Werbung

Neue Kommentare

Claus Friede zu „The Irishman”. Martin Scorsese und die Demaskierung des Gangsterfilms : Danke für Ihren Kommentar, Herr Zurch.
We...

Bernd Zurch zu „The Irishman”. Martin Scorsese und die Demaskierung des Gangsterfilms : Vielen Dank. Warum gibt es keine Sternchen mehr? ...
Martin Zopick zu „Nocturnal Animals” – Rachethriller als bittere Selbsterkenntnis : Der zweite Film von Tom Ford und der ist gar nich...
Michaela zu „Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster: Einer der magnetisierendsten Filme, die ich seit ...

Hamburger Architektur Sommer 2019


Follow Book

Mischa Kopmann: „Aquariumtrinker“

Drucken
(105 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 21. Februar 2017 um 09:54 Uhr
Mischa Kopmann: „Aquariumtrinker“ 4.3 out of 5 based on 105 votes.
Mischa Kopmann Foto-privat

Der Titel „Aquariumtrinker“, Mischa Kopmanns Erstlingsroman, ist ein Zitat aus dem Song „I am trying to break your heart“ der US-amerikanischen Indie-Band Wilco: „I am an American aquarium drinker...“ und überhaupt voll von Musik- und Textverweisen.

Leon Sphir hatte es wahrscheinlich noch nie leicht im Leben. Das einzige, was ihn stets begleitet hat, ist die Musik.
Kindheit mit Papas Alkoholproblem und zwischenzeitlich ohne Mama, die es zu neuen Partnern und schließlich ganz forttreibt, zurück in ihr Heimatland, die USA. Jugend, mit einer dramatischen Liebe und romantischen Vorstellungen von der Welt. Rockstarkarriere, die im Streit und Bandauflösung endet. Drogen. Frau weg, Kinder weg. Die Zeit in der Psychiatrie, in Behandlung bei der verhassten Ärztin Marslinger, ändern nichts an Depression und Wirklichkeitsverlust. Ein Reset ist notwendig.
Beatles bis Bowie begleiten den unglücklichen Protagonisten auf seinem holprigen Lebensweg.
Durch die Musik lernt Sphir die lebensfrohe Vivi kennen, ein kleiner Hoffnungsschimmer, eine fröhliche Lichtgestalt. Während er in Hamburg-Altona, vor einem Einkaufszentrum, Stücke der Stones, Beatles und Dylan auf der Gitarre spielt, beglückt sie ihn mit einem Retro-Geschenk: verschiedene Songs auf Kassetten. Die beiden trinken Kaffee, freunden sich an, verlieben sich ein wenig, insofern Leon das zu diesem Zeitpunkt noch kann. Aber dieser tragische Held – wäre ja keiner – wenn er mit Kassetten wie ein Teenager die große Liebe und das große Glück finden könnte. Vivi ist außerdem vergeben an jemanden, der sie zwar nicht glücklich macht, den sie aber auch nicht verlassen kann – oder will.
Überhaupt sind viele im Roman beschriebene Charaktere Beispiele dafür, wie schwer es sein kann, sich vom Unglück zu lösen und einen Neubeginn zu wagen.

Da Leon Sphir nicht ewig von Straßenmusik leben kann, nimmt er einen Lieferantenjob an. Reichen Blankenesern, denen der Weg zum Supermarkt in ihren großen Erst- und schnellen Zweitwagen zu lang und umständlich ist, bringt er Nahrung und kistenweise Alkohol in die Villen. Die Beobachtungen, die er hier macht, bringen ihn zum Sinnieren. Er analysiert das Leben und Leiden der reichen Elbvorort-Gattinnen, die scheinbar hauptsächlich damit beschäftigt sind, Champagner oder zumindest Wein trinkend auf die Ehemänner zu warten und sich zwischenzeitlich mit Leon zu vergnügen. Während die Gatten wiederum ihre Zeit mit Arbeit, Reisen oder mit den jeweiligen Sekretärinnen verbringen. Sphir beschreibt die Unterschiede zwischen „dem Beverly Hills der Hamburger Westside“ und der Heimat der Normalsterblichen. Die Straßen Altonas, das Ufer der kalten, grauen Elbe, die feuchte Wohnung am Hafen beschreibt Kopmann bildhaft. Und jeder, der die Hansestadt kennt und liebt fühlt sich beim Lesen ganz zuhause.

Zwischen die Berichte aus den Blankeneser Wohnräumen, mischen sich Flashbacks: Erinnerungen an Leons Kindheit und Jugend. Meist an eine der drei Frauen, die der Romanprotagonist geliebt hat, stets begleitet von seinen musikalischen Helden, allen voran John Lennon. Wie sein Romanheld ist Kopmann ebenfalls großer Lennon-Verehrer.
Und dann treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Plötzlich steht Leon bei einer Lieferung die Hassliebe seiner Jugend gegenüber: Katharina Kriems aka Krimhild. Die Schöne Klassenkameradin, deren einziger Freund er damals war und die jetzt mit dem ehemaligen Schulfiesling und Leons Erzfeind Kunstmann – einen Vornamen hat der nicht verdient – verheiratet ist. Sein Resümee lautet also: Geld regiert nicht nur die Welt, sondern augenscheinlich auch die Liebe. Erst scheinen die zwei sich wieder anzufreunden, näher zu kommen, doch dann wird klar, dass Leon dieses Wiedersehen nicht verträgt. Eine Tragödie nimmt ihren Lauf. Leon Sphir schmiedet Rachepläne und „Aquariumtrinker“ endet „zinnoberrot“ voll Wut auf die Welt.
Die letzten Seiten sind wesentlich wirrer und bildlicher geschrieben, die Handlungen werden abstrakt, poetisch, reich an Metaphern und gleichzeitig rasant.

