Follow Book
Links: Santi di Tito: Niccolò Machiavelli, Porträtdetail zwischen 1550 und 1600. Rechts: Detail des Buchumschlags

„Der Fürst“: Das ist einerseits der Titel des berühmten Buches von Niccolò Machiavelli, andererseits scheint es eine Figur zu sein, die in diesen Tagen mehr denn je die internationale Politik dominiert.

 

Lassen sich diktatorisch regierende, obwohl vielleicht sogar demokratisch gewählte Präsidenten unserer Zeit wirklich als Fürsten bezeichnen?

Sind sie anzusehen wie die (Kleinstadt-) Tyrannen der Renaissance, deren Lebenszeit Machiavelli teilte und für die und über die er seinen Ratgeber geschrieben hat, oder haben sich Figur und Moral des ersten im Staate so weit geändert, dass sich Tyrannen wie Lorenzo der Prächtige („il Magnifico“) und andere Gestalten der frühen Neuzeit mit den Führern unserer Gegenwart überhaupt nicht mehr vergleichen lassen? Können wir also auch heute noch etwas von dem berühmten Büchlein von 1513 (aber erst 1532 posthum veröffentlicht!) lernen?

 

Sloterdijk kann sehr gut formulieren – flüssig, manchmal sogar elegant, gerne mit zahlreichen, noch lieber mit seltenen Fremdwörtern oder merkwürdigen Komposita gewürzt –, natürlich ist er in verschiedenen alten und neuen Sprachen sensationell belesen, denn er kennt Autoren, deren Leben und Werk sich zwar dank Wikipedia recherchieren lässt, aber den wenigsten geläufig ist, und schließlich erfreut er uns Leser mit sarkastischen Bemerkungen, deren Witz immer wieder von ihren Anachronismen lebt. Wie schreibt er über die Vertreibung unserer Ur-Eltern aus dem Paradies? „Eva und Adam standen mit einem Mal als bestrafte Verlierer vor dem Gartentor, das hinter ihnen ins Schloß fiel – bestraft für nichts anderes als ihre a priori bekannte Anarchie“. (Ob auch „a priori bekannt“ ein Witz sein soll oder doch nur Blödsinn ist – wer weiß das schon? Und ihre, unserer Ur-Eltern, Anarchie? Von der habe ich ja noch nie gehört!)

 

Wer sonst als dieser gewitzte Autor käme auf den Gedanken, im Zusammenhang mit dem Ablasshandel von „päpstlichem crowd funding“ zu sprechen? Solche Respektlosigkeiten erfreuen uns Leser, die wir von diesem Autor Gelehrsamkeit, aber nicht solche der trockenen Spielart erwarten. Sein Buch ist sehr anregend, weil es eben kein trockenes Traktat ist und kein Lehrbuch, sondern ein anspielungsreicher, gelegentlich funkelnder Text – ein Essay, wenn wir darunter einen Versuch verstehen, der uns nicht mit Gewissheiten zudröhnt, sondern Fragen stellt.

 

Machiavellis berühmtes Buch liest Sloterdijk im ersten von vier Kapiteln als den „vagen Steckbrief“ oder gar als „Fahndungsbild“ des Fürsten, mit dem sich der Renaissance-Autor als den illusionslosen Lehrer aller Nachwuchstyrannen darstelle. Das schmale Werk ist die Schrift eines Atheisten, der aus der Position eines ganz und gar amoralischen Menschen Ratschläge erteilt, wie sich dazu berufen fühlende Männer zum Herrn eines Kleinstadtuniversums aufschwingen und sodann auf ihrem Thron halten können. Machiavelli schrieb sein Buch zu einer Zeit, als sich die Florentiner noch eines Savonarola erinnern konnten, des asketischen Propheten und (nach Jacob Burckhardt) heiligen Mönchs, der italienischen Spielart Calvins und vielleicht sogar Vorgängers von Robespierre, denn er forderte nicht nur eine Rückkehr zu einem sittlichen Leben, sondern verbrannte auch Bilder und hielt, während er noch Schlimmeres tun ließ, Florenz einige Jahre in seinem Griff.

 

Savonarola predigt

Links: Girolamo Savonarola, Compendium revelationum (detail), Florenz 1495, S. 1; rechts: Porträt von Savonarola, um 1498, von Fra Bartolomeo, Öl auf Holz, Museo Nazionale di San Marco. Gemeinfrei

 

Im zweiten Kapitel nennt Sloterdijk das gesellschaftliche Leben des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit mit ihren krassen Überhöhungen der Herrschenden eine „Verwilderung der Vertikalität“ (Wäre Savonarolas Herrschaft also die „Verwilderung der Horizontalität“?) und vergisst selbstverständlich nicht zu zeigen, dass die Auszeichnung einiger als Fürsten hoch über allen anderen eigentlich nichts Neues war, aber doch ganz anders und keinesfalls sakral begründet wurde, wie es zuvor im Mittelalter gewesen war. Immer wieder verweist dieser wirklich gründlich gelehrte Geist auf entsprechende Literatur, in diesem Fall auf „Die zwei Körper des Königs“ von Ernst Kantorowicz, ein epochales Werk, das die theologische Legitimation einer Monarchie im Mittelalter rekonstruierte.

