Werbung

Neue Kommentare

Hamburger Architektur Sommer 2019

Follow Book
Friedrich Mondaufgang am Meer

„Sprache und Sein“ könnte der spröde Titel einer philosophischen Fachpublikation sein, also eines Werkes, das unbeachtet in den Regalen verstaubt. Wie ist es zu erklären, dass ein so benanntes Buch einer noch jungen Autorin nur kurz nach seinem Erscheinen in den Feuilletons fast aller überregionalen Zeitungen besprochen wird?
War die PR-Abteilung eines Verlages ausnehmend geschickt, oder ist die Botschaft von „Sprache und Sein“ so überwältigend neu, ist die Argumentation Kübra Gümüşays so dicht und überzeugend gewoben?

Entgegen seinem Titel behandelt das Buch keinesfalls allgemeine und zeitlose, sondern vielmehr aktuelle Fragen. Um die Fortsetzung von „Sein und Zeit“ handelt es sich jedenfalls nicht. Vielmehr geht es zunächst um die sprachliche Herabsetzung von Frauen, außerdem um denselben Vorgang bei Menschen türkischer oder anderer Abstammung. Oder die Autorin wehrt sich dagegen, als eine in Deutschland aufgewachsene Muslima für die Taten islamischer Verbrecher in fernen Ländern verhaftet zu werden. Angesichts des Aufstiegs rechtsextremer Parteien und einer nun schon seit drei Jahrzehnten immer stärker werdenden Gewalt eine sehr ernsthafte und dringende Thematik. Auch die Hasskommentare in Zeitungen und besonders im Internet spielen eine Rolle. Das Buch Kübra Gümüşays kann hier einiges beitragen – teils aus dem persönlichen Erleben der Autorin (oft geht es um das Kopftuch), teils erzählt sie Vorgänge, die Bekannte oder Freunde betrafen. Vieles davon ist bedrückend oder empörend. Nur neu ist leider kaum etwas davon.

Kuebra Guemuesay: Sprache und SeinDas gilt auch für den theoretischen Apparat, auf den sich die Autorin beruft. Gümüşay vertritt mit eher schwachen Belegen eine feministische Sprachkritik, an der eigentlich gar nichts originell ist, wenn man einmal davon absieht, dass sie die Überlegenheit ihrer türkischen Muttersprache betont. Das Türkische, so versucht sie mit allerlei Anekdoten zu zeigen, ist emotionaler, gefühlsbetonter, vielleicht auch sozialer als die deutsche Sprache, die sie als kalt und rational empfindet; und dazu kenne die türkische Sprache Wörter und könne Zusammenhänge ausdrücken, die dem Deutschen unbekannt seien. Das ist ihr deshalb wichtig, weil es ihr um die Frage geht, was zuerst da war: „unsere Sprache oder unsere Wahrnehmung?“. „Yakamoz“, so lernt der Leser gleich auf der allerersten Seite, ist ein solches Wort; es bezeichnet den Widerschein des Mondes auf dem Wasser.

Können Menschen, die dieses Wort nicht kennen, den Mondschein auf dem Wasser trotzdem sehen? Die Autorin scheint das ernsthaft zu bezweifeln, weil sie selbst diesen Mondschein erst habe sehen können, nachdem man ihr das entsprechende Wort beigebracht habe. Sprache, so lehrt Gümüşay, „verändert unsere Wahrnehmung“. Von mir selbst weiß ich nun allerdings, dass ich als durch und durch romantischer, aber des Türkischen unkundiger Mensch schon oft den Anblick des Mondscheins genossen habe – zwar nicht in „einer warmen Sommernacht am Hafen einer Kleinstadt im Südwesten der Türkei“, wohl aber am Strand von Nord- oder Ostsee. Oder am Ufer der Wakenitz. Und hat sich nicht ein gewisser Caspar David Friedrich von diesem Anblick zu Bildern inspirieren lassen, die bis heute ein breites Publikum faszinieren, ohne dass sie je von dem türkischen Wort für dieses Phänomen gehört hätten? Wie nur konnten sie es sehen? Wie können Säuglinge oder Tiere etwas wahrnehmen, da ihnen doch die Sprache fehlt?

Die Ursprünge der Idee, dass die Sprache unsere Wahrnehmung bestimmt, ist schon alt; einer ihrer Urheber dürfte Wilhelm von Humboldt gewesen sein. Zwei andere, bei weitem weniger bedeutende Autoren sind hier aber wichtiger. Gümüşay erwähnt die Sapir-Whorf-Hypothese nicht, aber im Grunde sind die Überlegungen, die sie im ersten Kapitel über „Die Macht der Sprache" vorträgt und die das Fundament ihrer Argumentation abgeben, eben dieser Hypothese verpflichtet. Die beiden amerikanischen Linguisten hatten in einem dank „Rowohlts Deutscher Enzyklopädie" auch hier viel gelesenen, heute weitgehend vergessenen Buch behauptet, dass das Denken eines Menschen sowohl durch die grammatische Struktur seiner Muttersprache als auch durch deren Wortschatz nicht allein beeinflusst, sondern in seinen Strukturen buchstäblich gefangen sei. Immer wieder spricht Gümüşay von den Mauern einer Sprache, gegen die sie anrenne. Aus diesem Kerker möchte sie sich befreien.

