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VKKO: Basic Soul Encoder

Das Debüt-Album von VKKO, dem Verworner-Krause-Kammerorchester, verweigert sich jedweder kategorischen Schublade – wie wohltuend gut! Nicht weil die inhaltlichen Komponenten zu groß wären oder gar zu sperrig, sondern weil „Basic Soul Encoder“ ein zuhause zwischen recht unterschiedlichen Genres gefunden hat.
Sperrig oder technisch klingt lediglich der Name des Albums – und die möglichen deutschen Übersetzungen: Grundlegende Kodierung der Soul-Musik. Oder geht es um ein Gerät für digitale Programmiersprache mit Seele? Auch hier ein nicht definitorisches Etwas – und keine Schublade.

Die beiden in München ausgebildeten Komponisten Claas Krause, der auch für „live electonics“ während der Produktion zuständig ist und Christopher Verworner haben sich stilistisch in jene Räume zwischen Neuer Musik, Techno und Jazz begeben, die noch nicht vollständig besetzt und ausgereizt sind. Sie füllen diese auf eine überzeugende Art und Weise, ohne sie zu strapazieren. Die Intelligenz in diesem Album liegt in der verbindenden Präzision und klanglich-orchestralen Architektur und Bestimmtheit. Streicher, Schlagwerk, Holz- und und Blechbläser bauen quasi die Wände, stimmlicher Gesang, Synthesizer und elektronischer Sound möblieren und erproben sich innerhalb dessen. Kaum Andeutungen, vielmehr feste Strukturen machen Kompositionen und Klang aus.
So ganz weit weg vom Andromeda Mega Express Orchestra, der New Berlin Music mit einer kleinen Prise „Stil vor Talent"- und „Ostgut Ton"-Sound, ist man hier nicht entfernt.

altÄngstlich ist keiner der Protagonisten dieses Albums – es besteht auch gar keine Notwendigkeit dafür, denn die Kombinationen der unterschiedlichen Stilrichtungen: Klassik, Electonica, Jazz, Fusion und House, um nur einige zu nennen, ist so genau auf einander abgestimmt, dass der Hörer weit weg ist von der Vermutung, es könne sich um etwas nicht vereinbares oder verbindbares handeln.
Die Nummer eins auf der Scheibe mit dem Albumtitel und der Ergänzung römisch zwei beginnt unspektakulär und kreiert erst nach und nach seine Höhepunkte und Spannungsbögen, und das alles tanzbar. Unvermutet, was da auf den Hörer zuströmt. Sprechgesang und Gesang als rhythmische Ergänzung im Takt der Metropole Berlin. Es geht inhaltlich um urbanes Lebensgefühl, lyrische Fantasien und die Realtitäten die jeden einzelnen einholen. Melodien, Beats, Dramaturgie und Texte gehen ein sehr enges Verhältnis miteinander ein.
Auch in den chaotisch scheinenden Takten im dritten Stück „November 1991“ liegt eine durchdachte kompositorische Ergänzung vor: die Erinnerungsmomente an Instrumenten-Stimmen weckt, jedoch ohne die Festlegung, den Kammerton finden zu müssen.

Die englisch-sprachigen Texte, die jazzigen Frauenstimmen von Olga Dudkowa und vor allem Hannah Weiss sind die Brücke – raus aus dem Konzertsaal, hinein in die Nacht und in eine Bar oder einen Club. Rasant, schnell virtuos – klassische melodische Läufe wechseln mit Techno-Beats, manches wirkt ein wenig dramatisch gehetzt, ist aber auch der politischen Brisanz von Text und Ton geschuldet. Da tauchen Verbindungslinien, Kommentare und Zitate zum liberalen amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukayama oder der australischen Filmregisseurin und Drehbuchautorin Jennifer Kent auf, deren Horrorthriller „The Badadook“ Ausgangspunkt eines gleichnamigen Posaunenkonzerts wird. Das filmmusikalische Temperament und die spannungsgeladenen musikalischen Charaktere sind in diesem sechsten und letzten Stück der CD unüberhörbar. Auf dem gesamten Album beziehen die Künstler auch eine klare Position mit gesellschaftlicher Haltung ein, lassen sich inspirieren von digitalen Möglichkeiten, nutzen den großen Fundus und bilden Gegenbilder zur (analogen) Welt ab.
Der Computer übernimmt bei einer ganzen Reihe von Stücken die Kontrolle und es ist so manches Mal schwer festzustellen, ob es sich um das Original-Instrument oder dessen synthetisch-digitale Simulation handelt. All das geht allerdings nicht ohne die Sehnsucht zum Authentischen – zumindest zwischen den (Noten)-Zeilen. Historisches Bewusstsein scheint hier auch einen Wert zu haben: kleine Reminiszenzen an die Impressionisten Debussy und Ravel sind in „Prinzenghetto“ zu finden. Alle Instrumente folgen zunächst synchron einer Melodie, um sich etwas später wieder zu entzweien, zu lösen und schließlich wieder zum Gemeinsamen zurückkehren. Improvisation ist ebenso Versatzstück wie strenge kompositorische Abfolge.

Die Signale jedenfalls kommen jedenfalls an und wir können den Basic Soul Encoder in uns hin und her wandeln.


VKKO (Verworner-Krause-Kammerorchester): Basic Soul Encoder
VKKO: Franziska Döpper – flute, Manuel Mittelbach – oboe, Leonhard Kohler – bassoon, Michael Reifer – horn, Roman Sladek – trombone, Bettina Meier – clarinet, Felix Key Weber - violin I, Gustavo Strauss - violin II, Hugo Chenuet – viola, Jakob Roters – cello, Maximilian Hirning - double bass, Tobias Jackl – piano, Marco Dufner – drums, Claas Krause - live electronics, Leonhard Kuhn – guitar, Carina Madsius – synthesizer, Linda-Philomène Tsungui – percussion
Label: Neuklang Future (Bauer Studios)
NCD4148

Hörprobe

YouTube-Videos:
VKKO - Live At Harry Klein / Album Teaser
VKKO Kurzfilm „Basic Soul Encoder"


Abbildungsnachweis:
Header: VKKO Foto: Oliver Mohr
CD-Cover

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