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Sei fröhlich! Diese Aufforderung ist in diesen Zeiten mehr als notwendig. Die 1998 in Frankreich gegründete und seit zwanzig Jahren in Sankt Petersburg ansässige Klezmer- und Folkgruppe „Dobranotch“ (Добраночь) verbreitet mit dem neuen Album „Zay Freyleikh!“ viel positives und lebenslustiges Timbre.

Der jiddische Begriff „freyleikh“ heißt nicht nur fröhlich, sondern ist gleichzeitig auch der Name eines ausgelassenen Tanzes, der insbesondere auf Hochzeiten gespielt wird. Ein Tag der Fröhlichkeit, ein Anlass des Feierns, ein Leben in guten wie in schlechten Zeiten und darüber hinaus.

 

Dobranotch Zay Freyleikh COVERNach einem kurzen Intro in russischer Sprache fädeln sich 13 Stücke aneinander, viele davon sind über einhundert Jahre alt und damit ein historisches Abbild des Lebens von Juden in der Sowjetunion und Russlands. Das macht sich an Titeln, Themen und Inhalten sowie der musikalischen Klangwelt fest.

 

Neben dem Hochzeitstanz sind Stücke aufgenommen, die jüdische Feste fokussieren wie bei „Drey Dreydl“. Während des jüdischen Lichterfests „Chanukka“ (dt.: Weihung), das nach dem jüdischen Kalender von Ende November bis Ende Dezember stattfinden kann und an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem erinnert, gibt es den beliebten Brauch einen Kreisel (Dreydl) zu drehen. Auf dessen vier Seiten steht jeweils ein hebräischer Buchstabe. Die Schriftzeichen stehen außerhalb Israels für die Initialen des hebräischen Satzes „Nes Gadol Haja Scham“ (dt.: Ein großes Wunder geschah dort). In Israel stehen auf den Dreideln die vier Initialen für: „Nes Gadol Haja Po“ (dt.: Ein großes Wunder geschah hier). Je nachdem welches Schriftzeichen am Ende der Rotation nach oben zeigt, gewinnt man etwas oder auch nicht. Das seit dem 16. Jahrhundert beliebte Kinderspiel hielt seither bei mittel- und osteuropäischen jüdischen Familien zu Chanukka Einzug.

 

Aus der Feder des Kantors Moishe Oysher (1906-1958) entstand das auf der CD zu hörende neue Arrangement „Drey Dreydl“. Oysher stammte aus Moldawien zog aber bereits im Kindesalter mit seinen Eltern nach Kanada und in die USA wo er sich als Komponist verdingte und in einigen Streifen der „Yiddish Films“ mitwirkte.

 

Zu seinen Kompositionen zählten auch „Doinas“, jenen ursprünglich aus der rumänischen Folkloretradition stammenden improvisierten Stücke, die später in ganz Südosteuropa zu finden waren. Die „Doina“ auf dem Album „Zay Freyleikh!“ stammt vom bessarabisch-jiddischen Dichter und Komponisten Zelig Bardichever (vor 1900-1937).

 

Emil Kroitor (*1947) gilt in der Klezmer-Szene als einer der letzten authentischen, wahren, osteuropäisch-jüdischen Klezmer. Wie Oysher stammt auch er aus Moldawien, lernte von jüdischen sowie Roma- und Sinti-Musikern das Akkordeon-Spiel, sang jiddische und jüdisch-hebräische Lieder, die er von seinem Vater lernte und kreierte eine eigene musikalische Welt. Kroitor lebt heute in Israel.

Auf „Zay Freyleikh!“ findet sich seine Komposition „Strannik“ (dt.: „Wanderer“, religiöser Pilger). Auf einer typischen, von der Klarinette geführten Liedmelodie sitzt eine lyrische, teils melancholische Erzählung über einen Rebben (Rabbiner) der von Schtetl (dt.: „Städtlein“) zu Schtetl zieht.

 

„Birobidzhan“ ist der Name einer Region in Ostsibirien und deren Hauptstadt, die 1931 nach einem Masterplan des Schweizer Architekten und Dessauer Bauhaus-Direktors Hannes Meyer (1889-1954) entstand und zunächst ausschließlich für die jüdische Bevölkerung der Sowjetunion geplant wurde. Im seit 1934 autonomen Oblast wurde Jiddisch zur Amtssprache. 1936 kam der anderthalb-stündige Propagandafilm „Искатели счастья“ (dt.: „Sucher des Glücks“, R: W. Korsch-Sablin, UdSSR, 1936) in die Kinos, indem für die An- und Umsiedlung der jüdischen Bevölkerung geworben wird. Gelockt wird darin nicht nur ideell mit einer unabhängigen Region für Juden mit (natürlich eingeschränkter) Autonomie und (vermeintlicher) Transkulturalität, sondern auch materiell mit Goldfunden, Pelzen und reichen Ernten sowie erfolgreicher Tierzucht auf den Kolchosen.

