Neue Kommentare

Harry zu „Otto. Die Ausstellung“: OTTO ist großartig. Ich wusste nicht, dass er ei...
Alex zu Film Festival Cologne - Von starken Spielfilmdebüts und schwächelnden Stars: Wer bist du? Halten Sie Ihre Meinung besser, wenn...
Emanuel Ackermann zu „Werk ohne Autor” – Oder die Alchemie der Kreativität : Bisher habe ich nur Schlimmes über den Film gele...
Richard Voigt zu Offener Brief führender Grafikdesigner*innen fordert die Stiftung Buchkunst heraus: Lehrauftrag verfehlt?
Die Professores such...

Herby Neubacher zu Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli: Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Wasc...

Follow Book

Die poetischen Welten des Jürgen Nendza: „Das Tageslicht hockt über uns“

Drucken
(95 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 07. Juni 2018 um 08:31 Uhr
Die poetischen Welten des Jürgen Nendza: „Das Tageslicht hockt über uns“ 4.1 out of 5 based on 95 votes.
Die poetische Welten des Jürgen Nendza: „Das Tageslicht hockt über uns“

Der in Aachen lebende Lyriker Jürgen Nendza wird mit dem Christian-Wagner-Preis 2018 für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Überreicht wird der Preis am 17. November im baden-württembergischen Leonberg. Das ist eine frohe Botschaft auch für seine Leser.
Die acht Lyrikbände des mehrfach ausgezeichneten Dichters sind seit 1992 in verschiedenen Verlagen erschienen, die letzten drei Bände im „poetenladen“. Nendzas „sprachsensiblen und formal strengen Gedichte, die Wahrnehmung, Geschichte und Landschaft synchronisieren, sind vorbildliche Lektionen in poetischer Genauigkeit", begründet die Jury u.a. ihre gute Wahl. Und laut Literaturkritiker Michael Braun zählt Jürgen Nendzas Buch „picknick“ zu den zehn empfehlenswertesten Gedichtbänden deutschsprachiger Lyrik 2018.

Jürgen Nendza, geboren 1957 in Essen, studierte Philosophie und Germanistik in Aachen. Neben zahlreichen Gedichtbänden veröffentlichte er Hörspiele, Radio-Features und Erzählungen. Jürgen Nendza ist auch als Herausgeber tätig. Für seine Gedichte erhielt er diverse Stipendien und u.a. den Lyrikpreis Meran. Zuletzt erschienen seine Gedichtbände „Apfel und Amsel“ (2012) und „Mikadogeäst. Gedichte aus 20 Jahren“ (2015) und „Picknick“ (2017), alle drei im Verlag „poetenladen“. Seinen ersten Lyrikband „Glaszeit“ veröffentlichte Nendza mit 35 Jahren.
Das ist lange her. Der Dichter ist drangeblieben. Ganz dicht dran. Das gilt auch für die Vergangenheit. So in dem Gedicht „DAS SIND doch ausgeschlagene / Zähne…“. Hier wird das dritte Reich thematisiert und an die Gräuel der Nazizeit erinnert, u.a. durch die Schauspielerin Anna Führing, die für die Germania-Briefmarken des deutschen Reiches Modell stand. Gedichtzeilen wie „Am Karussell geht einer / immer um, das böse /Ding, das Tier“ erinnern das unfasslich Schreckliche auf literarische Weise. Der Mensch - das böse Ding, das Tier: es verrennt sich, es verläuft sich. Auch „die Sätze verlaufen sich“, wie Nendza es in seinem Gedicht „Die Wimpern“ (aus: „Apfel und Amsel“, 2012) beschreibt:

DIE WIMPERN knistern, dein Blick treibt unter
dünnem Eis: Das Tageslicht hockt über uns.

Wir stehen auf und niemand weiß, welches Gesicht
mit ihm erwacht. Das Fenster ist ein großer Garten,

das Stille öffnet in der Luft und Schlaf
glüht nach, ist warm, ist eingefärbt mit Äpfeln.

Der Morgen dreht sich mit der Erde und eine Amsel
hüpft durch deinen ersten Satz: So wächst Vertrauen

in die Wiederholung, die dich vergisst. Das Licht
bedeutet wir sind wach. Wir stehen auf: Die Zeit ist

unerreichbar zwischen Atemzügen. Und dieses Tasten
nach der Hand, wenn die Sätze sich verlaufen.


