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In der Archäologischen Staatssammlung in München gehen Wissenschaftler, Kuratoren und Experten in einer Ausstellung dem Phänomen eines noch heute sichtbaren Steinkreises nach, der vor etwa 5000 Jahren von Menschen im Südwesten des heutigen Englands angelegt wurde: Stonehenge.

 

Das eindrucksvolle Bauwerk aus der Steinzeit wurde zu einem der bekanntesten Monumente der Welt und wird von Millionen Menschen besucht. Noch immer liegen – und das bereits seit gut neun Jahrhunderten – viele Fragen unbeantwortet im Boden und in der Luft: z.B. wer es erbaut hat, wie und warum.

Antworten darauf zu finden, ist alles andere als einfach: Es gibt keine schriftlichen Quellen, und die berühmten Menhire – senkrecht aufgerichtete Langsteine – schweigen.

 

Die Ausstellung im Untergeschoss der Archäologischen Staatsammlung widmet sich den Forschungen der letzten zwei Jahrzehnte, die einerseits zuweilen kühne neue Hypothesen hervorgebracht, andererseits aber auch eine Reihe von Geheimnissen um Stonehenge lüften konnten.

 

Neben den sichtbaren monumentalen Überbleibseln sind es vor allem jüngste archäologische Ausgrabungen und Entdeckungen, die teilweise Antworten auf folgende Fragen fanden:

 

Wie gewann und verlor der Ort an Bedeutung? Mit welchen Werkzeugen wurde gearbeitet? Welche handwerklichen Fähigkeiten gab es? Womit schmückten die Menschen sich? Wo und wie lebte man zusammen? Was stand auf dem Speiseplan? Wie mobil waren die Menschen jener Zeit?

Da sich längst die analytischen Methoden, mit denen Wissenschaftler arbeiten, verändert und weiterentwickelt haben, konnten nicht nur neue Ergebnisse und Forschungsstände erzielt werden, sondern sich auch das Verständnis verändern.

 

Gleich zu Beginn der Ausstellung, noch im dunkelgetäfelten Treppenhaus, ist ein Menhir aus Stonehenge im Originalgrößenverhältnis zu sehen. Über fünf Meter ragt er in die Höhe. Das Original wurde um 2.400 v. Chr. aufgestellt. Damals existierte der in der heutigen Grafschaft Wiltshire gelegene Kultort bereits seit knapp tausend Jahren.

 

Stonehenge 1 Steinmonolith F Claus Friede

Sarsen-Sandstein-Nachbildung. Modell am Treppenhaus. Fotos: Claus Friede

 

Geschätzte 200 Menschen benötigten mehrere Monate, um einen einzigen Stein über eine Distanz von 25 Kilometer bis nach Stonehenge zu transportieren – wahrscheinlich taten sie dies mithilfe von Schlitten auf Rundhölzern. Die größten Steine wiegen mindestens 28 Tonnen.

 

Betritt man den inszenierten Ausstellungsraum mit multimedialen Präsentationen – von Videoprojektionen, Leuchtwänden und Vitrinen über Modelle, Texttafeln, Screens und Nachbauten –, führt die Choreografie die Besucher durch die Zeiten und die neuen Erkenntnisse.

 

Stonehenge entstand in mehreren Phasen: Es begann vor 5000 Jahren mit einem Kreis zu Ehren der Toten. „Neolithische (jungsteinzeitliche) Bauern errichteten das erste Stonehenge am südlichen Ende eines natürlichen Geländezuges, der auf die Sonnenwenden ausgerichtet war. Bluestones wurden über Land oder See aus Westwales aus einer Entfernung von 240 Kilometern herantransportiert und aufrecht innerhalb eines kreisförmigen Grabens mit Erdwall, dem sogenannten Henge, aufgestellt. Einige wenige vor Ort abgebaute Sarsen-Sandsteine standen in diesem Kreise sowie außerhalb seines nordöstlichen Eingangs. Im Inneren verband ein Holzpfosten-Durchgang den südlichen Eingang mit dem Zentrum.

 

Die Menschen markierten hier nicht nur den Sonnenaufgang und -untergang zur Sonnenwende entlang des Höhenzugs, sondern stellten auch Pfosten auf, um die nördlichste Richtung des Mondaufgangs zu markieren, der so nur alle 18,6 Jahre beobachtet werden kann. Himmel und Erde wirkten hier wohl in perfekter Harmonie“, heißt es auf der Texttafel.

