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Frauenprobleme“: Unter dieser Überschrift sprechen 27 Frauen zwischen Mitte 30 und Mitte 50 darüber, wie es ihnen gerade geht, wie sie sich fühlen, was sie beschäftigt, wie und was sie über ihr Leben denken.

Danach gefragt hat sie Lina Muzur, Verlagsleiterin von Hanser Berlin. Sie hat die Antworten zu einem Buch versammelt, wobei – und das ist wichtig – diese als Sprachnachrichten verfasst wurden.

 

Die Texte sind nicht literarisch gestaltet; sie spiegeln den spontanen Gedankenfluss wider. Ihre Verfasserinnen bleiben anonym; die Leser erfahren nur einen synonymen Vornamen, das Alter und den Ort, an dem sie sprechen. Eine neue Art von Dokumentarliteratur nennt Lina Muzur im Vorwort: diese Versuchsanordnung, die ein sehr intimes Leseerlebnis verspricht.

 

Der Titel „Frauenprobleme“ dieser Textsammlung ist vielleicht ein wenig provokant gemeint. Beim Wort denkt man zuerst an die Befindlichkeiten und Symptome weiblicher Körper wie etwa Wechseljahre oder Menstruation. Frauen gebären Kinder, sie erleben und repräsentieren natürliche biologische Prozesse in einer Welt, in der Natur überwiegend ausgebeutet und kontrolliert wird. Ihr Körper ist Austragungsort der Konflikte, die damit einhergehen. Deshalb sind Frauenprobleme vielleicht die universelleren Probleme, schreibt Muzur im Vorwort – ein Gedanke, den mehrere Frauen in ihren Sprachnachrichten äußern.

 

Frauenprobleme COVERDas konkretisiert sich vor allem in der Erschöpfung, von der fast alle Frauen berichten. Die meisten haben Kinder und arbeiten. Nicht wenige ziehen die Kinder allein groß, aber selbst diejenigen, die in stabilen Partnerschaften und Familien leben, leiden unter dem Gefühl, den Ansprüchen von Arbeit und Kindern nicht gerecht zu werden. Sie reflektieren dieses Gefühl, das letztlich deswegen entsteht, weil die Arbeitswelt immer noch überwiegend traditionell männlich strukturiert und dominiert ist:

 „Ich wünsche uns allen, dass wir weniger fertig sind und dass unsere Kinder mit den vielen Herausforderungen der Zukunft umgehen können, vielleicht auch, weil sie gesehen haben, wie doll ihre Eltern gestruggelt haben in diesem System, das eigentlich von uns nur verlangt, dass wir arbeitsfähig sind, und ansonsten unsere Interessen wenig berücksichtigt.“ (S. 167/8) So fasst das Julia, 42 Jahre, zwei Kinder, stellvertretend zusammen.

 

Nun ist vielleicht einzuwenden, dass dieses Buch zu einseitig ist, weil hier nur Frauen sprechen, die gut ausgebildet sind und fast alle in Berlin leben. Ihren Beruf und ihre Herkunft kann man indirekt aus den Texten erahnen und rekonstruieren. Mit Ausnahme derjenigen, die die DDR, den Iran und Israel ausdrücklich als Herkunftsort nennen, scheint es, dass die meisten eine westdeutsche Mittelschichtsprägung haben. Sie betrachten ihren Beruf nicht allein als Broterwerb, sondern als Selbstentfaltung und Teilhabe an der Gesellschaft.  Sehr viele üben sogenannte kreative Berufe aus, schreiben, machen Filme, arbeiten künstlerisch, wissenschaftlich oder in der Kultur- und Wissensvermittlung. Aber gerade diese Frauen können sich ausdrücken und haben gelernt, dass ihre privaten Probleme eine politische Dimension haben. Sie wirken wie Seismographen des gesellschaftlichen Wandels, der ständig stattfindet. Sie haben das seit den 1970er Jahren entwickelte Emanzipationsversprechen beim Wort genommen und versuchen es zu verwirklichen. Sie sind damit überwiegend glücklich. Doch gleichzeitig spüren sie schmerzhaft die Grenzen ihres Lebensmodells, das mit Leistung und Erfolg verknüpft ist, und den Rollback, der aktuell stattfindet. Das macht sie wütend. Nicht selten äußern die Frauen Existenzängste. Das reicht von der Angst vor Altersarmut bis zu der Angst vor einem digitalen Faschismus, der sich in der Machtkonzentration und Ideologie der Tech-Konzerne und Milliardäre abzeichnet.

 

Ihren Reiz bekommt die Lektüre jedoch nicht unbedingt durch die soziologischen Gemeinsamkeiten dieser Frauenexistenzen. Es ist die Unmittelbarkeit des Sprechens, des spontanen Erzählens, die berührt, es sind die Details, die kleinen Beobachtungen, die die Frauen mitteilen. Sie sind erstaunlich ehrlich. Beispielsweise Yael, die in den 1990er Jahren in Israel aufgewachsen ist, dort eine besondere Form von Zugehörigkeit, Freundschaft und Vertrauen erfahren und jetzt Angst davor hat, ihr Land zu verlieren, sei es physisch durch den Krieg oder „nur“ politisch, weil sie dort nicht mehr in Freiheit leben kann. Oder Franka, die in ihrer traditionell lebenden Schwiegermutter, „die direkt aus der patriarchalen Vorhölle kommt“ (S. 15), ihre größte Unterstützerin gefunden hat und ihr dafür zutiefst dankbar ist. Oder Mosch, die sich mit dem Älterwerden anfreundet und es befreiend erlebt, nicht mehr gefallen zu müssen. Viele dieser emanzipierten Frauen erleben das Alter positiv, finden eine neue innere Ruhe und eine Zuversicht trotz der aktuellen Verwerfungen. Einige hat Lina Muzur mitten in existenziellen Krisen angetroffen. Sie berichten, wie der Selbstmord ihres Vaters sie erschüttert, wie sie gerade allein mit Kind die Trennung von ihrem Partner bewältigen müssen oder den langen Abschied von der eigenen dementen Mutter. Sie finden Worte für universelle Erfahrungen.

 

Leserinnen werden sich vermutlich in diesen Texten wiederfinden, mal mehr, mal weniger. Je nach persönlicher Verfasstheit verspürt man/frau Anteilnahme, Neugierde, Freude oder Befremden. Es ist ein nachdenkliches Buch, das daran erinnert, was es zu bewahren und anzustreben gilt: die Liebe zu den Kindern, zu den Gefährten und Gefährtinnen, die Aussöhnung mit der eigenen Unvollkommenheit, den Wunsch nach Selbstentfaltung und die Möglichkeit, sich zu verbinden, um die Gesellschaft und unsere Lebensbedingungen mitgestalten zu können.


Lina Muzur (Hg.): Frauenprobleme. 33 Neue Nachrichten

Carl Hanser Verlag Berlin 2026

ISBN 978-3-446-28587-3

Weitere Informationen (Verlag)

Leseprobe

Auch als Argon Hörbuch erhältlich. Gesprochen von Jana Kozewa, Tessa Mittelstaedt, Luise Georgi, Agnes Mann

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