Über das Schreiben von Gedichten - speziell seiner eigenen Gedichte - sagt der Autor in dem Buch „Umkreisungen“ (25 Auskünfte zum Gedicht, herausgegeben von Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt, poetenladen 2010) unter anderem: Nein, hin­reichend zu rekonstruieren, wie ein Gedicht, wie dieses Gedicht zustande gekommen ist, halte ich für unmöglich.“ Dabei bezieht er sich auf den folgenden Text:

I.
Vielleicht
ist es das Erzittern,
mit dem wir beginnen und enden,
während die Augen am Himmel saugen
im Rhythmus einer Sprache
ohne persönliche Besitzanzeige:
Kupfer, Zimt, ein türkisfarbenes
Fliegengewicht, sagen die Luftwurzeln,
und wir zerstäuben im Lichtfächer
des Kolibris, im Nonstoppflug, Jetlag:
drei Gramm Flugtöne und -rausch,
Variationen in Kalliopes Stimme.
So bleiben wir stehen
in der Luft, in einer Schleife
ohne toten Umkehrpunkt, während
unter uns die Landschaft
weiterzieht.

(Aus dem Zyklus „ … sagen die Luftwurzeln“, aus: „Die Rotation des Kolibris“, Weilerswist:Landpresse 2008)

Jürgen Nendza picknick Buchumschlag„So wenig ich über einen Bauplan für eine gelungene, gar kühne Metapher verfüge, so wenig verfüge ich über ein Verfahren, dass dem Gedicht voraus­geht und es womöglich an die Leine nimmt. Das Silben­zählen ist für mich kein Verfahren, und das Gedicht selbst ist bekanntlich mehr als die Summe seiner Worte […] jedes Gedicht ist sein eigenes Verfahren“, sagt Jürgen Nendza. So kann es sein, dass er wie „ein Muschelwächter wandert zwischen den Dingen“ oder zum„Sandfänger“ wird, oder sein „Blick sprüht auf in Zwittern aus Wasser“. Jürgen Nendza lässt uns Bilder sehen, „die sich selbst durchörtern: Du bist das dort im dunklen“. (Zitate aus: „Picknick“, 2017).
Der dunkle Dichter spricht ins Helle, der helle Dichter spricht ins Dunkle - wie man es auch dreht und wendet: der Dichter spricht immer zu sich und zugleich immer zu uns. Luft und Licht spielen eine wichtige Rolle in diesen luftigen, leichten Gedichten. Sie wirken zart und zerbrechlich. Sie sind leuchtend hell, selbst dann, wenn sie Dunkles berühren und auf leisen Sohlen daherkommen. Letzteres, weil der Autor eine „Vorliebe für das Unscheinbare, Unspektakuläre, vermeintlich Unvertraute und Periphere“ hat.
Die Titel der Gedichte werden oft aus ersten Wörtern gebildet, die luftig-groß in Kapitälchen gesetzt sind. Oder sie befinden sich mittendrin im Gedicht, sind fett- und klein gedruckt. So wie im Zyklus „Verborgene Ehen“ im 2017 erschienenen Band „picknick“. Der Buchtitel ist klein geschrieben, obwohl die Anfänge der Gedichte mit Großbuchstaben beginnen. Auch Zeilensprünge fallen auf im freien Vers, sie scheint der Dichter zu lieben. Diese technisch-poetische Vorliebe wird z.B. im Gedicht „Kleinigkeiten“ praktiziert, das die Cover-Rückseite von „picknick“ mit roter Schrift auf bunt getupftem Gras stilvoll schmückt:

KLEINIGKEITEN
picken wir auf im Mittagslicht,
das sich staut, das Gras
überzieht
mit einer Bewegung,
in der wir schwimmen
im Denken, wie das Gehirn
schwimmt in einer Flüssigkeit
in uns, weltumspannend
in eine Teezeit hinein
und sich verzweigt
mit einer gefiederten Maske:
Der Distelfink sprenkelt
dein Ohr.