 

Aber: Ist „Verwilderung“ ein passender Ausdruck? Meint diese Vokabel laut dem „Deutschen Wörterbuch“ zufolge nicht zunächst und vor allem eine Rückkehr zur Natur und sonst gar nichts? Nein, dieser Ausdruck ist unglücklich gewählt und entsprechend unpassend, denn auf die Rückkehr zur oder in die Natur – zu einer angeblichen Anarchie der Menschheit vor seiner Vertreibung aus dem Paradies? – kommt es Sloterdijk ja gar nicht an, sondern er beklagt nur eine maßlose Übersteigerung von Rangunterschieden.

 

der fuerst und seine erben COVERGeht der Autor in derselben Weise darauf ein, dass die Einkommensunterschiede in unserer Zeit ins Gigantische gestiegen sind? Aber das aus-dem-Ruder-laufen (um ein schwaches Wort zu gebrauchen) der ökonomischen Verhältnisse berührt Sloterdijk bestenfalls im Vorübergehen. Gab es jemals in der Geschichte der Menschheit derartigen Reichtum, wie er heute kleinen Gruppen eignet? In diesen Tagen lässt sich ein Herr als den ersten Billionär der Geschichte feiern und erinnern bei dieser Gelegenheit witzige Kommentatoren an ihre Kindheitslektüre, in der eine Ente namens Dagobert gern in ihren Geldspeichern herumplantschte und -kraulte.

 

Wenn Sloterdijk über Julius Cäsar und andere große Gestalten der Geschichte schreibt, bringt er also ihr erstes Auftreten mit dem „Rausch einer Vertikalität“ in Verbindung, die doch trotz der Vergöttlichung Cäsars heute viel, viel steiler geworden ist, und zwar überall auf der Erde, nicht allein in Kalifornien, wo die liebenswürdigen Techmilliardäre wohnen (wenn sie noch nicht nach Buenos Aires gezogen sind…), von denen sich wohl mancher allein noch mit psychiatrischen Kriterien beschreiben ließe. Also nicht allein in Kalifornien, sondern auch in China, das der merkwürdigen Idee eines plutokratischen Kommunismus huldigt, oder in Indien, auf dessen einigermaßen rücksichtslose und extrem nationalistische Regierungspraxis der indienaffine Philosoph aus Karlsruhe einzugehen nicht vergisst. Und noch in einigen anderen Ländern dazu.

 

Sollte unsere Zeit der Renaissance gleich sein, ist sie vielleicht die ins Groteske gesteigerte Wiederkehr oder Variation einer wirklichen, nicht bloß herbeigeredeten Zeitenwende? Wie kommt es, dass der Versuch, die heutigen Umstände mit einem fünfhundert Jahre alten Buch zu erklären, nicht völlig absurd anmutet? Gibt es vielleicht noch mehr Gemeinsamkeiten als die oben angedeuteten? Nun, vielleicht diese. Zumindest in Italien war die Renaissance ja nicht allein durch die Tyrannen in ihren Kleinstaaten ausgezeichnet, sondern wir erinnern uns bis heute an die Erfinder und Projekteschmiede, die sich an den Höfen tummelten und deren Bekanntester ein gewisser Leonardo da Vinci gewesen ist. Was hatte dieser Mann für Ideen! Allerlei Militärisches findet sich darunter, und sogar ein Fahrrad soll er bereits gezeichnet haben… Müssen wir in Elon Musk mit seinen Weltraumphantasien seinen legitimen Nachfolger sehen? Lässt sich der Herr, mit dem sich Musk verbündet hat, als die ins Groteske gesteigerte Form eines Kleinstadttyrannen ausgangs des Mittelalters ansehen?

