In einer Art Doppelbiografie schildert der australisch-amerikanische Journalist Sebastian Smee das Leben der französischen Impressionisten Édouard Manet und Berthe Morisot.
Ist es wirklich ein Buch über den Impressionismus? Über lange Strecken ist es eher ein Buch über das Leben einiger bedeutender Künstler vor dem Hintergrund des ebenso turbulenten wie gewalttätigen politischen Geschehens in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Paris, die eleganteste Metropole der Welt, sieht sich erst durch preußische Truppen in Ruinen gelegt und anschließend erobert, und dann gerät die Stadt in die Hände der Kommunarden, bevor die Rückeroberung der Stadt durch die Zentralregierung deren Treiben ein schnelles Ende bereitet. Das blutige Geschehen jener Jahre – es gab Abertausende von Toten! – wird vom Kunstkritiker der Washington Post aus den verschiedensten Perspektiven geschildert, bedeutende Figuren der französischen Geschichte treten auf, und immer wieder kommt er auf das Schicksal von Édouard Manet und der mit ihm eng befreundeten Berthe Morisot zu sprechen.
Viele, die ein rein kunsthistorisch orientiertes Buch über den Impressionismus erwarten, werden zunächst ein wenig enttäuscht sein. Erst im letzten Drittel des Buches wendet sich der Autor in substanzieller Weise der impressionistischen Ästhetik zu, aber im ersten Teil handelt es sich um eine sehr lebhaft erzählte politische Geschichte, ergänzt durch zahlreiche kulturell interessante Einzelheiten. Eines der Leitmotive der Erzählung ist die Bedeutung der Ballonfahrt. Held dieser Jahre war der Luftschiffer und begnadete Photograph, Karikaturist und Selbstdarsteller Nadar, mit dessen Start vom Montmartre das Buch beginnt. Später, während der Belagerung von Paris durch die deutsche Armee, wird die Beförderung der Briefpost mithilfe von Ballons zum Thema.

Die Schilderung des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 weist einige aktuelle Bezüge auf, von denen der Autor vielleicht nichts ahnte, als er das Buch zu schreiben begann. Der auffälligste besteht im gegen die Einwohnerschaft von Paris gerichteten Terror; als die deutsche Armee keine schnellen Erfolge bei der Eroberung des eingekesselten Paris erzielen konnte, begann Moltke nicht nur auf die Stellungen der Verteidiger, sondern auch auf die Privathäuser zu zielen. Wer denkt hier nicht an die russische Spezialoperation?
In weiten Teilen handelt es sich also weniger um eine kunsthistorische Monografie als vielmehr um ein historisches Buch über Paris Mitte des 19. Jahrhunderts – nur dass die Hauptpersonen sehr bedeutende Künstler sind.
Zunächst sind es die inhaltlichen Aspekte der Malerei, die von Smee erfasst werden. Bei Manet ist insbesondere die Bedeutung der spanischen Kunst der Autor sehr wichtig. Manet bewunderte gleichermaßen Diego Velázquez und Francisco de Goya, der ihm natürlich in seinen Sujets viel näherstand – das wird besonders deutlich, wenn es um die Erschießung des Kaisers Maximilian von Mexiko geht, dem unglücklichen Kaiser von Frankreichs Gnaden, der 1864 von Napoléon III eingesetzt und nur vier Jahre später zusammen mit zwei Generälen füsiliert wurde. Von Goyas „Erschießung der Aufständischen“ inspiriert, malte Manet die Exekution des Kaisers, der wohl wirklich eine tragische Figur genannt werden darf.

Édouard Manet (1868–69): „Der Tod des Maximilian“, Öl auf Leinwand. 252 × 305 cm. Kunsthalle Mannheim. Gemeinfrei
Sonst steht das Pariser Leben im Mittelpunkt. Weil sich alles um Künstler und ihre Kunst dreht, wird das Geschehen um den Salon de Paris geschildert, die erst alle zwei Jahre, später alljährlich stattfindende große Schau, die für die Maler schon deshalb unerhört wichtig war, weil es ihnen nur wenige andere Gelegenheiten gab, ihre Arbeiten auszustellen. Galerien gab es nämlich kaum – allenfalls stellten die Künstler in ihren eigenen Privaträumen oder Ateliers aus. Bis heute sind die sehr ausführlichen und nicht selten kontroversen Besprechungen der einzelnen Bilder eine Fundgrube für Kunsthistoriker. In ihnen zeichnet sich deutlich das Kunstverständnis ab, gegen das die ersten Impressionisten anzukämpfen hatten.
