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Mexiko-Stadt mit Blick von Norden auf den Popocatépetl im Hintergrund, Stahlstich von Rouargue, 1860. Unbekannter Künstler. Gemeinfrei

„Die Welt ist doch schön! Wer kann, der gehe und bewundere sie!“ Mit diesem begeisterten Ausruf beschließt die Gräfin Paula Kollonitz 1864 ihren kenntnisreich und lebendig geschriebenen Bericht über ihre Reise nach Mexiko.

 

Im April desselben Jahres hatte sie in Triest die österreichische Fregatte „Novara“ bestiegen, um als Hofdame die Erzherzogin Charlotte und ihren Gemahl, den habsburgischen Erzherzog Ferdinand Max, auf der Fahrt nach Mexiko zu begleiten.

Dort wartete die Kaiserkrone auf Ferdinand Max, eine Regentschaft, die schon von Zeitgenossen als das „Abenteuer Mexiko“ bezeichnet wurde und am 19. Juni 1867 mit der Erschießung Kaiser Maximilians durch ein republikanisches Kommando endete.

 

Auch wenn sich die Gräfin mit politischen Äußerungen weitgehend zurückhält und ihre Loyalität und ihr Vertrauen ganz dem Kaiserpaar gelten, liefert ihr Bericht dennoch Hinweise auf die schwierige Situation des von Bürgerkriegen geplagten Landes und die brüchige Machtbasis, auf der Kaiser Maximilians Herrschaft fußt. Da ist vor allem seine Abhängigkeit vom französischen Kaiser Napoléon III. und dessen Truppen. Napoléon III. hatte den Habsburger mithilfe des gefälschten Ergebnisses einer Volksbefragung nach Mexiko gelockt, weil er dort einen europäischen Herrscher wünschte. Angeblich hatte das mexikanische Volk für einen Kaiser Maximilian votiert. Doch Paula Kollonitz bemerkt sehr genau die unheimliche Stille, als die „Novara“ im Hafen von Veracruz landet und der Erzherzog Ferdinand Max sich anschickt, sein neues Reich zu betreten: Niemand empfängt ihn!

 

Llegada del Emperador Maximiliano y la Emperatriz Carlota al puerto de Veracru México

Geschönte Darstellung der Ankunft Kaiser Maximilian I. und seiner Gemahlin Charlotte in Vera Cruz (Mexiko) am 29. Mai 1864 durch einen unbekannten Künstler, Lithographie. Gemeinfrei

 

Als das Kaiserpaar erst am 7. Juni in dem Wallfahrtsort Santa Maria de Guadalupe und später am 12. Juni in Mexiko mit allem gebührenden Pomp und Prunk gefeiert wird, bescheinigt sie der Kaiserin einen „naiven Glauben an die Liebe und Anhänglichkeit des Volkes …“  und schließt das Kapitel mit dem vielsagenden Satz: „Die Natur und die Menschen hatten alles aufgeboten, um den Ankömmling zu gewinnen und vielleicht auch um ihn – zu blenden.“

 

Zuvor schildert die Gräfin in detailreicher Weise die lange Seereise von Europa nach Mittelamerika. Sie leidet sehr unter der Seekrankheit und hält sich so lange wie möglich an Deck auf, um sie besser zu ertragen. Die Farben des Meeres, springende Delphine, fliegende Fische und das Licht und der Nachthimmel des Südens nehmen sie gefangen. Unterbrochen wird die mehrwöchige Überfahrt durch einige Stationen an Land: in Rom mit einer Audienz beim Papst, dann folgen Aufenthalte in Gibraltar, Madeira und Martinique. Auf ihrer ganzen Reise ist sie immer wieder überwältigt von den Eindrücken der Natur, der Fülle der Tropen.

 

So sehr sie von der südlichen Pflanzenwelt schwärmt, so befremdet ist sie von den Menschen, die dort leben. Erschreckt und abgestoßen reagiert sie in Jamaika auf die Huldigungen der schwarzen Bevölkerung, die diese dem Kaiserpaar darbieten. Da spricht deutlich die christlich-streng erzogene Europäerin aus ihr, die sich angesichts der ekstatisch-wilden Tänze in ein Überlegenheitsgefühl flüchtet. Sie erklärt sich das ihr völlig fremdartige und unverständliche Verhalten durch „ein langes Sklaventum“, das den schwarzen Menschen „den Stempel tiefster Entsittlichung und moralischer Erniedrigung“ aufgedrückt habe.  Sie lehnt die Sklaverei ab, ist sie doch – ähnlich wie das Kaiserpaar - aufgeklärt, gebildet und gegenüber liberalen Ideen aufgeschlossen. Doch die koloniale Eroberung selbst stellt sie nirgends in Frage, nur ihre brutalen Auswüchse beklagt sie.