Die Sapir-Whorf-Hypothese schien vielen Lesern sehr plausibel und ist wahrscheinlich auch nicht ganz und gar verkehrt, war aber viel zu überzogen formuliert. Außerdem konnten viele der Behauptungen des Buches direkt widerlegt werden – die empirische Basis stimmte einfach nicht, nicht zuletzt deshalb, weil die Autoren bei der Wiedergabe und Interpretation indigener Sprachen zahlreichen groben Missverständnissen erlegen waren.

Kuebra Guemuesay: Sprache und SeinIn Gümüşays Buch geht es nicht allein um die Differenz zwischen dem Türkischen und dem Deutschen, sondern ein anderes, mindestens ebenso wichtiges Thema ist das von ihr strikt abgelehnte generische Maskulinum. Wie so viele andere fordert sie eine „geschlechtergerechte" Sprache. Alle Probleme sollen in den Geschlechtern des Deutschen stecken, darin, dass diese auch Gegenständen oder Vorgängen ein Genus zuspricht oder dass im Plural die Frauen unter den Männern abgehandelt werden. Der feminine Artikel – im Plural das „die" auch bei maskulinen Wörtern – scheint nicht wirklich in Betracht zu kommen und wird unterschlagen. Ja, dass das Deutsche überhaupt zwischen Männern und Frauen unterscheidet, scheint ihr bereits fragwürdig. Einige Sprachen, so auch ihre Muttersprache Türkisch, tun das offenbar nicht, und Gümüşay findet deshalb, dass im Türkischen die Sache der Frauen besser vertreten wird.

Wenn also die Sprache wirklich einen so großen Einfluss auf das Denken ausübt, und wenn das Türkische der Sache der Frauen so sehr entgegenkommt – wie erklärt sich dann die erschreckende Zahl der Frauenmorde in der Türkei? Ein Beitrag der Deutschen Welle, der Anfang Dezember 2019 erschien, sprach von 430 Morden allein in den ersten elf Monaten. Und ist es nicht so, dass in kaum einem Land Europas das Kopftuch oder gar die Verhüllung des Gesichts als Ausdruck der Emanzipation verstanden wird? Vielleicht also ist der Zusammenhang zwischen dem durch die Sprache vermittelten oder dem in ihr geronnenen Weltbild doch nicht so dicht, wie es Whorf und Sapir annahmen und wie es Gümüşay heute glaubt?

Nun also das generische Maskulinum, das unsere Wahrnehmung stark beeinflussen soll. Würde seine faktische Abschaffung die Probleme der Frauen beseitigen? Wer kann das im Ernst glauben? Ich bin kein Freund des Genderns, sondern davon überzeugt, dass die merkwürdigen Verrenkungen, zu denen uns die feministische Sprachkritik zwingen will, niemandem helfen. Schon die Rechtschreibreform hat das Schriftbild nachhaltig zerstört, und nun gar Sternchen oder das Binnen-I… Noch schlimmer sind solche Wortschöpfungen wie „Zufußgehende", das den „Studierenden“ nachgebildet wurde. Bald wird es wohl auch „Marathonlaufende“ oder „Olympiaschwimmende“ geben. Leute, macht halblang! Das alles hört sich doch nur bescheuert an. Und der Sache der Frauen ist damit ganz gewiss nicht gedient.

Sicherlich ist es so, dass die Sprache, also die Grammatik wie auch ihr Wortschatz, unser Denken beeinflusst, aber sie bestimmt es keinesfalls absolut. Zu diesem Thema trägt Gümüşay eine ihrer steilsten Thesen vor. Es soll in den sechziger Jahren nicht möglich gewesen sein, in den USA eine sexuelle Belästigung anzusprechen oder bei der Polizei zu melden, weil der entsprechende Terminus noch nicht gefunden war? Da fielen mir aber schon zwei oder drei andere Vokabeln ein… Und den belästigten Frauen ganz gewiss ebenso. An solchen Beispielen zeigt sich, dass die Macht der Sprache weit übertrieben dargestellt wird.

Auch sonst kann mir das Buch nicht gefallen. Nicht, dass Gümüşay mit Schaum vor dem Mund schreibt – so schlimm ist es nicht –, wohl aber mit einem moralischen Furor, der auf die Dauer nicht gut zu ertragen ist. Selbstkritik, auch nur ein zaghaft zweifelnder Blick auf sich selbst zurück, ist nicht vorgesehen; die Autorin greift unentwegt an, ohne Zwischentöne zu kennen oder die bloße Möglichkeit eines Irrtums oder eines Fehlers einzugestehen. Das Recht ist auf ihrer Seite; etwas anderes wird von ihr nicht einmal rhetorisch erwogen.

