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Ansicht Königsberg, Stich, um 1830. Gemeinfrei

In einem interessanten Buch stellt der in Cambridge lehrende australische Historiker und Preußenkenner Christopher Clark einen Skandal im Königsberg des 19. Jahrhunderts dar: Eine deutschlandweit beachtete Diffamierungskampagne führte zum Ruin zweier engagierter Pastoren in einer entlegenen Provinz.

 

Clark spricht, wie wir aus dem Bildungsfernsehen wissen, hervorragend Deutsch. Er ist ein Spezialist für die Geschichte Preußens, aber zugleich ein Weltreisender, der uns insbesondere die kulturellen Glanzlichter Europas, des Nahen Ostens und Südamerikas näherbringt.

 

Während sein Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ die Vorgeschichte des 1. Weltkrieges beleuchtet, bestehen seine Stärken als Moderator, wenn er durch die Anden reist oder alte Städte des Nahen Ostens vorstellt, in seinem Sinn für die lebendige Darstellung von Kultur – auch von Alltagskultur –, ob sie ihn in einen türkischen Basar führt oder in die Ruinen alter Inkastädte.

 

skandal in koenigsberg COVERÄhnlich steht es um dieses Buch, denn in ihm geht es ja nicht um große Politik oder um blutige Schlachten, sondern Clark erzählt vom alltäglichen Leben in der alten preußischen Stadt am Pregel. Bereits in seinem Buch „Preußen. Aufstieg und Niedergang“ (2007) spricht er das Thema dieses Buches an: das Schicksal zweier pietistischer Pastoren, die im Königsberg der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts einer infamen Verleumdungskampagne zum Opfer fielen. Offenbaren sich in dieser Geschichte die typischen Züge des längst vergangenen Preußentums? Oder sind die Grundzüge dieser Geschichte so gestaltet, dass wir sie auch noch bei den Skandalen unserer Zeit finden?

 

Da wäre zunächst die Herrschaft des Verdachts, gegen die sich die Beschuldigten überhaupt nicht wehren können, weil die Quellen nicht offengelegt werden, und die nicht allein den Terror der französischen Revolution (für ihn fand Hegel das Wort von der „Herrschaft des Verdachts“) sondern ja auch bereits die Hexenprozesse der frühen Neuzeit und vielleicht, nein, ganz gewiss, auch noch heute die Jagd auf unerwünschte Personen bestimmen.

 

Ein anderer, vielleicht ewig gleicher Punkt besteht in den sexuellen Fantasien der Ankläger oder Zaungäste. Es scheint, dass die Pastoren, über deren Schicksal Clark uns unterrichtet, ein klein wenig liberaler waren als die meisten ihrer Zeitgenossen und Kollegen, und ihre schüchternen Versuche, ihren Schäfchen so etwas wie Eheberatung angedeihen zu lassen, ließen die erstaunlichsten (schmierigsten…) Fantasien wuchern. Und richtig war es ja erst „der sexuelle Aspekt“, wie es im letzten Kapitel heißt, der „den Skandal richtig ins Rollen“ brachte. Auch das kennen wir aus anderen Epochen und noch dazu aus unserer eigenen Zeit. Mir scheint es aber etwas übertrieben, Ebel, einem der beiden Opfer der Kampagne, einen „queeren Einschlag“ zuzusprechen, nur weil er etwas weniger maskulin auftrat als viele seiner Zeitgenossen.

 

Noch in einer anderen Hinsicht ist der Konflikt zwischen den Parteien nicht ganz überwunden: Es geht um den Widerstreit zwischen einer rationalen – ihre Kritiker werden sagen – kalten Theologie (der „rationalen Theologie“) und einer etwas gefühligeren Art, sich der christlichen Lehre zu nähern, dem Pietismus. Erstere war die staatstragende Auffassung der Religion, der sich auch die Beamten im fernen Berlin verpflichtet fühlten, sodass ein Angriff auf sie sich indirekt gegen die staatliche Autorität zu richten schien (oder wirklich gegen sie richtete). Denn laut Clark ging das „Schwinden kirchlicher Autorität […] einher mit einer Verstärkung der religiösen Empfindung.“

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Das Buch hebt an mit einer Schilderung der Lebensumstände von Johann Heinrich Schönherr (1771–1826), einem von Clark als „Prophet vom Pregel“ apostrophierten – ja: Sektengründer? Die bizarre Lehre des ungebildeten Mannes, dessen Vokabular stark an die Dichtung der Romantik und zudem an die damals populäre Naturphilosophie Schellings erinnert, wurde von Johann Wilhelm Ebel (1784–1861) und Georg Heinrich Diestel (1785–1854) in ihrer Jugend aufgenommen, wenngleich sie sich nicht nur niemals ganz und gar damit identifizierten, sondern sich später sogar ausdrücklich davon distanzierten. Aber hat es ihnen genützt? Ihr Leben wurde zerstört, und sie mussten sogar ins Gefängnis.

 

Die Kampagne gegen die beiden Pastoren schildert Clark in klarem, unaufgeregtem Stil. Weder stilisiert er die beiden Opfer zu Lichtgestalten, noch erklärt er ihre Gegner zu Teufeln. Besonders Letzteres fiel ihm vielleicht nicht leicht, und es findet sich auch immerhin eine Stelle, in der er vorsichtig eine Position für die Opfer bezieht. Ohne Frage war der Prozess gegen die Pastoren äußerst unfair, ja sogar ein Verstoß gegen rechtsstaatliche Verfahrensgrundsätze, denn ihnen wurde nicht einmal die Anklage bekannt gemacht. Und der Sachgehalt der Vorwürfe wird von Clark als „fadenscheinig“ bezeichnet. Die „Andeutung [der Ankläger], dass Ebels Bitte, eine offizielle Niederschrift der gegen ihn erhobenen Anklagen einzusehen, eine reine Verzögerungstaktik sei, war geradezu hinterhältig.“

 

Merkwürdig scheint die Rolle des Präsidenten der Provinz, Theodor von Schön (1773–1856), eines sonst verdienten Politikers, der unter anderem die in dieser Zeit sonst verachtete litauische Sprache förderte, indem er Bildungsanstalten erlaubte, Kurse in ihr anzubieten. In diesen Jahren, als Teile Litauens zu Preußen gehörten, manifestierte sich patriotischer Widerstand im Bücherschmuggel! In Klaipeda erinnert bis heute ein Denkmal an Theodor von Schön.

 

Schön

Er führte das Verfahren gegen Ebel und Diestel, Provinzpräsident Theodor von Schön. Links: Theodor von Schön erhält den Schwarzen Adlerorden. Rechts: Porträt Schöns von Christian Horneman. Gemeinfrei

 

Vielleicht ist der stärkste Teil des Buches das „Abschließende Gedanken“ überschriebene letzte Kapitel, denn es enthält tatsächlich eine gedankenreiche Einschätzung der damaligen Ereignisse.


Christopher Clark: Skandal in Königsberg. Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen.

Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz

Deutsche Verlagsanstalt 2025

224 Seiten

ISBN: 978-3421070494

 

 

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