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Was sich die heutigen Leser, die jeden Kontinent bequem mit dem Flugzeug erreichen können, nur bedingt vorstellen können, sind die Zumutungen, die Reisende im 19. Jahrhundert auf sich nehmen mussten, insbesondere in einem Land wie Mexiko, in dem nur wenige Eisenbahnstrecken und keine befestigten Straßen existierten. Zu den Strapazen des Transports kommen im Fall von Paula Kollonitz noch die repräsentativen Aufgaben, die Höflichkeitsbesuche, die Diners und Empfänge hinzu, die nach beschwerlicher Reise, in wechselnder Garderobe und perfekt frisiert, zusammen mit dem Kaiserpaar absolviert werden müssen. Ein Tross von 85 Personen und über 500 Kisten Gepäck bewegt sich zu Wasser und zu Land, braucht Unterkunft und Verpflegung. Anschaulich beschreibt Kollonitz, wie die mexikanischen Kutscher mit halsbrecherischer Kunstfertigkeit eine Diligence (Postkutsche) durch bergige Landschaften lenken, beladen mit zwölf bis fünfzehn Personen plus Gepäck, gezogen von acht Maultieren. In der Regenzeit sind die Straßen unpassierbar, unmittelbar danach versinken hier Pferd, Esel oder Maultier bis zum Bauch im Schlamm. Manches Tier verendet; ihre Kadaver säumen den Weg.

 

Fasziniert von der exotischen Landschaft, vergisst Paula Kollonitz jede Unbequemlichkeit. Das Glück und das Privileg, als Frau eine so weite Reise unternehmen zu können, sind ihr wohl bewusst. Sie ist bestens vorbereitet, hat Wilhelm von Humboldt gelesen und zitiert aus den historischen Studien des amerikanischen Historikers William Hickling Prescott, der die spanische Kolonisierung der Neuen Welt untersucht hat. Ihre Ausführungen zur Geschichte und der damaligen Gegenwart (des 19. Jahrhunderts) Mexikos sind auch für heutige Leser aufschlussreich. Dazu hat die Herausgeberin Gabriele Habinger noch einen sehr hilfreichen Anmerkungsteil mit Informationen zu den von Kollonitz genannten Personen und Orten angefügt.

 

Bis Oktober 1864 lebt Paula Kollonitz in Mexiko, bereist die Umgebung, freundet sich mit mexikanischen Familien der Oberschicht an, studiert neugierig das Straßenleben. Die Gräfin ist offen und neugierig, gibt sich dem Zauber der üppigen Parks und Gärten hin, und versucht im Rahmen ihrer Möglichkeiten, die Mentalität der ihr fremden Menschen zu erfassen, deren Sanftmut, ausgeprägtes Familienleben, Gewohnheiten und zwiespältiges Verhältnis zu ihrem zerrissenen Land. Sie bemüht sich ernsthaft, ein ihr fremdes Verhalten zu verstehen und es aus der Geschichte zu erklären, und begegnet dem Land und seinen mexikanischen Freunden mit aufrichtiger Sympathie. Dabei verlässt sie niemals ihre große Selbstsicherheit: ihr Wertekodex, ihre Vorstellungen von Herrschaft, Sittlichkeit und Vernunft bleiben stets klar umrissen und stabil.

 

Buchumschläge

Buchumschläge. Links: Paula Kollonitz: Mit dem Kaiser zum Popocatépetl, Die Reise nach Mexiko im Jahr 1864. Rechts: Historische Ausgabe der Eine Reise nach Mexico im Jahre 1864.  Quelle: Harold Jantz Collection (David M. Rubenstein Rare Book & Manuscript Library) NcD

 

Paula Kollonitz erzählt leicht und charmant, beobachtet genau und vermittelt ein anschauliches Bild vom damaligen Mexiko – eine anregende und angenehme Lektüre!


Paula Kollonitz: Mit dem Kaiser zum Popocatépetl, Die Reise nach Mexiko im Jahr 1864

Hrsg. von Gabriele Habinger

208 Seiten, gebunden

Promedia Wien 2026

ISBN: 978-3-85371-560-4

Weitere Informationen (Verlag)

 

 

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