 

Die Krise der Demokratie, lehrt Sloterdijk, „geht aus dem Kollaps des Glaubens an die Konvergenz der einzelnen Vernünftigkeiten hervor“. Was der Autor damit andeutet, ist die Abwesenheit eines gemeinsamen Willens aller („der einzelnen Vernünftigkeiten“) als Quellpunkt der Demokratie. Doch die einzelnen Bürger greift er deshalb nicht an, so wenig es sonst Politiker und für die Mehrzahl der Journalisten tun – es ist ganz offensichtlich nicht opportun, die demokratische Kompetenz der einzelnen Vernünftigkeiten in Zweifel zu ziehen. Sloterdijk aber, hier wie auch sonst nicht um merkwürdige Worte und ihre verwirrende Kombination verlegen, raunt von ihrer „mikro-royalen Existenz im Citoyen-Inkognito“. Damit, so der Autor, versetze der Einzelne dem Gedanken der Demokratie und der Republik einen Fußtritt. Wer – nachdem er mit der Übersetzung fertig ist und sich das entsprechende Bild (ein um sich tretendes Citoyen-Inkognito!!) vor das innere Auge gestellt hat –: wer wollte widersprechen? Und folgt daraus nicht, dass wir nichts lernen über unsere Zeit, wenn wir noch so ingeniös die Ideologien der ferneren oder näheren Vergangenheit beschreiben, die den Aufstieg von Tyrannen aller Art begleiteten? Folgt daraus nicht, dass wir uns dem Einzelnen zuwenden und versuchen sollten, seine Idiosynkrasien zu verstehen? Oder die Blindheit, mit der er in sein Unglück rennt?

 

Wenn wir aber unsere Aufmerksamkeit auf die Bürger der oben angesprochenen Länder richten, dann werden wir finden, dass Russen, Chinesen, US-Bürger, Europäer und Inder nicht allein in verschiedenen Ländern wohnen, sondern darüber hinaus (und das ist hier viel wichtiger) sich auch in verschiedenen Epochen aufhalten. Wer möchte denn angesichts des gleich folgenden Zitats von einer „mikro-royalen Existenz im Citoyen-Inkognito“ reden? So etwas passt vielleicht zu Einwohnern des amerikanischen Mittelwestens… „I don’t read any articles in English or Russian“, schrieb mir vor drei Jahren zum Abschluss unserer langjährigen Freundschaft eine Russin und erläuterte ihr Verhältnis zur Regierung: „To tell the truth, I’m sure that politicians know what to do much better than me, and I prefer to focus more on my own affairs rather than politics.“ Kurz darauf las ich ein „Don’t blame Putin!“

 

Ließe sich eine solche Untertanenmentalität mit der grundsätzlichen Abneigung in Einklang bringen, irgendetwas (Regierungs-) Offizielles zu glauben, von der so viele Menschen in den USA und zunehmend auch bei uns beherrscht werden? Das Ergebnis – die Blindheit, wenn man denn das Nicht-sehen-Wollen des Offensichtlichen, weil offen-zu-Tage-Liegenden, als eine solche ansehen möchte – mag sich in einigen Randbereichen überlappen, könnte aber trotzdem nicht unterschiedlicher sein. Die einen vertrauen blind der Regierung, die anderen, sogenannte Verschwörungstheoretiker, trauen der Regierung einfach jedes noch so unsinnige Verbrechen zu. Gibt es solche auch in Russland und in China?

 

Napoeon III Sloterdijk

Adolphe Yvon (1817–1893): Porträt von Napoleon III. (1868). Öl auf Leinwand. Rechts: Peter Sloterdijk 2024 in der Buchhandlung Lehmkuhl in München. Er stellte sein Buch „Zeilen und Tage III” vor. Foto: Amrei-Marie. Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Im vierten von vier Kapiteln wendet sich Sloterdijk der für uns Zeitgenossen offensichtlichsten Seite der Selbstdarsteller zu – eben ihrer von Theatralik und Eitelkeit nicht ganz und gar freien Selbstdarstellung. Sein klug gewähltes Eingangsbeispiel ist der Konflikt zwischen dem großen Dichter Victor Hugo und dem, wie unser Autor findet, bedeutend weniger großen Napoleon III., den Hugo nicht ganz unpolemisch im Titel seiner Schrift „Napoléon le Petit“ nennt und den Sloterdijk als den Pionier dieser Art Politik ansieht, der wir heute in den Nachrichten begegnen und mit der er diesen Kopf als Vorbild von Leuten beschreiben kann, „die immerzu Nachrichten (und auf Effekt bedachte Empörung) produzieren.“ Blinkt in dem Verhalten dieser nur einem oberflächlichen Blick harmlos scheinenden Gestalten schon die große Politik des 20. und 21. Jahrhunderts auf?

 

Können wir also etwas aus der älteren Literatur – jener der Frühen Neuzeit oder des 18. Jahrhunderts – lernen? Ich glaube nicht, so interessant die Hinweise und so amüsant die gelegentlich süffisanten Kommentare Sloterdijks auch sein mögen. Anregend und zugleich unterhaltend sind diese Passagen allemal. Aber für unsere Zeit erhellend ist erst der Blick auf das 19. Jahrhundert, auf die ersten Demagogen, die im 20. Jahrhundert dann ihre Schreckensherrschaft beginnen sollten.


Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute

Edition Suhrkamp 2026

189 Seiten

ISBN: 978-3518001363

Weitere Informationen (Verlag)

Leseprobe

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Kommentare powered by CComment


Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.