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Empfohlen: Das Wende-Bilderbuch

Kinderbücher, Bilderbücher schmeicheln sich normalerweise über die Emotion ein. Irgendwelche knuffeligen Figürchen erleben irgendwelche drolligen Sachen, der kleine Leser (oder der kleine Vorgelesen-Krieger) können die Hauptpersonen gewissermaßen knuddeln wie ein Stoffhäschen und behalten sie oft ein Leben lang im Herzen.
Bücher dieser Art verfasste Harriet Grundmann auch schon: Herr König, der Pinguin auf Glück-Suche oder der liebenswerte verkleidete Wolf aus ‚Das fünfte Schaf’ sind solche Typen. Nun aber hat sie, passend zum 20jährigen Jubiläum des Mauerfalls, mal ein politisches Buch geschrieben.
Ja, ein politisches Kinderbuch. Doch, für Kinder ab sechs Jahre.

Die Idee dazu stammte von Susanne Vogt, einer Grundschullehrerin, der auffiel, wie (einerseits) verständnislos und (andererseits) interessiert die meisten Kinder der ehemaligen Existenz zweier Deutschlands gegenüberstehen.
Susanne Vogt schrieb denn auch die kurzen eingefügten Sachtexte die, schlicht und sehr verständlich, über die geschichtlichen Hintergründe aufklären, etwa über den Zweiten Weltkrieg, die Zonen der Besatzungsmächte oder die Planwirtschaft.

Das Wende-Bilderbuch erzählt die Geschichte von Anni und Janosch, die als Kinder, beide im Osten Berlins lebend, gute Freunde sind. Doch dann fliehen Janoschs Eltern, die sich unter der DDR-Regierung eingeengt fühlen, mit ihren Sohn in den Westen der Stadt. Bald darauf wird die Mauer gebaut. Anni im Osten und Janosch in der Bundesrepublik denken noch aneinander, aber sie wissen nicht mehr, wie es dem Anderen geht.

Ein hübscher Aspekt des Wende-Bilderbuchs ist, dass man es wenden kann, (endlich hat diese uralte Idee mal wirklich Sinn!), von vorn nach hinten ebenso wie von hinten nach vorn lesen und angucken.
Die eine Seite zeigt Janoschs Leben im Westen, sehr freiheitlich und mit tausend Möglichkeiten, aber auch mit Neid auf die, denen es noch besser geht.
Die andere Seite schildert Annis Schicksal im Osten, die selten lernen, arbeiten, kaufen oder alles sagen kann, was sie gern möchte, die jedoch dafür viel Zusammenhalt mit Freunden und Verwandten erlebt – und genügend Hortplätze für alle Kinder!
Das ist unterhaltsam und kindgerecht vermittelt. Es fragt sich, ob jeder Erwachsene die verschiedenen Fakten der Deutschen Teilung so parat hätte.

In der Mitte des Buches, im Freudenstrudel von Mauerfall und Wiedervereinigung, finden Anni und Janosch sich, zwischen vielen glücklichen, sich umarmenden Menschen, wieder. Eine sehr raffinierte Art, ein Buch ohne Ende zu schreiben.

Illustriert ist das Wende-Bilderbuch von Lars Baus, klar, redlich und ohne Verniedlichung, Experten der Stiftung ‚Berliner Mauer’ haben überprüft, ob alles seine Richtigkeit hat.

Mir gefällt besonders, dass der Vor- und Nachsatz mit kleinen bunten Klischees der Ossis und Wessis gesprenkelt ist. Da sehen wir die sprichwörtliche Banane, nach der man im Osten so geschmachtet hat und hier wieder die berühmten Spreewaldgurken, die Ost-Ampelmännchen stehen den West-Ampelmännchen gegenüber wie die Coke der Club-Cola, die Barbie den russischen Puppen-in-der-Puppe, der Trabi dem VW und das West-Sandmännchen dem Kollegen von drüben. Daraus ergibt sich wunderbarer Gesprächsstoff zwischen Eltern und Kindern. Schon deshalb: ein empfehlenswertes Buch!

Das Wendebilderbuch

Die Geschichte von Janosch aus West-Berlin / Die Geschichte von Anni aus Ost-Berlin

von Harriet Grundmann, Susanne Vogt / Lars Baus

Coppenrath Verlag


Abbildungsnachweis:
Buchumschlag

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