 

Die Kult-, Ritual- und Begräbnisstätte wurde mit einem Umfang von etwa 350 Metern angelegt; wohl brauchten mehr als 100 Menschen über zwei Wochen, um den umgebenden Graben auszuheben.

 

Menschen in ganz Britannien begruben ihre Toten in solchen kreisförmigen Anlagen, von denen einige auch aufrechtstehende Steine enthielten: Stonehenge ist eine von mehr als zehn solcher Stätten.

 

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Neue Analysen haben gezeigt, dass der Altar Stone – ein Stein im Zentrum des Monuments – aus Schottland stammt. Archäologische Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das neolithische Britannien weit stärker vernetzt und technologisch fortgeschrittener war, als frühere Forschungen vermutet hatten.

 

Seinen Namen erhielt der Altar Stone im Jahr 1620, da man annahm, er liege flach auf dem Boden. Entgegen der ursprünglichen Annahme, dass es sich um walisischen Sandstein handelt, belegen neueste Untersuchungen nun eine Herkunft aus dem hohen Norden Schottlands. Damit legte der Stein eine Strecke von über 700 km bis nach Stonehenge zurück.

Im Rahmen eines großen Bauprojekts vor etwa 4500 Jahren arbeiteten Tausende Menschen zusammen, um den Steinkreis zu errichten, dessen Überreste noch heute sichtbar sind.

 

Etwa 500 Jahre nach dem ersten Steinkreis wurde Stonehenge grundlegend umgestaltet. Das Monument erhielt dabei im Wesentlichen seine heutige Gestalt, geprägt von massiven Sarsensteinen. Die Menschen, die den zweiten Stonehenge errichteten, lebten in einer nordöstlich gelegenen Siedlung nahe Durrington Walls. Sie gilt als größte steinzeitliche Siedlung Nordeuropas. Im Zentrum befanden sich weitere Kreise – jedoch aus Holz statt aus Stein.

Zwischen 2020 und 2024 entdeckte ein internationales Forscherteam massive, bis zu 5 Meter tiefe und bis zu 10 Meter im Durchmesser große, präzise ausgehobene und 1000 Jahre später wieder zugeschüttete neolithische Schacht- und Grubenanlagen um das Henge Durrington Walls. Die Schächte wurden in regelmäßigen Abständen von 50 bis 60 Metern in einem konzentrischen Kreis angeordnet. Der Zweck ist bislang unklar.

 

Das beweist jedoch, dass nicht nur oberhalb der Erde und sichtbar Kreise aus Stein und Holz entstanden sind, sondern auch in die Tiefe gedacht wurde.

Die momentane, unbewiesene Vermutung ist, dass das Tiefenmonument mit einem Glauben an eine Art Unterwelt zu tun habe.

 

Die Vorstellungen und das Wissen haben sich durch die Entdeckung der etwa drei Kilometer entfernten Siedlung und der weiteren Kreise um Durrington Walls auch für Stonehenge grundlegend verändert. Die zahlreichen Häuser (geschätzte 1.000) könnten einst bis zu 4000 Menschen beherbergt haben, darunter vermutlich die Erbauer von Stonehenge sowie deren Familien, die nachweisbar aus verschiedenen Regionen Englands stammten. Die prähistorische Siedlung war als intensiv genutzter Wohnort jedoch lediglich ca. 50 Jahre lang dicht bewohnt. (Siedlungsexistenz ca. 2025–2470 v.Chr.)

 

Stonehenge 2 Ausstellungsansicht F Claus Friede

Ausstellungsansicht. Foto: Claus Friede

 

Neuere Forschungen legen nahe, dass Stonehenge vor allem ein heiliger Ort für die Toten war. Stein symbolisierte die Dauerhaftigkeit des Todes und die ewige Welt der Ahnen, während Holz als vergängliches Material für das flüchtige Leben stand.

 

Stonehenge war die Welt der Toten, Durrington Walls die der Lebenden. Der östlich fließende Fluss Avon verband diese beiden Welten über zeremoniell angelegte Wege, die auf Sonnenauf- und -untergänge sowie auf die Sonnenwenden ausgerichtet waren.