Die poetische Text­bewegung des Schreibens ist für Nendza„ein unvorher­sehbares Zusammen­spiel von Konstruktion und Über­raschung, Kalkül und Entdeckung, Handwerk und Rätsel.“ Das bedeutet natürlich nicht, dass Jürgen Nendza unreflektiert poetisiert. Ganz im Gegenteil:„Reflexion kann selbst zu einem wesentlichen Moment des poetischen Sprechens werden“, sagt der Dichter, für den jedes Gedicht sein eigenes Verfahren ist (siehe oben). Will sagen, das Gedicht leitet sich aus sich selbst heraus (ab), wird aus sich selbst heraus entwickelt, schreibt sich sozusagen selbst. Das Gedicht spricht für sich, zum Dichter, zu uns. Der Dichter gibt dem Gedicht eine Stimme, seine Stimme.

Jürgen Nendza„Die Gedichte von Jürgen Nendza stiften produktive Unruhe. Und das tun sie meisterhaft“,lobt der Lyrikkritiker Michael Braun (DFL, Büchermarkt). Ja, es knistert mächtig in Nendzas Gedichten, nicht nur die Wimpern, wie in dem gleichnamigen, zu Anfang des Artikels erwähnten Gedicht. Diese produktive Unruhe überträgt sich auf den Leser, wenn er den mit scheinbar leichter Hand geschriebenen, rhythmisch und poetisch geglückten Auseinandersetzungen des Autors mit der Welt folgt. In dieser poetischen Welt verbinden sich Innen und Außen, Gegenwärtiges und Vergangenes, Mensch und Natur auf faszinierende Weise immer wieder neu, immer wieder anders.

Jürgen Nendza,picknick. Gedichte

poetenladen 2017
ISBN 978-3-940691-84-2
72 Seiten, Hardcover, Schutzumschlag, 17,80 Euro


Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Claus Friede
Autorenfoto: Anette Barns
Buchumschlag

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > Follow Book > Die poetischen Welten des Jürgen Nendza: „...

Mehr auf KulturPort.De

Hamburger Tradition seit 1894 – die 11. Spielzeit im Hansa-Theater
 Hamburger Tradition seit 1894 – die 11. Spielzeit im Hansa-Theater



Die Saison ist wieder eröffnet – nicht irgendeine, es ist die Hundertfünfundzwanzigste! Und zu dieser Jubiläumsspielzeit im Hansa Theater in Hamburg haben T [ ... ]



Baltijas Ozoli – Baltic Oaks – Baltische Eichen im Kunstmuseum Rigaer Börse
 Baltijas Ozoli – Baltic Oaks – Baltische Eichen im Kunstmuseum Rigaer Börse



Was hat Flämische Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts aus den Niederlanden und Flandern mit den Baltikum zu tun? Auf den ersten Blick recht wenig, jedoch gab e [ ... ]



Hans-Jürgen Hennig: „Zwei gegen Ragnarøk" – Bekehrung mit dem Schwert
 Hans-Jürgen Hennig: „Zwei gegen Ragnarøk



Bei diesem Titel mag es neugierige und zugleich verwunderte Leser geben, die sich fragen, was soll die Christianisierung des Nordens mit der heutigen Zeit zu tu [ ... ]



„Otto. Die Ausstellung“
 „Otto. Die Ausstellung“



Otto hier, Otto da. „Otto, hier bitte auch noch mal“, riefen die drängelnden Fotografen und Herr Waalkes, lächelte, feixte und hoppelte, bis alle Aufnahmen [ ... ]



Max Slevogt – eine Retrospektive zum 150. Geburtstag
 Max Slevogt – eine Retrospektive zum 150. Geburtstag



Das Landesmuseum Hannover widmet dem Jubilar, der neben Max Liebermann und Lovis Corinth zum „Dreigestirn des deutschen Impressionismus“ gehört, eine großa [ ... ]



„Dogman” - Matteo Garrone und der gescheiterte Erlöser
 „Dogman” - Matteo Garrone und der gescheiterte Erlöser



Mit seinem hinreißenden Kleingangster-Epos „Dogman” kreiert Regisseur Matteo Garrone einen düster-poetischen Parallelkosmos und den vielleicht berührendst [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.