Die offenkundigen Themen ‚Realitätsverlust’ und ‚Vergangenheitsbewältigung’ haben mit der Musik eine passende Begleitung. Welches Mittel ist denn auch besser geeignet, um sich in andere Welten zu träumen als ein paar tiefgründige und poetische Songzeilen, die von Lennon, Dylan und Co. gefühlvoll eingesungen wurden? Leons Sehnsucht selbst wieder ein Rockstar zu sein, schwingt latent mit. Band und Karriere gibt es nicht mehr und im Allgemeinen steuert die Popmusik sowieso ihrem Untergang entgegen. Die, die es wirklich konnten, sind tot oder haben sich aufgelöst, und die die weitermachen und den Absprung nicht finden, zerstören sich selbst.

Mische Kopmann - Aquariumtrinker - Buchumschlag„Aquariumtrinker“ ist in all seiner Poesie und Tragik realistisch. Leon Sphir wirkt so echt als depressiver, gescheiterter Künstler; ein Träumer, der mit großen Worten und philosophischen Ideen versucht, die Welt zu verstehen. Er lernt zwar diese andere, wohlhabende Welt kennen, irrt aber weiterhin ziellos umher, denn auch sie steckt in einer tiefempfundenen Einsamkeit. Sphir kriegt sein Leben einfach nicht auf die Reihe! Die ungewöhnliche Erzählweise lässt den ganzen Plot noch authentischer wirken. Nichts Anderes würde Leon selbst für sich in Anspruch nehmen, keine andere Sprache könnte seine wachsende Entfremdung zur Wirklichkeit beschreiben.

Fröhlich ist dieser Debut-Roman nicht, aber von Anfang an unterhaltsam in seiner Andersartigkeit, verträumt, ehrlich und durchaus humorvoll. Dennoch braucht man als Leser ein paar Seiten, um in der Geschichte anzukommen. Durch die Zeitsprünge und die allgemeine Ruhelosigkeit der Charaktere kann jeder schon vor dem unvorhersehbaren Ende, nie sicher sein, was auf den nächsten Seiten passiert.
Der hypotaktische, elliptische Satzbau erzeugt Tempo, macht Spaß. Und wird dann doch immer wieder unterbrochen von langsamen Momenten, verschachtelten Sätzen und ausführlichen Beschreibungen voller Adjektive und intelligenten Neologismen, die Bilder zeichnen und Atmosphäre schaffen. Dieser Schreibstil sorgt dafür, dass der Leser jedes Mal schnell in die Geschichte zurückkehren kann, sobald er den Roman einmal zur Seite legen muss. Nach einer Weile fällt es allerdings schwer, das Lesen zu unterbrechen.

Mischa Kopmann: „Aquariumtrinker“
Osburg Verlag
222 Seiten
ISBN: 978-3-95510-126-8
Leseprobe

YouTube-Video:
AQUARIUMTRINKER // Buchtrailer // Mischa Kopmann // Osburg Verlag

Die Buchpremiere von Mischa Kopmann ist am Mittwoch, 22. März 2017, Literaturzentrum e.V. im Literaturhaus, Schwanenwik 38, Hamburg.
Zeit: 19:30 Uhr Eintritt: € 7 / 4 erm.

Anlässlich der Buchmesse: bei „Leipzig liest“ wird Mischa Kopmann in der Kaffeerösterei am Dittrichring lesen, am Donnerstag, 23. März 2017, um 20:00 Uhr. Veranstalter: Osburg-Verlag

Kopmann stammt aus Celle und lebt in Hamburg.


Abbildungsnachweis:
Header: Mischa Kopmann. Foto: privat
Buchumschlag. Gestaltung: Judith Hilgenstöhler

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > Follow Book > Mischa Kopmann: „Aquariumtrinker“

Mehr auf KulturPort.De

Katrin Bethge: Lichtdurchflutet
 Katrin Bethge: Lichtdurchflutet



Seit Ende der 1990er Jahre inszeniert die in Hamburg lebende Künstlerin Katrin Bethge mit Licht – Innen- und Außenräume.
Seit dem Wochenende und noch bis z [ ... ]



„The Irishman”. Martin Scorsese und die Demaskierung des Gangsterfilms
 „The Irishman”. Martin Scorsese und die Demaskierung des Gangsterfilms



Vorbei der fiebrige Glamour und die trügerische Romantisierung von „Goodfellas”, Verbrechen ist in „The Irishman” ein eher eintönig sorgenvolles Metier [ ... ]



Still in the Woods: Flying Waves
 Still in the Woods: Flying Waves



Schon in einer vorangegangenen KulturPort.De-Besprechung zum ersten Album (Rootless Tree) von „Still in the Woods“ kam das bemerkenswerte Potential der Band  [ ... ]



„Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona
 „Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona



Ein ungewöhnlich schönes Ambiente, ganz erstaunliche Stimmen und ein Spaßfaktor, wie er in der klassischen Musik wohl einmalig ist: Der „Halloween“-Sänge [ ... ]



Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel
 Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel



Die Bibel, sagt Arno Schmidt, sei „ein unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten“. Auch wenn diese Zahl groß klingt – damit hat er gewiss noch heftig u [ ... ]



Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer
 Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer



Es war die Zeit, in der die Malerei totgesagt war. Jeder, der sich zur Avantgarde zählte, suchte den Ausstieg aus dem Bild. Jeder? Nein. Vier junge Maler dachte [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.