Natürlich sind es nicht nur Manet und Morisot, deren Leben und Arbeit von Smee geschildert werden; dazu kommen noch viele andere große Namen: Renoir, Degas, Courbet, Monet… Auch Frédéric Bazille wird gewürdigt, ein heute halbvergessener, aber sehr bedeutender und leider viel zu früh verstorbener Maler.
Galerie Es sind Giganten der Kunst, die durch das Geschehen spazieren, und in einigen Fällen auch große Dichter wie Flaubert, die Brüder Goncourt und endlich Émile Zola, der mit Manet befreundet war. Zola arbeitete in mancher Hinsicht wie ein Reporter, zum Beispiel indem er mit einer Kamera Schauplätze dokumentierte. Vielleicht davon angeregt, stellt Smee Manet, der doch ein ganz anderes künstlerisches Temperament und noch dazu ein ganz anderes Selbstverständnis besaß als sein Freund, besonders in den ersten Kapiteln als eine Art Journalist dar. Seine Skizzen, schreibt Smee, wurden „zum Gegenstück der Notizen eines Journalisten“, und er unterstellt Manet, dass er „sich wie ein Journalist mit der jüngsten Vergangenheit beschäftigen“ wollte. Während aber ein richtiger Reporter kalt wie eine Hundeschnauze ist, brachte Manet die Schrecken des Krieges zum Schweigen – der sensible Künstler fertigte kaum Skizzen an, als er bei der Verteidigung der von den Preußen belagerten Hauptstadt half. Einem Reporter wäre das doch wohl kaum unterlaufen!
Ganz anders das Leben der zweiten Heldin des Buches, der mit Manet über lange Jahre eng befreundeten Berthe Morisot. Heute gilt sie als die vielleicht erste bedeutende Künstlerin Frankreichs, aber sie hat sehr lange um ihre Anerkennung zu kämpfen. Als zunächst noch unverheiratete Frau lebte sie mit ihren Eltern zusammen, und wenn auch Manet nur wenig Erfolg vorweisen konnte – ihr erging es noch viel schlechter. Ihren Alltag und ihre Kämpfe kann Smee deshalb so ausführlich – und so verständnisvoll! – zeichnen, weil sie regelmäßig lange Briefe an ihre nahestehenden Schwestern schrieb, aus denen er ausführlich zitiert, ohne dass es uns Lesern langweilig wird. Dagegen ist es merkwürdig, dass Smee der Ehefrau Manets, Suzanne Leenhoff, nicht dasselbe Interesse entgegenbringt. Dass sie eine bedeutende Pianistin war, wird nicht einmal beiläufig angesprochen, geschweige denn ausführlich dargestellt. Nicht zuletzt als anspruchsvolle und erfolgreiche Künstlerin hätte sie einen Platz im Buch einnehmen müssen.
Es sei ein Buch mit „zahlreichen Abbildungen“, heißt es in der Beschreibung des Verlages, aber das ist nicht wahr. Es sind nur wenige, nämlich 22 – in einem Buch von fast fünfhundert Seiten! – und die Mehrzahl von ihnen ist schwarzweiß und eher klein, sodass drei oder vier Abbildungen auf die Seiten des kleinen Bildteils in der Mitte des Buches passen. Dazu sind nur einige Fotos der Personen, die also nicht dazu beitragen, unser Verständnis der impressionistischen Kunst zu vertiefen. Fast alle Bilder, über die Smee schreibt, dürfen wir uns deshalb in anderen Kunstbüchern oder im Internet zusammensuchen. Das gilt sogar für Manets Gemälde „Der Balkon“, das Smee eingangs seines Buches ausführlich beschreibt und auf das er auch später immer wieder zurückkommt. Aber es findet sich keine Abbildung! Das ist für uns unbequem, und dazu wären in den meisten Fällen Abbildungen der Details eine große Hilfe. Die Bildbeschreibungen hätten dann entsprechend kürzer ausfallen dürfen.
