Literatur
Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Roman. Berlin: S. Fischer 1901, 2 Bde., 566 + 539 Seiten; Erstausgabe. © Foto H.-P. Haack. Lizenz: CC BY 3.0

Am 13. Oktober 1901, heute vor genau hundertfünfundzwanzig Jahren, erschien einer der großen Romane des 20. Jahrhunderts.

 

Die Zeiten des Glücks sind selten Gegenstand großer Literatur, sondern es sind die Untergänge, die kleinen und großen Katastrophen, von denen sich Dichter herausgefordert sehen.

 

So auch in den „Buddenbrooks“. Zwar wird in diesem Buch auch der Erfolg der neureichen Lübecker Kaufmannsfamilie Hagenström erzählt („dem kalbt der Ochse“, zeigt sich jemand neidisch), aber den Kern des großen Romans bildet dann doch der „Verfall einer Familie“, der „Buddenbrooks“. Ein Mittzwanziger, der zuvor nichts als einige gelungene Erzählungen veröffentlicht hatte, stellt diesen Niedergang auf eine ganz unfassbar überlegte und künstlerisch reife Weise dar. Noch heute, mehr als ein Jahrhundert später, berührt uns der Roman fast wie ein Werk der Gegenwartsliteratur. Die sozialen Verhältnisse? Heute ganz anders. Die Konflikte? Trotzdem dieselben. Ist das Buch gealtert? Kaum.

 

In den „Buddenbrooks“ wird der Untergang einer durch und durch bürgerlichen Familie dargestellt – ein Untergang aus eigenem Verschulden, nicht wie in den bürgerlichen Trauerspielen des 18. Jahrhunderts („Emilia Galotti“, „Kabale und Liebe“), weil die bürgerliche Kultur in der Zeit ihres Aufstiegs mit dem Adel kollidierte.

 

Ausgaben Buddenbrooks

Deutsche, englische udn französische Ausgabe.

 

Gute hundert Jahre vor Thomas Manns Debüt spielte der Untergang alter Adelsgeschlechter – viel älter als die Buddenbrooks – eine große Rolle in der erzählenden Literatur. Es waren die Französische Revolution und nach ihr die Napoleonischen Kriege, während denen alte und älteste Familien von der Bühne abtraten. Manchmal ging es nur in die zweite oder dritte Reihe, manchmal aber auch starben sie ganz aus, und dann kündeten Ruinen von ihrem Fort- und Untergang. Besonders in Erzählungen der deutschen Romantik gehören vom Unkraut überwucherte Burgen und in Trümmern liegende Schlösser zum festen Inventar, zum Beispiel in Joseph von Eichendorffs „Ahnung und Gegenwart“ (abgeschlossen 1812, veröffentlicht 1815) oder in Achim von Arnims „Die Kronenwächter“ (1817).

 

Ein weiteres Beispiel für den Untergang einer Familie bietet E.T.A. Hoffmanns Meistererzählung „Das Majorat“ (1817). Gefangen von in juristische Formulierungen gegossenen Standesdünkel, geht eine Familie ziemlich elend zugrunde. Was bleibt nach dem Tod des letzten, immer sehr einsamen Majoratsherrn? „Ich ging hinauf nach dem Schlosse, es lag in Ruinen zusammengestürzt.“ Ganz ähnlich geht es in den „Buddenbrooks“ zu. Allerdings hat der Streit zwischen den Brüdern Thomas und Christian nichts mit den Bestimmungen eines Majorates zu tun, sondern gründet in zwei sehr verschiedenen Temperamenten, die vom Autor in ebenso glaubwürdiger wie lebhafter Weise geschildert werden.

 

Ein Majorat (auch „Fideikommiß“) bedeutet, dass allein der älteste Sohn erbt und seine jüngeren Brüder deshalb leer ausgehen. Im gewaltigen „Universal-Lexicon“ (ab 1731 vom Leipziger Verleger Johann Heinrich Zedler herausgegeben und nach ihm nur der „Zedler“ genannt) lesen wir: „Überhaupt scheinet das Majorat eine gehäßige Sache zu seyn, […] weil ein Vater, wenn er mehr liebe Söhne hat, dieselben nicht gleich versorgen kann“. In Achim von Arnims „Die Majoratsherren“ (1820) heißt es zur Erläuterung: „in unseren hohen Familien ist es leider! wie bei den Katzen, ein Junges wird als erstgeborenes gut aufgefüttert, und alle jüngeren Geschwister werden ins Wasser geworfen.“ Die Familie soll überleben. Aber nicht unbedingt ihre Angehörigen, sondern nur ihr Name, denn es kommt nicht auf die einzelnen Mitglieder an. Alle außer dem Ältesten gehen zum Militär, weil sie ja nichts gelernt haben, und so wird der jüngere Bruder als „armer Leutnant“ zu einer stehenden Figur in der Literatur der Zeit. Das Majorat aber verwandelt sich – wie die Schlossruine – in der Zeit der Stein-Hardenbergschen Reformen in das Symbol einer untergehenden Epoche, denn es steht für einen Adelsstolz, der nur kurz zuvor noch auf die Ewigkeit zielte und schon jetzt in Trümmern liegt.

