehen die Erzählungen los.
Der Held der Saga, von der nun zwei Bände im Ashera Verlag erschienen sind, ist Professor Luis Carbo, deutschstämmiger Leiter des Forschungsinstituts für Ethnologie in Port-au Prince und Freund des mächtigen und überaus angesehenen Vodou-Priesters Max Beauvais, dem Oberhaupt der religiösen Gemeinde in Haiti. Ihm vertraut sich Luis an, denn seit dem Tod des Vaters, der Trauerfeier in der elterlichen Villa in Berlin, wo er (begleitet von seiner Frau Vera und der Tochter Alva) noch einmal den übermächtigen Schatten des verstorbenen Chefarztes spürte, quälen ihn Albträume, gewaltvolle Kindheitserinnerungen, die sich wie schwarze Wolken über ihm zusammenziehen. Vor allem aber lässt ihm die mysteriöse Erbschaft des Vaters keine Ruhe mehr – eine Taschenuhr und zwei Tagebücher mit einer klaren Ansage: „Lieber Luis! Lies die Tagebücher“.
Um sich selbst und den zu lösenden Rätseln auf die Spur zu kommen, begibt sich Carbo in die Hände seines Freundes Max Beauvais. Aus der wissenschaftlichen Distanz des Ethnologen hat er schon oft die religiösen Zeremonien des Priesters beobachtet, nun will er selbst eintauchen, loslassen, in der Hoffnung, dass ihn eine Trance weiterbringt.
Das Kapitel über die Initiation in den Kreis der Haitianischen Religionsgemeinschaft ist das überaus faszinierende Kernstück des ersten Bandes. Erstmals in einem Roman deutscher Sprache werden hier in die rituellen Handlungen einer Vodou-Zeremonie detailliert und wahrheitsgetreu beschrieben: Die dreitägige Vorbereitung, die Aufnahme psychoaktiver Substanzen in völliger Abgeschiedenheit und schließlich die Zeremonie selbst im Kreis der versammelten Gemeinde, die das spirituelle Ereignis zugleich immer auch als freudigen Höhepunkt des geselligen Beisammenseins feiert.
Konrad Rippmann hat diese Zeremonie selbst erlebt. Durchgeführt von seinem Freund, dem in New York und an der Pariser Sorbonne studierten Biochemiker Max Beauvoir (1936–2015), der seine Karriere in den USA an den Nagel hängte, um den Auftrag seines haitianischen Großvaters zu erfüllen und die Tradition als oberster Priester weiterzuführen. „Es war nicht die Art von Dingen, die man ablehnen konnte“, zitierte die Washington Post den international renommierten Wissenschaftler in ihrem Nachruf. Mit „Trance“ hat Rippmann seinem verstorbenen Freund ein literarisches Denkmal gesetzt und dazu beigetragen, die westliche Sicht zu korrigieren. Es ärgert Rippmann, dass die Voudou-Religion immer wieder pauschal, insbesondere in amerikanischen Horrorfilmen verteufelt wird. „Voudou ist eine Religion wie alle anderen auch“, so der Autor. „Mit dem Unterschied, dass sich seine Anhänger in der Karibik aktiv an den Messen beteiligen und mitten im Geschehen sind, während Christen, egal ob Protestanten oder Katholiken, eher zusehen“. Davon mal abgesehen: Gläubige, die selbstverständlich an Marienerscheinungen in Lourdes und die offiziell von der römisch-katholischen Kirche als „Wunder“ bezeichneten Spontanheilungen glauben, sollten auch die unsichtbaren Mächte nicht in Zweifel ziehen, die der Vouduo-Kult durch Hypnose und Trance beschwört.
Doch zurück zur Saga, die neben den magischen Ritualen vor allem durch die mysteriösen Tagebücher des jüdischen Emigranten Samuel Weizfeldt und die damit verbundene Schatzsuche quer durch Europa in Atem hält. Wieder eine Geschichte in der Geschichte dieser unerhört verstrickten Trilogie, die Rippmann geschickt zu Leben erweckt, indem er Max bittet, ihn in die Zeit zurück zu versetzten. Weizfeldt schiffte sich 1939 auf der legendären „Bremen“ mit Kurs auf New York ein. Sein Vermögen versteckte er in dem Schiff und seine Tagebücher vertraute er just dem Bruder jenes Korsen an, der 1945 überraschend die Tante von Luis Carbo heiratet.
Die Amour fou zwischen dem deutschen Mädchen und dem französischen Offizier, der mit seinem Regiment nicht nur Schloss Rodeck am Fuß des Schwarzwalds erobert, sondern auch das Herz der jungen Adligen, ist Dreh- und Angelpunkt des zweiten Bandes – und nicht minder verrückt als die Ereignisse im ersten Band. Auch sie beruhen auf wahren Begebenheiten, wie der Autor erzählt und das glaubt man sofort, denn so einen verwickelten Plot kann man wirklich kaum erfinden. Aufgeladen mit einer dramatischen Schatzsuche inklusive Verfolgungsjagt von der Cote D’Azur, über die Alpen bis zu den nebligen Ufern der Weser, bei der obskure Typen dem Professor und seiner Tochter gefährlich nah kommen, gelingt es Rippmann in den beiden ersten Bänden seiner Trilogie ein unerhört spannendes und facettenreiches zeitgeschichtliches und kulturhistorisches Panorama zu entfalten, das immer wieder vor Augen führt, wie sehr sich die Vergangenheit auf die Gegenwart auswirkt. „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist noch nicht einmal vergangen“. Dieses Zitat von William Faulkner stellt Konrad Rippmann der „Schussfahrt“ voran. Ein Satz, der zweifellos auch für den dritten Band der Cric Crac Saga Gültigkeit haben wird.
Konrad K.L. Rippmann: „Trance“ (Cric Crac Saga 1) und “Schussfahrt“ (Cric Crac Saga 2)
Ashera Verlag
Belletristik
Weitere Informationen (Verlag)
Band 1(368 Seiten, ISBN 978-3-910587-19-9)
Band 2 (384 Seiten, ISBN 978-3-910587-23-6)

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