Das noch bis 1858 zum chinesischen Kaiserreich gehörige Gebiet wurde ab 1915 urbargemacht.

Jüdisches Leben, jüdische Festtage, jüdische Symbole tauchen im Film an keiner Stelle auf, dafür eine Reihe von Stereotypen. Der Film ist jedoch durchdrungen von jiddischem und osteuropäischem Klang – auch mit einem temperamentvollen Musikstück, das mit dem Namen der Region betitelt ist: „Birobidzhan“. Im Nachlass des Großvaters eines der Bandmitglieder fand sich eine alte Single, auf der das Titelstück zu hören ist – eine Inspiration und Quelle für eine Neuinterpretation. Gleichzeitig ist dieses Stück aber auch eine Erinnerung an die Region, Stadt und an ein einstiges Versprechen. Oblast und Stadt gibt es heute noch, jedoch leben kaum noch Juden dort.

 

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Zweisprachiges Ortseingangsschild (russisch und jiddisch) in Birobidschan, Jüdisches Autonomes Verwaltungsgebiet; Föderationskreis Ferner Osten, Russland. Foto: Alex/Lifesafe.ru

 

„Seni Severim“ (dt.: „Ich mag Dich“ [platonische Liebe]), ist eine sephardische Version des gleichnamigen türkischen Volkslieds, das es bereits als ähnliche Interpretation von der in London ansässigen „Trans-Siberian March Band“ gibt. Marina Suloeva ist mit ihrer orientalisch angehauchten und dunklen Stimme als Gastsängerin zu hören.

 

Beim traditionellen Klezmer „Vu Bistu Geven“ (dt.: „Wo bist Du gewesen?“) sprudelt sofort der Name eines begnadeten Klarinettisten an die Oberfläche: Naftule Brandwein (1889-1963). Seine im Jahr 1911 erste jemals eingespielte Version dieses Stücks setzt bis heute Maßstäbe. Dieser lebensfrohe und schnell-rhythmische Klezmer ist ein Frage- und Antwortspiel, an dessen Ende jeder Strophe es heißt: „Mame, s'iz gevezn a mekhaye!" (dt.: Mama, es war so eine große Freude!“). Akkordeon, Klarinette und Geige sind die führenden Instrumente.

 

„In Droysn Geyt A Regn“ (dt.: Draußen regnet es“) war ursprünglich ein antizaristisches, zwei-strophiges Lied. In ihm wurde der russische Zar als Ganove bezeichnet. Eine zweite Variante eines ähnlichen Strophentextes verzichtet auf das Wort „Fonye (ganev)“ im Refrain, mit dem verklausuliert der Zar –, als vielmehr hier jeder Russe gemeint war. Die Version auf diesem Album handelt textlich von einem Dieb, dem jeder Knochen im Körper schmerzt, weil er frierend seit Jahren im Gefängnis sitzt, während er dem Schneetreiben draußen zusieht. Dieses kurze traurige Lied wird von einer typischen Klezmer-Melodie umschlossen, die sich wiederholt.

 

Weitere Tänze und instrumentale Klezmer-Stücke wie „Babushka“, „Tsevechte Pomidorn“ u.a. ergänzen die Reise in die jiddische Welt des Ostens. Das im lettischen Riga aufgenommene Album macht nicht nur gute Laune, sondern zeigt, dass die jiddische Sprache und Kultur ein lebender Organismus sind.


Dobranotch: Zay Freyleikh!

Mitia Khramtsow (voc/fiddle) | Ilia Gindin (cl/sax) | Grigori Spiridonow (tr/voc) | Max Karpischew (sax) | Alexeji Spepanov (tu) | Jewgeni Lizin (dr) | Ilia Schenejvejs (acc)

Gäste: Marina Suloewa (voc) | Osama Shakhin (darbuka) | Roman Shinder (ba/e-gt)

CD

CPL-Music / Broken Silence

EAN: 4251329500344

VÖ: 11.Februar 2022


Weitere Informationen (CPL-Music)

Weitere Informationen (Homepage Doranotch (rus./engl.)

 

Link zur Originalfassung des Films „Sucher des Glücks“, R: W. Korsch-Sablin, UdSSR, 1936

YouTube-Videos von Dobranotch

 

Tourdaten 2022:

- Grin Festival Roveredo/Schweiz: 2.7.2022

- Klosterkonzerte Maulbronn: 9.7.2022

- Ufa Fabrik Berlin: 5.11.2022

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