Gümüşay ging es nicht allein um ihre Anklage, sondern sie entwickelte zusätzlich einen gewissen Ehrgeiz als Autorin, und so finden sich immer wieder allerlei lyrische, von der Kritik hervorgehobene Passagen. Worin besteht deren Poetizität? Gedichte bestehen heutzutage sehr gern auf ausgebauten Metaphern (oft genug sind sie nichts als eine metaphorische Prosa), und Gümüşay, die sich schon früh im Buch als Hobbylyrikerin outet, liebt dieses Spiel mit Wörtern. Die häufigste Metapher in diesem Buch lässt Sprachen wieder und wieder als Gefängnisse, Käfige und Kerker erscheinen:

»Ich stieß gegen die Grenzen dieser Sprache. Fiel hin. Stand auf. Dieses Mal mit Anlauf. Prallte gegen die Wände. Stolperte über ihre Hürden. Stand erneut auf, ermüdete, sackte ein, stand auf – wieder und wieder. Mit Hoffnung aus Prinzip.« Oder: »Das Schweigen wurde ein Ausbruch aus dem Gefängnis der einzelnen Sprachen, in denen ich mich bewegte.«

Es ist wirklich schade, dass sie uns nicht an Beispielen zeigt, wie wir uns ihr Aufstehen (mit Anlauf?!) und Anrennen gegen die Mauern der Sprache vorstellen müssen. Dergleichen haben ja religiöse Autoren immer wieder getan, in der deutschen Sprache besonders die Mystiker, und Gümüşay scheint ein sehr religiöser Mensch zu sein, eine Frau, der es um ihre Spiritualität zu tun ist. Nur findet sich leider nichts, dass uns ihre Spiritualität oder den Kampf um das richtige Wort, um den treffenden Ausdruck anschaulich werden lässt.

Tatsächlich finden sich in diesem Buch überhaupt keine poetischen Passagen, sondern es besteht einzig und allein aus Rhetorik. Sehr gern, sogar im Übermaß greift sie auf die Anapher zurück, auf die rhythmische Wiederholung eines Wortes zu Beginn einer Periode – diese rhetorische Figur ist typisch für sehr pathetische und gefühlsbetonte Texte, für Predigten oder auch Anklagen:

„Wir sind Menschen. Wir werden Fehler machen. Wir werden verletzen und verletzt werden.“

Oder (und wieder mit einem den Leser umarmenden „Wir“):

„Wir sprechen nicht, wenn wir Objekte sind. Wir sprechen nicht, wenn die Themen vorgegeben sind. Wir sprechen nicht, wenn wir stellvertretend für ein Kollektiv sprechen sollen.
Wir sind sprachlos.“

Mit dem Eingeständnis oder der Behauptung ihrer Sprachlosigkeit haben wir dann auch das dritte Stilmittel (mehr kennt Gümüşay nicht): sehr kurze, abschließende Sätze in einem bitteren Tonfall. Vielleicht liegt es daran, dass sie zuvor (und ja vielleicht ja immer noch) Glossen schrieb, mehr oder weniger polemische Zwischenrufe, in denen man schon etwas plakativ werden muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Lange Argumentationsbögen oder vorsichtiges Abwägen verschiedener Positionen, wie man sie sich in einem Buch wünscht, kann man in einer Zeitungsspalte kaum unterbringen. Auch hier wird keine einzige ihrer Thesen sauber begründet, sondern alles wird nur kurz und oberflächlich angerissen, wie in einer Glosse eben.

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein

Hanser Verlag
208 Seiten
ISBN 978-3446265950
Leseprobe

YouTube-Video:
Kübra Gümüşay über „Sprache und Sein"


Abbildungsnachweis:
Header: Caspar David Friedrich „Mondaufgang über dem Meer“, (Detail) um 1821, Öl auf Leinwand, Eremitage, St. Petersburg. (Public Domain)
- Kübra Gümüsay mit „Organisierte Liebe“ am 03.05.2016 auf der re:publica in Berlin. Foto: re:publica/Gregor Fischer CC BY 2.0
- Buchumschlag

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Mehr auf KulturPort.De

Der Saisonauftakt am Thalia Theater war mehr als mutig, geradezu heldenhaft. Der Hunger danach, wieder analog vor Publikum zu stehen und, ja, die gefühlte...

Die Kunst in den Zeiten der Pandemie Was macht ein Regisseur, was macht Jan Dvořák, den ein Auftrag der Oper in Mannheim erreicht, Mozarts „Die Zauberflöte“ nicht...

Schon Robert Seethalers preisgekrönte Romane „Der Trafikant" (2012) und „Ein ganzes Leben“ (2014) sind Romane über Leben und Tod. Mit dem letzten Buch dieser...

„Denn das Meer umgibt uns überall“Hokkaidō ist die japanische Bezeichnung für die nördlichst gelegene Insel Japans und bedeutet banal „Nordmeer Präfektur“. Seit...

So ist das, wenn plötzlich die Wirklichkeit der Regie auf der Opernbühne diktieren darf, was noch geht und was grundlegend anders gemacht werden muss. Corona...

In diesem Jahr wenden sich die Lübecker Museen ihren „Nachbarn im Norden“ zu. Mit einer Schau, in der die „Begegnungen zwischen dem Polarkreis und Lübeck“...


Home     Blog     Kolumne     Reisen     NewsPort     Live

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.