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John William Waterhouse (1849–1917): Echo and Narcissus, 1903, Öl auf Leinwand. Walker Art Gallery, Liverpool. Gemeinfrei

In einem perspektivenreichen und anregenden Buch stellen die beiden Heidelberger Universitätslehrer Thomas Arnold und Thomas Fuchs ein Phänomen vor, das nach ihrer Ansicht unsere Zeit dominiert: den Narzissmus.

 

Beide Autoren lehren Philosophie. Arnolds Interesse gilt nach einer Promotion über Platon vor allem der antiken Philosophie, und dazu beschäftigt er sich mit der Phänomenologie Edmund Husserls. Fuchs – der Ältere von beiden – ist nicht nur Philosophieprofessor, sondern darüber hinaus ein renommierter Psychiater.

Wie Karl Jaspers, der ursprünglich als Arzt arbeitete und in noch jungen Jahren ein wirkungsmächtiges Lehrbuch der Psychiatrie veröffentlichte („Allgemeine Psychopathologie“, 1913), dann aber die Fakultät wechselte und ein erfolgreicher philosophischer Autor wurde – wie Jaspers also, den Zeit seines Lebens kultur- und gesellschaftskritische Motive umtrieben –, zielt auch Thomas Fuchs in eigentlich allen seinen Büchern auf Zeitkritik. Seit Jahren hat er den Karl-Jaspers-Lehrstuhl in Heidelberg inne.

 

Arnold Fuchs COVERWas dürfen wir erwarten, wenn – wie hier im Untertitel – von „Phänomenologie“ die Rede ist? Viele Leser stellen sich einfach nur naive Beschreibungen vor, manche auch werden an Husserls von Mathematik inspirierte Philosophie denken, aber hier ist weder das eine noch das andere gemeint, sondern wie schon in früheren Werken von Thomas Fuchs stützt sich die Argumentation auf die „Neue Phänomenologie“ des Kieler Philosophen Herrmann Schmitz (1928 – 2021), dessen Überlegungen ganz im Gegensatz zu denen Husserls ihren Ausgang vom Leib nehmen, den er vom Körper unterscheidet.

 

Den Leib nehmen wir von innen heraus wahr, den Körper von außen. In seinem Buch über „Leib und Lebenswelt“ (2008) schreibt Fuchs über „leibliches Hintergrundempfinden“, das unser Bewusstsein immer begleite. Denn der Leib ist das, was wir auch ohne Zuhilfenahme von Sinnesorganen spüren – was also unser eigentliches Selbst ausmacht und bestimmt –, wogegen sich unser Körper ertasten, im Spiegel erblicken oder fotografieren lässt. Hier findet sich also auch Distanz zu uns selbst. Immer wieder beziehen sich die Autoren auf diese ziemlich plausible Unterscheidung, die wesentlich ist, wenn wir unser eigenes Seelenleben verstehen wollen.

 

In einer Deutung der berühmten Episode von Ovids „Metamorphosen“, die dem Narzissmus den Namen gab, nähern sich die klassisch gebildeten Autoren der Ausgangssituation des Narzissmus – der schöne Jüngling Narciss schaut in den Spiegel eines Weihers und verliebt sich in sein eigenes Bild. Er stirbt am vergeblichen Verlangen, sich selbst zu berühren, und sieht sich im Tod in eine Blume verwandelt – in die Narzisse. Die Autoren nehmen diese Szene zum Anlass, uns eine „Phänomenologie des Spiegels“ zu bieten – Narziss verzweifelt an der Distanz zu seinem Spiegelbild! –und gehen nicht allein von Ovid aus, sondern noch dazu von Magrittes ganz anderem, sehr paradoxem Gemälde, in dem ein gut gekleideter Herr in einen Spiegel schaut – und seinen eigenen Rücken erblickt! Was wäre uns fremder als unser Rücken? Er ist das Körperteil, das wir allenfalls auf Umwegen erblicken können. Mein Leib, heißt es deshalb, „ist für mich nur als ein abwesender anwesend – als präreflexiver, unthematischer Leib. Als gespiegelter, gesehener Körper ist er dagegen abwesend.“

 

