Die Übersiedlung von Buenos Aires nach Österreich war für Martín Iaies eine Transformation hin zu einer neuen musikalischen Ausrichtung.
Sein Album ist geprägt vom europäischen Jazz und von Elementen argentinischer Folklore, in dem Song und orchestrales Schreiben ständig nebeneinander existieren und sich gegenseitig neu definieren.
Manche Alben fungieren als ästhetische Statements. Anders als die Dokumentation eines bestimmten Moments im Leben eines Künstlers. Und einige wenige als Porträt einer Transformation. In „PEOPLE. PLACES.“ scheinen all diese Ebenen gleichzeitig nebeneinander zu existieren.
Das neue Werk des argentinischen Gitarristen und Komponisten Martín Iaies entstand aus einem Veränderungsprozess, der vor mehreren Jahren begann, als er 2019 von Buenos Aires nach Österreich übersiedelte. Was zunächst wie eine geografische Verlagerung wirkte, entwickelte sich zugleich zu einer künstlerischen Neuorientierung. Das Ergebnis dieser Transformation durchzieht das gesamte Album.
„Als ich 2019 nach Österreich kam, fühlte ich mich wie ein Gitarrist, der komponiert. Heute, sieben Jahre später, sehe ich mich viel mehr als einen Komponisten, der sich über die Gitarre ausdrückt“, erklärt Iaies.
Das 11-köpfige Ensemble erscheint dabei nicht als Nebenprojekt seiner bisherigen Arbeiten, sondern als natürliche Erweiterung derselben künstlerischen Suche: eine elastische und orchestrale Version einer musikalischen Sprache, die bereits auf seinen Quartettalben „Rewind & FF“ (El Club del Disco, ARG, 2018) und „New Beginnings“ (Ears and Eyes Records, USA, 2023) angelegt war. Besonders deutlich wird diese Idee in „Graz“, dem Eröffnungsstück des Albums.
„Das Album mit ‚Graz‘ zu eröffnen, hat für mich eine doppelte Bedeutung. Einerseits ist es die Stadt, in der dieses Projekt begann, Gestalt anzunehmen und sich zu entwickeln. Andererseits beginnt das Arrangement als Trio und entwickelt sich langsam bis zu einem der Höhepunkte des Albums. Genau dieser Weg entspricht auch der Entwicklung meiner Art zu komponieren.“
Diese Elastizität gilt auch in umgekehrter Richtung. Einige ursprünglich für das Ensemble geschriebene Stücke wie „Canción de Cuna para Simón“ oder „Cyclical Loss of Hope“ entwickelten sich später zu deutlich kleineren Formaten, während ursprünglich für Quartett gedachte Kompositionen hier eine völlig neue Dimension erhielten. Mehr als eine feste Formation funktioniert das Ensemble wie ein flexibler Organismus, der dasselbe musikalische Universum erweitern oder verdichten kann, ohne dabei seine Identität zu verlieren.
In „PEOPLE. PLACES.“ erscheint der orchestrale Aspekt niemals als Geste von Größe oder Monumentalität. Selbst in seinen expansivsten Momenten bewahrt das Album stets eine zutiefst intime Beziehung zur Melodie und zur Idee des Songs. Die Kompositionen gehen von einfachen und nahbaren Materialien aus, die sich nach und nach zu offeneren Strukturen erweitern, in denen Improvisation, orchestrales Schreiben und eine Klangsuche zusammenkommen, die sowohl vom zeitgenössischen europäischen Jazz als auch von Elementen argentinischer Folklore geprägt ist –etwa in „Zamba del Chaguanco“.
Doch anders als bei vielen großen Ensembles scheint der Klang der Gruppe nicht ausschließlich aus der Handschrift ihres Leiters zu entstehen, sondern ebenso aus dem ständigen Dialog markanter musikalischer Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Hintergründen und Laufbahnen. In diesem Zusammenhang erscheint auch die Beteiligung des deutschen Saxophonisten und Klarinettisten Klaus Gesing, einer der prägendsten Stimmen des zeitgenössischen europäischen Jazz und langjährigen Weggefährten von Künstlern wie Norma Winstone, Anouar Brahem, Kenny Wheeler oder Wolfgang Muthspiel.
„Klaus einzuladen erschien mir anfangs fast surreal“, gibt Iaies zu. „Er war jemand, den ich seit Jahren auf einigen meiner Lieblingsalben hörte. Umso dankbarer bin ich, dass ich mich getraut habe zu fragen: „Seine Musikalität wurde zu einem zentralen Bestandteil der klanglichen Identität des Albums und hob das kollektive Niveau des Ensembles deutlich an.“
Mehr als ein Zielpunkt wirkt „PEOPLE. PLACES.“ wie die sensible Dokumentation eines Prozesses, der noch immer in Bewegung ist. Ein Album, in dem Expansion und Intimität, Migration und Zugehörigkeit, Song und orchestrales Schreiben ständig nebeneinander existieren und sich gegenseitig neu definieren. Vielleicht klingt es deshalb nie wirklich wie ein Album über Distanz, sondern vielmehr wie ein Album über die Verbindungen, die entstehen, während man sie überwindet.
Martín Iaies: PEOPLE. PLACES.
Martín Iaies: electric guitar | Alana MacPherson | Tobias Hoffmann | Milos Kostár | Anna Gollien: woodwinds | Žan Cesar | Jordi Roviró: trumpet | Matthias Bernsteiner: trombone | Thomas Quendler: piano | Maximilian Kreuzer: double bass | Andreas Reisenhofer: drums | Ariel VeiI Atanasovski: cello
Special Guest: Klaus Gesing: soprano saxophone & bass clarinet
Challenge Records | Vertrieb: Bertus Distribution
CD, digital
EAN: 0608917363128
Weitere Informationen (Martin Iaie)
Tracklisting:
1 Graz - 7:39
2 Delfina's Way - 7:03
3 Zamba del Chaguanco - 8:40
4 18/5 - 8:07
5 El Donny - 6:13
6 In an Unknown Mood - 8:54
7 Canción de Cuna para Simón - 3:42
8 Bonus track: Cyclical Loss of Hope - 5:05
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