 

In den „Majoratsherren“ lautet deshalb der so gar nicht romantische letzte Satz: „es trat der Kredit an die Stelle des Lehnsrechts.“ In dem Artikel des „Zedler“ wird erläutert, dass ein Majorat, weil es die Verpfändung des Besitzes strikt verbot, auch viele der glücklichen Erstgeborenen in die Armut trieb. So erklärt sich der Schluss der Erzählung Arnims! Jede Kreditaufnahme war den Majoratsherren verboten, weshalb sie sich im Wandel der Zeiten nicht umorientieren oder anpassen konnten. Im Grunde sind die Gespenstergeschichten Hoffmanns, Arnims und anderer großer Dichter Erzählungen, die mit den Mitteln des Schauerromans ganz nüchtern die ökonomische und rechtliche Situation der Zeit reflektieren. Thomas Mann sollte es ihnen gleich tun – sein Roman beruht auf einer ähnlich überlegten Analyse der ökonomischen Situation. Die Buddenbrooks repräsentieren in Johann und seinem Sohn Thomas den soliden Kaufmann, die unsympathischen Hagenströms den Spekulanten und Hazardeur. Deren Protagonist ist „eine großstädtische Figur, ein imposanter Börsentypus.“ Thomas Buddenbrook dagegen versucht sich nur einmal an einer Spekulation und ist fast glücklich, als diese kläglich misslingt und er all sein Geld verliert.

 

Schon bald nach der Romantik sollte eine Schlossruine etwas ganz anderes als die Hybris des Adels symbolisieren, zum Beispiel 1836 in Karl Immermanns „Epigonen“. Dort wird der Stand des Adels als Ruine bezeichnet: „Ich muß immer lächeln“, sagt ein Bürgerlicher, „wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Würden sich brüsten sehe.“ In seinem ein wenig späteren Roman „Münchhausen“ (1838/39), einer Mischung aus realistischer Dorfgeschichte und scharfer Satire, gerät das baufällige Schloss des Titelhelden geradezu zum Symbol des Deutschen Reiches.

 

Warum beginnt ein Artikel, der den „Buddenbrooks“ huldigen will, mit Hinweisen auf Schlossruinen in Erzählungen der Goethezeit und der folgenden Jahrzehnte? Zunächst, weil das Haus der Buddenbrooks, als es auf sein Ende zugeht, in ähnlicher Weise als baufällig geschildert wird. „Hier gab es nichts als vernachlässigte Altersschwäche. Zwischen den Pflastersteinen des Hofes wucherte Gras und Moos, die Treppen des Hauses waren in vollem Verfall, und die freie Katzenfamilie im Billardsaale konnte man nur flüchtig beunruhigen, indem man die Tür öffnete, ohne einzutreten, denn der Fußboden war hier nicht sicher.“

 

Und noch dazu, weil auf den letzten Seiten des Romans Kai Graf von Mölln, der gute und einzige Freund von Hanno Buddenbrook – der der letzte männliche Buddenbrook sein wird – in der Schule unter dem Tisch eine Erzählung liest, die von eben dieser Literatur inspiriert ist. Es ist der „Untergang des Hauses Usher“ von Edgar Allan Poe (den zweiten Vornamen unterschlägt Thomas Mann), von dem sich der junge Graf auch im Unterricht nicht lösen kann. Er selbst ist Teil eines alten, sehr verarmten Geschlechts, und seine Erscheinung ist entsprechend: Seine Finger sind edel geformt, aber immer schmuddelig. Wir ahnen, dass er untergehen muss, auch wenn sein Fall nicht mehr Teil der Geschichte sein wird, die uns Thomas Mann erzählt. Kai ist nun fasziniert von Roderich Usher (der Vorname ist einer der Hinweise Poes auf „Das Majorat“ Hoffmanns) und hält ihn für „die wundervollste Figur, die je erfunden worden ist!“

 