Zu den Merkmalen des Spiegelbildes gehören (buchstäblich!) die Kälte und der Selbstbezug, die das Bild ermöglicht, und stehen in seiner Distanziertheit ganz im Gegensatz zu einer lebendigen und warmen Beziehung zu einem wirklichen Menschen. Zur Liebe gehören „Wärme, Berührung, Gehalten-, Getragen-, Liebkostwerden“. Folgerichtig werden im Gefolge dieser Überlegungen Wärme bzw. ihr Mangel zu einem Leitmotiv der Schilderungen, und der Liebesmangel wird als die wichtigste Voraussetzung des Narzissmus identifiziert. In einem Interview mit der FAZ wählt Fuchs andere Ausdrücke, wenn er das Selbstwertgefühl anspricht, das „ein Getragensein von der eigenen Leiblichkeit, ein Einverständnis mit sich selbst“ bedeute. Es handle sich um das „Gefühl elementarer Selbstwärme. […] In der narzisstischen Welt dagegen bleibt es immer kalt.“

 

Wie wird ein Mensch zu einem Narzissten? Einer der Gründe ist den Autoren zufolge in einer lieblosen Kindheit zu suchen, und die beiden Beispiele für Narzissmus, die wir in diesem Buch finden, bestätigen diese Annahme eindrucksvoll. Wilhelm II. wird als erster vorgeführt, und schon seine Geschichte (die Geschichte seiner traurigen Kindheit) kann überzeugen. Das zweite Beispiel bietet jener Herr, der uns allen vor Augen steht, wenn wir an einen Narzissten denken. Ja, genau der… Dank seiner Nichte Mary T., die ein offenbar sehr hellsichtiges und eindrucksvolles Buch über ihren Onkel geschrieben hat, können die Autoren, können wir alle die Entwicklung dieses Menschen zu der unerfreulichen Person, die wir heute alle kennen (oder zu kennen glauben…) leicht nachvollziehen.

 

Narcissus mural Pompeii Caravaggio

Narcissus. Wandmalerei aus Pompeji. Rechts: Caravaggio (1571–1610): Narcissuss, 1597–1599, Öl auf Leinwand, 110 cm × 92 cm. Galleria Nazionale d'Arte Antica, Rom

 

Das wohl wichtigste Charakteristikum eines Narzissten ist seine innere Leere. Das ist einerseits wahr, klingt andererseits aber auch ein wenig moralisierend. Nur: Wenn es so ist, wenn diese Leere wirklich die Narzissten, vielleicht gar die ganze Gesellschaft bestimmt? Arnold und Fuchs sind weder die Ersten noch die Einzigen, die auf den Narzissmus unserer Zeit hinweisen, aber sie konzentrieren sich dabei viel stärker auf den einzelnen Menschen als auf die Gesellschaft. Narzissten sind ganz offensichtlich Menschen, die sich in anderen spiegeln wollen (glauben, sich spiegeln zu müssen…), weil es ihnen trotz einer vor sich her getragenen Selbstvergötterung an einem Glauben an sich selbst fehlt. Deshalb fühlen sie sich genötigt, sich permanent selbst, aber noch mehr andere übertreffen zu müssen, und kaum etwas ist für einen Narzissten typischer als die ständigen Superlative, mit denen ja nicht zuletzt jener oben angedeutete, nicht genannt werden wollende Herr um sich wirft.

 

Ein überraschendes Beispiel für Narzissmus ist in diesem Buch das Extrembergsteigen. „Die immer wieder neue Suche nach der äußersten Herausforderung und Todesgefahr gilt einer Intensität des Erlebens, die wenigstens für den Moment eine tiefe Unerfülltheit und mangelnde Lebendigkeit aufzuheben vermag, wie sie Extrembergsteiger im Alltagsleben sonst spüren.“ Die Autoren sprechen hier von „Philobaten“, also von Menschen, die zwanghaft immer weiter in die Ferne laufen müssen. Wie wichtig dieses Phänomen ist, erkennen wir daran, dass Philobaten ja wirklich die Helden unserer Zeit sind.

 

Es gibt ein anderes Beispiel für gelebten Narzissmus – illegale Straßenrennen (vielleicht auch die legalen??), deren Teilnehmer laut Verkehrspsychologen ebenfalls Narzissten sind. Die Maschinen machen die Insassen der Autos zu ihren Geiseln, was diese als Ausdruck der Freiheit missverstehen. Vielleicht ist dieser Aspekt, also die Preisgabe der eigenen Freiheit, noch gefährlicher als die sinnlose Hochschätzung des Herumrasens. Überhaupt: Es werden nicht nur Berge erstiegen, sondern es werden auch immer neue Rekorde aufgestellt – ich musste bei der Lektüre dieses Buches an Oswald Spenglers Schilderungen der Rekordsucht denken, die die im Niedergang befindliche europäische Kultur auszeichne. Im „Untergang des Abendlandes“ sagt Spengler 1918 über uns (die Menschen des Abendlands), „unser nie gestillter Hunger“ suche „nach immer neuen Weltenfernen.“ Arnold und Fuchs sprechen mit einer ganz ähnlichen Vokabel von „Seinshunger“ (82).