 

Zwar wurde Stonehenge in der Folgezeit weiterhin als Begräbnisstätte genutzt, allerdings für eine zunehmend kleinere Zahl von Menschen.

Das aus Stein errichtete Monument repräsentierte die Welt der Ahnen.

 

In seiner ersten Phase stand die Anlage für Einheit und Vereinigung auf kosmischer wie auch auf menschlicher Ebene. Mit der dramatischen Umgestaltung zu jenem Stonehenge, das wir heute noch sehen können, schufen die Erbauer noch monumentalere Zeichen, um diesen Ort als Zentrum von Erde und Himmel hervorzuheben.

 

Vor etwa 4200 Jahren hatte die Bronzezeit die Steinzeit abgelöst, und die Menschen hörten auf, monumentale Anlagen zu errichten. Stonehenge begann vor ungefähr 3500 Jahren seine Bedeutung zu verlieren. Einige seiner Steine wurden entfernt, und die Anlage verfiel zur Ruine.

Aber auch während der Bronzezeit war Stonehenge ein Ort, der besucht wurde, was Funde von Kupferäxten, Messern und Metallwerkzeugen belegen.

 

Wie europäisch verbunden die Menschen damals waren, wird während der sogenannten Glockenbecherkultur (Bell Beaker culture) deutlich. Nicht nur die bekannte Schnurkeramik, sondern auch das Aussehen und die Erscheinungsbilder der Grabanlagen sowie die Grabbeilagen sind vergleichbar.

 

Stonehenge 3 Grabbeilagen F Claus Friede

Schnurkeramik und Grabbeilagen aus Gold und Bernstein aus dem Wilshire Museum. Foto: Claus Friede

 

Besucht man Stonehenge, fällt auf, dass dem Steinkreis heute zahlreiche aufrechte Steine sowie Decksteine fehlen. Wahrscheinlich wurden sie in den vergangenen 1500 Jahren abgetragen, um Kirchen in Amesbury und Durrington zu errichten. Andere wurden beschädigt und zerbrachen beim Umstürzen.

 

Das auffälligste Merkmal der Anlage ist heute der äußere Kreis, in dem aufrecht stehende Sarsensteine einige erhaltene Decksteine tragen. Im Inneren befinden sich fünf große Trilithen, von denen heute nur noch drei aufrecht stehen. Die kleineren Bluestones befinden sich beiderseits der hufeisenförmigen Anordnung der Trilithen. Sie bilden außen einen Kreis und innen ein eigenes Hufeisen aus Bluestones. Außerhalb des Steinkreises liegt das sogenannte Henge mit Wall und Graben. Der Slaughter Stone sowie zwei erhaltene Station Stones befinden sich innerhalb des Henge. Jenseits von Wall und Graben und außerhalb des nordöstlichen Eingangs des Henge steht der Heel Stone.

 

Die Besucherschau, die in Kooperation mit vielen Partnern und Museen entwickelt wurde, blickt über den Tellerrand von Stonehenge hinaus und beleuchtet zudem weitere Monumentalbauten in der Ebene von Salisbury. Die Landschaft ist voller beeindruckender Orte, von denen einige rund 1000 Jahre älter sind als Stonehenge. Vor etwa 5700 Jahren errichteten die Menschen bereits hier Grabenwerke, sogenannte Causewayed Enclosures, in denen sie Feste feierten, Waren tauschten und Bündnisse schmiedeten. Ihre Toten bestatteten sie in langgestreckten Hügelgräber, die bis heute in der Landschaft sichtbar sind.

 

Längst ist nicht alles geklärt und voraussichtlich bedarf es noch weiterer Generationen, um die offenen Forschungsfragen zu Stonehenge zu beantworten. Ein Restgeheimnis darf – ja, muss – bleiben, um dem Ort auch zukünftig das Mystische nie nehmen zu können.

 

Stonehenge ist zu einem Symbol geworden, das bis heute eine Geschichte von Kultur, Erkenntnis und Wandel erzählt.


Stonehenge. Uralte Geheimnisse, neue Entdeckungen

Zu sehen bis zum 29. August 2027 in der Archäologischen Staatssammlung, Lerchenfeldstraße 2, 80538 München.

Öffnungszeiten: Di.–Sa. 10–17 Uhr, So. 10–19 Uhr, Mo. geschlossen

Weitere Informationen (Archäologische Staatssammlung)

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