Poes Erzählung stammt aus dem Jahr 1839, aber trotz der großen zeitlichen Nähe zu Hoffmanns „Majorat“ ist ihre Konzeption wesentlich moderner – gerade wegen ihrer größeren Einfachheit. E.T.A. Hoffmann erzählt eine ziemlich komplizierte Vorgeschichte zu dem Geschehen, an dessen Ende ein altes Schloss zusammenstürzt, wogegen Poe auf alle Ausschmückungen, Erklärungen und Umwege verzichtet. Dürfen wir seine Erzählung als Werk des Symbolismus avant la lettre ansehen? Unter Verzicht auf alle sachlichen Informationen schildert der Autor die grauenhafte Atmosphäre des Adelssitzes: eine Luft, „die emporgedunstet war aus den vermorschten Bäumen, dem Grau der Mauern und dem spiegelnd stummen Pfuhl, ein pesthafter, geheimnisvoller Dunst, ein Hauch nur, trüb, dumpf und bleiern grau.“ Wer hätte diese Schilderungen besser umsetzen können als Alfred Kubin? Seine Illustrationen zu den erzählerischen Werken Edgar Allan Poes sind bis heute zu Recht berühmt.

 

Das Haus Usher (die Familie wie das Gebäude) ist sehr alt – das eben ist es, was es dem Tod näherbringt. Besonders der Freund des Erzählers ist von einer Hypersensibilität geformt, die seine Lebenstüchtigkeit vernichtet und sich merkwürdigerweise in den Steinen des alten Hauses wiederfindet: „Bedingungen für solches Empfindungsvermögen waren hier […] erfüllt in der Methode der Übereinanderschichtung der Steine – in der Anordnung der Steine ebensosehr wie in dem sie überwuchernden Pilzgeflecht, ferner in den vermorschten Bäumen, die das Haus umgaben, und vor allem in dem nie gestörten, unveränderten Bestehen dieser Anordnung und in ihrer Verdoppelung in den stillen Wassern des Teichs.“ Das zum Scheitern führende „unveränderte Bestehen“ ist eines der großen Themen in den Erzählungen E.T.A. Hoffmanns und Edgar Allan Poes und dem Roman Thomas Manns.

 

KP Thomas Mann 1900Thomas Mann erzählt auktorial, auch wenn er nicht ganz der Prototyp des allwissenden Erzählers ist – vieles scheint er schließlich nicht zu wissen. Zum Beispiel bleibt uns das Innenleben Gerdas verschlossen. Dagegen ist die Perspektive, aus der das Schicksal des Hauses Usher erzählt wird, ganz und gar die einer einzelnen Person und damit subjektiv. Ihre persönliche Sicht ist für alles in dieser Erzählung ausschlaggebend: Wir sehen das Haus Usher, das am Ende eine Ruine sein wird, aber auch Roderich und seine todkranke Schwester, die wie ein Gespenst durch die gotischen Hallen schleicht, nur mit ihren Augen. Als der Erzähler hinunter auf den Teich blickt, der neben dem Haus steht, bemerkt er das „auf dem Kopf stehende Spiegelbild der grauen Binsen, der gespenstischen Baumstümpfe und der blinden, augengleichen Fenster“. Landschaft und Schloss spiegeln einander, und der Dichter beschreibt in dem einen das andere.

 

Besonders unheimlich ist die Ähnlichkeit (die Identität?) zwischen dem Haus und seinem letzten Bewohner. „Ein haarfeiner Mauerschwamm hatte die gesamte Außenhaut des Gebäudes überzogen und hing wie ein zartes Gespinst von den Dachtraufen.“ Mit seinem Teich blickt die verpestete Erde in einen grauen Himmel, und das Haus hat Augen wie ein Gesicht. Umgekehrt ist es fast, als habe Roderich, der bald sterben muss, das Wesen des Hauses angenommen: „Auch hatte er das seidige Haar ganz ungehemmt wuchern lassen“, so dass es „in wilden, seltsam zart gewebten Fäden sein Gesicht mehr umflutete denn umrahmte“. Er selbst scheint das Haus; er ist das Haus Usher. Nach seinem Tod bricht das düstere Gemäuer dann auch pünktlich zusammen.

„Eine übertriebene, geradezu krankhafte Vergeistigung“ bestimmt die Figuren aller hier angesprochenen Texte. Bei Poe drückt sie sich im Klavierspiel des letzten Usher aus – auch das verbindet die Erzählung mit dem Roman Thomas Manns, mit der ausschweifend geschilderten Liebe Hannos zur improvisierten Musik, die ja auch die Liebe Thomas Manns selbst gewesen ist. Und wie hätte in Hoffmanns „Majorat“ die Musik fehlen können? Hoffmann selbst war ja ein bedeutender Komponist, und natürlich spielt der Flügel, der erst in das Schloss geschafft werden muss, in dieser Erzählung eine Rolle. Dem Ich-Erzähler, der auf dem Pianoforte improvisieren wollte – zum Ärger des Schlossherrn –, kommt es wie Hoffmann selbst, dessen noch junges Alter Ego er ist, auf die Einfachheit, auf die Ungekünsteltheit der Musik an, darauf, dass „sie klar aus dem Innern“ hervorleuchtet. Aber ihre zarte Schönheit wird dort tatsächlich (und eben das wiederholt sich in den „Buddenbrooks“) in Verbindung gebracht mit dem Verfall der Familie. Dieses Motiv findet sich also sowohl bei Hoffmann als auch bei Poe und bei Thomas Mann.