Nicht allein von Spengler, sondern auch von anderen prominenten Autoren der Weimarer Republik wurde die Rekordsucht angesprochen, unter anderem von dem Soziologen Werner Sombart und dem Philosophen Max Scheler. Später schloss sich ihnen Jean Gebser an, der 1953 von der „Schnelligkeitssucht“ sprach. Und noch dazu fällt mir ein Artikel aus der „Zeit“ vom 1. Mai 1987 ein, in dem der Kugelstoßer Ralf Reichenbach interviewt wurde. „Die Frage nach dem Ende der Leistung“, verkündete dort der zum Bodybuilder gewandelte Leichtathlet, „ist die nach dem Ende des Weltalls.“

 

Kann so etwas gutgehen? War die Katastrophe dieses Menschen nicht absehbar? Und: Wird die Rekordsucht nicht bereits durch ihre Äußerlichkeit diskreditiert? Disqualifiziert sie nicht auch unsere Zeit? Wie konnten Figuren wie der Bodybuilder, der sich schon bald nach dem Interview an den Folgen seines Drogenkonsums jung verstorben war, sich im Brennpunkt der Aufmerksamkeit aufhalten? Vielleicht weil sein Äußeres ihn zwar heraushob, sich das Publikum aber in seinem Narzissmus wiedererkannte? War dieser Narzissmus also typisch und wäre er es heute vielleicht noch mehr? Bestimmt der Philobat unsere Zeit? Eben dies behaupten die Autoren, denn Arnold und Fuchs glauben, „dass sich der Narzissmus als eine zentrale Figur der Subjektivität in der gegenwärtigen Kultur begreifen lässt.“ Ich fürchte, dass das wahr ist.

 

Spengler verstand den Seinshunger als Kennzeichen des abendländischen Menschen, der Europa seit vielen Jahrhunderten dominiere. Aber in diesem Buch erscheint die „Pleonexie“ (Hab- oder Gewinnsucht), in deren Gestalt der Seinshunger meistens auftritt, nur als Kennzeichen unserer eigenen Zeit, nicht als eine ganze Kultur. Arnold und Fuchs legen den Akzent also anders – für sie ist unsere Zeit mehr als wohl jede andere Epoche der Menschheit von der Hochschätzung des Verbrauchs bestimmt. „Nicht Erhalten“, so wird in diesem Buch das Hohelied des sich stets steigernden Bruttosozialprodukts zusammengefasst, „sondern Verbrauchen ist das Gebot, denn nur das Verbrauchte macht Platz für neue Waren.“ Die Autoren konstatieren eine „Affinität der kapitalistischen Spätmoderne zum Narzissmus“, und jeder ist dazu aufgerufen, sich die verschiedenen Erscheinungsweisen dieses ganz besonderen Narzissmus vor Augen zu führen.

 

In dieser Weise vollzieht sich ganz zwanglos der Übergang von der Beschreibung einer seelischen Erkrankung zu einer umfassenden Kultur- und Gesellschaftskritik. Dabei vergessen die Autoren nicht eine Typologie der verschiedenen Narzissten (funktionale, vulnerable, grandiose, maligne und altruistische), und am Ende des Buches findet sich ein deprimierend kurzes Kapitel über die Möglichkeiten, einen Narzissten zu heilen. Deprimierend kurz, denn Narzissten, lernen wir dort, begeben „sich selten in Therapie“. Wir wollen uns noch einmal typische Narzissten (zum Beispiel die oben angesprochenen…) vor Augen führen, und schon verstehen wir das Fazit der Autoren.

 

„Das unersättliche Selbst“ ist als Zeitdiagnose wie als Einführung in die psychiatrische Problematik anderen Büchern zum Thema weit überlegen; das zeigt sich bereits an der Darstellung und Deutung des Mythos von Narziss, aber auch an der Einordnung in größere Zusammenhänge, besonders an die Leib/Körper-Thematik. Ein sehr lesenswertes Buch!


Thomas Arnold und Thomas Fuchs: Das unersättliche Selbst.

Phänomenologie des Narzissmus.

Suhrkamp 2026

250 Seiten und als eBook

ISBN: 978-3518588475

Weitere Informationen (Verlag)

Leseprobe (PDF)

 

YouTube-Video:

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Zoomposium mit Thomas Fuchs: Das verkörperte Bewusstsein (1.22:19 Std.)

 

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