Es scheint zunächst etwas oberflächlich, wenn Smee eingangs des Buches das gemeinsame Dritte zwischen Impressionismus und politischem Geschehen im schnellen Wechsel sucht. In politisch sehr bewegten Zeiten sei es dem Impressionismus um den Ausdruck eines „ausgeprägten Bewusstseins von Veränderlichkeit und Sterblichkeit“ gegangen. Erst später im Buch erklärt er, wie das zu verstehen ist. Über Morisot schreibt Smee, sie habe „nicht nur das fließende und flüchtige Licht, sondern auch die grundlegende Fragilität des Lebens an sich“ gemalt. „Alles war unentwegt in Bewegung, stets an der Schwelle zum Zerfall oder zur Auflösung.“ Später erklärt er sie zu einer „Poetin der Vergänglichkeit“.
In den Passagen über die erste Ausstellung der Impressionisten in Paris 1877 stellt Smee dar, wie sich die rebellischen Künstler gegen strikt hierarchische Strukturen wehrten. Es waren eher konservative Kreise, die über die Auswahl der im Salon präsentierten Kunst entschieden, und sie empfanden impressionistische Gemälde als grobschlächtig. Heute sehen wir das vielleicht ein wenig anders…
Eine über die Auswahl der Bilder bestimmende Jury war Ausdruck einer Hierarchie, aber eine Hierarchie bestimmte auch den Inhalt der Kunst – wie in der Literatur findet sich eine Rangordnung der Sujets, und zusätzlich sucht Smee die Voraussetzung für eine Hierarchie in der dargestellten räumlichen Tiefe. So wird von ihm die „Flachheit“ der impressionistischen Gemälde symbolisch gedeutet. Das kann ich nachvollziehen, aber hat er auch recht, wenn er den Malvorgang selbst so interpretiert? „Die Abwesenheit einer Hierarchie wirkte sich sogar auf technische Fragen aus: Die Impressionisten malten direkt auf die Leinwand, anstatt zunächst eine Zeichnung anzufertigen.“ Unter anderem war diese Malweise von japanischer Kunst inspiriert, die in jenen Jahren schnell an Popularität gewann.
Noch zusätzlich lehnten die meisten impressionistischen Künstler die scharfen politischen Kämpfe ab – Manet wie Morisot werden vom Autor immer wieder als Gegner radikaler Positionen aller Art dargestellt. Sind solche Passagen mit Blick auf die politische Situation in den USA als Kommentar zu lesen, der sich gegen die Polarisierung der Öffentlichkeit wendet? Den großen Impressionisten sei es, so Smee, um „die Darstellung einer gemeinsamen, authentischen, in verwirrenden Mustern verflochtenen Wirklichkeit“ gegangen, dazu um die Wiedergabe eines durch und durch individuellen Geschehens, um den Augenblick, den die Maler „in flache Muster farbigen Lichts“ übersetzten.
Das ist eine interessante und wohl wirklich begründete Perspektive, die auch unter anderen Umständen Anspruch auf Wahrheit erheben kann. Zusätzlich ist die Lektüre nicht nur unterhaltsam, sondern auch wirklich belehrend. Ich selbst kannte die Namen der historischen Personen und die Daten der politischen Ereignisse, war mir aber weder der Dramatik des Geschehens noch seiner Grausamkeit bewusst; ebenso wenig hatte ich zuvor den Krieg und die Pariser Kommune mit dem Impressionismus in Verbindung gebracht. Smee selbst wird nicht müde zu betonen, dass die Impressionisten dieses Geschehen nicht darstellten; aber vielleicht taten sie es dann doch – indem sie nämlich der Gewalt und dem sinnlos vergossenen Blut das Bild eines anderen Lebens entgegenhielten.
Sebastian Smee: Paris im Aufruhr. Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus.
Aus dem Englischen von Stephan Gebauer.
Die englischsprachige Originalausgabe heißt: „Paris in Ruins“
Suhrkamp | Insel Verlag 2025
495 Seiten mit 22 Abbildungen
ISBN: 978-3458645283
Weitere Informationen und Leseprobe (Verlag)

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