 

Thomas Manns Roman gleicht in manchen seiner Aspekte weniger der Geschichte Poes als vielmehr den romantischen Erzählungen Hoffmanns und Arnims, die ja die ökonomischen und rechtlichen Aspekte in den Fokus rücken. Erzählt wird schließlich der Verfall einer Kaufmannsfamilie, und so heißt es bei der Schilderung des festlichen Essens gleich zu Beginn (aber noch in Bezug auf eine andere Familie!): „Traurig, dieses Sinken der Firma in den letzten zwanzig Jahren…“ Schon hier, auf den ersten Seiten, wird das Thema des Buches angeschlagen, und wenig später geht es um das Verhältnis von Brüdern, das eine so bedeutende Rolle in den Majoratsgeschichten (und natürlich im wirklichen Leben…) spielt: „diese böse Feindschaft mit meinem Bruder“, seufzt der Konsul. Auf den letzten hundert Seiten ist eines der wichtigsten Themen der Streit zwischen dem Familienoberhaupt Thomas und seinem jüngeren Bruder Christian, einem Filou und Hypochonder, der unter der Kürze seiner Nerven auf der rechten Seite leidet: „weil hier alle Nerven zu kurz sind. Sie sind ganz einfach zu kurz.“ Christian will oder kann sich nicht ein- und anpassen und findet ein trauriges Ende in der Psychiatrie.

 

Die „Buddenbrooks“ sind ganz gewiss kein Thesenroman und auch keine ökonomische Analyse. Was macht dieses Buch so überragend? Selbstverständlich schrieb der Autor ein wunderschönes Deutsch, und Norddeutsche lieben besonders die plattdeutschen Einschübe. Wie man so etwas macht, wie man mit und in lebendigen Dialogen und in ihren Bewegungen Figuren darstellt, das hatte Thomas Mann sich bei Fontane abgeschaut. Zweifellos aber besaß er auch einen ganz besonderen Blick, mit dem er den Charakter seiner Mitmenschen und die Stimmung einer Straße oder eines Hauses erfasste, und noch dazu ein reiches Vokabular, um sie uns vor Augen zu stellen. Wegen alldem sind Manns Beschreibungen des alten Lübeck, seiner winkeligen Gassen, des von Masten starrenden Hafens und der Treppengiebelhäuser, der Familienfeste und Besuche Travemündes oder Schwartaus atmosphärisch enorm dicht und wahrhaftig. Gustav Freytag mit seinen öden Aufzählungen, mit denen er uns in „Soll und Haben“ das Kaufmannsleben anschaulich machen will, hätte sich von diesem Roman zeigen lassen können, wie man lebendig schildert – nämlich mit Hilfe von Auslassungen, die der Phantasie Raum geben. Aber die wirkliche und entscheidende Kunst, uns etwas vor Augen zu stellen, zeigt sich in der Schilderung der Figuren. Wie gelungen diese sind, sehen wir ja nicht zuletzt daran, dass allen, die die „Buddenbrooks“ gelesen haben, Tony auch noch nach Jahren so vor Augen steht, als seien sie ihr wirklich begegnet.

 

Es ist merkwürdig, dass diesem Autor schon zu Beginn seiner Laufbahn als Schriftsteller seine schönste Frauenfigur gelang. Vielen scheint die kapriziös-liebenswerte Tony der eigentliche Kern des Romans zu sein, auch deshalb, weil sie in ihrem Leben den Untergang der Familie widerspiegelt. Nicht allein, dass ihre zart und diskret geschilderte Liebe zu einem Travemünder Kapitänssohn am Standesdünkel ihres Vaters und an den Vorurteilen der Zeit zerbricht – viel schlimmer noch ist es, dass sie mit dem furchtbaren Herrn Grünlich verheiratet wird, einem Betrüger, den der Vater, hätte er ihn denn durchschaut, verachtet hätte. Von der ersten Seite an, auf der sie als die „die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut“ erscheint, bis zum Schluss, als die „Damen Buddenbrook“ zusammensitzen und Tony in Tränen ausbricht – immer und überall ist sie präsent und wächst uns ans Herz. Nicht allein als Kind oder als hübsche junge Frau, sondern auch als großmütterliche Frau Permaneder ist sie uns lieb.

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